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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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III

Berlin Nordwest birgt sehr schroffe Gegensätze, was den Charakter der Besiedelung betrifft. Große Viertel vornehmsten Stils: alle Partien, die dem Mittelpunkt der Stadt angehören, dem flutenden Leben des Durchgangsverkehrs, der hier sein Herz hat; Vorstadtterrain, wo sich das Kleinleben in himmelhohen, monotonen Mietskasernen abspielt: das meiste ist Konglomerat: mitten in verräucherter Dürftigkeit, in brachliegendem Stoppelgelände, durchzogen von zerfahrenen, ewig in Schmutz erhaltenen Straßen, im knarrenden Lärm schwerfälliger Lastfuhren Paläste der Wissenschaft, der Krankenpflege, der Justiz, des Militär- und Eisenbahnwesens, der Kunst, abgeschlossene Idyllen alter herrlicher Gärten mit feudalen einsamen Villenpalästen ...

Hinter einer Mauer an der südwestlichen Hauptverkehrsader liegt, für die Neugier draußen unsichtbar, eine solche Idylle, die der Großmutter des Prinzen Georg gehörte. Hier wohnte er als ihr Gast, wenn er in Berlin weilte, und das war nicht selten der Fall.

Prinz Georg gehörte einer Nebenlinie eines regierenden deutschen Fürstenhauses an, aber er war dem Boden, auf den er damit gestellt war, nicht eben sehr pietätvoll zugetan. Durch einige Jugendjahre aktiver Militär, ohne Freude am kriegerischen Beruf, liefe er sich bald à la suite stellen und reiste im Auslande, ein passionierter Jäger; eine Zeitlang. Dann hatte er auch dies satt. Seitdem wechselte er häufig den Aufenthalt, nur von zwei Ruhepunkten länger gefesselt, zwischen denen er mit Vorliebe hin- und herpendelte: seiner heimischen Besitzung und Berlin.

Dort jagte er, hier studierte er.

Er war ein begabter Mensch, mit lebhaftem Bildungstrieb: und er hatte, wo es sich darum handelte, die Langeweile zu vertreiben, wenig für die kleinen amüsanten Nichtigkeiten übrig, mit denen man sonst in seinen Kreisen diese zu bekämpfen ein Genüge findet. Dafür erweiterte er seine Kenntnisse nach Laune und Gelegenheit. Er liebte es nicht, sich Ziele zu stecken. Er behandelte die geistige Beschäftigung als ein Genußmittel. Sein scharfer Verstand verlangte Betätigung, und er gab sie ihm – das gewährte ihm eine Genugtuung.

Das wars, weshalb Professor Laßberg-Budde von des Prinzen Studien als von »Sport« gesprochen.

Im übrigen war Prinz Georg eine wohlwollende Natur, wenn schon hinter diesem Wohlwollen immer das Selbstgefühl des Fürstensprossen und des unter seinesgleichen überlegenen Geistes durchschimmerte. Er gab sich im Verkehr mit der bürgerlichen Intelligenz behaglicher, als zwischen Standesgenossen, wo seine ironische Art ihn bereits ziemlich isoliert hatte. Er verkehrte bei Hofe, natürlich; und es kam auch gar nicht in Frage bei ihm, ob er sich etwa dessen entschlagen könnte. Aber er machte sparsam Gebrauch davon und hielt sich so ungebunden, als es irgend anging; wie er denn auch im gewöhnlichen Leben den Zivilanzug der Uniform vorzog.

Sein Vater war tot, seine Mutter spielte in der kleinen Residenz zu Hause eine Rolle, die ihm nicht paßte und ihn innerlich ihr entfremdete, seine einzige Schwester war an einen westfälischen Granden verheiratet und war katholisch geworden, gegen seinen energischen Widerspruch, weshalb er sich seitdem von ihr fern hielt, trotz vielfacher Bemühungen, ihn wieder zu versöhnen.

Selbst die Großmutter, die einem der alten mediatisierten Häuser entstammte und auch durch ihre Heirat einem solchen angehörte, vermochte nichts an seiner Stellungnahme zu Mutter und Schwester zu ändern. Er glitt mit vollkommener Artigkeit allen ihren Bemühungen durch die Finger. Die alte Dame bekümmerte das, aber sie ließ es ihn nicht entgelten; auch nicht, als er sich hartnäckig weigerte, ehrgeizig zu werden und eine seinen von ihr bewunderten Fähigkeiten entsprechende Rolle zu spielen.

Immer wieder mußte er ihr versichern, daß er sich so, wie er lebe, vollkommen glücklich fühle.

Es gab noch einen Punkt, in dem er die Wünsche und Hoffnungen der Großmutter im Stich ließ: das war die Frage seiner Verheiratung. Die alte Fürstin war nicht die einzige, die er mit seinem hartgesottenen Junggesellentum enttäuschte. Prinz Georg war kein eigentlich schöner Mann, sein Gesicht wenigstens hatte dafür zu viel vom slavischen Typus: die etwas kurze, flache Nase, die kräftig umbetteten Augen, der schwache Bartwuchs. Aber er gab eine stattliche, männlich reizvolle Erscheinung ab, und die herbe, in sich geschlossene Art seines Auftretens, die doch stets mit vollendeter Sicherheit die Form aufrecht erhielt und nie abstoßend wirkte, in Verbindung mit dem Nimbus des Weitgereisten und einem gewissen Bouquet von Sport übten auf die Frauen einen starken Zauber aus.

Indes konnte sich keine rühmen, ihn tiefer für sich interessiert zu haben. Man munkelte von einer ernsthafteren Liaison tief unter seinem Stande, die freilich weit zurückläge, von der er aber immer noch schmerzende Narben mit sich herumtrüge; seitdem vermeide er grundsätzlich, sich ernstlich mit seinem Herzen zu engagieren. Über die Sache liefen einander widersprechende Details herum; aber sie war besonders für sentimental angehauchte Gemüter die pikanteste Zutat an ihm.

Jedenfalls suchte er die Frauen nicht, und es lohnte für diese wenig, ihn zu suchen.

Niemand trug größeren Kummer darüber, als die reizende kleine Prinzeß Marie. Sie sollte ihn doch bezaubern – nicht um ihn zu heiraten, sondern um ihn ihrer Mutter wieder zuzuführen, diesen obstinaten – Onkel.

Es gab da seit vorigem Jahre ein Komplott.

Als er wie gewöhnlich zu Beginn der Saison sich bei der Fürstin-Großmama einquartiert, hatte er die älteste Tochter seiner Schwester dort vorgefunden. Was konnte er dagegen einzuwenden haben? Sie war katholisch wie die Eltern, aber sie war es eben von klein auf, und er war keineswegs ein grundsätzlicher Gegner des Katholizismus; ihm war nur das Konvertitentum mit äußerlichen Gründen zuwider. Und in der Tat: während er höflich aber entschieden abgelehnt hatte, hier mit der Schwester zusammenzutreffen, ließ er sich nach dem ersten kurzen Choc die Gegenwart der hübschen achtzehnjährigen Prinzeß gefallen.

Vielleicht hatte man in der Familie darin recht, daß man seine dauernde Abwehr der Schwester mehr seinem Eigensinn, als der Hartnäckigkeit seiner Verstimmung in die Schuhe schob.

Wahrhaftig, sie war ein sehr anmutiges Geschöpf, diese Prinzeß Marie: zierlich und feingliedrig, mit entzückend kleinen Füßen und Händen, üppig in Brust und Hüften und doch mit einer Taille zum Umspannen; das Gesichtchen ein volles Oval, wunderbar zart im Teint, mit vollem Mund und großen, halbverdeckten Augen, als geniere sie sich, das sprühende junge Feuer darin der Welt zu offenbaren; lebhaft – ein rechtes Volltemperament, und doch mit feinem Spiel. Sie trug kurzes Haar, und es war ganz kraus und aschblond.

Der Prinz hatte sie anfangs überlegen onkelhaft behandelt; er nannte sie mit etwas ironischer Betonung »Durchläuchting,« und er wurde stets sehr kühl reserviert, sobald sie auf ihre Eltern zu sprechen kam, noch jetzt, so daß sie selber rot und verlegen wurde, wenn ihr das unabsichtlich passierte. Aber wenn er jetzt »Durchläuchting« sagte, so klang es gemütlich-vertraut, und er scherzte unbefangen mit ihr, wiewohl immer mit der Miene des älteren Verwandten und reifen Mannes. Sie ritt leidenschaftlich gern, und er begleitete sie, weil es ihm Vergnügen machte, sie auf dem Pferde zu sehen. Er hatte einen hübschen Goldfuchs für sie ausgesucht, und sie saß wie eine Klette darauf.

Letzten Winter hatte er bis zum Frühjahr in Berlin ausgehalten, dann aber auf einmal und, wie es schien, sehr gleichmütig Abschied genommen. Prinzeß Marie war dann eine Zeitlang wie aus dem Geleise gewesen, zerstreut, unruhig und manchmal tiefsinnig. Die Großmutter hatte sie auf ein paar Monate zu den Eltern geschickt, aber sich wieder für ihre Sommerreise nach Karlsbad und Scheveningen ausgebeten.

»Er mag die Marie gern; ich hoffe, den nächsten Winter gelingt es ihr, Georg zu bekehren. Zu Hofe bringen wir sie lieber noch nicht, sie ist noch zu kindlich dafür; vielleicht den folgenden Winter. Ich denke, Georg soll sich da mit ihr bemühen, und ich erreiche es auf diesem Wege, daß er mehr den Hof sucht und seine Schrullen aufgibt.«

So schrieb die alte Fürstin, die mit ihren fünfundachtzig Jahren noch mit viel geistiger Frische korrespondierte und beratend in das Geschick ihrer Nachkommenschaft eingriff. Körperlich freilich war sie minder beweglich: sie war ziemlich stark, das Gehen ward ihr sauer, ihre Kammerfrau und ihr Stock bildeten unentbehrliche Hilfsmittel für sie. Im Winter verließ sie die Villa gar nicht. Nur an schönen Sommertagen – sie mußten tadellos schön sein! – bewegte sie sich allenfalls einmal im Garten ein wenig. Indes ihre sommerlichen Kurreisen ließ sie sich nicht nehmen, obwohl sie immer eine Staatsaktion waren und sie ihre Promenaden an Ort und Stelle sitzend im Rohrstuhl abmachte.

Zum Fünfuhrtee hatte sie täglich Empfang. Alte Freunde und Freundinnen kamen auf Stippvisite, der jüngere Nachwuchs aus diesem Kreise stellte sich ein, um ihr die Hand zu küssen und ihr seine Ehrfurcht zu bezeigen. Nachher spielte sie Whist, in der Regel mit zwei alten Damen, einer Gräfin Bensheim und einer Baronin Meiringen. Wenn eine davon einmal verhindert war, so mußte Aushilfe geschafft werden. Selbst der Prinz Georg und das Prinzeßchen mußten manchmal herhalten, obwohl letztere miserabel spielte und das Kartenspiel haßte.

Heute war einmal alles in Ordnung, ausgenommen, daß der Prinz sich verspätet hatte und erst erschien, als die wenigen Besuche sich verabschiedet hatten. Die alten Damen saßen bereits über ihren Karten, Prinzeß Marie mit einer jungen Freundin, einer Komteß Meerheimb, und dem Adjutanten des Prinzen, einem Herrn von Schöning, flüsternd in einer Fensternische. Eine Glühlichtkrone aus Venezianer Glas erleuchtete das Zimmer über den Spielenden.

»Guten Abend, meine Damen – Pardon, Großmamachen, ich traf die Majestäten im Tiergarten spazierend, mußte dem Lakaien mein Pferd geben und mitpromenieren. Sie erkundigten sich lebhaft nach dir und schicken dir Grüße.«

»So so. Sag mal, der Schöning hat uns erzählt, daß ihr gestern bei den Spiritisten gewesen seid. Warum hast du noch nichts davon gesagt?«

»Hat er geschwatzt? – bitte, bitte, lieber Schöning! Die Sache ist noch so wenig spruchreif ...«

Er hatte der Großmutter die Hand geküßt und sich einen Fauteuil in ihre Nähe gezogen.

»Aber das interessiert mich –« Sie wandte sich jetzt erst von den aufgenommenen Karten, die sie aufmerksam studiert hatte, zu ihm herum: ein kluges, behagliches Altfrauengesicht, merkwürdig voll und straff für ihre Jahre, mit schwarzem Spitzenaufsatz über dem gefärbt braunen Scheitel. »Wenn ein Kopf wie deiner sich an die Sache macht, so flößt mir das Vertrauen zu ihr ein. Es wäre doch ungeheuer beruhigend, wenn man sich von dem Fortleben nach dem Tode greifbare Beweise verschaffen könnte. Meine gute Meiringen ist zwar der Ansicht, daß dies nicht nötig, weil durch unsere Religion verbürgt, ja schädlich wäre, weil dann der Glaube an Wert verlöre. Allein ich meine, der Glaube wird unter allen Umständen überflüssig, wo man Gewißheit erhält.«

»Ganz meine Meinung, Großmamachen.«

»Verzeihung, Hoheit,« sagte die Baronin, die sicherlich zwanzig Jahre jünger als die Fürstin war, mit etwas harter, knarrender Stimme, »ich sprach einmal mit Herrn Oberpfarrer Müller darüber, der bemerkte, daß im ganzen Christentum von einem Verkehr mit den Seelen Verstorbener nicht die Rede sei, daß es sich sonach beim Spiritismus höchstens um Dämonen handeln könne, und daß es seelengefährlich sei, sich mit diesen einzulassen.«

»Jawohl,« sagte Prinzeß Marie halblaut in ihrer Nische. »Die armen Seelen schmoren erst im Fegefeuer, dann kommen sie in den Himmel,« und dabei zwickte sie ihre Freundin unversehens in den Arm.

Der Prinz zuckte die Achseln.

»Meine Nichte dort geht, wie ich glaube, mit dem Herrn Oberpfarrer in dieser Frage nicht ganz konform. Wir sterben, das ist sicher. Was nachher kommt, scheint mir höchst unsicher, wenigstens sind die Ansichten darüber recht geteilt, auch innerhalb der christlichen Religion. Wenn sich darüber ein Stückchen Gewißheit gewinnen ließe, so wäre dies doch eine hübsche Sache. Im übrigen hat die Hexe von Endor, soviel ich mich erinnere, den Samuel zitiert. Die Herrschaften drüben müßten demnach doch nicht so ganz unzugänglich sein, wie der Herr Oberpfarrer meint. Ein Hauptmann erzählte uns gestern, daß er in New-York einen verstorbenen Schriftsteller begrüßt hätte. Aber ich weiß nicht – vielleicht haben die Dämonen sowohl den Herrn Samuel wie den Scribifax gemimt ...«

»Es wäre schrecklich,« seufzte die Gräfin, eine große Dame mit verschwommenem, sentimentalem Gesicht und butterweicher, gerührter, lispelnder Sprache: auch eine reichliche Sechzigerin.

»Wieso, Gräfin? In beiden Fällen haben sich die Dämonen höchst anständig benommen.«

»Aber denken Hoheit doch: wenn mir mein Mann sich offenbarte, und es wäre ein Dämon, der mit mir redete! Dieser Gedanke!«

»Beruhigen Sie sich, Gräfin; vorläufig ist keine Aussicht, daß der selige Graf sich manifestieren wird.«

»Nicht? Ach, ich hatte schon die stille Hoffnung. Ich wäre so glücklich, über Dinge, die mein Gemüt bewegen, seine Meinung zu hören.« Sie drehte die trüben Augen mit auffällig inbrünstigem Ausdruck nach oben und klappte wiederholt die Lider darüber.

Der Fürstin Gesicht markierte Unbehagen, ein flüchtiger Zug von Sarkasmus zuckte um ihre Mundwinkel, indem sie ihr Gegenüber scharf musterte. »Du entschuldigst, lieber Georg, wenn wir weiterspielen. Wenn du dich über den Gegenstand noch genauer informiert haben wirst, so laß mich davon profitieren.« Und sie nahm die Karten wieder auf, worauf die Mitspielenden ihrem Beispiel folgten. Die Prinzeß hatte in ihrer Nische Fratzen geschnitten; jetzt stand sie auf und sagte: »Wir wollen Großmama nicht stören.« Und dem Prinzen entgegengehend, der sich auf ihr Augenzwinkern hin gleichfalls erhoben hatte, flüsterte sie: »Onkel Georg, komm mit, du erzählst uns noch mehr von den Geistern, wir sind ja zu neugierig!« Worauf sie seinen Arm nahm und den beiden anderen in der Nische einen Wink mit dem Kopf gab.

»Was hast du denn auf dem Herzen, Durchläuchting?« sagte er drüben gemütlichen Tones.

»Denke dir doch nur, die alte Schachtel ist ja verliebt, und wie es scheint, willens, wieder zu heiraten! Ist das nicht zum Totschreien?« flüsterte sie und quetschte dabei seinen Arm vor Wonne.

»Durchläuchting,« murrte er zurück, »erstens schreit eine Prinzessin grundsätzlich nicht, zweitens schreit sie sich nicht tot, wenn sie deine Jahre hat. Oder hast du Lust, jetzt schon als Geist zu spuken?«

Sie ließ seinen Arm los und warf den Kopf zurück, wobei sie ihn mit den halbverschleierten Augen kokett ansah. »Das wäre zu überlegen. Du bist wieder abscheulich, und ich hätte große Lust, dich unsichtbar zu zwicken.«

»So. Das können, glaube ich, die Geister nicht, so lange sie unsichtbar sind. Aber warum willst du dieser alten – sagen wir lieber Dame das Vergnügen nicht gönnen?«

Sie wurde ein wenig rot. »Ach du – ich lasse mich erst nächstes Jahr erziehen, jetzt komme ich ja doch noch nicht zu Hofe. Und sie ist doch eine alte Schachtel und sie ist verliebt und will heiraten ... nicht, Herr von Schöning? Wie komisch!«

Das andere Paar war nachgekommen, und der Adjutant nickte lächelnd. »In der Tat, Hoheit: wenn fürstliche Durchlaucht nicht abgeschnitten hätte, wüßten wir wohl auch, wer das Herz der Gräfin in Aufruhr versetzt.«

»Da scheint die Sache ja bereits fait accompli zu sein. Ich will bloß wünschen, daß dies ihr Verhältnis zu meiner Frau Großmutter nicht erschüttert. Die Whistpartie bleibt am besten so wie sie ist.«

»Ach, Großmama wird das schon arrangieren!« rief die Prinzeß unterdrückt lebhaft. »Onkel Georg, verschaffe ihr doch ihren Seligen!«

»Das geht so einfach nicht, wie du dir denkst, liebe Marie. Es ist Gesetz im Spiritismus, daß Geister nur freiwillig kommen.«

»Ach was – dann hilft man ein bißchen nach. Mit Tischrücken, wie Herr von Schöning uns das beschrieben, ists eine Kleinigkeit. Soll ich? Paßt auf ...«

Sie lief zu einem hübschen dreifüßigen Ziertischchen mit bunten Holzeinlagen von der Riviera, setzte sich auf einen Stuhl davor und legte die kleinen schlanken Hände ausgebreitet darauf. »Gott zum Gruß: sind Geister da?« fragte sie mit tiefem Ernst. Der Tisch gab ihrem Druck nach und klappte mit dem einen Fuß dreimal auf. »Also ja. Bist du ein naher Verwandter von mir?« Dreimaliges Stampfen des Tisches. »Schön. Vielleicht mein verstorbener Gatte?« – Ja. – »O Gott, o Gott, welche Fügung, welch ein Glück! Ach, ich muß dir gestehen, daß ich dir untreu geworden bin, ich liebe einen anderen. Schmerzt dich das?« Hier begnügte sich der Tisch einmal zu stampfen. »O, o, wie das meiner Seele wohl tut, welch ein Engel du bist. Darf ich ihn denn heiraten?« – Ja. – »Laß dich umarmen – so kann ich noch einmal das große Glück genießen ... werden mich die Leute deshalb auslachen?« – Ja. –

Die Prinzeß hatte die gerührte Sprache und den Augenaufschlag der Gräfin höchst drollig nachgeahmt und sprang jetzt lachend auf. Nur der Prinz verbiß sein Lächeln und drohte ihr mit dem erhobenen Finger: »Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und das Alter ehren ...«

»Ach du – sie hat ja gar kein graues Haupt, sie färbt ja!«

»Deine Erzieherinnen können wahrscheinlich nichts dafür, aber ihr Resultat ist betrübend,« sagte der Onkel.

Die Prinzeß wandte sich an ihre blonde Freundin. »Komm, Lida, hier werden wir nicht genügend gewürdigt. Wir gehen auf mein Zimmer und rücken da ein bißchen Tisch.« Und sie nahm den Arm der Komteß und zog sie aus der Tür. Ihre Worte klangen nach ernsthafter Empfindlichkeit, und so sah auch ihr Gesicht aus. »Seine Hoheit geruhen wieder einmal unausstehlich zu sein,« sagte sie draußen heftig. »Ich bin kein langzöpfiger Backfisch mehr. Er ist selber daran schuld, wenn er glaubt, mich nicht ernst nehmen zu dürfen; er hat es bisher nicht für der Mühe wert gehalten, meinen Verstand in Anspruch zu nehmen. Wenn das so fortgeht, trumpfe ich einmal ordentlich auf.«

»Sei nicht so rabiat,« sagte die blonde Komteß. »Ältere Männer nehmen uns bei unseren Jahren alle nicht für voll.«

»Ältere Männer? Nun, er ist noch ein Dreißiger; daß er mein Onkel ist, ist eine Sache für sich. Er hält es noch nicht einmal für nötig, schon zu heiraten ...«

Der Prinz hatte ihr mit einem langen forschenden Blick nachgesehen.

»Hoheit haben Durchlaucht wieder einmal schwer verwundet,« bemerkte der Adjutant.

Der Prinz erwiderte darauf nichts. »Waren Sie in der Buchhandlung, Schöning?« fragte er kurz.

»Jawohl, Hoheit.«

»Nun?«

»Ich habe zwei Sachen bekommen: Cyriax, Wie ich Spiritist wurde, und ein Buch, daß das tollste sein soll, was man von spiritistischer Literatur lesen kann: Florence Marryat, Es gibt keinen Tod. Hoheit erinnern sich der Seegeschichten, die man in der Jugend sozusagen frißt, von Kapitän Marryat?«

»Jawohl.«

»Die Verfasserin soll dessen Tochter sein.«

»Also wahrscheinlich eine romantisch angelegte Dame.«

»Es scheint so. Ich habe das Buch aufgeschnitten und einen Blick hineingeworfen: die Dame scheint sämtliche berühmten englischen Materialisationsmedien intim gekannt zu haben und erzählt Räubergeschichten. Wimmelt da nur so von materialisierten Meistern.«

»So so. Schaffen Sie, bitte, die Bücher auf mein Arbeitszimmer. Ich bin einigermaßen neugierig. Apropos: habe im Tiergarten auch den Professor Laßberg getroffen und ihm meinen Besuch angekündigt. Ich will mir den Mann als Wissenschaftler und kritischen Kopf bei der Sache warm halten. Er kann mal seinen Kollegen Crookes nachlesen, der nach Wellmers Aussage ja ein bedeutender Spiritist gewesen ist.«

»Hat entzückende Frau, dieser Professor. Finden Hoheit nicht?«

»Durchaus Ihrer Meinung, lieber Schöning.«

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