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Geheimnisvoll am lichten Tag

Carl Gustav Carus: Geheimnisvoll am lichten Tag - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGeheimnisvoll am lichten Tag
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorHans Kern
year1944
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080521
projectid5243b754
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Der Lebensmagnetismus

Bekanntlich werden es jetzt bald hundert Jahre sein, daß der 1733 zu Weiler bei Konstanz geborene A. Messmer, nachdem er in Wien seine Promotionsschrift über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper herausgegeben hatte (im Jahre 1766), anfing, Versuche zu machen über die Heilkräfte des Bestreichens krankhaft affizierter Teile mittels verschiedenartig gestalteter Magnete, welche ihm der Astronom Max. Hell gefertigt hatte; ein Verfahren, welches er indes bald verließ und durch bloßes Magnetisieren mittels der Hände ersetzte. Ebenso bekannt und oft erzählt sind ferner die Verfolgungen, welche er erlitt, nachdem diese neue, doch auch von ihm durchaus noch nicht rein wissenschaftlich und offen genug betriebene Kurmethode vielfaches Aufsehen gemacht hatte, und in welchem großartigen Maßstabe dann diese seine Praxis sich fortsetze, seit er im Jahre 1777 in Paris auftrat, allwo ihm sogar von der Regierung eine bedeutende Leibrente angeboten wurde, wenn er sein Verfahren veröffentlichen würde, welche er jedoch ablehnte. Eine Kommission aus Männern wie Franklin, Jussieu und Lavoisier bestehend und zur Untersuchung seiner Kurmethode bestimmt, lehnte er dort gleichfalls ab, und die Stürme der Revolution endlich, welche so vieles vernichteten und so viel Neues schufen, leiteten auch da wieder die Aufmerksamkeit von ihm und vom Lebensmagnetismus ab, und der Entdecker einer der merkwürdigsten Erscheinungen beschloß zuletzt am Bodensee in der Schweiz sein Leben in völliger Zurückgezogenheit, aber im hohen Alter (im Jahre 1815).Das Beste über sein Leben hat J. Kerner gegeben unter dem Titel: »Franz Ant. Mesmer« (Frankf. a. M. 1856). Mesmer hat über seine Kuren nicht viel geschrieben,Die »Mémoires sur le découverte de magnétisme animal« sind darunter das Bedeutendste. allein noch in späten Jahren fanden sich einzelne Ärzte zu ihm, die aus seinen Erfahrungen Nutzbares sich aneigneten und verbreiteten. – Für Deutschland ist es nächst Wienholt und Gmelin namentlich K. Ch. Wolfart, der noch aus seinen mündlichen Mitteilungen vieles lernte, darüber schrieb»Mesmerismus oder System der Wechselwirkungen usw.«, herausgegeben von seinem einzigen unmittelbaren deutschen Schüler (Berlin 1814). und längere Zeit in Berlin eine größere magnetische Anstalt leitete, deren Einrichtung mir noch im Jahre 1817 aus Autopsie bekannt wurde, und worin allerdings der einfach treu wissenschaftliche Sinn, wodurch Dinge dieser Art allein gedeihen können, noch ebensowenig wie bei Mesmer im rechten Maße zu Hause war. Ihm folgten dann Brandis, Richter, Passavant, F. Hufeland, Kluge, Kieser, Ennemoser und andere nach, so daß denn diese Literatur gegenwärtig allerdings in Deutschland schon einen bedeutenden Umfang erreicht hat. Ebenso vertieften sich auch die Franzosen mehr und mehr in diese Gegenstände. Die Academie royale de médecine beschäftigte sich namentlich im dritten Dezennium dieses Jahrhunderts vielfältig mit der Untersuchung und Prüfung magnetischer Erscheinungen, welche man in einem eigenen Werke von FoissacRapports et discussions de l'Académie foy. d. méd. sur le magnétisme animal (Paris 1833). ausführlich nachlesen kann, allein zu wahrhaften und bedeutenden Resultaten ist es dabei im ganzen so wenig gekommen, daß man wohl sagen darf, die Magnetiseure des vorigen Jahrhunderts, unter welchen namentlich M. de Puységur sich auszeichnet, dessen Somnambulen durch ihre merkwürdigen Aussagen mitunter nicht geringes Aufsehen veranlaßten,Manches Merkwürdige dieser Art, namentlich über Aussagen von Somnambulen über gewisse Ereignisse der bevorstehenden Französischen Revolution, kann man in den Aufzeichnungen einer sehr aufrichtigen und unparteiischen Frau – in den »Mémoires de Madame la Baronne d'Oberkirch«, Bd. 1, nachsehen. haben hier bezüglich wirklich hervorgebrachter Heilwirkungen mehr Nutzen geleistet, als diese Angelegenheit aus jenen vielfältigen Diskussionen irgend hatte entnehmen können. – Englands Ärzte dagegen schienen anfänglich diesem Gegenstande weniger Aufmerksamkeit zu beweisen, welches dann von vielen Seiten als Beleg des kalten prüfenden Verstandes der Nation hinreichend gerühmt wurde; doch haben freilich späterhin dafür auch dort um so überschwenglichere und oft genug wahrhaft ins Übermaß gehende Verehrer des Magnetismus sich gefunden, von deren Wunderlichkeiten bei Dr. ElliotsonS. dessen Zeitschrift »The Zoist«. und Miß Martineau»Letters on Mesmerisme.« die sonderbarsten Proben nachgesehen werden können. Noch weniger ist in dieser Beziehung von italienischen Ärzten geschehen, während dagegen in Rußland, namentlich durch einen deutschen Leibarzt, Stoffregen, die Aufmerksamkeit vielfach dem Magnetismus zugewendet wurde und einst von dem Staatsminister Panin selbst in der Nähe von Moskau eine eigene Heilanstalt dieser Art eingerichtet und unterhalten worden ist.

Man wird zugeben müssen, daß ein Gegenstand wie die Mesmerische Kurmethode und die magnetischen Erscheinungen überhaupt, nachdem er beinahe ein Jahrhundert der Beobachtung, Beurteilung und Verfolgung einer großen Menge gebildeter und zum Teil gelehrter Personen vorgelegen hat, doch wohl reif geworden sein dürfte, um jetzt entweder als wahrhaft und bedeutend oder als trügerisch und verwerflich angesprochen zu werden; nichtsdestoweniger aber braucht man nur etwas sich umzutun, um sich zu überzeugen, daß die öffentliche Meinung über diese Angelegenheit noch schlechterdings zu keiner wahren Festigkeit gekommen ist und im Publikum wirklich noch kein stehendes Urteil in dieser Beziehung existiert. – Tut der Sache also irgend etwas not, so ist es namentlich eine hinreichend feste Entscheidung von dieser Seite! – Ist der Mesmerismus oder Lebensmagnetismus wirklich eine Macht und eine Wahrheit, so muß es dahin gebracht werden, daß fortan niemand, der überhaupt darauf Anspruch machen will zu den Gebildeten gezählt zu werden, sich unterfangen dürfe, den Ungläubigen vorzustellen oder sich zweifelhaft darüber auszusprechen, ebenso wie man jeden ohne weiteres für unwissend erklären würde, der sich unterfangen wollte, den Galvanismus als nicht existierend darzustellen, oder zu bezweifeln, daß die galvanische Strömung die magnetische Spannung im Eisen hervorrufe; und ist dagegen wirklich der Magnetismus überhaupt eine Lüge, so würde er als Gegenstand der Wissenschaft doch unbedingt aus der Reihe der Aufgaben für weitere Forschung gestrichen werden müssen. – Daß daher hier und von dieser Seite her die erste Anforderung an jeden, der eine neue Würdigung desselben unternimmt, gestellt sein müsse, wird man jetzt hinreichend verstehen, und ich hoffe denn auch, daß es möglich werden soll, dieser Anforderung wirklich und vollkommen zu genügen.

Anfangen müssen wir indes damit, uns deutlich zu machen, von welcher Art der Beglaubigung und Wahrheit hier überhaupt die Rede sein kann? – Wir haben nämlich bei allen Natur- und Geistesvorgängen zweierlei Wahrheiten zu unterscheiden, die eine, welche an Zahlen und Formen gemessen oder durch das physikalische Experiment bewiesen werden kann oder überhaupt im Geiste den mathematischen Beweis zuläßt, die andere, welche unmittelbar im Gefühl erkannt wird und gleichsam als Blüte der gesamten seelischen Anschauung hervortritt. Beide haben ihren eigentümlichen Bereich im geistigen Dasein, beide streiten zuweilen auch miteinander um die größere Höhe ihres Erkennens, und beide verhalten sich zueinander wie die Quadratur zum Zirkel. Wer von der einen Art der Wahrheit verlangt, daß sie durch die Mittel der andern bewiesen werden soll, beweist eigentlich, daß er selbst über beide nie ernstlich nachgedacht hat, und wird er im gelindesten Falle denen verglichen werden können, welche die Quadratur des Zirkels doch irgendeinmal durch fortgesetzte Anstrengungen zu entdecken hofften. – Viele der geringsten Wahrnehmungen und Entscheidungen der Seele gehören vor das Forum der zweiten Gattung – allein (wir dürfen es ungescheut aussprechen) auch alle die höchsten Aufgaben des Geistes, sie können nur auf jenem Wege erkannt werden, und es würde ebenso absurd sein für die Unterscheidung des Wohlgeschmacks der einen Speise gegen die andere, für das innere Entsetzen, was den einen als eine Wahrheit ergreift beim Anblick einer Maus und den andern bei dem einer Raupe oder Spinne u. dergl., einen mathematischen Beweis zu fordern, als es auf der andern Seite unmöglich ist, für alle höhere Liebe und Verehrung, und um es geradezu zu sagen, für die Erkenntnis der Gottheit selbst, eine algebraische Formel oder ein physikalisches Experiment als Zeugen der Wahrheit aufzurufen. Für diese letztere Art des Beweises darf die eigentliche mittlere Region des Erkennens, die Beurteilung der Formen, Substanzen und meßbaren Kräfte der äußern Natur, das wahre Feld der Wirksamkeit genannt werden, und freilich würde ebenso irrig verfahren, wer die Wahrheit der Zweckmäßigkeit einer Maschine bloß nach dem Gefühl beurteilen wollte, als der, welcher die Farbenwirkung eines Bildes nach einer mathematischen Formel bestimmen oder eine feinere und höhere Intelligenz von einer rohern und geringern bloß durch Zahl und Gewicht unterscheiden wollte.

Halten wir also diese Unterscheidung eines je nach den Gegenständen ganz verschiedenartigen Erkennens und Beurteilens fest, und sieht man ein, wie hier einem jeden notwendig sein Recht geschehen müsse und eine volle und unerschütterliche Wahrheit allerdings nach beiden Seiten hin liegen könne, so wird es nun auch nicht schwer sein, sich zu überzeugen, daß die Frage nach der Wahrhaftigkeit der verschiedenen magnetischen Zustände und der Wirksamkeit der mesmerischen Behandlung niemals auf dem Boden des physikalischen Experiments und der sogenannten exakten Wissenschaft, sondern stets auf dem der treuen unverfälschten und vielfach wiederholten Beobachtung und der klaren naturgemäßen Anschauung und Wissenschaft des Lebens entschieden werden könne, und dieser Weg ist es denn, den wir hier überall zu betreten und zu verfolgen gedenken.

Das Unerläßlichste und Erste ist es aber für jeden, der von den eigentümlichen und oft allerdings sehr sonderbaren Zuständen und Wirkungen des Mesmerismus einen deutlichen Begriff und zugleich die rechte Überzeugung erhalten will, daß er sich zuvor klar werde über alle ähnlichen Zustände, wie sie im Nerven- und Seelenleben des Menschen auch ohne alle magnetische oder mesmerische Einwirkung vorkommen, ja mitunter für ziemlich lange Zeit sich erhalten, und die Betrachtung derselben ist es sonach, welche hier zur ersten und wesentlichsten Aufgabe unserer Darstellung werden muß.

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