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Geheimnisvoll am lichten Tag

Carl Gustav Carus: Geheimnisvoll am lichten Tag - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGeheimnisvoll am lichten Tag
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorHans Kern
year1944
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080521
projectid5243b754
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Über die von selbst entstehenden ungewöhnlichen Zustände auf der Nachtseite des seelischen Lebens

Mit Unrecht nennt man den Zustand eines seelischen Individuums während seines Lebens vor der Geburt als Fruchtmensch (Homunculus) »Schlaf«; den wirklichen Schlaf nämlich finden wir nur im geborenen und dadurch zugleich in seiner ganzen Lebensform verwandelten Menschen, in dem Menschen, dessen Außenhüllen abgefallen, dessen Sinnesorgane der Außenwelt geöffnet sind, dessen Auge zum ersten Male das Licht erblickt hat und der eben daher und dadurch zuvor auch wirklich erwacht war. Jenes früheste embryonische Leben kennt noch gar nicht den Gegensatz des Wachens und Schlafens, die Idee des werdenden Geschöpfs ruht hier noch allein in der vollkommenen Indifferenz des Unbewußtseins, und es ist wirklich hier nur das göttliche Walten einer tief in sich verhüllten Natur, wodurch alles Sein und Werden dieser Periode so merkwürdig sich bestätigt. – Was nun die besondere Geschichte des eigentlichen Schlafs betrifft, so weist die vergleichende Morphologie nach, daß von den drei Hauptmassen des Gehirns in den niedern Tieren (Fischen) und ebenso auf den frühesten embryonischen Bildungsstufen des Menschen durchaus die mittlere (das Mittelhirn – die sogenannten Vierhügel) die bei weitem mächtigste und größte ist, weshalb wir, weil dieses Bildungsverhältnis eben nur da stattfindet, wo alles seelische Leben noch im Reiche des Unbewußtseins ruht, dasselbe mit Recht als den morphologischen Ausdruck dieser Stufe der Psyche betrachten und also eine bestimmte Beziehung dieses Mittelhirns zum Unbewußten anerkennen. – Es ist nun höchst merkwürdig, daß eben die Nerven des Lichtorgans, nämlich die Sehnerven, es sind, welche von diesem Mittelhirn entspringen, so daß denn gerade dieser höchste, dem Nervenleben in so mancher Beziehung verwandte Natureinfluß – das Licht – nur auf diesem Wege das Hirn trifft, gleichsam als sollte von hier aus nach und nach das unbewußte Seelenleben selbst erleuchtet, das Dunkel erhellt, der selbstbewußte Geist endlich erschlossen werden. – Und so darf man denn wirklich sagen, der naturgemäße Gang in der Entwickelung des geistigen Daseins des Menschen sei dieser: – das Licht erregt und erweckt das Auge, die Sehnerven leiten diese Erregung und Erweckung zum Hirn – das erste Erwachen erfolgt, und unter tausendfältiger Wiederholung dieser Lichterweckung reift nach und nach in der Seele das Bewußtsein des Geistes. – Gewiß! ein so tiefsinniges Verhältnis des Lichts zum Auge und des Auges zu der Hirnmasse, welche das Unbewußte der Psyche insbesondere repräsentiert, daß man sich dasselbe nicht vergegenwärtigen kann, ohne sofort die notwendige Beziehung des Auges zu den Zuständen von Schlaf und Wachen klarer zu erfassen und sogleich vollkommener zu verstehen, warum das Schließen des Auges erstes Zeichen und natürliche Bedingung sein muß des Schlafs, wie im Gegenteil das Offnen desselben das natürliche Zeichen und bedingende Moment des Wachseins. Was hingegen die Notwendigkeit des immer periodisch wiederkehrenden Schlafzustandes selbst betrifft, so würde allerdings dieselbe hieraus allein noch nicht vollständig sich erklären, und um auch diese zu begreifen, sehen wir daher noch zu andern Betrachtungen uns aufgefordert. Es lehrt uns aber hier die Physiologie, daß in jenem wunderbaren Apparate, den wir das Nervensystem nennen, in ihm, der die höhere Mitte und den eigentlichen geistigen Schwerpunkt unsers ganzen natürlichen Daseins enthält, und zwar namentlich eben in seinem Zentralorgan, dem Gehirn, eine eigentümliche Kraftäußerung unter steter Hinwirkung der Blutdurchströmung sich rastlos entwickelt, welche wir mit dem Namen der Innervation bezeichnen, eine Kraftäußerung, welche in zweifacher Richtung sich betätigt: zentripetal durch sensitive Strömungen von der Peripherie nach dem Gehirn, und zentrifugal durch motorische Strömungen gegen alles, was einer Spannung und Bewegung fähig ist, insbesondere also gegen das Muskelsystem – und eben in dem großen unausgesetzten Wechselspiele dieser Innervationsströmungen ist es nun, daß unser Leben überhaupt, insbesondere aber unser seelisches Leben, sich kundgibt. – Es beweist uns aber ferner jede Selbstbeobachtung und jeder Hinblick auf das Prekäre, Zeitliche, immer nur gewissermaßen an den Augenblick Gewiesene alles Lebens, daß auch die Erzeugung dieser höchsten aller Lebenswirkungen an sich nicht unerschöpflich sein könne, daß vielmehr das Leben selbst sie immerfort aufreiben müsse, daß jeder Sinnenreiz und jede Muskelzusammenziehung an ihr zehren werde, und daß also allemal, um so stärker die Energie des Lebens hervortritt, um so rascher das erzeugte Quantum der Innervation aufgebraucht werden müsse. – Schon hieraus wird sich demnach abnehmen lassen, daß ein unausgesetztes Wachsein mit seinem steten erhöhten vielseitigen Innervationsverbrauch für den Organismus schlechterdings eine Unmöglichkeit bleibe; eine periodische Wiederannäherung an jenen frühesten, vegetationskräftigsten, embryonischen Zustand, ein Umkehren dieses Wachens in den Schlaf wird somit unerläßlich, wir sehen, die Lebensströmung der Innervation fängt dann an, langsamer zu fließen, die Sinnesapperzeptionen werden schwächer, die Muskeln spannen sich ab, selbst der Blutlauf mildert seine Tätigkeit und nötigt die Lungen durch Anhäufung in deren Adern zu tiefen gähnenden Einatmungen, bis endlich so die Pforte des Lichts sich wieder schließt, durch welche das Unbewußte vorübergehend erleuchtet worden war – das Auge fällt zu, der Mensch schläft ein. – Von jezt an wird nun abermals Erzeugung der Innervation die Oberhand erhalten über ihren Verbrauch, die Lebensspannung hebt sich allmählich aufs neue, der Schlaf wird wieder aufhören Bedürfnis zu sein, und der erste einfallende Lichtstrahl des Morgens ist nun oft hinreichend, ein neues Erwachen zu setzen, womit dann sogleich wieder auch ein neuer Kreislauf des Lebens beginnt.

Denken wir jetzt zurück an die oben dargelegte Bedeutung des Unbewußten in der Welt, erinnern wir uns, daß jegliche Idee, indem sie eine höhere bewußte Stellung aufgibt und wieder eintaucht in das unendliche göttliche Reich des Unbewußten, sofort wieder auch mehr als integrierendes Glied jenes Naturganzen erscheint, lebendiger wieder von tausend Regungen und Strömungen desselben durchdrungen werden muß, welche großenteils schwiegen, solange eine schärfere geistige Individualität dieser sozusagen Verallgemeinerung entgegenwirkte, so liegt nun eigentlich das ganze Netzwerk des großen Planes vor uns, auf welchem unzählige ungewöhnliche und sonderbare Zustände der Nachtseite des Seelenlebens sich auferbauen können, und der Weg ist gebahnt zum Verständnis auch der meisten sogenannten Wunder des Mesmerismus. Wir werden sofort die merkwürdigsten jener Zustände einzeln betrachten.

Der erste und bekannteste derselben ist der gewöhnliche Traum, und an diesen schließen sich dann mehrere ungewöhnliche Traumformen, welche bis zum Traumwachen und prophetischen Schauen sich steigern. – Um zunächst den einfachen Traum hinreichend zu begreifen, muß man wissen, daß unser Vorstellungsleben in eigener und geheimer Weise an der Nervensubstanz und an der Modifikation ihrer Innervationsspannung haftet. Schon die gewöhnlichen Sinneserscheinungen beweisen uns dies. Das Bild der untergehenden Sonne haftet, auch wenn wir uns abwenden, noch lange an den feinen Umstimmungen der Netzhaut des Auges, und so haften die Gesichtsvorstellungen gleich allen andern noch weit länger an der Hirnsubstanz, denn wenn der als junges Kind Erblindete (wo die Hirnfibern noch rascher sich umbilden und erneuern) sehr bald die Fähigkeit verliert, sich als sehend zu träumen, so wird dagegen der erst spät Erblindete noch lange oder immerfort Träume von Gestalten und Farben behalten. – Die unendliche Menge von aufgenommenen und so im Hirn irgendwie zurückgehaltenen Vorstellungen bilden denn nun gewissermaßen das Ton- und Farbenklavier, welches teils willkürlich angeschlagen seine Bilder ins Bewußtsein bringt, teils unwillkürlich erregt seine regellosen Phantasmagorien aufführt. Für das letztere ist ein besonders wichtiges Moment die ununterbrochene, ganz dem Unbewußten und Unwillkürlichen angehörige Blutdurchströmung der Nervensubstanz des Hirns. Wie etwa nämlich ein stärkerer Blutandrang im Auge uns büßende Farbenbilder dort erweckt oder im Ohr Töne erklingen läßt, so erregt das kreisende Blut im Hirn fortwährend Züge von auftauchenden und untertauchenden Vorstellungen, welche wir recht gut von den willkürlich erweckten unterscheiden und oft besonders vor dem Einschlafen beobachten können, wo der unbewußt erregte Zug von Gedankenbildern gleichsam wie ein eigener, sich bewegender Hintergrund hinter den im Vordergrunde abblassenden Zeichnungen des bewußt Gedachten sich hervorhebt. – Eine wahre Zweiheit und ein Doppelleben von Gedanken haben wir also hier deutlichst in ihrer Wesenheit erkannt, und dieser Unterschied ist es, auf welchen wir dann bei den meisten ungewöhnlichen Zuständen der Nachtseite des Seelenlebens immerfort zurückblicken müssen, wenn uns die Geschichte dieser Vorgänge irgend deutlich werden soll. – Der gewöhnliche Traum namentlich, in all seiner Inkohärenz und Wunderlichkeit, kann nun sofort begriffen werden; wir sehen ein, warum jede Umstimmung unsers Blutlebens auch ihn modifiziert, warum bei dicker, dunstiger Atmosphäre und dadurch bedingtem stark gekohltem Blute wir trübe, dunkle, beängstigende Bilder erhalten, und umgekehrt heitere bei leichtem, ruhigem Blutlauf usw.– Was aber eben seine Regellosigkeit und Seltsamkeit betrifft, so entsteht sie notwendigerweise dadurch, daß ihr jene Konzentration fehlt auf das sich selbst erkennende Ich, und mit ihr jene Festigkeit des Ganges, welche nur von der Klarheit des Selbstbewußtseins diktiert werden kann. Wie indes unendliche Stufen sind, welche die Kräftigkeit des Geistes im Selbstbewußtsein des Wachens charakterisieren, so daß vom geringen Menschenverstande bis zum intelligenten Geist und endlich bis zum Genius eine lange Reihe verschiedener Individualitäten gezeichnet werden kann, so auch gibt es sehr verschiedene Grade der Regellosigkeit und der geregelten Höhe des Traums. Wir haben Träume, welche wirklich nichts sind als durchaus inkohärente Folgen roh zusammengewürfelter frauenhafter Vorstellungen, wir haben andere, in welchen ein Scheinbild des wachen Selbstbewußtseins des Geistes schon nach einer bestimmtem Ordnung die Vorstellungsreihen beherrscht, obwohl eben diesem Scheinbilde doch immer und durchaus alle höhere überlegte Produktivität und reinere Schärfe der Erkenntnis und des Urteils abgeht, und wir haben endlich noch andere, in denen dieses Scheinbild unsers Selbst eine Macht erhält, welche entweder dadurch sich zu erkennen gibt, daß sie auf eigene Weise selbst eine gewisse Beherrschung der Wechselwirkung mit der Außenwelt durch Sinn und Bewegung übernimmt, oder daß sie von jenem großen Verbände aller Natur- und Geisteswelt zu einem unendlichen Ganzen gewisse geheimnisvolle Anschauungen erfaßt, welche dann, soweit sie gegenwärtig bleiben, in die scharf individuelle Welt des wachen Geistes gleich einem Wunder hineinklingen, obwohl sie doch eigentlich und an und für sich nur eben das Allernatürlichste, d. h. das eben aus dem Ganzen der Natur unmittelbar Hervorgehende darstellen. Die drei Stufen des ungeregelten, des geregelten Traums und des Traumwachens welches dann, je nachdem es mehr handelnd oder mehr schauend wird, als Somnambulismus oder Clairvoyance erscheint, sind hiermit vollständig charakterisiert. Neben aller dieser Verschiedenheit tritt dann endlich auch insofern noch hinsichtlich ihrer schärfern oder weniger scharfen Abgrenzung vom wachen Zustande ein Unterschied hervor. – In der Regel sind alle höhern Stufen des Traumlebens schärfer vom Wachen geschieden als die niedern, so daß z. B. des gewöhlichen Traums der Erwachende wohl sich erinnerte, während dagegen der mit Hellsehen Schlafende, wenn er erwacht, durchaus nichts mehr weiß von dem, was er in diesem Schlafe sah oder tat, was denn auch ganz ebenso natürlich ist als etwa, daß die entwickelten Geschlechter in ihrem Baue sich scharf voneinander scheiden, während dieselben in frühester Kindheit oder gar im embryonischen Zustande noch kaum eine Sonderung ihrer Form zulassen.

Es versteht sich nun von selbst, daß diese verschiedenen Arten des Traums häufig selbst ineinander übergehen, und überdies in einer und derselben Person vielfältig abwechseln können. Namentlich merkwürdig, ist es, wie die einzelnen Formen des Traumwachens oft in ganz auffallender Weise mit dem einfachen ungeregelten oder geregelten Traume sich verbinden und so die mannigfaltigen prophetischen Träume erzeugen, deren Menge in der Geschichte der Menschheit selbst, von den biblischen und Homerischen Zeiten an, bis auf Cicero in seinem Buche »De divinatione«, bis zu Schuberts »Traumbuch« herab, und bis zu den Fällen, die fast in jeder Familie bei näherer Nachfrage gefunden werden, eine bald mehr, bald minder wichtige Rolle gespielt hat. Ja, wie die Begebenheiten und Zustände des Wachseins tausendfältig in die Traumwelt hinübergezogen werden, so kann es uns nun auch nicht wundernehmen, daß ebenso mitunter Bilder dieser prophetischen Traumwelt während des Wachens in der Seele auftauchen, und dann entweder, wenn sie das Wachsein selbst nicht wesentlich unterbrechen, als sogenannte Ahnungen nur in dunkeln Gefühlen sich zeigen (wie z. B. der spätere sächsische Oberhofprediger Geyer im Jahre 1642, als er Professor zu Leipzig war, bei der Beschießung der Schweden eine merkwürdige Errettung erfuhr, indem er früh beim Lesen der Bibel in seinem Studierzimmer plötzlich von seltsamer Angst befallen und aus seinem Zimmer vertrieben wurde, und kaum hatte er es verlassen, so schlug eine Kanonenkugel hinein und zerriß die Bibel nebst andern Büchern), oder, indem sie mit kurzen absorbierten Zuständen (Verzückungen) sich verbinden, und so dem Geiste prophetische Bilder vorführen, welche dem erwachten Geiste bald in der Wirklichkeit sich bestätigen (wovon die Geschichten des später ausführlicher zu betrachtenden zweiten Gesichts in Schottland viele merkwürdige Beispiele bewahren). – Ebenso tritt dann auch der Somnambulismus in seltsamer Weise und ganz ohne alle Einwirkung von außen, bei krankhaften Verstimmungen des Nervenlebens, insbesondere häufig während krankhafter Entwicklungsvorgänge, entweder in den natürlichen Schlaf hinein oder wechselt plötzlich, mitten im gewöhnlichen Tagesleben, mit dem eigentlichen Wachen ab, setzt auch wohl dann ziemlich die alltägliche Tätigkeit des Menschen durch eine Reihe von Stunden hindurch fort, und dies zwar entweder ohne alle oder nur mit geringen Spuren irgendeiner Clairvoyance, wobei dagegen stets eine scharfe Trennung dieses Traumwachens vom gewöhnlichen Wachen insofern vorhanden zu sein pflegt, als der oder die Kranke durchaus nicht mehr aller der Dinge sich erinnern, die sie eben kurz vorher im Traumwachen gesagt oder getan haben. – Bei halberwachsenen Kindern ist letztere Art des Somnambulismus eine sehr häufige Erscheinung, auch ohne daß sie stets mit sonstigen irgend auffallenden Krankheitssymptomen verbunden sein müßte, allein auch unter Erwachsenen kommt sie vor, und ich zähle noch jetzt eine feine gebildete Frau, Gemahlin eines würdigen Gelehrten, unter meinen Kranken, welche seit einer Reihe von Jahren, infolge langer nächtlicher Schlaflosigkeit, öfters plötzlich im Sitzen, Stehen –¦ ja im Gehen einschläft, die Augen schließt, mit sehr erhöhtem Gefühl der Fingerspitzen sich leicht orientiert, ihre häuslichen Geschäfte fortsetzt, spricht, schreibt, weibliche Arbeiten macht – doch nie imstande ist, Nahrung oder Getränk während dieses Zustandes zu sich zu nehmen, und wenn sie dann ebenso plötzlich erwacht, oder durch Einwirkung einer ihr homogenen Individualität erweckt wird, durchaus nichts von alledem weiß, was sie in dieser Zeit gemacht hatte. Häufiger ist es übrigens auch bei Erwachsenen, daß sich solches Traumwachen nur auf die Nachtzeit beschränkt, und hervorzuheben ist dann noch besonders, daß, wie die Sphäre der Fühlung und des seelischen Fernblicks bei der Clairvoyance oft weit über die gewöhnlichen Grenzen hinausgeht, so auch beim eigentlichen Somnambulismus die Leistung der Muskelkräfte oft bedeutend das alltägliche Maß übertrifft, indem man dergleichen Kranke Dächer ersteigen und sicher an Abgründen hingehen sah, wo sie im wachen Zustande sich durchaus nicht zu erhalten vermocht hätten. – Erfahrungen dieser Art sind hier und da Veranlassung gewesen – um dies beiläufig noch zu bemerken –, daß man überhaupt von einer größern Höhe des geistigen Lebens während solcher nächtlichen Zustände gesprochen hat, als diejenige ist, welche irgend im Wachsein erreicht werden kann; eine Behauptung, die ich indes entschieden zurückweisen muß. Nicht nämlich, daß unser Kreis geistiger Fühlung weiter geht und daß unsere Bewegungen kräftiger und geschickter sind, gibt ja das Maß ab für die Höhe des geistigen Standpunkts, sondern daß die seelische Konzentration bedeutender ist, die Macht der geistigen Erkenntnis und Produktivität größer, dadurch unterscheidet sich der wahrhaft höhere Geist – der Genius –; stärkere und nach manchen Richtungen geschicktere Bewegungen vermag auch das Tier zu üben als der Mensch, und wie der Blick des Raubvogels weiter reicht als das menschliche Auge, so hat das Tier auch oft bei Vorahnung der Witterung und magnetischer Vorausbestimmung seiner Wanderzüge scheinbar den Vorzug vor dem Menschen; aber der leuchtende Gedanke des Genius reicht bei diesem weiter als alles andere, er setzt dem Auge des Raubvogels das Teleskop entgegen, wie der Kraft des Tieres die Riesenmacht der Dampfmaschine, und wie in diesen Dingen das Tier, ebenso überstrahlt er denn auch auf seiner wahren Höhe die Gefühlsmacht aller Ahnungsmenschen und die Erscheinungen wie die Visionen aller Somnambulen. Auch ist denn doch noch nie irgendeine große Förderung der Menschheit auf dem Wege der letzteren gewonnen worden!

Nachdem in dieser Weise deutlich geworden sein wird, wie eigentümlich, immer durch merkwürdige Verschiebung des Verhältnisses zwischen Bewußtem und Unbewußtem der Seele, sich die Zustände des Schlafs und Traums und Traumwachens mitunter gestalten können, ohne daß irgend etwas absichtlich geschehen wäre, um sie irgendwie durch künstliche Einwirkung von außen zu vermitteln und zu bedingen, so werden wir nun weiter zu betrachten haben, wie ganz Ähnliches wohl auch absichtlich, und zwar teils durch bestimmte Arzneistoffe, teils durch das hier jetzt ausführlicher zu schildernde mesmerische Verfahren, hervorgerufen werden könne.

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