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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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IX

Der Rittmeister Baron von Güldenstubbe wohnte im Palasthotel am Potsdamer Platz, also so feudal und so nahe der Tiergartenstraße wie möglich.

Seine Lebensweise war, soweit das Hotelpersonal sie verfolgen konnte, eine eigentümliche: er war nämlich nachts fast nie zu Hause, schlief dafür den Vormittag hindurch bis zur Table d'hôte und ging, wenn er nicht zuvor etwas Korrespondenz erledigte, gleich danach aus, um erst in irgend einer Morgenstunde heimzukehren. Der Nachtportier hatte nichts dagegen einzuwenden, der Baron war mit Trinkgeld nicht sparsam.

Er kam soeben die Treppe herunter, zwei Briefe in der Hand; die tiefbuckelnde Dienerschaft im Flur machte keinerlei Versuch, die Besorgung der Briefe anzubieten, man wußte, daß er alle seine Briefe eigenhändig in den Briefkasten zu tun wünschte. Er trug, wie immer für die Straße, Zylinder, und sah im langen dunklen Überzieher mit den schmalen Chevreaustiefeln aus, als hätte man ihn auf dem ersten besten Modekupfer bei einem Tailleur gesehen. Die Höflichkeit, mit der er grüßend die Hand gegen den Kopf hob, hatte etwas gleichgültig Geschäftsmäßiges – das ganze Gesicht etwas Starres wie eine Maske.

»Nichts für mich angekommen?«

»Nein, Herr Baron.«

Er trat auf die Straße hinaus, verfolgte langsam die Richtung nach dem Tiergarten zu, ohne den lebhaften Verkehr auf Trottoir und Fahrdamm eines Blickes zu würdigen. Ein Herr unter den Entgegenkommenden blieb augenzwinkernd vor ihm stehen, und des Barons Gesicht belebte sich im Augenblick des Erkennens.

»Morgen, Ernsthausen,« sagte er. »Wollten Sie zu mir?«

Der andere machte kehrt. »Das eigentlich nicht, aber ich begleite Sie ein Stückchen, wenn Ihnen das nicht gerade unangenehm ist.« Ein jüngerer Elegant, der sein Stöckchen schwenkte, und, wie es schien, im Flanieren begriffen war.

»Keineswegs, abgerechnet, daß es ein zweifelhaftes Glück ist, sein böses Gewissen neben sich zu haben.«

»Ach, reden wir nicht davon, Baron. Sie wissen, ich bin Kavalier, und was nicht geht, geht nicht. Die Formalitäten erledigen wir heute Abend. Sie kommen doch?«

»Ja, Teufel, ich muß schon. Vorläufig verfüge ich über keinen anderen Weg, um meine Chancen zu verbessern. Es ist nett von Ihnen, daß Sie die Sache so kulant behandeln.«

»Ich bitte Sie; nicht der Rede wert. Wir kennen uns doch genügend – wer weiß, wann sich der Spieß umdreht! Aber ich denke, Sie stehen im Begriff, sich zu raillieren, wie?«

»Diskretion, Ernsthausen?« – »Aber natürlich.«

»Also: Wenn ich Glück habe, schon in der nächsten Stunde.«

»Ah – Weidmannsheil! Darf man mit einem Winke Näheres erfahren?«

»Das bringt kein Glück, darin bin ich abergläubisch wie die Theaterleute. Wenn Sie mir nun einen Gefallen tun wollen, lassen Sie mich laufen.«

Der Elegant lächelte amüsiert. »Unter der Bedingung, daß ich der erste bin, der von dem günstigen Ausgang profitiert.«

Der Baron hielt ihm die behandschuhte Rechte hin, schon halb auf dem Wege, links auf den Fahrdamm abzubiegen, und der andere berührte sie affektiert flüchtig und kehrte um, vertraulich nickend.

Baron Güldenstubbe mußte ein paar erleuchtete, menschenüberfüllte Straßenbahnen passieren lassen, ehe er in die Gaslichthelle des Tiergartenstraßen-Einganges drüben gelangen konnte. Ein paar Minuten später drückte er auf die Portierschelle am Hause, in dem die Gräfin Bensheim wohnte.

»Wollen Sie mich der Gräfin melden,« sagte er oben zum Diener.

»Ich glaube, Frau Gräfin ist nicht wohl,« meinte der, »aber vielleicht Frau Baronin?«

Der Baron stutzte ... »Hm – also der Frau Baronin.«

Im Empfangszimmer stand die Baronin und grüßte mit dem ihr eigenen, wenig verbindlichen Kopfneigen. »Ich bebaute, Baron, meine Freundin ist vorhin recht unwohl geworden und hat vorgezogen, sich niederzulegen. Sie läßt um Entschuldigung bitten – ich war schon im Begriff, Ihnen Nachricht zugehen zu lassen.«

»Ach, das tut mir leid, das tut mir aufrichtig leid ...« Die grauen stechenden Augen weiteten sich ein wenig und nahmen das Gesicht der Baronin für einen Moment fest aufs Korn. »Frau Gräfin hatte mir den Vorzug einer privaten Unterredung vergönnt ...«

»Ich weiß, ich weiß ...«

Der Baron hielt noch immer den Hut in der Hand. »Vielleicht gestatten Sie mir ein paar Minuten,« sagte er kühl-höflich, indem er die Lehne des nächsten Stuhles ergriff und, ohne das »Ich bitte, gern« der Baronin abzuwarten, Platz nahm, wobei er den Hut auf den Rokoko-Smyrna neben sich stellte. Er hatte die Zimmerbeleuchtung im Rücken, als er saß.

»Ich denke, es handelt sich nicht um ein ernstes Unwohlsein?«

»Das nicht gerade,« meinte die Baronin und setzte sich steif, als nähme sie die paar Minuten sehr genau.

Der Rittmeister starrte eine lange Pause überseite. »Baronin,« sagte er dann plötzlich, »ich fürchte, Sie haben recht wenig Sympathieen für mich. Ich bin mir nicht bewußt, das durch mein Betragen Ihnen gegenüber verschuldet zu haben: ich vermute, das hat andere Gründe.«

»Und ich verstehe nicht, wodurch ich zu dieser Meinung Anlaß gegeben habe,« entgegnete sie, ohne besonders erstaunt auszusehen. »Im übrigen spielen doch persönliche Empfindungen der Art in der Gesellschaft keine Rolle.«

Der Rittmeister blieb ihr abgewendet, die Hände überm Knie.

»In meinem Falle doch, das wissen Sie so gut wie ich. Meine – sagen wir Annäherung an die Gräfin ist Ihnen unbequem.«

»Wieso?«

»Weil Sie ganz richtig schließen, daß diese Annäherung eines Tages eine gewisse feste Form annehmen könnte, und – ob dies richtig, mag einstweilen dahingestellt bleiben – daß dies eine Gefahr für den Fortbestand Ihrer bisherigen Existenz bedeute. Sprechen wir offen, Baronin.«

Ihre Hände machten eine nervöse Bewegung und sie warf den Kopf auf. »Das ist ein merkwürdiges Gespräch, in der Tat. Wenn Sie sich nun irrten, wenn meine Besorgnis nicht mir, sondern meiner Freundin gälte? Es sind doch nicht alle Menschen so ausgetragene Egoisten, daß sie immer in erster Linie ausschließlich den eigenen Nutzen im Auge hätten.«

»Gewiß nicht, aber ich darf die Tatsache konstatieren, daß Ihnen meine Beziehung zur Gräfin Besorgnis einflößt. Damit habe ich ein gewisses Recht, für möglich zu halten, daß ich es Ihnen verdanke, wenn die Gräfin auf einmal, im letzten Moment, durch Unwohlsein verhindert ist, mich zu empfangen.«

»Nun und wenn? Nehmen Sie an, ich hielte die Verhältnisse noch nicht genügend geklärt, meine Freundin noch nicht reif für eine Entscheidung und für zu schwach, um gegen eine Überrumpelung, die sie vielleicht nachher schwer bereut, gesichert zu sein; wollen Sie einer intimsten Freundin das Recht abstreiten, ihr in dieser Lage beratend zur Seite zu stehen?«

Der Rittmeister wachte wie aus einem Traum auf, als er antwortete, und er sprach gedämpft: »Weit entfernt, aber ich verstehe nicht, was Sie mit den nicht geklärten Verhältnissen meinen. Die der Gräfin liegen ohne Zweifel klar für Sie; was mich betrifft, so werden Sie sicherlich bereits in Erfahrung gebracht haben, daß meine Kavaliersehre einwandfrei besteht, und daß ich bisher – nun eben anständig existieren konnte. Wenn ich kein vermögender Mann bin, so kann das bei der finanziellen Position der Gräfin nicht in Betracht kommen. Stimmt das?«

»Gewiß, wenn die Sachen so liegen.«

»Baronin, ich muß bitten!« Seine Stimme wurde einen Moment so hart wie die ihre. »Wie die Gräfin innerlich steht, weiß ich hinlänglich ...«

»Nein; Sie wissen nicht, in welchem Maße sie sich beim Andenken an ihren verstorbenen Gatten Skrupeln macht.«

»Diese Skrupel verschwinden, sobald niemand da ist, der sie nährt. Kurzum, Baronin, ich denke nicht daran, Ihre Stellung in diesem Haushalt zu stören, vorausgesetzt, daß ich sicher bin, an Ihnen keine Gegnerin ...«

In diesem Augenblicke erklangen Schritte im Nebenzimmer; der Rittmeister stockte und ein verstecktes Lächeln zuckte um seinen Mund; langsam wandte er den Kopf zu der Baronin herum. Die Portiere teilte sich und die Gräfin erschien, zögernd, mit dem Ausdruck hilfloser Verlegenheit im Gesicht, in voller Beleuchtung.

Der Rittmeister und die Baronin sprangen zu gleicher Zeit auf.

»Aber, Luise, ich bitte dich ...«

»Meine allergnädigste Gräfin,« der Rittmeister eilte voraus und ergriff ihre Hand, um sie zu küssen. »Es geht Ihnen besser, und ich bin glücklich darüber.«

»Guten Abend, Baron – Babette, ich weiß nicht, wie es kam, ich hatte nicht die Absicht ... Können Sie sich das vorstellen, Baron: ich habe etwas Migräne, und auf einmal war mir zu Mute, als sage mir eine innere Stimme ins Ohr: Du mußt aufstehen, du mußt kommen – als faßte eine Hand mein Herz und zöge und zöge ... nein, ich habe mich wirklich ernstlich widersetzt, Babette, es war ganz unmöglich ...«

»Der Zug des Herzens, kein Zweifel, meine teure Gräfin.«

»Ach, Sie sind ein Schelm ...« Die große starke Frau im dicken türkischen Schlafrock, den eine Schnur mit Quasten in der Taille zusammenhielt, wand sich geziert, während ihre verschwommenen Augen sich im Kreise drehten.

»Vielleicht, daß mir nun doch der Vorzug der versprochenen Unterredung wird ...«

Die Baronin trat mit dem Ausdruck harter Entschlossenheit hinzu. »Ich bitte dich nur um ein paar Worte, Luise,« sagte sie, hatte bereits den Arm um die Taille der Gräfin gelegt und zog sie ohne weiteres mit sich durch die Portiere.

Der Rittmeister, allein gelassen, zischte etwas zwischen den Zähnen und ging an das Fenster, wo er sich scheinbar in die Betrachtung der Straße, mit ihren Gaslaternen vor dem dunklen Tiergartenhintergrunde, vertiefte, während die Frauen drüben nahe der Tür zum Boudoir stehen blieben.

»Er hypnotisiert dich ja, Luise,« stieß die Baronin unterdrückt heraus. »Er macht ja mit dir, was er will. Natürlich will er dich heiraten, hat mir's offen zugestanden. Ich habe eine ungeheure Angst um dich, eine innere Stimme sagt mir's: der Schritt ist verhängnisvoll für dich. Es ist etwas Unklares um den Mann, glaube mir – glaube mir!«

»Aber ich bitte dich, Babette,« sagte die Gräfin mit kläglicher Stimme, »er ist doch ein so lieber Mensch; es liegt doch gar nichts gegen ihn vor, wie du selbst zugibst: und mein Herz spricht so sehr für ihn.«

»Du wirst ihm verfallen, ich sehe es kommen. Aber ich werde bis zum letzten Augenblick das meinige tun, um das Verhängnis aufzuhalten. Mir ist so deutlich, als stände dein verstorbener Mann neben mir und rede mir fortwährend zu, dich zu behüten.«

»Meinst du? Gott, Babette, welche Verwirrung richtest du in mir an! Was soll ich nur tun! Wenn Edgar mir doch ein deutliches Zeichen geben wollte. Er wird als seliger Geist sicherlich wissen, ob du mit deinen Bedenken recht hast.«

»Luise, versprich mir das eine: binde dich noch nicht ganz fest! Mache ihm meinethalben Hoffnung, damit er vorläufig wenigstens nicht mehr drängt: ich habe noch nicht alle Mittel erschöpft, um mich näher nach ihm zu erkundigen. Setze eine Frist für deine Entscheidung, einen, zwei, drei Monate ... willst du?«

Der Baron hüstelte drüben. Die Frauen hatten jedenfalls so leise gesprochen, daß er nichts gehört haben konnte.

»Gott, Babette, du zwingst mich,« wehklagte die Gräfin; »du meinst es gewiß gut, aber ich bin doch kein unmündiges Kind,« schloß sie mit einer Kraftanstrengung, um ihre Selbständigkeit zu behaupten.

»Gut, so geh,« war die herbe Antwort, »auf deinen Kopf die Verantwortung.«

»Du bist schrecklich – sei doch nicht so rücksichtslos, verlaß mich nicht, Babette ...«

»So lange ich bei dir bin, darfst du sicher sein, daß ich tue, was ich für meine Freundschaftspflicht halte.«

Die Baronin verschwand im nächsten Zimmer, die Gräfin in verzweifeltem Schwanken zurücklassend. Zögernd stand das große Kind, mit einem Gesicht, als ob sie weinen wollte.

Drüben hüstelte der Rittmeister wieder.

Die Gräfin setzte sich langsam in Bewegung, wie eine Schlafwandelnde ging sie zur Portiere des Empfangszimmers.

»Meine Freundin ist gar nicht mit mir zufrieden, lieber Baron.«

»Ich fürchte, mit mir auch nicht, meine teuerste Freundin,« betonte der Rittmeister, auf sie zuschreitend; er führte sie zu einem Fauteuil. Nun saßen beide. »Sie ahnt, daß ich gekommen bin, um Ihnen mein Herz zu Füßen zu legen. Begreifen Sie, daß, wenn ein Mann von zwei Freundinnen die eine bevorzugt, die andere ihm fürs erste gram sein wird? Das ist so menschlich.« Er hielt ihre Hand fest.

»Ach – so meinen Sie?« dehnte sie erlöst und geschmeichelt zugleich, rot über das ganze Gesicht wie ein verliebtes Mädchen. »Sie setzen mich in große Verwirrung, lieber Baron – eine so alte Person wie ich bin ...«

»Man ist so alt, wie man fühlt, und Ihr Puls sagt mir, was nur irgend der Puls einer Achtzehnjährigen dem liebenden Manne sagen kann. Ist man je zu alt, um glücklich zu werden, Gräfin?«

Diese eindringliche warme Stimme sprach wie ein beseligendes Muß, wie die Beschwörungsformel eines Zauberers.

»Wollen Sie mir Ihr Herz und Ihre Hand schenken, Gräfin?«

Es gibt im Leben der Frau keine Phase, in der diese Sprache nicht einen Widerhall fände. Jugenderinnerungen machen die Kupplerinnen. Und diese große und ehrwürdige Dame wiegte verzückt den Kopf mit dem gefärbten Haar hin und her und bog ihn dann zu dem glücklichen Liebhaber hinüber wie ein Pferd im Gespann, das sich an seinem Partner reiben will. Der Baron wich geschickt aus, warf sich aufs Knie vor ihr und nahm ihre Hände, auf die er ein paar lange Küsse drückte.

»Luise, ich danke Ihnen; Sie machen mich zum Glücklichsten der Sterblichen.«

»Ach Gott,« meinte sie, »was wird bloß die Babette sagen. Einen Monat ... nicht wahr, geliebter ...«

»Axel,« ergänzte der Rittmeister mit Geistesgegenwart –

»Axel – einen Monat warten wir noch bis zur Verlobung? Die Baronin wünscht es so sehr in ihrer großen Sorge um mich.«

Der Knieende hielt ihre Handgelenke mit festem Druck und sah sie an wie ein Tierbändiger. »Bis zur Hochzeit, teure Luise,« sagte er eindringlich. »Sie können bis dahin das Wort Verlobung gar nicht aussprechen, Luise; versuchen Sie's! Sagen Sie die Worte: Wir haben Verlobung gefeiert.«

»Wir – wir haben ... gefeiert,« stotterte die Gräfin. »Ah, das ist sehr merkwürdig; ich kann es wirklich nicht.«

»Überhaupt das Wort Verloben nicht. Versuchen Sie's!«

Die Gräfin bewegte krampfhaft die Lippen. »Nein, wirklich nicht, wie kommt das?«

»Das ist ein Geheimnis, welches beweist, daß wir für einander geschaffen sind.«

»Wie interessant! Sehr interessant. Also daraus kann man das sehen? Ich habe es freilich schon lange gefühlt, schon in Wiesbaden. Wenn Sie in meiner Nähe waren, war mir immer so eigen zu Mute, als müßte ich alles tun, was Sie wollen. – Ach Gott – aber wollen Sie nicht aufstehen? – Ich denke doch, daß mir mein seliger Edgar mein Glück gönnen wird. Ich begreife nicht, warum die Baronin daran zweifelt; sie hat ihn doch nicht so kennen gelernt wie ich. Er war ein so guter Mensch. Aber sie hat mich doch etwas irre gemacht; und wenn nun gar um einen herum immer von Geistern der Verstorbenen gesprochen wird, die uns umgeben, ja uns erscheinen können! Wenn das nur wahr wäre, und ich könnte von meinem armen guten Edgar die Zustimmung zu unserer Verbindung erhalten, ich gäbe viel darum! Was meinen Sie, mein teurer Axel?«

Der Rittmeister hatte sich erhoben und stand, eine Hand auf die Lehne seines Stuhles gelegt, in vertraulicher Haltung neben ihr, während sie glücklich zu ihm aufblickte.

»Das scheint mir nicht unmöglich,« meinte er. »Wenn Sie mir die Erlaubnis geben, so werde ich mich nach einer Gelegenheit umsehen, denn wie Sie wissen, brauchen die Geister geeignete Mittelspersonen.«

»Ach ja, tun Sie das. Wenn ich glauben müßte, Edgar wünschte nicht, daß ich wieder heirate, nein, dann würde ich unsere Verbindung doch für eine Sünde halten.«

»Ich begreife, Luise, Sie sind so gemütvoll. Also ich beeile mich, uns darüber Klarheit zu verschaffen, falls sich die Möglichkeit hier bietet.«

»Vielleicht fragen Sie bei dem Herrn Wellmer an, der hier spiritistische Vorträge hält; er kündigt sich an den Litfaßsäulen an, wie ich hörte. Sie wissen ja, es ist derselbe, dem auch der Prinz Georg sein Vertrauen schenkt.«

Eine Tür ging, im Nebenzimmer raschelte es. »Ach, das wird unsere gute Baronin sein,« sagte die Gräfin aufhorchend. »Sie bleiben doch zu Abend bei uns, geliebter Axel?« schloß sie mit einem seelenvollen Ausblick.

»Ich bin unglücklich, erwidern zu müssen, daß ich eine geschäftliche Konferenz verabredet, meine teure Luise,« meinte er gedämpft und zog wieder ihre Hand an die Lippen.

»Sie haben Geschäfte hier? Ich dachte, Sie wären völlig frei!«

»Doch nicht ganz, ich bin kein vermögender Mann, ich muß tätig sein, weit mehr, als es nötig wäre, wenn ich über einige Mittel verfügte.«

»Ach! Nun ich kann reichlich entbehren, ohne daß es mir fehlen würde. Ich bin recht froh, daß ich Ihnen helfen kann ...«

»Jetzt nicht,« wehrte er. «Es wäre wenig ehrenvoll für mich.«

»Aber ich bitte, mein teurer Axel, wem sollte ich lieber damit helfen, und wer sollte daran Anstoß nehmen? Wie schade, daß wir Sie heute Abend entbehren sollen! Liebe Babette, bist du da?«

Der Rittmeister küßte noch einmal ihre Hand. »Sie Gütige, Einzige! Ich gehe jetzt, einer der glücklichsten Menschen in der Millionenstadt.« Und er ließ ihre Hand sinken und beeilte sich, seinen Hut vom Teppich aufzuheben.

Die Baronin stand in der Portiere mit ihrem kalten, beobachtenden Gesicht.

»Unser lieber Rittmeister will leider nicht bleiben, Babette«.

»In der Tat, gnädigste Baronin, für heute muß ich mich empfehlen.« Er stand vor ihr und reichte ihr die Hand. »Gut Freund, Baronin!«

Sie legte zögernd ihre Finger in seine Hand. »Sie wissen, wie ich denke,« sagte sie.

Noch eine Verbeugung, ein mahnender Blick gegen die Gräfin, den Finger auf dem Munde, und er war draußen. Die Gräfin sah ihm mit glücklichen Augen nach, dann stand sie auf.

»Ihr seid einig, Luise,« stieß die Baronin bitter heraus. »Du darfst überzeugt sein: damit hast du mich verloren.«

»Mein Gott, Babette, wie du das nur sagen kannst.« Die Gräfin war ganz rot im Gesicht. »Selbst wenn wir einig wären, wie du das nennst, weshalb sollte ich dich verlieren? Weshalb solltest du nicht unsere Hausgenossin bleiben, wenn ich es wünsche?«

»Weil er nicht wünschen wird, daß jemand über dich wacht – ah, das ist nötig, das ist ganz gewiß nötig. Denn du bist ein großes Kind, Luise ...«

»Ich bitte dich, Babette ...«

»Jawohl: auch wenn der Rittmeister nichts als ein kluger Mann wäre, machte er mit dir, was er will, aber er ist doppelt gefährlich, er hypnotisiert dich, er nimmt dir auch noch dein bißchen Kindereigenwillen, indem er dich auf diese nichtsnutzige Art vergewaltigt.«

»Aber du bist ja grausam, Babette, so kenne ich dich noch gar nicht,« rief die Gräfin mit weinerlichem Ton. »Was soll er mir denn antun? Du hast ja einen förmlichen Haß auf ihn.«

»Er will dein Geld, das wirst du sehen. Aus einem andern Grunde macht ein Mann solche Heirat nicht.«

»O – er liebt mich, das merke ich doch: natürlich zeigt er das nicht so, wenn du zugegen bist. Er spricht so gut und so glücklich zu mir. Du willst doch nicht sagen, daß ein Mann unmöglich mehr liebevoll gegen mich empfinden könne? Nein, da muß ich denn doch seine Partei nehmen. Daß er darauf rechnet, durch die Heirat mit mir in gute Verhältnisse zu kommen, verdenke ich ihm gar nicht; ich weiß nicht, wie du darin etwas finden kannst.«

»Ich hasse ihn nicht – ich verdenke ihm das auch nicht – aber ich mißtraue ihm. Ich kann nicht sagen, was dir droht, aber ich habe ein deutliches Gefühl, daß dir etwas droht. Und kurz und gut: bist du mit ihm verlobt oder nicht?«

Die Gräfin wand sich – das Wort Verlobt war ihr wie ein Stoß aufs Herz. »Du peinigst mich, wir wollen erst versuchen, ob ich nicht Edgars deutliche Zustimmung erhalten kann.«

»Wie denn das?« fragte die Baronin aufhorchend.

»Er wird, glaube ich, zu dem Wellmer gehen – du weißt, dem Spiritisten ...«

»Aha – so, so ...« die Baronin schien auf einmal ruhiger zu werden. »Ja, wenn wirklich dein verstorbener Mann ... Siehst du, Luise, ich will ja nur dein Bestes: du darfst mir nicht böse sein, wenn ich in der Aufregung etwas heftig geworden bin. Wie? Du zürnst mir nicht darum?«

»Aber wie denn,« meinte die Gräfin ganz erlöst. »Du meinst es gut mit mir, das weiß ich. Mir tut nur der arme Rittmeister leid ... denke bloß, ich konnte mich vorhin ganz und gar nicht besinnen, daß er Axel heißt ...«

Der Rittmeister Baron Güldenstubbe hatte sein kühles und undurchdringlich nichtssagendes Gesicht, als er auf die Straße trat. Er ging an eine Laterne und zog die Uhr.

Dann begab er sich zu seinem Hotel zurück, ließ sich ein Adreßbuch geben und blätterte.

Ein paar Minuten später saß er in einer Droschke und fuhr die Königgrätzer Straße hinunter, dem Halleschen Tore zu.

Vor einem Hause der Yorkstraße hielt die Droschke. Der Rittmeister lohnte den Kutscher ab, prüfte die Nummer über der Tür des fünfstöckigen Mietshauses und trat ein. Im dritten Stock drückte er auf einen der weißen Knöpfe.

»Herr Wellmer zu sprechen?« fragte er die blasse, schmächtige Frau, die geöffnet hatte und die eine Lampe in der Hand trug.

»Ja – mit wem ...«

Der Rittmeister zog bereits sein Portefeuille und gab seine Karte, und die Frau lud ihn ein, näher zu treten, öffnete eine der bekannten guten Stuben: »Bitte, Platz zu nehmen, mein Mann wird gleich kommen,« worauf sie die Lampe auf den Tisch stellte und das Zimmer verließ.

Den Besuchern der Wellmerschen Soireen würde sie von der Kasse her bekannt vorgekommen sein. Der Rittmeister stellte seinen Hut neben die Lampe und ließ sich auf einen der Rohrstühle nieder. Nebenan hörte er murmeln, dann tat sich die Tür zum Nebenzimmer auf und die breitschultrige Gestalt Wellmers erschien.

»Mein Name ist Wellmer. Womit kann ich Ihnen dienen? Bitte, behalten Sie Platz.«

Der Rittmeister, der sich erhoben, setzte sich wieder. »Ich komme in einer vertraulichen Angelegenheit – ich darf mich doch auf Ihre Diskretion verlassen?«

»Selbstverständlich,« betonte Wellmer mit der vollen Würde des souveränen Geistesbeherrschers. »In diese Lage komme ich oft genug.«

»Pardon – Sie sind der bekannte Spiritist?«

»Der bin ich.«

»Eine mir nahestehende Dame hat den lebhaften Wunsch, die Zustimmung ihres verstorbenen Gatten zu ihrer Wiederverheiratung zu erhalten. Könnten Sie wohl – sagen wir: diesen Herrn in irgend einer Form zitieren?«

Wellmer zog die Brauen hoch.

»Ja, mein verehrter Herr, zitieren lassen sich diese Geister nicht. Das bildete man sich im Mittelalter ein. Was gerade kommen will, das kommt. Jedenfalls kann ich Ihnen eine Materialisation überhaupt nicht verschaffen, das gibt's in Berlin nicht; höchstens Tischantworten und Klopftöne, allenfalls auch eine Kommunikation mit dem Psychographen.«

»Hm – das würde genügen.«

»Ja, aber ob der betreffende Herr sich meldet, das ist mir sehr fraglich. Wahrscheinlich stellt sich irgend ein fauler Kopf von Spirit ein, der ihn mimt.«

»Nun,« meinte der Rittmeister mit einem forschenden Blick auf sein Gegenüber, »nehmen wir an, ein solcher Spirit mimt den Verstorbenen. Es käme nur darauf an, daß er so gefällig ist, der Dame die gewünschte Beruhigung zu vermitteln. Was meinen Sie?«

»Das ist gut und schön – aber diese Brüder lassen sich nichts vorschreiben, mein verehrter Herr!« sagte Wellmer.

»Oh« – der Rittmeister kniff ein Auge ein, »wenn man wie Sie auf vertrautem Fuß mit ihnen steht ... die Dame ist nicht gerade kritisch veranlagt, muß ich betonen ... wir sind ja Männer: Sie wissen, Frauen haben mitunter ihre Marotten, sie möchten zum Beispiel gern glauben, äußerlich darin unterstützt werden, ohne in Bezug auf die Zuverlässigkeit der Stütze besonders skrupulös zu sein. Wie gesagt, der Dame wäre nichts erwünschter, als die erwähnte Zustimmung zu erhalten. Ich bin überzeugt, vielmehr, ich verbürge mich dafür, daß, falls der betreffende Spirit ein Opfer zu bezeichnen wünscht für seine Gefälligkeit, die Höhe der Summe keine Schwierigkeiten bieten würde.«

»Was Sie mir da zumuten, mein werter Herr, ist also auf gut deutsch gesagt ein frommer Betrug,« sagte Wellmer geräuschvoll. »Sie brauchen bloß ein Polizeispitzel zu sein, dann hätte mich hinterher der Staatsanwalt in den Klauen. Von solchen Scherzen ziehe ich vor, mich fern zu halten.«

Der Rittmeister hüstelte.

»Ich begreife Ihre Bedenken vollständig. Um sie zu zerstreuen, bleibt nur übrig, Ihnen Namen zu nennen – den meinigen kennen Sie, die Dame gehört der großen Gesellschaft an, verkehrt bei Hofe und ist bereit, sich zu Ihnen zu bemühen: die Gräfin Bensheim. Sie sehen, ich gebe mich rückhaltlos in Ihre Hand. Ich bin im Begriff, mich mit der Gräfin zu verheiraten. Genügt das?«

Wellmer machte eine kurze Verbeugung.

»Weiter: Sie haben nur nötig, eine Séance für uns zu arrangieren; was dabei heraus kommt, überlassen wir dem Belieben der Geister. Was Sie für Ihre Bemühung beanspruchen, zahle ich Ihnen im voraus, füge außerdem einen Fünfhundertmarkschein hinzu, den Sie mir zurückgeben, im Fall die Sitzung für meine Wünsche ungünstig ausfällt.«

Wellmer schmunzelte satirisch. »Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest ... Ich will Ihnen was sagen, verehrter Herr; ich will mich mit fünfundzwanzig Mark begnügen. Wenn Sie sich später zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet fühlen sollten, so tun Sie, was Ihnen beliebt.«

»Sie sind vorsichtig,« meinte der Rittmeister, durch den Schlußsatz befriedigt. »Dagegen ist gar nichts zu sagen. Wann wünschen Sie, daß ich komme?«

»Morgen bin ich besetzt – vielleicht übermorgen abend.«

»Schön.« Der Rittmeister erhob sich und griff zu seinem Zylinder, und Wellmer begleitete ihn bis zur Treppe.

» Mundus vult decipi, zu deutsch: die Welt will betrogen sein,« murmelte Wellmer hinter der geschlossenen Korridortüre ...

Um dieselbe Zeit kuvertierte die Baronin Meiringen ein Billett, auf dem geschrieben stand: »Ew. Hoheit bittet die Unterzeichnete dringendst um ein Wort der Empfehlung an den Spiritisten Wellmer und um Diskretion. In schuldiger Ehrerbietung

Babette von Meiringen.«

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