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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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Prinzeß Marie hatte einen großen Wunsch: einmal sich gründlich auszureiten. Im Grunewald – nicht immer bloß die zahmen Ritte auf den Müllwegen im Tiergarten, den sie »auswendig kannte« und in dem es immer »im Kreise herum ging,« unter der Kontrolle neugieriger Augen. Sie quälte den Onkel darum. »Willst du die Hubertusjagd mitreiten?« hatte der spöttisch gefragt.

»O, ich bin bescheiden. Ich beschränke mich auf dich, genehmigte allenfalls noch Herrn von Schöning und Lida Meerheimb, die soll aber nicht, sie hat schon gefragt. Ihre Mama ist so gräßlich ängstlich.«

»Eine umständliche Sache. Willst du durch ganz Charlottenburg reiten, Durchläuchting?«

»Können wir nicht die Pferde vorausschicken und bis Halensee nachfahren? Das wäre doch nicht schlimm. Tu's – ja? Sei ein einzigesmal netter zu mir, als unbedingt nötig ist. Ich will auch für dich schwärmen.«

»Das überleg dir noch, wenn du bis jetzt ohne das ausgekommen bist. Im übrigen – wir wollen die Sache im Auge behalten.«

Er hatte kurz darauf ein Vielliebchen verloren, und sie sollte sich etwas wünschen. »In den Grune-Wald reiten.«

Nun mußte er nachgeben. Den Tag behielt er sich vor ...

Heute auf einmal, in aller Herrgottsfrühe, klopfte die Jungfer der Prinzeß an deren Schlafzimmertür: »Hoheit läßt bitten, Durchlaucht möchten aufstehen, Herr von Schöning wäre schon mit den Pferden voraus nach Halensee.«

»Frühstück, Mathilde!« ertönte es zurück. Man frühstückte nicht gemeinschaftlich in der Schloßvilla. Eine halbe Stunde darauf fuhr unten der Wagen vor und Onkel und Nichte, reitfertig gekleidet, stiegen ein: jener im modernsten englischen Kostüm, diese in dunkelgrünem Kleide, ein dunkelgrünes steifes Hütchen mit steifer Feder auf dem lichten Kraushaar. Sie schlug die Schleppe um die Knie, der Diener schloß den Schlag und stieg auf – fort rollte der Wagen.

Der Prinz hatte den Weg durch Charlottenburg gewählt, die breite Berliner Straße hinauf. Ein sonniger Herbstmorgen, frisch – im Schatten blitzte Reif, von den bereits fast kahlen Bäumen taumelten überall die frostschweren Blätter. Fast lautlos glitten die Gummiräder über den Asphalt; links schwirrten wie ein windgetriebener Mückenschwarm Fuhrwerke und Radler vorbei. Dann ging's rasselnd links ab auf das Pflaster der Leibnizstraße ...

Der Prinz war ziemlich schweigsam, warf nur ab und zu einen lächelnden Seitenblick auf die Nichte, die manchmal mit einer drolligen Glosse den Bann abzuschütteln versuchte, mit dem seine Wortkargheit ihre gute Laune lähmte, während sie im übrigen puppensteif saß.

So ging's bis Halensee.

»Da ist Herr von Schöning, Gott sei Dank,« sagte Prinzeß Marie wie erlöst. »Er ist hoffentlich weniger majestätisch gestimmt, wie du, Onkel. Denn die Wahrheit zu sagen, hast du unterwegs genau siebenundzwanzig Worte gesprochen, ich habe sie gezählt. Und mit dir ißt man nun Vielliebchen!«

Ihr weicher, verschleierter Blick suchte ihn lachend, während ihr Mund schmollte. Hatte dieser Onkel, der so steifleinen en deux mit ihr gesessen, wirklich gar keine Ahnung, wie respektwidrig es in ihrem Herzen aussah? Oder ignorierte er das doch nur? Wie kann ein gesunder Mann zwei solche Füßchen ignorieren, wie die da ...

»Durchläuchting,« sagte der Prinz, ohne sie anzusehen, »wir sind eine kleine Silberpappel.«

»Pfui!«

Der Wagen hielt vor der Garteneinfahrt, in der Herr von Schöning, die Reitpeitsche in der Linken, seinen Zylinder lüftete. Ein Reitknecht war dabei, die Pferde, die man in dem jenseits befindlichen Fahrradstand eingestellt, abzulösen.

»Guten Morgen, Herr von Schöning – haben Sie Zucker für meine Kitty?«

Der Adjutant griff in die Rocktasche und brachte eine Hand voll Zuckerstückchen zum Vorschein, die er rasch wieder einsteckte, um der Prinzeß aus dem Wagen zu helfen. »Befehlen Durchlaucht vielleicht eine Erfrischung?«

»Ich danke, nein. Erst will ich dafür einheizen. Heut nehme ich die Tête, Messieurs.«

»Gott behüte,« sagte der Prinz, »da bin ich neugierig, bei welchem Ende wir aus dem Walde herauskommen. Sie wissen hier auch nicht mit den Wegen Bescheid, Schöning?«

»Ich habe die Generalstabskarte mit, Hoheit.«

»Das ist gut.«

Ein paar Minuten später ritten sie ab, während der Wagen hinter ihnen mit einem Bogen in den Hof einfuhr. Am Wildgatter grüßte der Wärter militärisch – dann gings auf menschenleerer Chaussee hin.

Prinzeß Marie war in der Tat eine vortreffliche Reiterin und ließ ihrem rassigen Temperament freien Lauf mit einer Genußfreudigkeit, die alle Kräfte ihres hübschen Goldfuchses in Anspruch nahm. Die Herren ritten rechts und links, englisches Halbblut, kräftige Tiere, und der zierliche Goldfuchs, außer Stande, im scharfen Trab mit ihnen Linie zu halten, schlug immer wieder in Galopp um – ein Hieb mit der Reitpeitsche, und noch einer, dann flog die Reiterin mit geweiteten Augen und gepreßtem Munde voraus, und die Kavaliere nahmen wie auf Verabredung die Zügel straff und ließen ihr eine Weile den gewünschten Vorsprung. Wenn sie dann hinter ihr herjagten, so arbeitete der Goldfuchs mit verdoppelter Anstrengung, bis er überholt war und sich schnaufend gab.

Durch die Kiefernstille, den milden Sonnenschein, die würzige Herbstluft.

Und wieder schoß der Goldfuchs voraus, und auf einmal bog Prinzeß Marie rechts in einen Seitenweg ein, von der Chaussee ab. Die Männer folgten, der Hufschlag klang dumpfer im Sande.

»Das geht in die Irre, Marie!« rief der Prinz.

» A la fortune!« klang es zurück.

Rehe kreuzten den Weg, verschwanden zwischen den Stämmen, die weißen Schürzen der Ricken blitzten noch fern auf. Jetzt waren die Herren der Prinzeß auf den Fersen, als ein Querweg kam – mit einem Sprung nahm der Goldfuchs diesen nach links zu auf, während die anderen Pferde weiter schossen und, rasch gebändigt, umkehren mußten; nun hatte sie wieder Vorsprung.

Es wurde eine lustige Jagd. Die Prinzeß spielte mit ihren Verfolgern, erhitzt, aufgeregt, die Augen geschärft, hastig durch die geblähten rosigen Nüstern atmend, bei jeder Gelegenheit den Weg wechselnd. Und, in einem Moment, wo sie sich nicht anders zu helfen wußte, setzte sie links über einen Graben und flog zwischen die Stämme.

»Marie, das geht nicht so: Schöning, halten Sie an,« rief der Prinz energisch.

In diesem Augenblick donnerte auf der rechten Seite ein Schuß in einer undurchsichtigen, anderthalbmannshohen Schonung, so dröhnend, so überraschend, daß die Herren alle Kraft und Geistesgegenwart nötig hatten, um ihre aufbäumenden Tiere vorm Durchgehen zu bewahren. Der Blick des Prinzen suchte dabei die Prinzeß: der Goldfuchs hatte einen Sprung beiseite gemacht, die Reiterin kämpfte mit dem erschreckten, sonst lammfrommen Tier – was da vorging, war bei der Entfernung und den deckenden Stämmen nur undeutlich zu sehen. Auf einmal stieß die Prinzeß einen Schmerzensruf aus.

»Teufel, Schöning,« rief der Prinz, »bleiben Sie hier und sehen Sie zu, daß Sie des Schützen habhaft werden.« Er riß sein erst halb beruhigtes Pferd herum, setzte mit einem Schenkeldruck über den Graben und lanzierte, den Kopf niederduckend – es gab da trockene Aststummel in Kopfeshöhe – in kurzem Trab durch die Kiefern. Als er in die Nähe der Prinzeß kam, sah er den Goldfuchs unruhig hin und her treten, die Reiterin hatte ihn fest im Zügel. »Was ist, Marie?« fragte er.

»Onkel Georg, komm ...« Das klang so stockend, herausgestoßen ... Er schleuderte die Bügel von den Fußspitzen und sprang herab, das Pferd sich selbst überlassend.

Als er neben dem Goldfuchs stand, sank die Prinzeß mit geschlossenen Augen vom Rücken ihres Pferdes. Er fing sie auf – sie hatte Besinnung genug gehabt, um die Füße frei zu machen. Jetzt hielt er eine Ohnmächtige. Auf der Stirn rechts blutete ein Wundriß, um den es dick aufgelaufen war. Ohne Zweifel war sie mit dem Kopf gegen einen Ast geprallt und hatte mit starker Willenskraft sich noch eine Weile aufrecht gehalten.

Der Hut war dem Prinzen vom Kopfe geschlagen, ein Stück hin gekollert. Der kräftige Mann hielt das blühende, weiche, völlig schlaffe Mädchen wie ein Kind in den Armen, und er fühlte, wie es ihn durchrieselte. »Meine arme, kleine Marie,« murmelte er und trug sie ein paar Schritt, und hielt sie immer noch, sah in das blasse zurückgelegte Gesicht mit den geschlossenen Lidern und der verunstaltenden Stirnwunde, die nur wenig Blut aufwies.

Von einem besinnungslosen Weiberkörper geht ein perverser Reiz für einen Mann aus. Einen Augenblick beugte sich der Prinz tief auf das Gesichtchen an seiner Brust ... dann runzelte er die Brauen und ließ seine Last vorsichtig in die welken Nadeln zu Füßen sinken, hob seinen Hut auf.

Die Pferde standen beieinander, beschnoberten sich bei den Köpfen. Prinz Georg band sie mit den Zügeln an Bäume, nahm die Prinzeß wieder auf und trug sie zum Wege hin. Dort stand der Adjutant mit einem Förster, jener mit einer Leichenbittermiene, dieser höflich die Mütze in der Hand. »Meine Nichte hat sich gegen einen Ast gestoßen und eine Ohnmacht zugezogen,« sagte der Prinz hastig. »Der Herr Förster wird die Güte haben, Ihnen den nächsten Weg zu zeigen, um sicher und in kürzester Zeit den Wagen zur Stelle zu schaffen, Schöning. Bitte, steigen Sie auf und schonen Sie die Sporen nicht.«

»Ich bedaure, Hoheit,« sagte der Förster betrübt ...

»Sie können nichts dafür.«

»Verhüte Gott, Hoheit, daß Durchlaucht ernstlichen Schaden genommen,« meinte der Adjutant, der ganz blaß war. »Soll ich nicht gleich einen Arzt aus dem Ort mitbringen?«

»Gut, wenn rasch einer zu haben ist. Jedenfalls bringen Sie Wasser mit und den Reitknecht für den Goldfuchs. Sie wohnen nicht in der Nähe?« – Die letzte Frage galt dem Förster.

»Nein, Hoheit.«

»Der Herr Förster meint, ein paar hundert Schritt hin führt ein Weg links ab geradeaus bis zur Chaussee,« sagte der Adjutant, mit dem einen Fuß im Bügel. »Ich bin in denkbar kürzester Zeit zurück.«

Er saß im Sattel, nahm die Zügel fest, grüßte militärisch und setzte die Sporen ein.

Jetzt erst wählte der Prinz einen Platz am Graben, im Heidekraut, ließ die Beine in den Graben hinab – die Ohnmächtige saß ihm im Schoße, um ihren Oberkörper hielt er die Arme geschlungen.

»Kann ich Hoheit etwas nutzen?« fragte der Förster kleinlaut.

»Hier nicht. Bitte gehen Sie auf die Chaussee nach und sorgen Sie, daß der Wagen nachher den rechten Weg nimmt. Vielleicht sehen Sie erst nach den beiden Pferden dort und kontrollieren, ob sie sicher angebunden sind.«

Der Förster hob grüßend die Linke und setzte die Mütze auf, worauf er möglichst geräuschlos den Graben durchschritt. Der Prinz sah sich nicht um, saß regungslos, hörte die Tritte sich entfernen. Dann nichts Lautes mehr als ein Schnaufen, Scharren ... Ab und zu das kurze »ping« einer Meise in den Eichenwipfeln. Diese Kirchenstille? Die Luft rührte sich nicht; die Sonnenlichter starr wie gemalt. Und der leise modrige Herbstduft.

Die Prinzessin lag wie im Schlaf, der Prinz beugte wiederholt den Kopf, horchte auf ihr Atmen, so schwach! Aber er machte keine Anstalten, ihr Bewußtsein zu beleben. Eine leichte Gehirnerschütterung, sagte er sich. Nur volle Ruhe. Dann überlief ihn die heiße Besorgnis, daß ihr armer Kopf wirklich bedrohlich gelitten, aber er wollte es nicht glauben.

Welch ein süßes Geschöpf diese Marie ist! Er weiß es, nicht erst von heut und gestern. Und die liebt ihn, er ist nicht blind, er weiß auch das ganz gut. Welch eine liebe Torheit. Auf einmal überrieselt's ihn wieder: diese weiche, nachgiebige Fülle ... und dieser halbgeöffnete blasse Mund mit den schimmernden Zähnchen ... die dunklen langen Wimpern zu dem weißlichen Haargewirr, und unter den großen geschlossenen Lidern leise Bewegung ...

Diese gefährliche weltferne Einsamkeit – und diese hartnäckige Ohnmacht. So viele Jahre hat er sich gegen alles, was Weib ist, behauptet, und hier auf einmal kommen ihm zwingend jene Erinnerungen an etwas, was er ausgekostet zu haben glaubte ... jene süßen, anspruchsvollen Unerquicklichkeiten ...

Ein Seufzer zur Seite: Prinzeß Marie hat die Augen offen.

»Onkel Georg,« sagt sie verwirrt, »mein Gott ... was ist ... ich glaube, ich bin mit der Stirn gegen einen Ast geschlagen ...«

»Bleib liegen, Durchläuchting,« meint er mit dem bekannten fürsorglich väterlichen Ton. »Das hast du von deinen Dummheiten. Schöning ist schon nach dem Wagen geritten.«

Das Rot stieg ihr in die Wangen. Aber die wonnige Schwäche! Sie bleibt liegen; wie ein Traum ist es, daß sie auf seinem Schoß sitzt, daß er sie in den Armen hält.

»Hab ich dir Sorgen gemacht, Onkel Georg?«

»Reichlich, du Baby.«

»Wer hat eigentlich geschossen? Es fiel doch ein Schuß?«

»Ein Förster da drüben; ich weiß nicht einmal, ob er etwas getroffen hat. Ich habe ihn fortgeschickt aufzupassen, damit der Wagen uns findet. Schöning wird wohl einen Arzt mitbringen. Hast du Schmerzen?«

»An der Stirn nicht, nur ein dumpfes Gefühl: aber hier –« sie legte die Hand aufs Herz – »als ob ich einen Schlag aufs Herz bekommen hätte. Ich erinnere mich, dasselbe Nachgefühl gehabt zu haben, als ich vor ein paar Jahren ohnmächtig geworden, weil ich mich an den Ellbogen gestoßen hatte. Müde bin ich, Onkel, ich könnte so einschlafen ...«

Sie schloß halb die Augen, indem sie das Gesicht nach ihm drehte, ihn unter den breit gesenkten Lidern mattschmachtend ansah.

Er sah weg. Die Situation war noch gefährlicher geworden, seit er fühlte, wie sich's lebendig an seiner Brust regte. Sie liebt dich! Seine Gedanken fingen an sich zu verschleiern. »Du große, hübsche Puppe,« sagte er dumpf. Und dann, sich gewaltsam ernüchternd: »Sobald du dich kräftig fühlst, sage es; es geht nun doch nicht gut an, Durchläuchting, daß wir hier im Grunewald lange Paul und Virginie spielen.«

»Warum nicht, ein so würdiger Onkel wie du bist? Ich fühle mich noch recht schwach. Laß mich noch ein Weilchen mit geschlossenen Augen liegen.«

Welche Torheit hatte er begangen, daß er sie nicht gleich nach ihrem Erwachen veranlaßt hatte, sich neben ihn zu setzen!

»Dann schlaf,« sagte er kurz.

Und sie ließ die Glieder sinken, lag wie schlafend, aber ihr Atem ging hastig, unruhig und zwischen den gesenkten Wimpern blinkte es zuweilen. Ach, das war süß, so zu liegen! Und dieser Barbar von Onkel saß so steif wie ein Pflock und hatte es so leicht, sie zu küssen ...

»Onkel Georg!«

»Durchläuchting?«

»Hast du viel geküßt in deinem Leben?«

»Nein. Das ist eine scheußliche Sitte. Die Neger behaupten, daß es nichts Häßlicheres und Alberneres gäbe!«

»Schade – die sind doch mit ihren großen Mäulern wie dafür geboren; ein Negerkuß müßte dreimal so ausgiebig sein, wie einer bei uns.«

»Wie kommst du zu dieser Frage?«

»Ich weiß nicht. Sie fiel mir ein, als ich eben einschlafen wollte.«

»So versetze dich auf diesen Punkt zurück.«

Er sagte das ziemlich rauh. Sie kokettierte mit ihm! Als er nach kurzer Pause einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht warf, sah er um ihre halb geöffneten Lippen ein leises Lächeln schweben.

Mit der Zeit wurde er ruhiger, die seltsame Lage, in die er sich begeben, verlor allmählich ihren gefährlichen, beklemmenden Reiz. Und als er die Herrschaft über sich einigermaßen zurückgefunden, begann sich die Ungeduld in ihm zu regen.

»Marie,« sagte er.

»Onkel?«

»Wenn es dir möglich ist, so setz dich lieber zu mir.«

»Ich höre doch niemand kommen.«

»Wir sind uns das selber schuldig, mein Kind.«

Sie machte eine Anstrengung, sich auszurichten, und er half nach. Nun stand sie, sah mit verschleiertem Blick den Weg entlang und ließ sich neben ihn in das Heidekraut gleiten. Als sie ihm das Gesicht zuwandte, lächelte sie wehmütig und ihre Augen standen voll Wasser.

»Ich glaube, ich habe Nerven,« sagte sie, ihr Batisttuch hervornestelnd.

»Kein Wunder,« meinte er; »es war jedenfalls ein kräftiger Choc für ein junges Mädchen, und es scheint mir ein gutes Zeichen, daß sich die Folgen der Attacke in Tränen auflösen. Wenn wir nur erst Wasser für eine Kompresse hätten: deine Stirn wird acht Tage nicht gerade besuchsfähig aussehen, meine kleine Marie.«

Sie weinte, schluchzte; nach seiner Äußerung brauchte sie sich keinen Zwang anzutun ...

Ein Pferdegalopp fern – Schöning kam. Das Pferd war naß wie eine Katze und warf Schaum vom Gebiß. »Ah, Durchlaucht erholt? Der Wagen kommt sofort und bringt den Doktor zur Stelle. Habe mein Möglichstes getan.« Er kletterte vom Pferde. »Wie geht es, Durchlaucht? Doch nicht ernstlich verletzt?«

Ihre Tränen waren versiegt.

»Ich glaube nicht, Herr von Schöning. Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung.

»O, bitte dringend ...«

Endlich auch der Wagen. Ein junger Arzt, wichtig, geschmeichelt von seiner Ausgabe, der untersuchte und verband: »Ein paar Tage äußerste Ruhe und Schonung, Durchlaucht, und fleißig Kompressen auflegen.« Der Reitknecht holte die Pferde aus den Bäumen.

»Ich danke dir, Onkel Georg,« sagte Prinzeß Marie mit einem matten Aufblick, als sie im Begriff war, in den Landauer zu steigen, den man aufgeschlagen, des Verbandes halber, der sie wunderlich entstellte. Er nahm wortlos ihre dargebotene Hand und nickte ihr mit warmer Teilnahme zu. »Wir reiten von Halensee voraus nach Hause, bereiten Großmama vor.«

Der Arzt stieg zu ihr in den Wagen, dann setzte man sich in Bewegung.

Die Idylle war zu Ende.

Solch eine Stunde im Heidekraut vergißt man nie – nie – nie ...

Das Tagebuch der Prinzeß weiß davon zu erzählen. Und Herz und Kopf des Prinzen auch – dieses törichten Prinzen ...

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