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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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XIX

Die Heimfahrt des Professors und seiner Gattin aus der Mulacksgasse war nicht sehr erbaulich.

Er hatte bei der Verabschiedung noch ein paar Worte mit dem Prinzen ausgetauscht, die keinen Zweifel ließen, daß er den ganzen Vorgang oben ohne Abzug für Schwindel halte.

»Daß die Sache nicht ganz reinlich, müssen wir uns ja eingestehen,« meinte der Prinz. »Im Grunde wünschten wir es ja sogar – um des Herrn Könneke und um der Gräfin Bensheim willen. Indeß möchte ich mir doch die Annahme eines echten Kernes reservieren.«

»Ich verzichte, Hoheit.«

Sie hielten im Windessausen die Hüte mit den Händen fest, während sie das sprachen, der Prinz an den Wagenschlag trat, um Paula die Hand zu reichen.

Dann saß sie schweigsam neben ihrem Manne, straßenlang. Der Wagen rollte auf Gummi, aber die Hufschläge klapperten eintönig. Im Dunkel schrieb ihr Finger auf dem Knie, schwerfällig, widerwillig – lauter Albernheiten, sinnlose Redensarten, wie sie in der jüngsten Zeit fast ausschließlich das Ergebnis ihrer Schreibversuche waren. »Otto hätte dir zu sagen, daß ihr hereingefallen seid, er unterläßt dies aber, da es der Wahrheit nicht entsprechen würde, da ihr vielmehr belabt und belustet worden seid mit höherem Blödsinn« ... »Otto rät dir, aufs Dach zu steigen, um Aussicht zu gewinnen auf Belabberung durch Ottos Glaubensgenossen« ... »Otto hätte dir Lebewohl zu sagen; er wird nunmehr noch diese Nacht dich verlassen, um nach Ostrowo auszuwandern ...«

In der Tat, diese Phrasen kannte sie zur Genüge. Aber man war beschäftigt und brauchte nicht zu denken. Man konnte stumm neben seinem Manne fahren, ohne das peinlich zu empfinden. Und früher – wann wären sie fünf Minuten beisammen gewesen ohne eine Neckerei, einen Scherz, ein gutes Wort!

Da – »Inge materialisiert sich ... schrieb es, wie jüngst öfter.

Das wars, weshalb sie all den Unsinn, den ihr Finger lieferte, in den Kauf genommen: dies Wort voll süßer Bedeutung sollte wiederkommen. Die Sehnsucht – die große Sehnsucht seit lange. Und diese beklemmende Möglichkeit, die sie heimlich wußte, fühlte ...

Wie sie zitterte, wenn sie zwischen Hoffnung und Furcht vor Enttäuschung sich stellte! Und er wußte noch nichts davon, dieser eigensinnige Mann neben ihr, der sich lieber ihr entfremdet als ihr nachgegeben hatte!

Wie sie glühend dagestanden, als der kribbelnde Finger zum erstenmal geschrieben: »Inge materialisiert sich!«

Und wie sie häßlich geschaudert, als gleich darauf noch einmal gekommen war: »Du liebe, liebe Paulafrau« und seitdem nie wieder.

»Die Gräfin Bensheim muß aber entsetzlich schwache Nerven haben,« sagte sie auf einmal aus dem Schweigen heraus zu ihrem Manne.

»Ihr Verstand scheint mir noch schwächer zu sein,« war die Antwort.

»Du triumphierst natürlich.«

»Versteht sich.«

»Aber dazu sehe ich keinen rechten Grund. Du wußtest doch vom Prinzen, daß man von vornherein Ursache hatte, hier auf Taschenspielerei und Komödie gefaßt zu sein.«

»Ja, warum sind wir da eigentlich hingefahren?«

»Gott, wir gehen hier zu viel weniger amüsanten Unterhaltungen.«

»Na – für mich ist meine Teilnahme an spiritistischen Experimenten jedenfalls mit dieser Probe abgeschlossen.«

»Für mich durchaus nicht.«

»Bitte, nach Belieben. Dein Otto und dein Prinz mögen für deine weiteren Genüsse sorgen.«

Sie schwieg. Es wollte keine rechte Erbitterung gegen seine brüske Art in ihr aufkommen. Der innere Gegensatz zwischen ihnen beiden war auf einen Punkt gelangt, an dem sie sich bedenken mußte, weiter zu gehen. Hier handelt es sich drum, ob man einander ganz aus den Augen verlieren will.

Nein – das nicht! Unter solchen Umständen natürlich nicht.

Es stürmt heiß in ihr auf – jene wunderliche fliegende Hitze, die sie seit einiger Zeit kennt. Aber sie soll nachgeben. Ah, das ist eine schwere Sache für eine verwöhnte Frau.

Diese alberne Eifersucht auf den Prinzen – das ist eine Beleidigung für sie. Sie hat ein reines Gewissen ...

Ja? Hat sie das? – Nun, wer ist schuld, wenn sie ein wenig mehr für diesen Prinzen übrig hat, als sie selber eigentlich wünschte? Wer hat sie mit seinem harten Eigensinn in die Opposition getrieben? Die mißt ihre Schritte nicht wie ein überlegter Verstand.

Und dieses Etwas in ihr, dieser »Otto«, dieser wunderbare Liebhaber-Geliebte, der so seltsam ihre Weib-Natur aufregte, ihre Zärtlichkeit in Beschlag nahm, Stein auf Stein zwischen sie und ihren Mann trug – war er wert, daß sie ihr so stolzes Eheglück für ihn opferte?

Sie hatte wirklich eine dunkle Empfindung, als habe er sich einigermaßen erschöpft, das Beste gegeben, was er zu geben hatte, und als fange sie selber an, sich mit ihm zu langweilen. Es war ihr eine mechanische Gewohnheit geworden, ihn reden zu lassen, und er gab ebenso gewohnheitsmäßig irgend etwas von sich. Selten nur noch ein Anlauf, um sie zu spannen, ein drolliger Einfall; meist Albernheiten, die sie sich im Grunde doch nur mühte, interessant zu finden.

Kam das davon, daß sie übersättig war?

Es gab Augenblicke, wo sie sich selber bei der Möglichkeit ertappte, ihn für eine Lebensäußerung von sich zu halten.

Sie kommen nach Hause. Welch eine ungemütliche Häuslichkeit! Sie reden so automatisch mit einander, um nicht ganz zu schweigen; und dann und wann kommt eine versteckte Spitze zum Vorschein.

Den nächsten Vormittag spricht der Prinz mit vor; der Professor ist im Kolleg. Es ist Könneke-Tag, das Porträt Paulas ziemlich fertig, und der Prinz beglückwünscht den Maler, hat noch ein paar kleine Wünsche – er hat den Ausdruck dieses Kopfes zu intim studiert, um nichts zu vermissen. »Und was macht die gelbe Stunde?«

»Steigt, Hoheit! Höchstens vierzehn Tage noch. Darf ich sie Hoheit bringen? Ein Weihnachtsgeschäft?«

»Bitte sehr.«

»Der Arme hat wenig Arbeitslust zuhause gehabt,« sagte Paula mitleidig. »Die unglückliche Frau kann über die schreckliche Prophezeiung nicht hinweg. Wir denken aber, daß das Ergebnis des gestrigen Abends sie beruhigen wird.«

»Jawohl,« sagte Könneke. »Wir haben schon ein Aktenstück aufgesetzt, von der Frau Professor unterzeichnet. Denn auf meine Erzählung gäbe sie keinen Pfiff. Ich habe überall Kredit, bloß bei ihr nicht. Hoheit, wie wärs mit einem Autograph zur weiteren Bekräftigung?«

Er zog ein Papier aus der Tasche.

»Ach ja, Hoheit, ich bitte darum,« rief Paula von ihrem erhöhten Sitz. »Meister, dort steht die Tinte.«

»In der Tat ... hm ...«

Der Prinz schien abwinken zu wollen. Aber diese strahlenden Augen, diese schönen Fürsprecher.

»Darf ich lesen?« schloß er.

Er überflog die Zeilen.

»Ganz so vorbehaltlos wie meine schöne Freundin stehe ich ja mit meiner Meinung nicht da. Aber um des guten Zweckes willen ... bitte ...«

Er winkte nach der Feder und unterzeichnete.

»Laura, du bist gerettet,« sagte der Maler pathetisch. »Genehmigen Hoheit meinen gerührten Dank nebst dem meines unmündigen Nachwuchses. Wenn es eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, so beauftragt der Herrgott die Elektrische, der Kanaille in der Mulacksgasse den Hals abzufahren.«

Zwei Tage später kam der Prinz wieder bei Paula vor, brachte die Nachricht von dem traurigen Geschick der Gräfin Bensheim.

Er traf auch diesmal den Professor nicht an. Aber dieser erfuhr von dem Besuch, da Paula die Mitteilung an ihn weitergab. Er murmelte etwas, ging verbissen herum und verschwand endlich in seiner Stube, wo er schrieb.

Am nächsten Morgen erhielt Prinz Georg einen dicken Brief: die letzte Broschüre und ein Billett mit der Handschrift des Professors.

»Ew. Hoheit

bittet der Unterzeichnete, die Rückgabe des ihm zur Durchsicht überlassenen Schriftchens zu genehmigen.

Damit, Hoheit, erlöschen meine Beziehungen zum Spiritismus. Ich habe die entschiedene Absicht, keinen Gedanken mehr an diese nebelhafte Sache zu verschwenden.

Falls mein Rat auf einem anderen mir sympathischeren Gebiete gelegentlich erwünscht wäre, würde ich mich jederzeit freuen, Ew. Hoheit bei mir zu begrüßen.

In bekannter Ergebenheit
Prof. Laßberg-Budde.«

»So, so –« sagte Prinz Georg und kaute an der Oberlippe – »so so ... das ist deutlich.«

Und er nahm zwei Visitenkarten von sich, schrieb darauf p. p. c. und kuvertierte sie für Herrn und Frau Professor Laßberg-Budde.

Dann schickte er Herrn von Schöning fort, der bei ihm war, und überließ sich einer Folge von Empfindungen, die recht bitter waren.

Sie bringen einen zur Vernunft, das ist gewiß. Aber man muß sich eine Weile quälen, ehe es so weit ist.

Man war nahe daran, sich zu vergessen. Ah, wie ist das möglich! Unter diesen Umständen rückwärts gesehen: welch eine Figur hat er gespielt! ...

Frau Paula steht vor ihrem Manne, der gegen Abend heimgekommen ist, hat die Visitenkarten des Prinzen in der Hand und fragt mit blitzenden Augen: »Was bedeutet das?«

Der Professor warf kaltblütig einen Blick darauf.

»Er nimmt längeren Urlaub – was sonst?«

»Bist du die Ursache davon?«

»Natürlich – ich habe ihm geschrieben, daß ich vom Spiritismus genug hätte. Es scheint sonach, daß es nur dieser ist, der ihn zu uns geführt.«

»Oh, ich verstehe, du hast ihm das Wiederkommen unmöglich gemacht.«

»So etwas Ähnliches – in aller Höflichkeit.«

Er stand im vollen Lichtschein, die Hände in den Jackettaschen, mit dem Ausdruck eiserner Entschlossenheit im Gesicht.

»Das ist perfid,« sagte sie leidenschaftlich.

»Aber sehr nötig, wie du aus der Art siehst, in der du zu mir redest. Ich habe den festen Willen, mir mein Weib und meinen Frieden zu retten. Wie der Kampf darum ausgehen mag, ich bin ein Mann und kein Waschlappen. Diesem Gefühlsdusel, in den du dich hineinverloren hast und der mich zu einer Nebenfigur, zu einem lächerlichen Hampelmatz gemacht hat, muß ein Ende geschaffen werden. Wie immer!

Sie sah den erregten Mann schweigend an, mit großen, wie erstarrten Augen, wandte sich plötzlich ab und ging in ihr Zimmer. Er hörte, daß sie den Riegel umdrehte.

Es war ihm, als bekam er einen Schlag aufs Herz.

War das der Anfang vom Ende?

Eine Weile schritt er horchend in innerem Kampf auf dem Teppich auf und nieder. Als einmal der Fuß auf das Parkett übertrat, zog er den Fuß jäh zurück, als hätte er auf eine Schlange getreten.

Auf einmal stand er still: er hörte sie schluchzen. Da ging er an ihre Tür, klopfte.

»Paula!«

Sie rührte sich nicht. In diesem Augenblick: was war ihr der Prinz – dieser Geist, der ihr im Finger zitterte, drängte ... Aber eine so verwöhnte, starke, selbständige Frau, der man ihr Nachgeben abtrotzen, ihren Willen bändigen will ... so nicht! Nein, so nicht. Irgendwie anders.

Es klopft, Peter will den Abendtisch rüsten. »Warten Sie,« sagte der Professor barsch, und als Peter draußen ist, geht er mit starken Schritten auf sein eigenes Zimmer, zündet die Studierlampe an, nimmt ein Buch, glaubt zu lesen und grübelt. Er liebt diese Frau so unsinnig, so eifersüchtig.

Schließlich springt er auf, drückt auf den Knopf.

»Peter, decken Sie und rufen Sie mich, wenn Sie fertig sind.«

Und als der etwas kleinlaut gemeldet, es sei angerichtet, und fragt, ob er der gnädigen Frau melden soll, herrscht er ihn an: »Nein; sie ist nicht wohl.«

Er sitzt, fängt ein paar Bissen zu essen an. Messer und Gabel klappern.

Da schnappt der Riegel, Paula erscheint. »Ich vermute, ich darf mitessen,« sagt sie kühl, setzt sich.

»Bitte,« nickt er.

Sie würgen schweigend etwas hinunter. Dann legt Paula Messer und Gabel hin und blickt mit verträumten Augen ins Weite. Auf einmal fängt sie an zu sprechen.

»Du hast offenbar die Absicht,« sagt sie tonlos, »dich von mir zu trennen. Es wird mir demnach überlassen bleiben, dein Kind, das ich unter dem Herzen trage, aufzuziehen, wenn es mir lebend geschenkt sein wird ...

Er zuckt zusammen, starrt sie an. Ein schluchzender Laut würgt sich aus tiefster Brust heraus. »Paula!« Ein Ruf, so wie sie ihn lange, lange – so scheint es ihr – nicht vernommen. Da steht er schwankend, faßt an den Tisch, schwankt herüber, breitet die Arme. Sie sitzt und sieht ihn an – ein wehmütiges Lächeln, und doch versteckt sieghaft.

»Nun? – Ist's nicht so?«

»Mein Weib – meine Paula ...«

Und er sinkt ins Knie und birgt den Kopf in ihrem Schoß. Sie aber streichelt darüber.

»Du Dummer – du Dummer – du Dummer.«

— — — — —

Das winzige Nachtlicht flimmert. Er schläft, sie noch nicht.

Auf einmal fällt ihr etwas ein, und sie lächelt. Sie streckt den Zeigefinger aus, auf die Bettdecke vor sich. Er wird schreiben.

Er rührt sich nicht.

»Otto,« flüstert sie gespannt.

Der Finger rührt sich nicht. Sie stutzt, wartet – nichts.

Und sie seufzt auf, wie erlöst. Und doch gibt es eine seltsam wehe Empfindung in ihr ...

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