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Geheimnisvoll am lichten Tag

Carl Gustav Carus: Geheimnisvoll am lichten Tag - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGeheimnisvoll am lichten Tag
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorHans Kern
year1944
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080521
projectid5243b754
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Über die Natur

Liegt nicht bei den meisten die Vorstellung von dem, was sie sich unter dem Worte Natur denken sollen, überhaupt ganz im dunkeln? – Ich habe oftmals schon behauptet, es sei ein wahres Unglück für die Mehrzahl der Völker Europas, daß nicht ein jegliches anstatt des Wortes Natur ein eigentümliches, in eigener Sprache gebildetes bedeutendes Wort besitze, um jenes offenbare Geheimnis damit zu bezeichnen. – Gewiß, man glaubt nicht, was so ein fremdartiger, selten seiner ursprünglichen Bedeutung nach verstandener und doch von Kindheit auf gehörter Klang beiträgt, uns von einem Gegenstande zu entfremden! – Wollte man auf den Grund gehen, man würde vielleicht Menschen genug finden, die am Ende mit dem Wort Natur nichts anders verbänden, als die Vorstellung der weiblichen Bildsäule mit den unzähligen Brüsten, wie sie ihnen die Bilderbücher ihrer Kindheit gezeigt hatten! – Dem würde gewiß nicht so sein, wenn das, was wir natura nach seiner Ableitung von nascor, ich entstehe, nennen und als das im Göttlichen und durch Göttliches rastlos Entstehende, Vergehende und wieder Entstehende anerkennen, in jeder Sprache durch ein eigentümlich gebildetes Wort sich bezeichnet fände! – Die deutsche Sprache, deren innerer philosophischer Sinn und schöne Bildsamkeit sich um so deutlicher hervorhebt, je mehr man in ihre Ramifikationen eindringt, würde hier am wenigsten einer schicklichen Wortbildung entbehren, ja sie besitzt bereits eine solche in den Worten von Goethe:

»Das Werdende, das ewig wirkt und lebt.«

Denn was ist denn Natur anders als das stets Werdende, das was keinen Stillstand, kein beharrendes Sein kennt, das was in unendlich wechselnden Bildungen die göttlichen Urbilder (Ideen) zu stetiger Verwirklichung bringt und so der eine ewige Grund der gesamten Welterscheinungen wird, während die unwandelbaren, göttlichen Urbilder die Gottgedanken, wenn man so sagen darf, den andern urwesentlichen ewigen Grund derselben darstellen. – Sagt daher nicht Goethe auf das treffendste von diesem Verhältnis der in ewigen Verwandlungen sich allein gefallenden Natur:

»Und umzuschaffen das Geschaffene,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reiner Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.«

Denn wirklich ist ja von keinem Naturkörper ein absolutes Beharren zu denken, und der scheinbar in größter Ruhe beharrende Stein durchfliegt mit der Erde in jeder Sekunde große Räume der Sonnenbahn und erfährt fortwährend unmerkliche chemische Änderungen. – Weiter heißt es dann und nicht minder treffend:

»Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn Alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.«

Sollte ich übrigens einem in diesem Feld gänzlich Neuen durch Gleichnisse das Verhältnis von Natur und Idee noch näher heranzubringen versuchen, so würde ich etwa sagen: Denke dir einen senkrecht, glatt und breit niederstürzenden Wasserfall, dies sei das ewig Werdende, das rastlos bewegte Phänomen der chaotischen Naturelemente an sich, und nun denke dir die Schatten der Bildsäulen einer an den Wassersturz herangebauten Galerie, welche von den Strahlen der Sonne auf dieser stürzenden Wasserfläche gezeichnet werden. – Jene Bildsäulen seien aber die Gleichnisse der göttlichen Ideen jener Urbilder, durch welche aus dem Chaos des allgemein Werdenden, oder dem Naturelemente, hier unter dem Gleichnis des stürzenden Wassers ausgesprochen, bestimmte Gestalten hervortreten. – Da würden sich dann weiter mancherlei Betrachtungen anstellen lassen, wie bald dasselbe Wasserteilchen jetzt das eine und dann ein andres der Bilder abschattet, und bald ein und dasselbe Bild, solange es auf einer Stelle beharrte, von einer Menge verschiedener Wasserteilchen rastlos durchzogen wird, und alle solche Betrachtungen könnten wohl ungefähr versinnlichen, wie das Phänomen der Welt aus stetiger Durchdringung von Urbild und Naturelement (ich habe es in meiner Physiologie mit dem Namen »Äther« bezeichnet) hervorgehe, ganz ebenso wie wir in unserm eigenen Sein empfinden können, es sei dasselbe ganz und gar bedingt durch die in den stets wechselnden Elementen unseres Körpers sich offenbarende Monas der Seele, welche in sich nichts andres als eins jener unendlichen göttlichen Urbilder ist und sein kann. Halten wir nun den Begriff der Natur in diesem Sinn als ein Konkretes, als das Bild eines bestimmten Seienden fest (wie denn Goethe in seinem frühgeschriebenen Aufsatze: »Die Natur« es auf sehr merkwürdige Weise getan hat), so wird uns bald auch ein andrer Irrtum verschwinden, welcher den Wissenschaften selbst zu nicht geringer Not gereicht hat und noch gereicht. Dieser Irrtum besteht darin, daß man wunderlicherweise gleichsam zweierlei Naturen nebeneinander bestehend dachte, von denen die eine belebt, die andre unbelebt sei, zu deren einer, der belebten, Menschen, Tiere und Pflanzen gerechnet wurden, während zu der andern, der unbelebten, Erde und Himmel mit ihren Erscheinungen, als etwas durchaus Heterogenes, gezählt wurde. Es ist dieses jedoch eine Unterscheidung, welche ich durch nichts gerechtfertigt wüßte, es müßte denn der engherzige und beschränkte Standpunkt sein, welchen ein Mensch annimmt, der sein Auge für das große und allgemeine Naturleben deshalb verschließt, weil er egoistisch nur für das, was ganz zunächst sein eigenes Leben angeht, Sinn hat. – Gewiß aber! Wer irgend mit Hingebung und ohne durch Vorurteile gefesselt zu sein das Leben der Natur selbst beobachtet, findet durchaus ein und dasselbe Werden und Wirken in dem Leben der Weltkörper, wie in dem Leben der uns näher stehenden irdischen Einzelwesen, er erkennt in der rastlos kreisenden Kugel des Planeten, mit ihren Ein- und Ausatmungen, mit dem bestimmten Kreislauf ihrer Gewässer, ihren magnetischen und elektrischen Lebensäußerungen usw. nichts wesentlich anderes, als in dem durch gewisse Oszillationen im Wasser umrollenden Infusorium und in dem durch magnetische und elektrische Gegensätze bedingten Kreislaufe der Säfte in höheren Geschöpfen. – Du kennst wahrscheinlich den Traum, in welchem der treffliche Lichtenberg in seiner humoristischen Art schildert, wie ihm vom Weltgeist die Erde im unendlich verjüngten Maßstabe zur chemischen Analyse gereicht wird, und wie er dabei gar arme Resultate seiner Untersuchung gewinnt; mir ist dabei oft eingefallen, einen Traum zu dichten, wo einem starren Verfechter des Unterschieds zwischen einer lebendigen animalen und vegetabilen Natur, und einer toten tellurischen und kosmischen Natur, vom Weltgeiste die Anweisung kommt, durch ein im weiten Äther schwebendes Mikroskop zu blicken. Da sieht er denn bald leuchtende, bald erleuchtete Kügelchen in regelmäßigen Rotationen einander umkreisen, er bemerkt dunst- und tropfbarflüssige Stoffe derselben in regelmäßigen Schwankungen, er sieht, wie sie aufeinander anziehend wirken, wie hie und da ein Kügelchen zerfällt und verstäubt, während an andern Stellen aus nebelhaften Stoffen neue Pünktchen entstehen und nach weitem, exzentrischem Umherrollen sich zu den gemessenen Kreisen der andern gesellen, sich dort durch Einsaugung nähren und vergrößern und durch Ausscheidung wieder verringern usw., und alles ruft ihm seine frühern mikroskopischen Beobachtungen über die leuchtenden See-Infusorien und über die ohne Mund und Eingeweide regelmäßig umherrollenden Kugeltiere so bestimmt zurück, daß er sich schon bereitmacht, diese Äther-Infusorien als neue und besondre Sippe in sein System einzutragen. Aber da ertönen ihm nicht ohne Beschämung die seltsamen Worte: »Was du gesehen, war die Bewegung von Sonnensystemen, und während du eine Stunde zu beobachten glaubtest, ist ein Weltenjahr vorübergegangen!«

Er macht mir sonach allemal den wunderlichsten, und ich möchte wohl sagen unheimlichsten Eindruck, wenn ich vom absoluten Unterschied lebendiger organischer Substanzen oder Kräfte und physischer, unorganischer hören muß! – Ich frage, was sind denn die ausschlußweise sogenannten organischen Substanzen anders als die physischen? Sind es nicht immer dieselben alten Elemente, derselbe Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, dieselben Metalle und Metalloide, welche in der gesamten irdischen Natur verbreitet, auch die individuellen Organismen, ja den Menschenleib selbst zusammensetzen? Sind es nicht dieselben elementaren Wirkungen, welche als Anziehung und Abstoßung, elektrische oder chemische Tätigkeit sich äußern zwischen den Schichten der Erde und des Luftkreises und hinwieder im Wachsen der Pflanze wie in den Bewegungen des Tieres ? – Ist, um dies mit einem Wort auszudrücken, die Natur nicht ein Meer des Werdens, in welchem unendlich verschiedene Ideen sich tausendfältig spiegeln, und dessen Tropfen in tausendfältigen Formen erscheinen, je nachdem sie momentan und freilich ohne zu beharren, nach dem Gesetze der einen oder der andern Idee sich ordnen? – Derselbe Kohlenstoff lebte gestern vielleicht in unserm Blute, schwebt heute immer tätig in der Erdatmosphäre und wirkt vielleicht morgen in der keimenden Pflanze! Wo wir das Auge des Geistes hinwenden, ein stetes Ziehen, Drängen und Werden der Elemente, die so oder so erscheinen, je nachdem eine oder die andere Idee sie erfaßt, ordnet und (erlaube mir das Wort!) begeistigt. – In Wahrheit also kann hier von einem Unterschied organischer und nichtorganischer, belebter und toter Elemente auf keinen Fall die Rede sein! – Nicht das Werdende, real oder substantial Wirkende des Steins und des Tiers sind wesentlich andere, sondern die Urbilder, welche das Dasein des Tiers und das Dasein des Steins als Teil des Erdenleibes begründen, sind es. – Gewiß, hier liegt der Hauptschlüssel zu allem nähern Verständnis der Natur. Wer einmal hier durchgedrungen ist zur reinem Ansicht, wer einmal das in ewigem Wechsel vorüberziehende Wesen der Naturerscheinung, das ist eben das Wesen des unendlich Werdenden, und seine Beziehung zur tausendfältig darin sich spiegelnden Welt der Gottesgedanken scharf aufgefaßt hat, dem wird sich gleich als einem Geweihten die ihm zur Erforschung wie zur Vollbringung vorliegende Erscheinungswelt überall verwandt und befreundet bezeugen, so gering oder so groß der Kreis ist, innerhalb welchem seine Erforschung oder sein Wirken sich betätigt, er wird bei der klaren Einsicht in die Unendlichkeit dieser Erscheinungen im voraus sich resignieren, nur wenige derselben umfassen zu können, aber er wird sich im Verhältnis zur Natur überall heimisch empfinden; so etwa fühlt der Bürger seines ihm durch Sprache und Sitte blutsverwandten Landes, nennt er dort auch nur eine noch so kleine Besitzung sein eigen, doch im ganzen übrigen Lande sich heimisch! – Ich weiß nicht, ob es dir ebenso vorkommt, aber mir scheint gerade diese tiefste und sinnigste Ansicht der Natur auch die einfachste und verständlichste. – Doch, könnte vielleicht noch jemand einwerfen, wenn auch aus solchen Betrachtungen hervorgeht, daß die Naturelemente für das organische und unorganische Reich ein und dieselben sind, und daß in dieser Hinsicht nicht zwei verschiedene Reiche der gesamten Welterscheinung statuiert werden dürfen, so ist es doch eine andre Frage, ob die Idee des Organischen und des Unorganischen nicht so total verschieden sei, daß die durch diese verschiedenen Ideen begründeten Naturerscheinungen auch als absolut entgegengesetzt betrachtet werden müssen? – Aber auch dem ist nicht so, nur der leichter oder schwerer zu gewinnende Überblick der organischen Gestaltung eines gewissen Phänomens, und nur die größere oder geringere Verwandtschaft zu der Art unsres eigenen Daseins, haben jene Unterscheidung herbeigeführt, welche sogleich sich verliert, wenn wir erstens den Begriff des Organischen uns deutlich machen, und zweitens uns zu einem größern und freiem Überblick erheben wollen. Was das erstere betrifft, so ist es ja für einen jeden, der sich deutlichere Vorstellungen von Natur und organischem Leben erwerben will, unerläßlich, daß er sich klarzumachen suche, welche Bewandtnis es eigentlich mit den so häufig gebrauchten Wörtern »organisch« und »Organismus« habe, und welche Begriffe damit zu verbinden seien. – Leitest du aber ab Organismus von Organ, Werkzeug (organon), was kann dann Organismus anderes sein als ein nach Leitung des ihm einwohnenden, gleichviel ob bewußten oder unbewußten Urbildes, aus sich Werkzeuge, Organe, d. i. Glieder – Erzeugendes, Hervorbildendes und durch dieselben sein Leben Äußerndes ? – Jeder solcher Organismus oder Gliedbau ist nun aber, inwiefern er ein Werdendes ist, der Natur angehörig, ist eine Erscheinung ihrer stets wechselnden Elemente, und schon dadurch mannigfaltig; hingegen inwiefern sein Dasein durch ein Urbild, durch ein Bild seines Seins vor seinem Sein bedingt ist, ist er der Ideenwelt angehörig, und hierdurch eine Einheit, ein Individuum. Die erstere Seite bedingt das an ihm, was wir Leib oder Körper zu nennen pflegen, die zweite das, was wir mit dem Namen der bald unbewußten, seltner bewußten Seele bezeichnen. Inwiefern seine Gesamterscheinung dadurch bedingt ist, daß stetig und innig die Idee desselben die in ihm wechselnden Elemente durchdringt, sagt man: die Idee, die Seele verkörpere, verleibe sich in ihm, sie leibe sich ein, und er selbst sei dadurch leibend – lebend. – Leben (von Leib abzuleiten) kann also eigentlich nichts anders heißen als stetiges Einleiben des Urbildes in das Werdende oder der Idee in die Natur. Erheben wir uns nun aber zweitens zu einem größern und freieren Überblicke der Welt, so wird uns unser innerstes Bewußtsein bald sagen, daß auch das All der Welt nur dadurch vorhanden sein könne, daß innerhalb eines höchsten göttlichen, sich dadurch selbst anschauenden Urwesens, das unermeßliche Reich der Ideen und der Natur sich wechselseitig und unabläßlich durchdringen, daß daher der gesamten Welterscheinung der Begriff dieses Einleibens, dieses »Lebendigseins« ganz ebenso wie jeglichem einzelnen Organismus zukomme, und daß demnach notwendig Leben durch alle Sphären des Weltalls herrschen müsse, so daß dann auch der wahrhafte und absolute Gegensatz des Lebens, d. i. ein wahrhafter und vollkommner Tod gänzlich unmöglich sei, indem er durchaus zusammenfallen würde mit dem Begriff eines absoluten Zero oder eines vollkommnen Nichts. –

Und so hätte ich dir denn, teurer Freund, den Gedankenzug bezeichnet, welchen langjähriges Vergleichen und Nachdenken über diese Gegenstände mir als den einfachsten Sachgemäßesten dargetan hat, und hat es dir gefallen, dieser Richtung ebenfalls nachzugehen, so wird dir deutlich sein, daß von solchen Betrachtungen die notwendige Folge ist: die organische Wesenheit des Weltalls und aller durch göttliche Idee gestalteten Natur, d. i. aller Welterscheinung, anzuerkennen, und schon von hier aus ein unorganisches Reich, ein Reich des Toten als unmöglich zu betrachten, vielmehr immer nur verschiedene Reiche des Lebens zu unterscheiden. In allem Organischen, Gliedbaulichen, ist ja dasselbe Einleben einer Idee in das elementare Werdende der Natur, dasselbe in fortwährender Entwicklung irgendeiner Individualität bestehende Leben anzuerkennen, gleichviel ob von werdenden Sonnensystemen oder einer werdenden Pflanze die Rede ist; und nicht minder organisch, d. h. nicht minder zu einem größeren Organismus gehörig, ist der Fels zu nennen mit seinen kristallinischen Fügungen, oder die Quelle mit ihren rhythmischen Strömungen in Beziehung zum Erdganzen, als das Knochengebilde mit seinen Kristallfasern, oder der Blutstrom mit seinem pulsierenden Wellenschlag in Beziehung auf das Leben des Tieres.

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