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Geheimnisvoll am lichten Tag

Carl Gustav Carus: Geheimnisvoll am lichten Tag - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGeheimnisvoll am lichten Tag
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorHans Kern
year1944
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080521
projectid5243b754
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Von der Verschiedenheit der Seelen der Menschen

Lassen wir heute unsre Aufmerksamkeit zuerst verweilen bei dem Gedanken an die unendliche Verschiedenartigkeit, welche die menschliche Natur überhaupt und insbesondre die Eigentümlichkeit der menschlichen Seele in Millionen von Individuen uns darbietet, und fragen wir sodann, auf welche Weise etwa, durch Unterordnung unter größere Abteilungen, diese Mannigfaltigkeit zu besserer Übersicht gebracht werden könne; so finden wir, daß in dieser Beziehung, außer der Aufstellung der bekannten sogenannten Temperamente, hierüber kaum andre bedeutende Versuche gemacht worden sind. Bei der Unterscheidung dieser Temperamente hatte man dabei jedoch ursprünglich mehr Rücksicht darauf genommen, mit welcher Eigentümlichkeit die Seele durch die Natur-Elemente im Schema der Organisation sich eben darlebt, als inwiefern, nach bereits dargebildeter Organisation, sie sich in eigentümlichen Richtungen empfindend, denkend und handelnd bewegt. Eben darum war auch der Unterschied der gewöhnlich angenommenen vier Temperamente wesentlich auf dem Unterschiede der Elemente selbst gegründet worden. Denn es bedarf kaum der nähern Bezeichnung, daß jenes Temperament, welches man das cholerische oder hitzige nannte, durch seine Verwandtschaft zum Elemente des Feuers, jenes, welches man das phlegmatische oder träge nannte, durch seine Verwandtschaft zum Elemente des Wassers, jenes, welches man das sanguinische oder reizbare genannt hat, durch seine Verwandtschaft zum Elemente der Luft, jenes endlich, welches man das melancholische genannt hat, durch seine Verwandtschaft zum Elemente der Erde bezeichnet sein sollte; obwohl die ältern Ärzte nicht gerade diese Elemente selbst, sondern gewisse besondre in dem einen oder andern herrschende Säfte, gleichsam als Repräsentanten jener Elemente, als ursächliches Verhältnis dieser Temperamente aufzuführen pflegten. – So gewiß es nun ist, daß die Verschiedenheit dieser Temperamente existiere, so wenig scheint es doch möglich, nach diesem Teilungsprinzipe eine naturgemäße Absondrung in der unendlichen Mannigfaltigkeit menschlicher psychischer Individualitäten zu machen. Denn ohngefähr ebenso, wie unter den Pflanzen, wenn man sie bloß, wie Linné tat, nach der Zahl der Staubfäden ordnet, oft die heterogensten Bildungen zusammenkommen, so würden freilich auch, bei der Sonderung der Menschen bloß nach Temperamenten, Naturen von grundwesentlicher Verschiedenheit nebeneinanderstehen, denn man würde etwa unter dem Melancholischen den finstern, mit der Menschheit zerfallenen Räuber, und den Dichter der schwermütigen Nachtgedanken, oder unter dem Sanguiniker eine tiefsinnige Natur, wie Tasso, mit dem flachsten Bilde eines eleganten Stutzers zusammengestellt erblicken. – Grund genug, um darzutun, daß das Temperament allein nicht genügen kann, um eine tiefer greifende Teilung menschlicher Naturen zu gewähren. Sehen wir uns aber nach andern Einteilungsgründen dieser Art um, so ist nicht zu verkennen, daß, soviel auch von jeher geschehen ist, um die Menschen nach Ländern, nach Herrschaften, nach Meinungen und Ständen abzuteilen, man von Versuchen zu innern Abteilungen der Menschheit nach tiefern psychologischen Beziehungen kaum hier und da eine Andeutung findet. Die einzigen Versuche fast, welche in dieser Beziehung (und abgesehen natürlich von den Teilungen der Menschen nach ihrer äußern Organisation in verschiedene Leien oder Rassen) von Zeit zu Zeit gemacht worden sind, beschränken sich auf Schilderung der Charaktere, eine Aufstellung, welche indes immer zu einer allgemeinern und tiefern psychologischen Einteilung sich verhalten würde, etwa wie einzelne Abbildungen und Beschreibungen naturhistorischer Gegenstände zu einem schön geteilten und geordneten botanischen oder zoologischen natürlichen Systeme. So besitzen wir denn z.B. bereits von einem Schüler des Aristoteles und Plato, von dem Theophrast von der Insel Lesbos, ein Werk, oder vielmehr die interessanten Bruchstücke eines Werks über die menschlichen Charaktere, in welchem gewisse Gattungen menschlicher Zustände und Eigentümlichkeiten mit gar trefflichem Scharfblicke geschildert sind, und ähnliche Schilderungen haben ferner im 17. Jahrhunderte der französische Staatsrat Carl Pascal und der englische Bischof Jos. Hall, sowie im 18. Jahrhundert Jean de la Bruyère mit Glück versucht; aber den Namen einer wahrhaften psychologischen Systematik der Verschiedenheit der Menschen würden wir doch allen diesen Versuchen keineswegs beilegen können. – Es scheint mir aber auch allerdings, daß eine Systematik dieser Art in unsern Tagen wohl weit eher als früherhin würde aufgestellt werden können: denn wenn wir bereits in den Propyläen dieser psychologischen Meditationen, und zwar da, wo von den Methoden der Psychologie überhaupt die Rede war, die Bemerkung machen mußten, daß für die Erscheinungen des innern Sinnes die richtige Erwägung der Erscheinungen des äußern Sinnes offenbar die beste Vorschule und der sicherste Prüfstein eines naturgemäßen Verfahrens sein werde; so wird daraus allerdings auch hervorgehen, daß, wenn man in der Angemessenheit der Methode, Erscheinungen der äußern Welt mehr im Sinne der Natur selbst zu ordnen, beträchtlich vorgeschritten ist (welches kein von der Lage dieser Angelegenheiten gehörig Unterrichteter zu mißkennen imstande ist), man, von diesen Fortschritten geleitet, wohl auch eine angemessenere Systematik über die verschiedenen psychischen Individualitäten zu entwerfen fähig sein werde; ein Unternehmen, wobei man wieder, um etwas wahrhaft Genügendes zu leisten, nur recht streng an die durch Entwickelungsgeschichte bezeichneten Stadien sich zu halten hätte. Sollte ich daher hier die Grundlinien einer solchen psychologischen Systematik selbst zu ziehen versuchen, so würde es mir scheinen, daß man am besten etwa auf folgende Weise verfahren könnte: Indem wir nämlich zuerst erkannt haben, daß Bewußtlosigkeit, Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein die verschiedenen wesentlichen Entwickelungsstufen der menschlichen Seele ausmachen, so würden wir in diesen drei Momenten, angemessen der genetischen Methode, auch zugleich die Einteilungsprinzipien für die verschiedene Individualität der menschlichen Seelen erhalten haben, und hieraus folgern, daß, je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern Stufe, sich nun auch die Individualität der unendlich verschiedenen, bereits auf ihre Weise ausgebildeten Menschenseelen in drei Hauptklassen werde teilen lassen, und zwar 1. in Menschen mit vorherrschendem, bewußtlosen Seelenleben, 2. in Menschen mit vorherrschendem Weltbewußtsein der Seele, und 3. in Menschen mit vorherrschend entwickeltem Selbstbewußtsein.

Versucht man jetzt, von diesem Standpunkte einen Überblick über die verschiedenen Eigentümlichkeiten des Seelenzustandes von bereits auf der Lebenshöhe sich befindenden Menschen zu nehmen, und zwar keineswegs etwa bloß, wie ein engerer Gesichtskreis sie uns darbietet, sondern wie wir überhaupt ihre Eigentümlichkeit zu erkennen vermögen, teils in den verschiedensten Nationen der ganzen weiten Erde, teils wie sie durch die Geschichte, als zu verschiedenen Zeiten seiend, uns geschildert wird; so scheint sich mir von hieraus ein höchst interessantes Feld zu psychologischen Forschungen zu eröffnen, welches sicher spätere Generationen um so eifriger bearbeiten werden, je mehr es von den frühern bisher vernachlässigt worden ist. – Ich kann natürlich hier über einen so weitschichtigen Gegenstand nur andeutend verfahren, allein es spricht sich wohl z. B. deutlich aus, wie wir alle Ursache hätten zu sagen, die Seelen der ohne geistige weitere Entwickelung im Zustande der Wildheit lebenden Volker verharrten auf der Stufe der vorherrschenden Bewußtlosigkeit; denn im hauptsächlichen durch die Regungen des Gemeingefühls von Lust und Unlust bestimmt, ohne Nachdenken über die Natur der Dinge um sie her, und noch weniger ohne ein tiefsinniges Einwärtskehren des Blickes gegen die eigentliche göttliche Natur der Seele, scheint ihnen die Fortbildung und Erhaltung der Organisation die wesentlichste Aufgabe ihrer Existenz, und Welt- und Selbstbewußtsein, welches allerdings unleugbar vorhanden und hinreichend in ihrem Leben betätigt ist, scheint doch fast wie im Traume in die Region des Gemeingefühls und der Bewußtlosigkeit herabgezogen worden zu sein. Alles dieses wird aber psychologisch höchst merkwürdig, sobald wir aufmerksam die Art, wie im äußern Leben sich das Seelenleben solcher Völker betätigt, verfolgen wollen. – So z. B. gewisse körperliche Fertigkeiten, die sich bei Wilden hervortun, ihre außerordentliche Geschicklichkeit im Klettern, ihre Sicherheit im Laufen, noch mehr aber ihre Leichtigkeit, sich fast wie einem magnetischen Zuge folgend zu orientieren, die unglaubliche Schärfe ihres Geruchsinns, eines Sinnes, den schon unsre frühern Betrachtungen, inwiefern er die unmittelbare Wahrnehmung entfernter Gegenstände bestimmt, als dem Ahnungsvermögen verwandt gezeigt haben. Alles dieses erinnert an Äußerungen des bewußtlosen Seelenlebens, und, ich möchte fast sagen, an Nachtwandler, deren Geschicklichkeit im Besteigen der gefährlichsten Orte so oft Wachende in Erstaunen gesetzt hat. – Ja, es hat mich oft, wenn ich die ohne künstliche Werkzeuge von Wilden gefertigten höchst künstlichen Geflechte, Schnitzwerke, Kleidungsstücke, Waffen und dergleichen betrachtet habe, dieses alles auf sonderbare Weise an die künstlichen Arbeiten der Tiere, an die merkwürdigen Flechtwerke in den Nestern der Vögel, an die seltsam künstlichen Produktionen der Insekten deutlich gemahnt. – Selbst das bewußtlose Unterscheiden und Begehren, welches in den Seelen der Tiere oft mit dem Namen des Instinktes belegt zu werden pflegt, zeigt sich in der Seele dieser Menschen auf merkwürdige Weise; denn was andres als ein solches bewußtloses Unterscheiden und Begehren leitet sie oft nicht nur bei Aufsuchung ihrer Nahrung und des übrigen Lebensbedarfs, sondern sogar in der Aufsuchung von Heilmitteln bei Krankheiten; ja es ist wohl anzunehmen, daß die Mehrzahl der wirksamen Arzneimittel, welche wir gegenwärtig besitzen, zuerst nur auf eine solche instinktmäßige Weise aufgefunden worden sind. Übrigens, wenn sich nun zeigte, daß bei einem solchen, in die Region des bewußtlosen Lebens herabgezogenen Wirken der Seele nichtsdestoweniger doch sowohl das Vorstellen oder der Sinn, als das Besinnen und endlich das Begehren sich tätig zu erweisen pflegen, so könnte man auch unter diesen Seelen, welche im allgemeinen durch Vorherrschen der bewußtlosen Region der Psyche bezeichnet sind, wieder unterscheiden zwischen a) sinnigen, b) besinnenden oder erinnernden und c) begehrenden Naturen, und es würde sich bei näherer Erwägung dann wohl ergeben, daß Völker, wie etwa das der niedern Hindus, mit ihrem durchaus sinnigen, der Natur hingegebenen Wesen und mit der Neigung zu Achtung, Furcht und Ehrfurcht, welche sich in ihrem Kastenwesen und abstrusen Religionsbegriffen ausspricht, als Repräsentanten der Gefühlsseite in der Region der bewußtlosen Psyche, ebenso zu betrachten wären, als etwa die durchaus mehr leidenschaftlichen, heftigen afrikanischen Stämme die Repräsentanten der Begehrungsseite, und die hoch-nordischen Völkerschaften mit ihren nebelhaften, aber zum Tiefsinne neigenden Vorstellungen über höhere Gegenstände, mit ihrem »zweiten Gesicht« und ihren wunderlichen Sagen als Repräsentanten der besinnenden Seite aufzuführen sein möchten. Alle drei Richtungen würden indes natürlich schon höher stehen, als die in ihrer Geistesdumpfheit die eigentlichen Repräsentanten des bewußtlosen Seelenlebens vorstellenden ganz rohen Nationen der Pescherah, Buschmänner und der Erde essenden Ottomaken.

Betrachten wir ferner den Entwickelungszustand der Menschheit Europas und seiner Kolonien im allgemeinen, so scheint sie in psychologischer Beziehung hauptsächlich durch Vorherrschen des Weltbewußtseins charakterisiert zu sein; denn faßt man die verschiedenen Ziele, welche diese Menschheit im ganzen beschäftigen, ins Auge, so wird man immer finden, daß sie wesentlich als äußere Gegenstände sich verhalten. Das Ringen der Politik und Industrie, das Jagen nach Gewinn, Reichtum und Genuß, das Eilige im Wechsel der Gegenstände, welches dem von Dampfmaschinen und Eilwagen beschleunigten Leben kaum mehr Zeit zur Besinnung gestattet; das Überwiegen der Spekulation, aber wirklich nicht der philosophischen, ja den Begriff, den ganze Nationen, z. B. die englische, von Philosophie auffassen, wo unter Philosophie kaum etwas mehr als angewandte Mathematik und Naturwissenschaften verstanden werden, alles dies deutet mehr auf Welt-, als auf Selbstbewußtsein, wenn vom allgemeinen und vorherrschenden Charakter die Rede ist. Ist ja doch auch im allgemeinen einem Manne kaum jetzt ein größerer Lobspruch zu erteilen, als wenn man ihn einen Mann von Welt nennt! –

Demnach möchte man nun freilich schwerlich imstande sein, irgendein Volk im ganzen als Repräsentanten des Selbstbewußtseins zu bezeichnen, und es ist, wenn man bedenken will, daß der Mensch auch insofern als Wiederholung der Welt, als Mikrokosmus, sich verhalte, als jeder in seiner Entwickelung eine Art von Schema der Weltgeschichte wieder durchlebt, daß jeder also hier doch immer wieder von vorn anfangen müsse, schwerlich zu erwarten, daß die gesamte Menschheit irgend jemals sich wirklich auf der klaren und vollkommnen Höhe reinster, selbstbewußter Seelenentwickelung zeigen werde, obwohl ein fortwährendes Streben danach sie beleben sollte und die Möglichkeit einer unbegrenzten Approximation zu diesem schönen Ziele unbedenklich zuzugeben ist. – Was indes im ganzen und in der Menge nicht möglich scheint, d. i. als Repräsentant einer vollkommen selbstbewußten Menschheit zu erscheinen, ist dem einzelnen von jeher unversagt gewesen, und wir brauchen nur die Geschichte aufzuschlagen oder in der Gegenwart uns aufmerksam umzuschauen, um unter der Masse eine erfreuliche Anzahl von Männern und Frauen gewahr zu werden, welchen ein gütiges Geschick gegönnt hat, zeitig das Echte von dem Unechten, das Bleibende von dem Vergänglichen zu sondern, und in der Aufmerksamkeit und steten schönen, geistigen und sittlichen Fortbildung der innern Welt ihres Daseins das wesentliche Ziel ihrer Bestrebungen zu finden: dabei ist übrigens niemals aus den Augen zu verlieren, daß an und für sich das bewußtlose Seelenleben so gut wie das Weltbewußtsein für gewisse Bildungsperioden als vollkommen naturgemäße Zustände anzusehen sind, daß jener früher besprochene Zug, jene Sehnsucht, jene Liebe zum Göttlichen, die Seele nicht minder schon in diesem wie in den höher entwickelten Zuständen durchdringen und eben durch die Empfindung dieser Liebe beglücken kann, wenn sie selbst nur übrigens, als echter Magnet, in der reinen Richtung ihres Meridians verharren will. Ein Verhältnis, welches um so tröstlicher erscheinen muß, als wir darin zugleich ein schürendes Palladium für das Glück der in Masse nicht leicht je zur tiefern Selbsterkenntnis gelangenden Menschheit erkennen.

Indem wir aber so unsre Blicke zur Erwägung der psychischen Zustände der Menschheit im allgemeinen gewendet haben, von wo aus es nun leicht sein würde, nach Vorherrschen der empfindenden, begehrenden und erkennenden Seite, nach Vorherrschen der Einbildungskraft, Phantasie, des produktiven Vermögens, des Verstandes, Witzes, Scharfsinns, Tiefsinnes usw. eine Menge von Unterabteilungen dieser psychologischen Systematik zu machen, kann ich nun auch noch die Betrachtung einer Seeleneigentümlichkeit anreihen, welche fälschlich von den gewöhnlichen psychologischen Kompendien unter den einzelnen Seelenvermögen mit aufgeführt zu werden pflegt, ich meine das Genie und das Talent. – Ich gestehe aber gern, daß, wenn jemand z. B. das Genie gleich Verstand und Einbildungskraft usw. mit als ein besonderes psychisches Vermögen aufführt, dies mir immer etwa denselben Eindruck macht, als wenn ich einem Verzeichnisse der menschlichen Gliedmaßen und ihrer Muskeln etwa die Stärke oder die Schönheit mit aufgezeichnet fände; denn begreiflicherweise handelt es sich ja auch hier nur von einer besondern Erhöhung oder Stimmung der gesamten Seeleneigentümlichkeit, und, beobachten wir die Wirksamkeit eines Genies, so sehen wir denn auch gar wohl, daß nicht etwa in ihm etwas andres, als eben Empfinden, Erkennen und Begehren mit allen ihren Ramifikationen hervortreten, aber daß nur die Wirksamkeit in mehreren oder allen diesen Richtungen eine neue, eigentümliche und besonders machtvolle ist.

Das Talent, und ganz insbesondre das Genie, ist daher nicht zu begreifen als ein besondres Organ der einzelnen Menschenseele, sondern als ein Organ, als eine besondre und eigentümliche Blüte im Organismus der gesamten Menschheit, und nur indem wir unsre Blicke erweitern und sie ruhen lassen auf der allgemeinen Entwickelung der Völker, auf der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, werden wir den Standpunkt gewonnen haben, welcher uns die eigentliche Bedeutung dieser Erscheinungen aufschließt. Werfen wir zuvor noch einen Blick auf die Worte Talent und Genie, so finden wir sogleich einen merkwürdigen Unterschied, denn das eine ist von einem sachlichen Werte hergenommen, da ταλαυτου ursprünglich soviel heißt als das Zugewogene, unter welchem bei den Alten dann eine bedeutende Summe Geldes verstanden wurde, das andere hingegen, mag man es nun zunächst von Ingenium oder sogleich von Genius herleiten, immer auf ein Ideales, ja auf ein Göttliches hinweist. – Erinnern wir uns nun, um einen schärferen Begriff von diesen beiden Wörtern zu fassen, an unsre frühern Betrachtungen über die beiden höhern Stufen des Seelenlebens, das Weltbewußtsein und das Selbstbewußtsein, so können wir, glaube ich, kurz jene Begriffe also aussprechen, daß wir sagen: Talent sei eine in der Sphäre und innerhalb einer gewissen Richtung des Weltbewußtseins besondre Befähigung der Seele, Genie hingegen eine besondre Erleuchtung und höhere Energie der Seele in der Sphäre des Selbstbewußtseins. Denn indem sich eben das Selbstbewußtsein als Eigentum des Menschen zuerst durch das Schauen der Idee, und dann durch das rastlose Hervorrufen neuer Ideen und deren Darbildung in Gedanken und Taten zu erkennen gibt, so wird das Genie, in welchem die Seele sich selbst als ein entschieden Eigentümliches gewahr geworden ist, durch Hervorbildung neuer eigentümlicher Ideen sich beurkunden, und, wie die wahre Willensfreiheit das Freisein von allen Ablenkungen der bewußten Seele und ein reines Verharren in der Richtung auf das eine Höchste und Göttliche war, so wird in dem wahren Genie ein gänzliches Hingegebensein an die eigene innere göttliche Natur und deren eigentümliche Richtung ohne alle fremdartige Ablenkung hervortreten. – Indem daher das Genie, diesem innern Führer folgend, in vor ihm noch unberührte und unbekannte Regionen hinaufstrebt, zeigt sich dann eben jenes geheimnisvolle Walten, welches wir mit der Ahnung oder mit dem Visionen-Haben früher vergleichen konnten, jenes Walten, mit dessen jedesmaligem Auftreten der weitverästete Baum der Menschheit jedesmal in einer neuen und vervollständigenden Richtung vorwärtsgebildet worden ist, so daß man eigentlich nicht anders die Epochen der Geschichte der Menschheit naturgemäß mitteilen kann, als je nachdem die von Zeit zu Zeit in ihr auftretenden Genien bald in wissenschaftlicher, bald in künstlerischer und zuhöchst in göttlicher Beziehung der Menschheit neue Bahnen angewiesen haben. – Und soweit denn für jetzt diese Betrachtung! –

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