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Geheimnisvoll am lichten Tag

Carl Gustav Carus: Geheimnisvoll am lichten Tag - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGeheimnisvoll am lichten Tag
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorHans Kern
year1944
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080521
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Symbolik der Hand

Mit diesem Worte eröffnen wir eins der merkwürdigsten Kapitel der ganzen Symbolik menschlicher Gestalt, denn in diesem wunderbaren Gliede ruht ein solcher architektonischer Tiefsinn, seine Entwickelung gewährt eine solche merkwürdige Geschichte, sein Einfluß auf Erhebung der menschlichen Seele zur Vollendung des Geistes ist ein so ungeheuerer, daß es nicht nur dem Forscher von jeher reichlich zu denken gegeben, und daß sein besonderer Einfluß auf alle Kultur der Menschheit nicht nur ein inkommensurabler genannt werden muß, sondern daß es, noch abgesehen von seiner besondern Bedeutung für die Eigentümlichkeit der Person, längst schon in seiner abstrakten Form ein eigenes Symbol für religiöses und öffentliches Volksleben geworden ist. Weit ausführlicher als bei allen übrigen Gliedern des Stammes wird daher auch bei diesem die Symbolik der menschlichen Gestalt zu verfahren haben, wenn sie ihre Sätze hinlänglich begründen will, und wir teilen daher sogleich dessen Betrachtung ein: 1. in die morphologische Geschichte der Hand überhaupt, 2. in die Geschichte ihrer mannigfaltigen Bildungsverschiedenheiten im erwachsenen Menschen, 3. in die Erwägung der Bedeutung aller dieser verschiedenen Bildungen für die Eigentümlichkeit der Person, und endlich 4. in die Erwägung von Bedeutung der einzelnen Teile der Hand.

I. Morphologische Geschichte der Hand

Hier wie überall ist diese Geschichte eine doppelte, indem sie entweder ihren Blick wirft auf die Herausbildung des Organs in der gesamten Tierreihe, oder indem sie die allmähliche Entwickelung desselben im Menschen allein ins Auge faßt.

Verfolgen wir die erstere Richtung, so kann es uns nicht entgehen, wie auch hier das menschliche Organ in sehr merkwürdigerweise durchaus eine rein mittlere Bildung darstellt, eine Bildung, welche in Wahrheit von der zusammengezogenen einfachsten, der bloß für ein Leben im Wasser bestimmten Fischflosse, sowie von der unmäßig ausgedehnten, des bloß für den Flug in der Luft bestimmten Fledermausflügels vollkommen gleich weit entfernt ist. Man stelle sich denn jetzt zuvörderst diese extremen Bildungen selbst vor, man betrachte die Brustflosse etwa eines Karpfen oder Hechtes, und sogleich sieht man die Eigentümlichkeit derselben darin gegeben, teils daß eine solche Wasser- oder Schwimmhand noch fast unmittelbar, oder doch nur mit geringsten Andeutungen von Armknochen, an der Brustgegend ansitzt, teils daß hier die Handwurzel noch sehr unvollkommen ausgebildet bleibt, endlich aber darin, daß die Finger in sehr großer Zahl (oftmals 12 bis 20) und mit außerordentlich vielen kleinen unvollkommenen, zuweilen sogar sich wieder spaltenden Fingergliedern (auch oft über 20) sich entwickeln, so daß alle Finger (hier nennt man sie Flossenstrahlen) mittels einer verbindenden Haut zu einem gleichförmigen, weder der Beugung noch Streckung fähigen Blatte vereint bleiben. – Im Gegenteil untersuche man dann die Hand einer Fledermaus oder eines Vampyr, man beachte, wie da die übermäßig verlängerten dünnen vier Finger mit ihren langen, höchst zarten Fingergliedern in der Flughaut sich ausbreiten, während der Daumen der einzige großenteils freie und kleinere Finger bleibt, welcher mit einem Fingernagel sich endigt, und wie also auch hier weder ein eigentliches Ergreifen noch ein wahres Tasten dieser gleichsam durch Exzeß des Wachstums so ganz veränderten Hand denkbar ist. – Aus alle diesem wird man alsdann erkennen, wie vollkommen wir berechtigt sind, es auszusprechen, daß die gesamte außerordentliche Mannigfaltigkeit einfingeriger, zweifingeriger, ja drei-, vier- und fünffingeriger Hände, welche unter Amphibien und Säugetieren überhaupt vorkommen, überall nur als die verbindenden Zwischenglieder zwischen jenen extremen Bildungen der Flosse und des Flügels betrachtet werden dürfen, und daß unter allen diesen wieder, zwischen zu großer Dünnheit und Ausdehnung einerseits und übermäßiger Plumpheit und Zusammenziehung andererseits die edle Form der menschlichen Hand als die eigentliche höhere Mitte erscheine. In den meisten Tieren behält daher die Hand auch durchaus nur noch die Bedeutung des Fußes und weicht oft wenig vom wahren Fuße ab, dergestalt, daß hiernach allerdings schon entschieden hervorgeht, wie jede Hinneigung menschlicher Handbildung entweder nach größerer Verkümmerung oder nach vermehrter plumper Masse allemal notwendig eine gewisse Herabwürdigung der Form oder einer Tierähnlichkeit ausdrücken müsse.

Wie wir indes es nun weiter für unerläßlich hielten, sowohl bei der Gesamtheit menschlicher Gestalt als bei den Teilen des menschlichen Hauptes, die eigentümliche Schönheit ihrer besondern Proportionsverhältnisse, je nach dem wahren organischen ModulJeder einzelne Mensch hat einen individuellen »Modul« = 1/3 seines freien Rückgrats. – D. H. vorauszuschicken, damit danach sodann auch die Bedeutung der Abweichungen von dieser Proportion schärfer dargestellt werden könne, so wird auch bei der menschlichen Hand dasselbe Verfahren unerläßlich sein, und das Merkwürdige ihrer innern Verhältnisse wird nun erst hierbei vollständig klarwerden können. – Im allgemeinen ist jedoch früher bereits gezeigt worden, daß das Maß der normalen Handlänge des Erwachsenen genau bestimmt werde, ganz gleich der Höhe und Länge des Schädels, durch die Größe des Modul. – Schon hierin liegt etwas sehr Merkwürdiges! Das Urmaß selbst also, das aus der Länge der freien Wirbelsäule gewonnene, es stellt sich in der Hand (abgesehen von der Handwurzel) entschiedener und weit reiner als im Fuße dar, es bedingt dadurch die Hand selbst als das von vielen Völkern gebrauchte Maß äußerer Gegenstände (der Mensch soll ja Maß und Messer der Schöpfung sein), und wenn man nun auch bald sich überzeugen mußte, daß zu jeder scharfen äußern Messung allemal nur eine abstrakte mathematische Größe angewendet werden könne, so ist doch schon öfters der Name eines solchen Maßes (die Palma der Italiener z. B.) ebenso von da entlehnt worden, wie für andere Maße der Fuß oder der Ellenbogen (Cubitus = die Elle), Maße, unter denen, wie nun klar sein wird, die Hand allerdings allemal das physiologisch am meisten begründete genannt werden darf.

Ist denn sonach die eigentliche Handlänge in Wahrheit vollkommen gleich dem Modul, so fragt sich weiter zuvörderst: welches wird sein das Verhältnis der Handwurzel, d. i. jenes aus zwei Knochenreihen, je von vier Knochen, gebildeten Mittelgliedes zwischen Arm und Hand, zu der aus Mittelhand und Fingern bestehenden eigentlichen Hand? – Die Messung einer schönen menschlichen Gliedmaße zeigt hier alsbald, das mittlere Verhältnis sei das von 1/6 : 1, oder von 4 : 24 Modulminuten, und abermals nehmen wir wahr, daß auch hier die menschliche Bildung eine gewisse reine Mitte hält, dahingegen diese Verhältnisse in den Tieren zu wahren Exzessen sich ausdehnen. So ist z. B. in dem Elefanten die Handwurzel so groß (Fig, l),daß sie sich gegen die eigentliche Handlänge, aus Mittelhand und Fingern, ziemlich verhält wie 2 : 4, während dagegen ebendieselbe wieder in einer Fledermaus (Fig. 2) so klein erscheint, daß sie sich zu Mittelhand und Fingern verhält wie 2 : 32, Zahlen, zwischen denen dann wirklich das menschliche Verhalten von 2 : 12 die ziemlich genaue Mitte gewährt.

Ist somit zuerst die rechte Proportion der Handwurzel zur übrigen Hand festgesetzt, so fragt sich nun weiter, welches sind die innern Proportionen der Finger und ihrer Glieder? – Hier ergeben sich abermals die merkwürdigsten, bisher großenteils unbeachteten Verhältnisse. Messen wir nämlich zunächst den längsten, die wahre Länge der ganzen Hand bestimmenden Mittelfinger nach Minutenteilen des Moduls, so finden wir in der Folge seines Mittelhandknochens und seiner drei Phalangen oder Fingerglieder eine merkwürdig reine, höchst regelmäßig abnehmende Progression, welche genau die vier ersten ungeraden Zahlen (aber in umgekehrter Ordnung) darstellt, nämlich 9 : 7 : 5 : 3. – Die andern Finger haben dann ähnliche, aber nie ganz so reine Progressionen: der Zeigefinger nämlich 10 : 6: 4: 3, der Daumen dagegen nur 9 : 7 : 4. – Auf der äußern Handseite zeigt der vierte Finger die Fortschreitung 8 : 6 : 4 : 2, der kleine Finger 7 : 5 : 3 : 2. – Ich gebe davon nun eine Zeichnung nach dem Skelett Fig. 3, und das so sehr eigentümliche dieser Verhältnisse wird sich so noch deutlicher überblicken lassen. – (Die Zahlen bedeuten also stets Modulminuten, 24 auf 1 Modul.)

Man übersieht nämlich so zugleich die merkwürdigen Folgen der gleichnamigen Glieder nebeneinander, also die 5 Mittelhandknochen von außen nach innen 7, 8, 9, 10, 9, dann die 5 ersten Phalangen: 5, 6, 7, 6, 7, die 5 zweiten Phalangen: 3, 4, 5, 4, 4, und die 4 dritten: 2, 2, 3, 3, und wird nun an der Menschenhand, deren Schönheit man lange unbewußt empfunden hatte, jetzt auch den höhern geometrischen und arithmetischen Bau, dessen äußerste Umrisse ich immer hier nur erst gebe, etwas deutlicher begreifen, indem man einsieht, daß, so wie in einem Musikwerke etwa die Verflechtung der Tonfolgen und Tonharmonien immer höher sich steigert, wenn, wie in einer Fuge, der Kunstbau im ganzen mehr sich vollendet, so auch die Verschränkung dieser Zahlenverhältnisse den größern Kunstbau der menschlichen Hand besonders und in sehr charakteristischer Weise ausdrückt. – Übrigens muß ich dabei noch ausdrücklich bemerken, daß hier immer nur die abstrakten Zahlen der Verhältnisse der Glieder angegeben sind, und daß man sich leicht vorstellen wird, daß bei den Gliedern wirklicher Hände immer noch kleine Bruchteile von Modulminuten bald hinzukommen, bald fehlen werden, um dadurch dann erst die wesentlichsten Verschiedenheiten des Handbaues verschiedener Personen zu bedingen.

Es muß übrigens jetzt auch noch deutlich gemacht werden, wodurch der Handbau, selbst der dem Menschen sich nähernden Säugetiere (Sohlengeher [Waschbär] Fig. 4 und Affen Fig. 5) vom menschlichen Typus (Fig. 6) doch immer noch wesentlich sich unterscheide, und in dieser Beziehung ist denn besonders hervorzuheben, daß eine solche Tierhand gegen die Menschenhand (Fig. 6) hauptsächlich teils eine so viel größere Mittelhand bei kürzern Fingern zeige (s. Fig. 5), teils dann, wenn (wie bei einigen Affen) auch die Finger an Länge gewinnen, die gesamte Hand durch große Schmalheit von der menschlichen abweiche; Eigentümlichkeiten, aus denen sofort hervorgeht, daß auch am Menschen, selbst, wenn entweder die ganze Hand auffallend schmal wird, oder die Mittelhand, gegen Kürze der Finger, sehr hervortritt, stets eine gewisse Tierähnlichkeit hierin sichtbar werden müsse.

Insoweit hätten wir indes zuvörderst bloß den Grundbau der Hand, inwiefern er vom Skelett abhängt, in seiner morphologischen Entwickelung verfolgt, keineswegs jedoch hierin allein, sondern zugleich in der Durchbildung ihrer merkwürdig feinen Muskulatur, besonders in dem merkwürdigen Bewegungsverhältnis des Daumens, welches dem Menschen vor allen Geschöpfen eigen ist, und worin nur die Affen ihm nahekommen, sodann in der reichen Nervenentwickelung im Innern und in den Hautflächen der Hand und endlich durch die von allem Tierischen so sehr abweichende feinere Hautbildung, wird das Organ seiner vollen und hohen Bedeutung erst wahrhaft entgegengerückt. – Was die Muskulatur betrifft, so ist sie es, welche die eine Bedeutung des Organs, d. i. die Motorische, bedingt, und welche in ihrer wunderbaren Künstlichkeit einen Apparat darstellt, wodurch allein jene feinsten Bewegungen ausgeführt werden können, denen der Mensch alles verdankt, was er an mechanischen und an Kunstwerken erzeugt, wodurch hervorgerufen wird, was das äußere Leben des gebildeten Menschen von dem des Tieres der Wüste unterscheidet, und wodurch ihm gegeben ist zu den Organen, welche die Natur ihm verliehen, gleichsam noch unendliche neue hinzuzuschaffen. – Was den Nervenreichtum und die Feinheit der Haut an der Hand betrifft, so ruht darauf ihre andere Bedeutung, nämlich die sensible, und diese beiden Faktoren nun sind es, durch welche sie zum schönen und empfindlichsten vielbewegten Sinnesorgan wird, zu einem Sinnesorgan, welches um so mehr als Basis aller übrigen betrachtet werden darf, weil durch dasselbe die Einführung des Bewußtseins in das räumliche Dasein recht eigentlich erst gelingt. Zwei Punkte sind bei dieser Entwickelungsgeschichte der Hand als sensibles Organ übrigens noch insbesondere zu beachten, und diese werden namentlich gegeben durch die Umbildung derselben in bezug auf die Behaarung und auf die Bewaffnung durch die Nägel. Alle Säugetiere zeigen noch Handwurzel, Mittelhand und Finger stark behaart, ja in den Gürteltieren wird die Hand, wie in den Eidechsen, noch mit Schuppen überkleidet, immer jedoch, wo, wie in den Sohlentretern und Affen, eine eigentliche innere Handfläche anfängt sich herauszubilden (die Huftiere und die Zehentreter überhaupt haben noch keine wirkliche Handfläche), ist diese schon größtenteils von Behaarung frei, obwohl immer noch mit starker schwieliger Haut bekleidet. – Natürlich wird also schon dadurch die Sensibilität in allen diesen Bildungen sehr vermindert und zurückgehalten, und erst die menschliche Hand, indem sie diese Überreste des Hautskeletts völlig abwirft und nur auf dem Handrücken noch eine leise Behaarung gestattet, kann ein zartes Sinnesorgan werden. Natürlich wird eben dadurch aber auch die außen stark behaarte und innerlich mit Hornschwielen sich bedeckende menschliche Hand zur entschiedensten Tierähnlichkeit. – Fast noch stärker sind diese Abstände hinsichtlich der Bewaffnung. In den Huftieren erreicht der Fingernagel die entschiedenste Stärke und modelt dadurch die oft nur noch ein- oder zweifingerige Hand durchaus zum bloßen Organ des Tretens und Gehens, stellt sie also vollkommen dem Fuße gleich, und durchaus gilt es als Gesetz, daß die Hand stets um so weiter von ihrer höhern Bedeutung entfernt bleibt, je mehr eine solche Gleichstellung besteht. Nicht viel besser ist dies Verhalten in den Raubtieren, wo ebenfalls alles an der Hand nur auf das motorische, und gar nicht auf das sensible Prinzip deutet, nur daß der Zweck der Bewegung nicht mehr bloß Ortsbewegung, sondern namentlich Ergreifung ist; die Bewaffnung wird deshalb hier in Gestalt der sogenannten Kralle oder Klaue gesehen und unterscheidet in dieser vollkommen konischen Form (Fig. 7) sich von dem Fingernagel, wie er in Sohlengehern und Affen (Fig. 8), zuhöchst aber im Menschen vorkommt, ebensosehr, als von dem Hufe der Ein- und Zweihufer, besonders aber dem der erstern, Fig. 9.

Vergleichen wir nun mit diesen Bewaffnungen der Hand in den Tieren den menschlichen Fingernagel, so ist in dessen Zartheit und einfach platten Bildung, wo er fast nur als feine elastische Platte gegenüber dem weichen nervenreichen Polster der Fingerspitze erscheint, nur ein vollkommener Apparat der Sensation gegeben, und wieder hat ein natürliches Gefühl von der eigentlichen Bedeutung dieser Platte die Volker lange von früher her schon darauf geführt, dieselbe nie in huf- oder klauenartige Verlängerungen fortwuchern zu lassen, sondern ihr eine gewisse Kultur durch Beschneidung und Glättung zu erhalten, um teils dem bessern und feinern Tasten der Fingerspitzen zu dienen, teils auch das zartere Ergreifen feiner Gegenstände zu erleichtern. – Wenn daher im chinesischen Volke es gerade zu einem Zeichen der höchsten Aristokratie gehört, sich gewisse Fingernägel zu krallenartiger Länge von 1 und 2 Zoll heranwachsen zu lassen, so darf man dies, nebst ihrer Verunstaltung der Frauenfüße, für ein ebenso naturwidriges Gebaren erklären als das Verdrücken der Köpfe bei gewissen amerikanischen Stämmen; versteht es sich doch nach dem Obigen von selbst, daß die unmäßige Vergrößerung der Fingernägel allemal als eine entschiedene Tierähnlichkeit anzusehen ist.

Nachdem sonach über die morphologische Entwicklung des so schönen Gebildes der menschlichen Hand aus dem Vorhergehenden hoffentlich eine vollständige Übersicht hat gewonnen werden können, lassen wir nun folgen:

II. Die Geschichte der mannigfaltigen Bildungsverschiedenheiten der menschlichen Hand im Erwachsenen

Man durchdringe sich aber zunächst, um für dieses allerdings sehr wichtige Kapitel der Symbolik den rechten Überblick zu erhalten, von der Ungeheuern Mannigfaltigkeit der Formen dieses Organs, man beobachte die Hände möglichst vieler Personen, und man überzeuge sich, daß, nicht minder als in den Gesichtszügen und in den Schädelformen, in der Handbildung eine wahrhaft unendliche Formenverschiedenheit gegeben sein könne. – Hat man nun aus solcher Anschauung zuerst den rechten Begriff ungeheuer vieler hier vorliegender Variationen erlangt, so kommt es weiter darauf an, eine gewisse Ordnung in diese Vielheit zu bringen und aufmerksam zu bedenken, in welche und in wieviel größere Abteilungen alle diese Verschiedenheiten wohl gereihet werden könnten? – Der erste, der einen glücklichen Versuch machte, in dieser Beziehung zu einem bedeutenden Resultate zu gelangen, war D'Arpentigny in seiner früher erwähnten Chirognomonie, indem er die elementare, die mit spatelförmigen Fingern, die künstlerische, die nützliche, die philosophische, die psychische und die gemischte Handform unterschied. Diese sieben Formen haben für Beurteilung im praktischen Leben einen nicht zu verkennenden Wert, und man kann ihnen nur mit Recht vorwerfen, daß sie irgendeines innern, aus dem Begriff und der morphologischen Geschichte der Hand selbst hervorgehenden Grundes gänzlich entbehren. Als ich daher selbst, bald darauf, meine Vorlesung über Grund und Bedeutung der verschiedenen Handformen ausarbeitete, suchte ich diesem Mangel abzuhelfen, und, gestuft auf die morphologische Geschichte und physiologische Bedeutung des Organes, war es denn auch nicht schwer zu erkennen, daß, rein wissenschaftlich betrachtet, nur vier Grundverschiedenheiten hier gedacht werden können. Von dem Gedanken ausgehend nämlich, daß in der Hand der Begriff eines höhern Sinnesorgans mit dem eines wichtigen feinen und zugleich kräftigen Bewegungsorganes sich in wunderbarster Weise verbinde, war es alsbald klar, daß hier entweder die Vereinigung dieser beiden Funktionen zusammen nur roh und gleichsam elementar ausgebildet sein könne, oder aber so, daß insbesondere eine. dieser Bedeutungen entschieden vorwiege, entweder die sensible oder die motorische, oder endlich so, daß beide Bedeutungen in höchster geistigster Vollendung ausgebildet erschienen. Die vier Grundformen der Hand also, 1. die elementare, 2. die motorische, 3. die sensible und 4. die psychische, wurden somit alsbald als die wahren und wesentlichen erkannt, und in dieser Ordnung werde ich denn auch hier die sämtlichen wesentlichen Verschiedenheiten dieses Organes bedachten.

1. Die elementare Hand. Zu ihr gehören alle diejenigen Handformen, welche durch Länge und Breite der Mittelhand, große, dicke und harte Handfläche, kürzere, dickere Finger, einen abgestumpften, oft zurückgeworfenen Daumen, und gröbere oder gleichsam unvollendetere Bildung im allgemeinen, nebst kurzen, aber starken und breiten Nägeln, einerseits eine gewisse Annäherung an die Hand des kleinen Kindes, andererseits eine Verwandtschaft mit der Hand der menschenähnlichern Tiere verraten. Die elementare Hand kommt bei Frauen wie bei Männern vor, jedesmal natürlich durch den Geschlechtscharakter modifiziert, im ersteren Falle mit etwas feinerm, im andern mit etwas gröberm Bau, ist dabei gern voll und, wie man zu sagen pflegt, fleischig, ja, ist sie ganz besonders für diesen Typus charakteristisch, so bedeckt sie sich gern am Handrücken und der Außenseite der Finger mit Haar und wird an ihrer Innenfläche öfters mit Hornschwielen versehen gefunden werden. Ihre Gestalt zeigt Fig. 10.

2. Die motorische Hand. Sie ist ganz besonders die Hand des Mannes und wird nur bei ihm in ihrer vollen Ausbildung gefunden. Die motorische Hand charakterisiert sich teils durch ihre Größe, teils durch einen im allgemeinen kräftigen Knochenbau und stärkere Muskulatur mit stärker fühlbaren Sehnen.

Sie ist von mehr viereckiger Form der Handfläche und von längerm Bau der dabei jedoch sehr kräftigen Finger, unter welchen der Daumen durch besondere Stärke und einen vollem Ballen sich auszeichnet. Die Fingernägel sind angemessen groß und länglich viereckiger Bildung, die Haut des Handrückens bedeutend derber als die der Handfläche, doch gewöhnlich nur leicht behaart, an den Fingerkuppen bemerkt man eine im ganzen mehr breite Endigung. Ihre Gestalt zeigt Fig. 11.

3. Die sensible Hand. Sie ist vorzugsweise die Hand der Frau und kommt in ihrer reinsten Ausbildung wesentlich nur bei ihr vor. An der sensibeln Hand ist schon der Knochenbau, und ebenso Muskel- und Sehnenbildung zarter, und das ganze Gebilde nie sehr groß. In der Handfläche überwiegt die Längendimension etwas, aber wenig, die der Breite, die Finger sind verhältnismäßig zur Handfläche nicht länger als in der motorischen, der Daumen aber entschieden kleiner und ihr Bau im allgemeinen ausnehmend viel zarter. Die einzelnen Fingerglieder sind in weichen und ovalen Formen gesondert, und zumal die Fingerkuppen gerundeter, diese dabei in ihren nach beiden Dimensionen ziemlich gleichen Nägeln von besonderer Feinheit, Abrundung und Elastizität. Das Ideal solcher feinsensibeln Hände hat vielleicht künstlerisch nur Correggio vollkommen dargestellt, und zwar an den Händen der Madonna in seinem berühmten Bilde der Nacht auf der Dresdner Galerie. – Eine männlich sensible Hand (da auch die obigen Figuren männliche Hände darstellen) zeigt Fig. 12.

4. Die psychische Hand. Sie ist die schönste, aber in höherer Vollkommenheit auch seltenste Form, sie ist zugleich diejenige, welche von der elementaren und von der Kindeshand am weitesten absteht und, gleich der elementaren in beiden Geschlechtern, in voller Ausbildung möglich, während sie unter den Altersstufen in voller Ausbildung nur der mittlern Höhe des Lebens eignet und einesteils im Kinde und Knaben noch gar nicht möglich ist, während sie in voller Reinheit selten noch in den höchsten Lebensjahren sich erhält. Ihre Größe wird im Verhältnisse der Person immer nur die mittlere sein; d. h. wenn die motorische den organischen Modul gewöhnlich überschreitet, die sensible aber ihn nicht ganz zu erreichen pflegt, so wird sie denselben genau innehalten. Die Handfläche wird an Länge wenig die Breite überwiegen, sie selbst wird nie vielfältig gefurcht und gefaltet, sondern nur mit einfach größern Linien gezeichnet sein. Charakteristisch insbesondere ist der Bau der Finger, welche fein, schlank und um ein wenig verlängert erscheinen, nie sind die Gelenke stark vorragend, und namentlich sind die mit feinen länglichen Nägeln versehenen legten Fingerglieder besonders länglich und fein gerundet. Auch der Daumen ist hier fein und wohlgebildet, und immer nur mittlerer Länge. Die Hautbedeckung der ganzen Hand wird hier sich stets durch zartere Bildung und eine selbst an der männlich seelischen Hand nur sehr schwach angedeutete Behaarung der Außenfläche unterscheiden. Ihre Gestalt sehe man in Fig. 13.

In diesen vier Formen hat man übrigens immer nur die Hauptpunkte der unendlichen Variationen dieses edeln Gebildes anzuerkennen, und daß daher eine außerordentliche Menge von Übergängen aller Art hier in der Mitte liegen müsse, ergibt sich nach dem Bisherigen leicht von selbst. Die meisten Hände, welche man genauer untersucht, werden stets nur Übergangsformen dieser Art darstellen. Die am häufigsten vorkommenden, man darf sagen die Hände des großen Haufens, sind die, welche den Übergang von der elementaren zur motorischen und zur sensibeln zeigen. Schon etwas seltener pflegt der Übergang von der motorischen selbst zur sensibeln zu sein; sie zeichnet sich meistens dadurch aus, daß an einer im ganzen kräftigen und größern Hand die äußersten Fingerglieder etwas angeschwollen sind und gleichsam größere, zum vollständigen Tasten wohlgeeignete kleine Ballen (wie Fig. 14) darbieten. Es ist dies die Hand, welche D'Arpentigny die spatelförmige nennt, und welcher ich in meiner erwähnten Schrift eine besondere Tafel gewidmet habe.

Wieder eine eigene Nuance liegt sodann in dem Übergange von der sensibeln zur motorischen Hand, allwo zwar der Grundbau des Ganzen noch den Charakter der sensibeln trägt, allein durch kräftigeres Hervortreten der Finger und ihrer Gelenke eine zugleich muskelstärkere Individualität sich ankündigt. Es sind das die Hände, welche D'Arpentigny als die künstlerischen (m. artistique) und nützlichen (m. utile) bezeichnet hat, und welche man unter Mechanikern und Malern öfters bemerken wird. – Übergänge zur seelischen Hand kommen nur an der sensibeln und motorischen vor, die elementare geht nie unmittelbar in diese höhere Form über; die erstern Übergänge dagegen sind nicht selten, und namentlich findet man, daß, sobald durch mehrere Generationen eine höhere Bildung und feinere Schonung des Organismus überhaupt und der Hände insbesondere hindurchgeht, diese Übergangsform endlich feststehend wird und nun auch die Entwickelung zur seelischen Hand weit leichter vorkommt. Dies ist der Grund, warum in regierenden Familien, deren Glieder seit Jahrhunderten jene Schonung und höhere Kultur genossen haben, meistens feine Handbildungen getroffen werden, ja schon in altern Adelsgeschlechtern wird man diese Bemerkung größtenteils bestätigt finden, so daß bereits D'Arpentigny dergleichen Hände mit dem Ausdrucke »mains de race« bezeichnet hat. Indem ich mir nun vorbehalte, von der besondern Bedeutung all dieser Formen weiter unten zu handeln, will ich gegenwärtig noch beifügen, daß die Mannigfaltigkeit derselben überhaupt mit den obigen vier Gattungen verschiedener Individualitäten noch keineswegs vollkommen beschlossen ist, sondern daß nun auch nach andern Richtungen hin beträchtliche Unterschiede hervortreten. Der erste derselben ist der der Handformen des verschiedenen Geschlechts. Die Frauenhand ist in der Regel kleiner, schmaler, weicher, glätter, zarter und in den Fingern rundlicher gebaut als die Männerhand, welche größer, breiter, oft etwas rauher, äußerlich behaarter, derber und in den Fingern und ihren Gelenken knochiger und fester gebildet zu sein pflegt. Nächst den Verschiedenheiten des Geschlechts werden dann ebenso die des Alters in der Hand sehr deutlich ausgedrückt. – Auch in dieser Hinsicht gilt das Bedeutungsvolle der Formen für die Jahre, wie es vom Gesicht bekannt ist, fast in gleichem Grade von der Hand. Wenn andern Gegenden des Körpers (so wurde dies bereits vom Rücken ausgesagt und wird künftig auch noch vom Fuße bemerkt werden müssen) das Alter oft ziemlich langen Lebensperioden nach wenig oder keine Spuren eindrückt, so ist dagegen die Hand gleich dem Gesicht sehr empfindlich gegen die Fortschritte der Zeit und verrät entweder durch Abmagerung, Faltung und Hervortreten der Sehnen und Adern oder durch unschöne Fülle und rauhere Haut die vorübergegangenen Jahre ganz gleich dem Gesicht, ja oft noch deutlicher. – Vom zarten Kinde mit seiner weichen, kleinen, breiten, überall zart gerundeten Hand, mit ganz kurzen, zarten Nägeln (eigentlich dem wahren Repräsentanten der elementaren Hand, nur freilich in außerordentlicher Kleinheit und Zartheit), bis zum größern Kinde, mit mehr ausgebildeter, aber immer noch etwas breiter Hand, dann vom Jüngling und der Jungfrau an, in welchen nun die Sonderung nach den obigen vier Grundformen erst deutlicher und individueller hervorzutreten pflegt, da früher noch so wenig Eigentümliches in diesen Formen sich verrät (wieder geradeso wie im Gesicht), und endlich von diesem Blütenalter des Organismus bis zur völligen Reife und zum höhern Alter, erscheinen ganz ebensoviel wichtige und charakteristische Stufenbildungen der menschlichen Hand. Es würde zu merkwürdigen Betrachtungen führen, wenn man von einem und demselben Individuum Abgüsse der Hand aus alle diesen verschiedenen Lebensperioden nebeneinandergelegt erblicken könnte, wenn man so auf einmal übersähe, wie dies zarte, feine, kleine Gebilde allmählich sich vergrößert, seine Formenverhältnisse wie seine Oberfläche ändert, später sodann, durch Lebenseinflüsse (also pathognomisch) vielfach modifiziert, zur vollen Reife sich entwickelt, und zuletzt als Greisenhand wieder einwelkt und knochig hervortretend schon fast die Skeletthand andeutet, welche nun nach erloschenem Leben oft noch Jahrhunderte übrigbleiben kann, ein Skelettgebilde, welches dann freilich nicht in gleichem Maße wie der Schädel die größern Fragen der Symbolik lösen wird, indem auch hierin die Hand mehr mit dem Antlitz Schritt hält und stets die ganze volle Existenz fordert, wenn sie in ihrer rechten, tiefen Bedeutung erscheinen soll.

Noch eine wichtige und merkwürdige, leider aber noch gar nicht hinreichend studierte Verschiedenheit der Handformen wird endlich gegeben durch die Verschiedenheit der vier großen Menschheitsstämme. Am auffallendsten, und auch am deutlichsten erkannt, ist in dieser Beziehung der Gegensatz zwischen den Händen der Tag- und der Nachtvölker, welche letztere nicht nur durch die der feinen Sensibilität des Hautorgans Eintrag tuenden Ablagerung von Kohle in den Zellen der sogenannten Malpighiischen Hautschicht, sondern auch durch den schmalen, schwächern, offenbar (wenn auch entfernt) etwas an die Affenhand erinnernden Skelettbau von derjenigen Handform sich unterscheidet, der alle unsere frühern Schilderungen galten. Über die Handbildung der östlichen und westlichen Dämmerungsvölker haben wir noch gar zu wenig Beobachtungen, um ein bestimmteres Urteil über dieselbe abzugeben, indes ganz im allgemeinen möchte es sich rechtfertigen lassen, wenn man es ausspräche, daß den erstern, d. i. den mongolischen und malayischen Völkerschaften, mehr die elementare, den letztern, d. i. den amerikanischen, mehr die motorische Hand eigen sei, während die feinern Formen der psychischen und sensibeln Hand bloß bei den Tagvölkern vorkommen und die Nachtvölker mehr den Übergang zur Affenhand zeigen. Nachdem somit nun ein Überblick gewonnen sein wird, von der außerordentlichen Variabilität der Handbildung überhaupt, werden wir nun übergehen zur:

III. Geschichte der Bedeutung einzelner verschiedener Formen der Hand für Konstitution, Temperament, psychische Anlage und Lebensführung

«Wir müssen hier sogleich und zuerst diejenigen Bedeutungen, welche wir die rein physiologischen nennen dürfen, voranstellen, es sind diejenigen, welche aus den Alters- und Geschlechtsverschiedenheiten unmittelbar sich ergeben. Ebenso nämlich, wie die im Erwachsenen bleibend gewordene Kindesstirn uns mit Recht auf ein mehr kindliches Gemüt schließen läßt, so wird die kleine, weiche, zarte Hand, welche auch noch im Erwachsenen an die Kindeshand erinnert, nie verfehlen, das sichere Anzeichen eines weichen, zarten Gemüts, nicht großer Geistesgaben und keiner bedeutenden Willenskraft abzugeben. Es ist teils die elementare, teils die sensible Hand, in welche diese bleibende Kindeshand gewöhnlich übergeht, und unter welche sie eingerechnet zu werden pflegt, obwohl sie doch noch eine besondere Modifikation beider darstellt und natürlich in ihrer Bedeutung vorzüglich dadurch bestimmt wird, ob sie mehr zu einer oder der andern sich neigt. Ebenso kann nun aber auch die Hand des Erwachsenen an die Greisenhand erinnern, indem sie knochig, mager und trocken wie diese erscheint, und es liegt dann nahe genug, daß sie auf eine Individualität des Menschen deuten wird, welche der gewöhnlichen des Greisenalters verwandt ist, d. h. daß sie Mangel an Gemütswärme und Phantasie, dagegen Vorherrschen eines kalten Verstandes und habsüchtigen Willens, sowie eine mehr asthenische, atrophische, sterile Konstitution und ein mehr melancholisch-psychisches Temperament anzeigt. Hände dieser Art, wenn sie dabei von sehr kräftigem Knochenbau sind, pflegen mehr in den Charakter der motorischen überzugehen, während ebendieselben, von feinerer und gestreckterer Bildung, eher den Übergang in die psychische Form wahrnehmen lassen.

Auf gleiche Weise werden die Verschiedenheiten des Geschlechts hier von großem Einflüsse sein. Die weibliche, zarte, weiche, kleinere, namentlich schmälere und vollere Hand, wenn sie am männlichen Körper vorkommt, wird entschieden allemal auf weniger echt männliche Konstitution und Seeleneigenschaft deuten, dagegen gewöhnlich eine Beimischung von weiblichem, ja weibischem Charakter ausdrücken. Furchtsamkeit, Empfindlichkeit, Schwäche des Willens, geringere Schärfe des Verstandes und eine mehr lymphatisch venöse Konstitution wird man daher in Männern mit solchen Händen gewöhnlich vorfinden. – Ebenso charakteristisch wird das umgekehrte Verhältnis sein, indem Frauen mit mehr männlich gebildeten Händen, Händen, an denen Größe, stärkerer Knochenbau, mehreres Vortreten der Gelenke, derbere Muskulatur und gröbere, festere Haut, ganz außerhalb des eigentlich weiblichen Charakters liegen, stets dadurch auch eine Individualität verraten werden, welche von der weiblichen sehr sich entfernt, vielmehr die schon oft erwähnte des Mannweibes (Virago) ist, in welchem stärkere Willenskraft und schärferer Verstand doch in der Regel keineswegs genügen, um das Unliebenswürdige der mangelnden Anmut und eigentlichen Weiblichkeit zu ersetzen. Auf die Betrachtung der Bedeutung dieser Verschiedenheiten, welche wir die ursprünglich physiologischen nennen könnten, lassen wir nun die derjenigen folgen, welche wir unter den persönlichen als die primitiven ansehen durften. Auf die obigen Schilderungen ihrer einzelnen Formen sofort uns beziehend, wenden wir uns daher sogleich zur Charakteristik der Persönlichkeiten oder psychischen Individualitäten, an welchen jene vier Formen vorkommen.

1. Die elementare Hand. Sie ist ein Zeichen für dasselbe, was wir durch die derben, ziemlich umfangreichen, aber wenig und roh modellierten Köpfe angedeutet fanden, d.h. das Charakteristische für den eigentlichen materiellen Kern des Volks, für das, was die Römer übrigens ganz achtungsvoll mit dem Namen des Plebs bezeichneten, nämlich für jene große Majorität von Menschen, welche den Boden zu bearbeiten, ihm die Nahrung abzugewinnen und die ersten massivsten Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen bestimmt sind. Die elementaren Hände in diesem Sinne geben jene Fäuste der Volksmassen, die ebenso wie sie die materiellsten Stützen, die eigentlichen Grundlagen der Volksexistenz überhaupt darstellen, und somit die Basis bilden, auf welcher alles Regiment ruht, auch wieder so oft Throne gestürzt und Regierungen umgeworfen haben, kurz! alle Festigkeit und Beharrlichkeit, aber auch alle Roheit der Völker, wird durch diese Handform repräsentiert. Ich muß hier die hübsche Stelle von D'Arpentigny wiederholen, welche ich bereits in der kleinen Schrift über die Hand angeführt habe.

»Aux mains élémentaires, en Europe, le labourage, le soin des étables et la longue suite des travaux grossiers auxquels suffisent les confuses lumières de l'instinct. A elles la guerre, entant, qu'il ne s'agit, que de prouesses personelles; à elles la colonisation, entant qu'il ne s'agit, que d'arroser machinalement de la sueur un sol étranger. Enfermées dans le monde matériel elles ne se rattachent guère à l'ensemble politique, que par l'élément physique. Les convictions se forment en elles dans une sphère inaccessible au raisonnement, et leurs vertus tiennent le plus souvent à des facultés négatives.«

Wie denn nun diese Handform schon morphologisch das Symbol des unentwickelten Zustandes dieser Gliedmaße ist (sie erinnert ja sogar einigermaßen an die früheste embryonische Form, wo zuerst die im Verhältnis der Handfläche so kleinen Finger hervortreten), so wird sie auch im Psychischen notwendig immer auf einen weniger entwickelten Zustand deuten und schwerfälligere Intelligenz, langsamere Entschließung und dumpfere Gefühlszustände anzeigen, während in der Beziehung des Psychischen auf das Leibliche sie das Vorherrschen des elementaren, zuweilen auch phlegmatischen Temperamentes, und das Charakteristische der böotischen, venösen, oft auch apathischen Konstitution bezeichnet, übrigens habe ich schon in der erwähnten frühern Schrift bemerklich gemacht, daß bei einer elementaren Hand, eben weil sie nicht einen verbildeten, sondern nur einen gewissen unausgebildeten Zustand des Organismus anzeigt, es stets weit eher möglich sein werde, daß ein solches Individuum unter günstigen Verhältnissen doch eine gewisse höhere Bildung sich erwerbe, als irgend es möglich bleibe, daß bei einer sensibeln Hand eine große Energie des Wollens, oder bei der motorischen eine große Zartheit des Empfindens auftritt. Im allgemeinen ist das, was wir mit einem Worte eine rohere Natur nennen und was allerdings oft genug auch in den höhern Schichten der Gesellschaft sich findet, recht eigentlich die Bedeutung für die elementare Hand, nur daß diese Roheit sich zuweilen ebenso hinter einer gewissen äußern Kultur verbergen wird wie die elementare Hand, wenn sie in höherm Maße gepflegt, verfeinert und durch keine schwere Arbeit verhärtet und entstellt ist, einen sehr viel andern Anblick gewährt als die des Tagelöhners oder des Bauern.

2. Die motorische Hand. Wenn man nach der frühern Darstellung das Eigentümliche ihrer Form begriffen hat und weiß, daß sie die eigentlich männliche Hand darstellt, so wird man zugleich das Wesen ihrer Bedeutung erfassen und verstehen, daß sie das Zeichen eines kräftigen Willens und der Anlage zu einer mit Kraft und Ausdauer geleiteten Tätigkeit darbieten muß. Ich kann hierüber nur wiederholen, was ich in dieser Beziehung früher schon in der kleinen Schrift über die Hand gesagt. Menschen dieser Art, heißt es dort, pflegen weniger feinfühlend und intelligent, als entschieden willenskräftig und stark zu erscheinen.. Der Charakter der alten Römer kann hier ein Vorbild abgeben, und was von Händen von Senatoren und Imperatoren auf plastischen Kunstwerken aus jener Zeit erhalten worden ist, trägt fast immer genau den motorischen Charakter. – D'Arpentigny sagt daher ganz scharfsinnig von den Römern, es sei ihnen in bezug auf irdische Macht das Christentum ebenso verderblich geworden als der Platonismus den Griechen. Es wird dies in folgenden Worten von ihm hübsch ausgesprochen. Quand leurs fortes mains qu'ils avaient si longtemps tenues appuyés sur la terre asservie, détournées enfin de leur spécialité, par le spiritualisme chrétien, voulurent se lever vers le ciel, aussitôt la terre leur échappa.

Kurz, es ist also das Zeichen der athletischen und arteriellen Konstitution, des cholerischen Temperaments und der intelligenten Kraft, welche, wenn das Glück gut ist, sich im Menschen und namentlich im Manne zuweilen ausprägt, ganz wesentlich in dieser Hand gegeben. Auch sie kommt in den verschiedensten Schichten der Gesellschaft vor und wird durch die besondere Art der Lebensführung, ihres festern Baues wegen, im allgemeinen weniger umgeändert als die drei übrigen Formen. Nur diejenige Abart derselben, welche als Übergang zur psychischen man mit dem Namen der philosophischen bezeichnet, wird durch schwere Anstrengung nach und nach verdorben und dann durch gröbere Form der elementaren, wenigstens in ihren Oberflächen, nähergebracht werden.

3. Die sensible Hand. Ebenso wie bei der vorigen, ergibt sich auch bei dieser, schon aus ihrer morphologischen Eigentümlichkeit, wie aus ihrer innern Beziehung zum weiblichen Geschlecht, sogleich die besondere seelische Bedeutung. Menschen mit Händen dieser Art werden hinsichtlich ihrer Konstitution die sensible, zuweilen auch die psychische oder die asthenische sowie die laszive vorherrschend verraten, ihr Temperament wird namentlich das saguinische bleiben, und hinsichtlich ihrer seelischen Eigentümlichkeit werden sie sich im allgemeinen mehr durch Gefühl, Phantasie und Witz als durch Geistesschärfe und Willensstärke auszeichnen. Ist die sensible Hand etwas fester organisiert, dergestalt, daß sie einen feinen Übergang zur motorischen oder psychischen andeutet, so wird sie namentlich das werden, was D'Arpentigny mit dem Namen der artistischen Hand belegte, und was im hohen Grade die Anlage zum Künstler und Poeten anzudeuten pflegt, und zwar so, daß im allgemeinen zu sagen ist, der bildende Künstler und Musiker werde mehr durch die Hinneigung der sensibeln zur motorischen, der Dichter mehr durch die zur psychischen sich bezeichnet finden. – Eine richtige Bemerkung des französischen Chirognomen ist es daher auch, daß die feurigen, mehr zu Kunst und Poesie aufgelegten Nationen Europas, namentlich Italiener und zum Teil auch Franzosen, durch häufiges Vorkommen dieser Handform ebenso sich auszeichnen, wie oben erwähnt wurde, daß die nördlichen Völker dagegen im ganzen mehr durch Vorwiegen der motorischen Hand charakterisiert sind. Von den Franzosen sagt D'Arpentigny: »nos armées sont pleines de mains artistiques de tout genre; elles leur dérivent le caractère de mobilité avantoureuse, insouciante, pittoresque, cet élan fulgurent et primesautier, qui les distinguent – elles s'accommodent de tout et sont propres à tout. – On les enlève par la parole!« – Ein Charakter des Tasso, nämlich so wie ihn Goethe schildert, würde ohne solche Hände gar nicht zu denken sein.

Die sensible Hand in ihrer vollen und feinern Ausbildung wird sich meistens nur in den höhern Schichten der Gesellschaft und unter einer vollkommnern Pflege entwickeln. Die Anlage zu derselben hingegen, und zuweilen wohl auch ihre reinere Ausbildung, wird sich in den untern Klassen der nördlichen Länder gewöhnlich nur unter Frauen bemerken lassen.

4. Die psychische Hand. Wenn aus der Schilderung ihrer morphologischen Eigentümlichkeit und der Erkenntnis ihrer vollkommensten Gegensetzung gegen die Kindeshand schon hervorging, daß sie die vollendetste und höchste aller Handformen ist, so wird, eben weil die Hand an sich ein so hohes Geistesorgan darstellt, daß wir sie zunächst nach Schädel und Antlitz in dieser Beziehung ordnen durften, daraus auch unbedingt folgen, daß diese Handform nur bei einer bedeutendem Individualität vorkommen kann. Wer aufmerksam im Leben um sich blickt und die Handbildung vieler Personen vergleicht, wird dafür die merkwürdigsten Erfahrungen zu sammeln imstande sein. Das, was wir unter dem Ausdrucke: »eine schöne Seele« verstehen und wodurch wir eine eigentümliche Reinheit und innere Großartigkeit der Fühlung im Gemüte und der einfachen Klarheit im Erkennen und Wollen zu bezeichnen pflegen, das findet sich, und zwar vielleicht sogar noch sicherer als durch ein schönes Gesicht, durch eine wirklich rein durchgebildete psychische Hand sehr bestimmt bezeichnet. Die Schilderung dieser Hände als Inbegriff der gesamten Individualität, wie sie D'Arpentigny gibt, ist so hübsch, daß auch hier ich sie aufzunehmen nicht unterlassen kann; er sagt: »Elles attachent, elles ajoutent aux œuvres du penseur – comme l'artiste à l'oeuvre de Fartisan – la beauté, l'idéalité; elles les dorent d'un rayon de soleil, elles les élèvent sur un piédestal, elles leur ouvrent la porte des cœurs; l'âme oubliée et laissée en arrière par les mains philosophiques est leur guide – la vérité dans l'amour et la sublimité leur but, et l'expansion leur moyen.« Dieser Typus ist sparsam verteilt und kommt im ganzen selten vor, wenn nicht schon durch mehrere Generationen eine edlere Geistesbildung stattfand; kommt sie im Volke vor, so charakterisiert sie oft Individualitäten, welche gerade durch diesen innern Beruf zu höherer, nun meist unerreichbar bleibender Wirksamkeit sich ungeschickt fühlen, die rohern Handarbeiten der untern Klassen auszuführen und dadurch eine unglückliche, oft verlorene Stellung erhalten. – D'Arpentigny hält Asien, in den Gegenden des kaukasischen Stammes, für das Land, welches die meisten psychischen Hände erzeugt, und fügt eine Erzählung von einem orientalischen Weibe aus den Zeiten der Kreuzzüge, nach Joinville, bei, welche das unbefangene Großartige eines solchen Charakters so schön darstellt, daß ich nicht umhin kann, auch diesen Zug hier zu wiederholen: »Während der Belagerung von Damaskus«, heißt es, »begegnete zwischen Stadt und Lager ein Geistlicher der Franken einem orientalischen Weibe, tragend ein Becken mit glühenden Kohlen und ein Gefäß mit klarem Wasser. ,Was willst du tun mit diesem Wasser in deinem Gefäße, und was mit der Glut dieser Kohlen?' fragte der Mönch. ›Ich trage sie', erwiderte das Weib, ,um mit der Glut zu verbrennen das Paradies, und mit dem Wasser zu verlöschen die Flammen der Hölle, damit die Menschen künftighin Gott lieben und dienen mögen nur und ausschließend um der Liebe willen.‹ Das Herz Ludwigs des Heiligen ward dermaßen erfreut von dieser ihm hinterbrachten Antwort, daß er in hohem Eifer die erhabene Frömmigkeit lobte, welche ihr diese Antwort eingegeben hatte.« – Unter den europäischen Ländern billigt D'Arpentigny Deutschland eine besondere Häufigkeit psychischer Hände zu, England möchte indes ihm darin, namentlich unter den Frauen höherer Stände, vielleicht noch voranstehen. –

Hat man sich nun in dieser Weise die Bedeutung der vier wesentlichen Handformen deutlich gemacht, so wird es gegenwärtig nicht schwerfallen, auch teils die Übergangsformen aus einer in die andere, teils die Modifikationen, welche eine jede derselben nach Geschlechts- und Altersverschiedenheiten erhält, ihrer Bedeutung nach richtig zu verstehen. Wie die Beimischung des psychischen Elementes die motorische Hand veredelt und ihr diejenige Gestalt gibt, welche man, wegen ihrer Symbolik für einen kräftigen, denkenden Geist, die philosophische nannte, ist oben bereits ebenso wie die künstlerische Bedeutung der durch starke, weiche Fingerkuppen an der motorischen hervortretenden Annäherung zur sensibeln Hand erwähnt worden. In gleicher Weise begreift man, daß die Verbindung elementarer Formen sowohl die sensible als die motorische Hand in ihrer Bedeutung beträchtlich herabziehen müsse, und es versteht sich, daß ebenso die besondern Alters- und Geschlechtsformen jene vier primitiven Arten abändern werden, je nachdem sie sich mit ihnen verbinden. Denke man sich z. B. einen Mann mit der weiblich-psychischen Hand oder eine Frau mit der männlich-psychischen, und in beiden Fällen wird der großen und schönen Bedeutung der psychischen Hand an sich viel entzogen werden, indem bei ersterem sicher nicht jene Großartigkeit und entschiedene Klarheit im Charakter des Mannes hervortreten wird, auf welche die diesem Geschlechte eigne psychische Hand eigentlich deutet, während im letztern die Frau zu sehr zugleich den Ausdruck männlichen Charakters erhält, als daß die volle Schönheit der Seele, wie sie der weiblichen eignet, wirklich hervortreten könnte.

Ganz in gleicher Weise werden die Charaktere der Altersverschiedenheiten wesentliche Modifikationen jener Urformen erscheinen lassen. Die sensible Hand mit der Gestalt der kindlichen gepaart wird ein weicheres Gemüt anzeigen, als wenn sie durch Magerkeit und Hervortreten der Sehnen zugleich den Charakter der Greisenhand annimmt, und wenn die elementare Hand durch den Ausdruck der Kindeshand in ihrer rohern Form eher etwas gemildert erscheint, so wird ebendieselbe dagegen, sobald sie trocken und hart und knöchern wie die des hohen Alters sich darstellt, gewöhnlich um so widerwärtiger und um so mehr von gemeiner Bedeutung für den Charakter des Individuums sein. – Man wird jetzt erkennen, wie demnach schon in diesen mannigfaltigen Kombinationen der Grundformen der Hand in Wahrheit ein außerordentlich weites Feld für die Bezeichnung verschiedenartiger Persönlichkeit gegeben ist; indes selbst hiermit ist es noch nicht genug, da durch besondere Modifikationen auch der einzelnen Teile der Hand, namentlich durch die verschiedene Beschaffenheit der Handfläche sowie durch das verschiedene Verhältnis der einzelnen Finger diese Mannigfaltigkeit der Formen und mit ihr deren verschiedene Bedeutung ganz ins Unendliche gesteigert werden kann. Also:

IV. Von den einzelnen Teilen der Hand und deren besonderer Bedeutung

Billig verweilen wir hier zuerst bei der Handfläche, bei ihr, aus welcher man in den dunkeln Zeiten der alten Chiromantie die gesamte Beschaffenheit und die sämtlichen Schicksale des Menschen herauszudeuten und zu entziffern versuchte, und deren sonderbar verschränkte und allerdings in jedem Menschen anders gezogene Linien und Schwellungen einer lebhaften Phantasie freilich einen weiten Spielraum gewähren. – Mehr als historischen Rückblick, denn als wirkliche symbolische Förderung, will ich zuvörderst einiger der Punkte gedenken, welche die Chiromantiker des Mittelalters hier als besonders wichtig hervorheben. Das erste war ihnen natürlich auch in der Hand, wie in so viel andern Dingen, die Beziehung auf die sogenannten sieben Planeten. So wie die Finger dergestalt an diese überirdischen Mächte verteilt waren, daß der Daumen der Venus, der Zeigefinger dem Jupiter, der Mittelfinger dem Saturn; der Ringfinger der Sonne und der kleine Finger dem Merkur gewidmet waren, so auch deren Ballen, während die beiden noch übrigen Planeten dergestalt in den Rest der Bildung sich teilten, daß dem Monde der dem Daumenballen gegenüber stehende unter dem kleinen Finger und dem Mars die Hohlhand zufiel. – Wie die Linien der Hand bezeichnet wurden, wird nachstehendes Schema (Fig. 15) am besten übersichtlich darstellen. a war die vitalis oder Lebenslinie, b die martialis, die des Mars, c war die naturalis, auch Kopflinie genannt, d die Tisch- oder Gedärmlinie, e der Venusgürtel, f die Glückslinie, g die hepatica oder Magenlinie, h die Milchstraße, i waren die Heiratslinien, k l m hießen Rasceta, Restricta und Discriminalis (Abschnitte gegen den Vorderarm und Handwurzel), endlich n, welche gegen den Ringfinger hinauflief, hieß die Ehrenlinie.

Aus den verschiedenen Verhältnissen dieser Linien also wurden nun die Anlagen und Schicksale des Menschen herausgelesen, und wenn von alledem entweder gar nichts oder einiges durch Zufall oder nur durch eine magnetische Clairvoyance des Propheten eintraf, so hinderte das doch nicht, Jahrhunderte hindurch an Prophezeiungen dieser Art zu glauben. Es bedarf nun keiner Gegenrede, um darzutun, daß unsere physiologische Symbolik auf Deutung dieser Linien in solchem Sinne keineswegs eingehen kann, allein es fragt sich doch, da nichts am Organismus ganz ohne Bedeutung ist, welche Beziehung wird man ihnen denn wirklich beilegen können? Hierüber nun soviel. Die Faltungslinien der Hand (denn Reste oder Produkte wahrer Falten sind es, wie man sich leicht überzeugen kann) entstehen durchaus auf gleiche Weise, wie die Falten des Antlitzes in spätern Jahren als pathognomische Zeichen, d. h. als Spuren der am meisten geübten Bewegungen der Hohlhand. c und d werden durch Faltung beim Schließen der Hand, a und b besonders durch Anziehen des Daumens gegen die Hohlhand gebildet, e i gehen ebenfalls durch Schließung, f g h n durch seitliches Zusammendrücken der Hand und k l m durch Beugung des Handgelenks gegen den Vorderarm hervor. Es folgt hieraus, daß, je mehr diese Bewegungen geübt werden und je trockner, mehr zum bleibenden Einbuge geeignet die Handfläche ist, um so stärker werden diese Falten sich zeigen. Insofern nun übrigens diese verschiedenen Bewegungen an und für sich durchaus keine besondere physiognomische Bedeutung haben können, so ergibt sich auch, daß den einzelnen Falten, als Resten dieser Bewegung, ebensowenig eine besondere Bedeutung zukommen kann, und daß sie daher eigentlich nur insofern nicht ganz ohne Interesse sind, als sie die vollere, weichere und gesündere, ebenso wie die magere, trocknere und krankhaftere Beschaffenheit der Haut eines so wichtigen motorischen und Gefühlsorgans verraten, dadurch also auf die Verschiedenheiten der Konstitutionen und Temperamente allerdings manchen wichtigen Schluß erlauben. – Ein frisches, feines und gerötetes Ansehen dieser Linien wird z. B. entschieden auf eine gesündere, mehr arterielle und sensible Konstitution und sanguinisches Temperament, ein bleiches, gelbliches, rauheres Ansehen derselben dagegen mehr auf eine kränkliche atrabilarische, lymphatische, atrophische Konstitution und auf ein phlegmatisches oder melancholisches Temperament schließen lassen. Selbst ob diese Linien einfach und rein gezogen oder ob sie vielfach zerrissen sind und die Handfläche durch eine Menge kraus durcheinandergehender Furchen verunstaltet ist, kann nicht ohne Bedeutung bleiben, denn ebenso wie ersteres auf eine reine und klare Bildung im allgemeinen entschieden deutet, wird letzteres etwas Unklares, Gebrochenes im ganzen anzeigen. Um dies deutlicher zu zeigen und überhaupt den großen Unterschied der Handformen nach verschiedenen Individualitäten anschaulich zu machen, gebe ich hier die verkleinerten Abbildungen der Hand: 1. eines der in jeder Beziehung liebenswürdigen zwölfjährigen Mädchens (Fig. 16), 2. einer gegen vierzig Jahr alten, feingebildeten, sehr geistreichen, aber in höhern Beziehungen oft auch sehr konfusen Frau (Fig. 17), und 3. eines ganz gemeinen, späterhin wahnsinnigen und als Schwindsüchtige gestorbenen Weibes (Fig. 18).

Der außerordentlich markierte Unterschied wird hier jedem unmittelbar faßlich sein. (Alle drei sind Abbildungen der rechten Hand, nur 16 und 17 waren im Originale durch Abdruck erhalten, weshalb sie verkehrt erscheinen.)

Mit dem Verhältnis der Falten- oder Furchenbildung in der Handfläche steht sonach die Eigentümlichkeit dieser Fläche überhaupt in genauestem Zusammenhange, und so wird daher auch hier die reingefärbte, weiche, aufgelockerte, empfindliche, warme, feuchte Handfläche auf Jugend, Gesundheit, feinere Sensibilität, raschere Vegetation und Fruchtbarkeit deuten. Schon der große Dichter, dem keine menschliche Regung und Bedeutung entgangen ist, läßt Othello von der Hand der Desdemona sagen:

»Diese Hand ist warm,
Dies deutet Fruchtbarkeit, freigeb'gen Sinn,
Heiß, heiß und feucht! Solch einer Hand geziemt
Abtötung von der Welt, Gebet und Fasten,
Viel Selbstkasteiung, Andacht, fromm geübt.«

Dagegen werden in Trockenheit, Magerkeit, rauherer Hautbildung, Kälte und Unempfindlichkeit gerade die entgegengesetzten Charaktere sich aussprechen. Diese letzteren Hände sind es daher auch besonders, welche unter anstrengender Arbeit sehr schnell sich ganz verhärten, und wenn eine feine Haut leicht von Anstrengung wund wird, so bedeckt sich die gröbere alsdann bald mit wirklichem Horn, und D'Arpentigny bemerkt daher schon: »Le cal de la main, presque toujours, jette une ombre sur l'esprit.«

Überlegt man also nochmals die große Bedeutsamkeit der gesamten innern Hand, so muß es allerdings ein merkwürdiges Objekt des symbolischen Forschers werden, viele Handformen in dieser Beziehung zu vergleichen und auf irgendeine, Weise auch zur Vergleichung zu fixieren, weshalb ich denn hier noch der Verfahren gedenken will, welche angewendet werden können, um Sammlungen von Handformen ebenso anzulegen, wie man Schädel- und Antlitzformen in Gipsabgüssen verewigt. Das erste und sehr einfache, wodurch namentlich alle Feinheiten der Zeichnung der Handfläche sehr gut erhalten werden können, ist dasselbe, was man in China anwendet, um dem Eigentümer eines Reisepasses es unmöglich zu machen, seinen Paß zu verwechseln; es besteht bloß in einem Abdrucke der mit feiner Ölfarbe sehr dünn überzogenen innern Hand auf zartes, feuchtes Papier. Diese Abdrücke gewähren ein sehr vollständiges Bild der Individualität der Hand, und eine von vielen, sehr verschiedenen Personen entnommene Sammlung würde zu interessanten Vergleichungen veranlassen. Das andere ist die Abformung der ganzen Hand in Gips, welche wieder den Vorteil gewährt, die Muskulatur und den Knochenbau vollständiger zu konservieren. – Jedenfalls würden große Sammlungen beiderlei Art sehr zu wünschen sein und der Symbolik zu großem Vorteil gereichen.

So bliebe uns jetzt nur noch übrig, von der Bedeutung der einzelnen Finger schließlich das Wichtigste zusammenzufassen. Der merkwürdigste und bedeutungsvollste in dieser Beziehung ist jedenfalls der Daumen, er, von dem D'Arpentigny mit Recht sagt: »Panimal superieur est dans la main, l'homme est dans le pouce«, denn in Wahrheit! wie unvollkommen ist selbst noch der Daumen des Affen gegen die Bildung des menschlichen, welcher durch die Kraft seiner Gegenstellung und die Feinheiten seiner Bewegung dem Menschen so unzählige Kunstleistungen fast allein möglich macht. – Schon in den alten angelsächsischen Gesetzen wurde daher die Verstümmelung des Daumens mit 20 Schilling Strafe gebüßt, während die des Mittelfingers nur 4 Schilling gerechnet wurde; auch sein Name selbst, hergeleitet von »Duomen« oder »Doumen« (Domare, zwingen), bestätigt seine bedeutungsvolle herrschende Eigentümlichkeit.Verschiedenes hierüber und über die andern Finger s. w. noch in M. G. Grießbach, Abhandlung von den Fingern, Leipzig, 1756, und Th. Echtermayer, Proben aus einer Abhandlung über Namen und symbolische Bedeutung der Finger, Halle 1835. Bedenken wir demnach, daß der Daumen gleichsam den letzten, nur erst im Menschen sich vollendeten Finger darstellt, so kann ihm eine gewisse psychische Bedeutung nicht fehlen, und ebenso gewiß wird ein starker und verhältnismäßig großer Daumen eine bedeutende und besonders kräftige Individualität anzeigen, als ein kleiner, zarter oder gar verkümmerter eine schwächere oder dürftige. Daß die motorische Hand deshalb den größten Daumen haben müsse, ist schon oben so bezeichnet worden. D'Arpentigny macht übrigens noch einen Unterschied, den die Erfahrung wohl nicht selten bestätigt; er sagt nämlich, die untere Phalanx desselben deute auf Erkenntnis und Urteil, die obere auf Erfindung und Entscheidung. Mit dem letztern könnte es dann in Verbindung gestellt werden, daß die Bewegung (Erhebung oder Niederschlagen) des obern Daumengliedes wirklich nicht selten als Entscheidung bewußt wurde; so z. B. vom römischen Volk, wenn es im Zirkus durch diese Bewegungen die Tötung oder Schonung der Gladiatoren bestimmte. So sagt der französische Chirognom denn auch ferner, daß in der Vendee ein großer Daumen als Anlage zum Schwarzkünstler betrachtet werde, jedenfalls aber eine Hartnäckigkeit des Charakters verkünde. Leute mit kleinem Daumen würden durch ihr Herz, die mit großem durch ihren Kopf regiert, der erstere sei duldend, der andere ausschließend. So bezeichnet er auch den Ballen des Daumens (Mons Veneris der alten Chiromantie) als Ausdruck des überlegten Willens, und, da dieser Ballen hauptsächlich durch die den Daumen regierenden Muskeln gebildet wird, so kann eine besondere Stärke desselben allerdings auch nur bei sehr großen Daumen und folglich energischen Naturen vorkommen. Es kommt auf diese Weise sogar die obenerwähnte sogenannte Lebenslinie einigermaßen zu Ehren, denn da nur bei sehr kräftigen, stark aus der Handfläche vortretenden Ballen diese Grenzlinie ebenfalls stark und tiefgezeichnet erscheinen kann, so wird dann auch sie hierdurch gewissermaßen mit zum Symbol eines kräftigern Lebens.

Was die übrigen Finger betrifft, so sind sie mehr in den Begriff der Hand überhaupt eingeschlossen und treten individuell und einzeln weniger scharf hervor. Schon bei Porta heißt es: »breves et tenues digitos stultum demonstrare dixit Albertus« (nach Albertus bezeichnen kurze und dünne Finger den Dummen), und wie sehr dies, eben als Annäherung zum kleinen Kinde und Affen, mit den obigen Schilderungen der elementaren Hand zusammenstimmt, ist leicht abzusehen. Ebenso kommt bei ihm schon die Anerkennung der psychischen Hand mit der eigentümlichen Bildung ihrer Finger sehr deutlich vor, indem er vom Aristoteles anführt, daß dann, wenn er den trefflichen Mann schildere, er ihm längliche Handflächen und längere, fein auslaufende Finger beilege (»tribuit ei longas palmas longosque digitos declinantes ad subtilitatem«). Daß sehr lange Finger oftmals die Kürze des Lebens ankündigen, führt er außerdem nach Plinius und Aristoteles an, und allerdings rechtfertigt sich dies einigermaßen dadurch, daß dieser Bau gerade bei schwindsüchtigem Habitus am meisten gefunden wird. – Untersucht man die Fingerbildung nach physiologischen Rücksichten, so wird ihre Gelenkbildung und die Art ihrer Endigung in der Fingerspitze stets am meisten ihre psychische Bedeutung verraten. Stark hervorgehobene Gelenkhöcker werden immer ein entschiedenes Vorherrschen des motorischen Elementes ausdrücken und die Hand wesentlich als Ergreifungsorgan darstellen. Eine solche Bildung deutet dann auf Vorherrschen von Wille und Verstand über Gemüt, und verbindet sie sich noch mit Trockenheit und Magerkeit, so wird gewöhnlich dadurch Härte und Geiz charakterisiert. D'Arpentigny sagt daher nicht mit Unrecht: »Die Menschen werden um so mehr geordnet, um so weniger gläubig und um so mehr logisch, je deutlicher die Gelenkköpfe ihrer Finger in den Umrissen sich herauszeichnen.« Was die Endigungen der Finger betrifft, so ist die einfachste die abgerundet viereckige. Sie bezeichnet die elementare und motorische Hand und erhält dadurch ihre Bedeutung. Ein andere ist die abgerundet konische; sie ist die zarteste und gehört wesentlich der seelischen Hand an. Gleichsam durch ein tiefes Vorgefühl findet man denn auch bei den verschiedensten Völkern die Hände der Engel und Heiligen, und auf den altgriechischen Kunstwerken die der Götter, durch Finger dieser Art bezeichnet. Freilich, wie die Extreme gern sich berühren, sehen wir dann auch Hände böser satanischer Dämonen ebenfalls mit langgestreckten spitzen Fingern abgebildet, allerdings dann jedoch roh und knochig gebaut und mit langen Nägeln als Krallen bewaffnet. – Die dritte Endigung ist die sanft angeschwollene, rundliche, sie bezeichnet stets das Vorwalten des sinnlichen Elements und gehört, wie schon bemerkt wurde, wesentlich der sensibeln Hand an; der Fingernagel, welcher bei der vorigen Form ebenfalls sehr gestreckt zu sein pflegt, wird hier kurz, mehr breit und im ganzen kleiner, während auch er in der ersten Endigungsform größer und mehr quadratisch erscheint. Das stärkere Anschwellen der Fingerspitze gibt diejenige Form, welche D'Arpentigny: »Doigts en spatule« nennt, und die Bedeutung starker Sensibilität wird dann noch dadurch gesteigert. – Die alte Chiromantie wußte übrigens noch viel von den Fingernägeln zu erzählen, namentlich wurden den Flecken auf denselben sehr verschiedene Bedeutungen beigelegt, den weißen glückliche, den schwarzen und gelben unglückliche, und dergleichen mehr. Für uns geht aus ihrer Bildung oft nur ein besonderes Zeichen gewisser krankhafter Zustände hervor, wie denn namentlich Schwindsüchtige ganz auffallend durch, ihrer Länge nach, krumm gebogene Nägel charakterisiert zu sein pflegen. Kurz, nichts ist so klein und nichts so gering an der Hand, was nicht irgendein Gewicht werfen könnte in die Waage des symbolischen Forschers, und überblickt man nun nochmals im Geiste alle die mannigfaltigen Formen und Bedeutungen, welche an der Hand und durch die Hand sich erkennen lassen, so wird man gestehen, daß es nicht zuviel gesagt gewesen sei, wenn wir in physiognomischer Hinsicht die Hand unmittelbar nach Schädelwölbung und Antlitzbildung ordnen!

Ehe ich nun die symbolischen Bedeutungen derselben ganz verlasse, ist noch der hier, wieder fast wie im Antlitz, obwohl auf ganz andere Weise, stark hervortretenden pathognomischen Beziehungen besondere Erwähnung zu tun. Daß die Lebensführung in der Hand sich großenteils sehr deutlich abspiegele, wer könnte dies leugnen! – Nicht wie im Gesicht freilich sind es Gemütsbewegungen und Leidenschaften, welche ihre Züge mit sehr leserlichen Lettern dort einzugraben pflegen, wohl aber dafür die materiellern, und doch auch wieder sehr auf das Geistige rückwirkenden Beschäftigungen, welche in der Hand mit großer Bestimmtheit sich verraten. Wie sehr weicht die Hand des tätigen Ackermanns ab von der des Maurers, Gerbers und Färbers, und diese wieder von der des Fischers und Schiffers, wie verschieden wird sich die Hand des Zimmermanns von der des Tischlers ausbilden, die der Nätherin von der der Wäscherin, und wie sehr werden alle diese Hände materieller Tätigkeit wieder sich unterscheiden lassen von den einer geistigen Tätigkeit dienenden Händen des Künstlers, des Schriftstellers, des Wundarztes und endlich alle diese wieder von denen der aristokratischen, nie eine Härte berührenden Dame! – Dabei ist keine Frage, daß die Entwickelung der feinern physiologischen Handformen, namentlich der sensibeln und psychischen, sehr gehindert und überhaupt verändert werden kann durch diese verschiedenen Arten von Lebensführungen. Gibt man Achtung auf die Hände des Volkes, so wird man gar nicht so selten hier, wie in den Gesichtern, Formen gewahr werden, welche entschieden die Anlage zu einer der höhern Bildungen ausdrücken, durch zeitige angestrengte mechanische Arbeiten aber und Not sich nur sehr unvollkommen entwickelt haben. – Jedenfalls hat also die Symbolik auch auf diese pathognomische Zeichensprache der Hand stark zu achten, wenn sie möglichst vollkommen alles das aus diesem wunderbaren Organ herauslesen will, was wirklich darin geschrieben steht. – Führt doch dergleichen dann noch immer weiter! Denn es versteht sich ja von selbst, daß z. B. nun auch die Handschriften, d. h. die einem jeden Lande eigentümlichen Züge der geschriebenen Symbole der Gedanken der Menschen, in ihrer individuellen Besonderheit zum größten Teile mit durch den Bau der Hand sich bestimmt finden werden und dadurch dann selbst ihre fernere Bedeutung für die Persönlichkeit erhalten. – Daß demnach die grobe elementare und die starke motorische Hand andere Züge schreiben werde als die fein sensible oder die edele psychische, ist ja von selbst klar und gibt den eigentlichen physiologischen und somit auch einzig wahren Grund für die Bedeutsamkeit des Sammelns von Autographen. Freilich sind auch hierbei viele weiter nicht hierhergehörigen Kautelen zu nehmen, und die Nivellierung neuerer Erziehung und Kultur wird ihnen bald auch die legte Bedeutung rauben. Alle Engländer z. B. schreiben ja fast schon wirklich nur ein und dieselbe Handschrift.

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