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Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Zehntes Bändchen

Friedrich von Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Zehntes Bändchen - Kapitel 3
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authorFriedrich Bülau
titleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen ? Zehntes Bändchen
publisherPhilipp Reclam jun.
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volumeZehntes Bändchen
editorFriedrich Bülau
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Der Zarewitsch Alexei und seine Gemahlin.

Gewiß ereignen sich im wirklichen Leben wunderbarere und bunter verflochtene Begebenheiten und Schicksale, als die erfinderischste Phantasie zu erdenken vermag, und die überraschendsten Gebilde der letzteren sind zuletzt doch dem wirklichen Leben abgelauscht und wirken am meisten, wenn sie es sind. Auf der anderen Seite ist es aber auch wahr, daß das Unwahrscheinliche, wenn es einige pikante, romantische Färbung hat, oft weit willigeren und festeren Glauben findet, als die einfache und nüchterne Wahrheit, und daß es namentlich überaus schwer fällt, einen, der so eine pikante Geheimgeschichte erlauscht zu haben vermeint, zu überzeugen, daß es mit der ganzen Sache nichts sei.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts lief, bis die französische Revolution und ihre Folgen alle Aufmerksamkeit von den Schicksalen einzelner Personen ab und auf die sogenannten großen Weltbegebenheiten hinzogen, eine Geschichte durch Europa, die auch wohl heute noch zuweilen wiederholt und als immerhin möglich hingenommen wird, ungeachtet sie in ihren wesentlichsten Vordersätzen mit notorischen und gänzlich unableugbaren Thatsachen so in Widerstreit steht, daß man nicht begreifen kann, warum ihre ersten Erfinder die Erfindung nicht etwas feiner anlegten. Indes ist es mit den meisten pikanten Geschichten, von denen die französischen Memoiren wimmeln, ungefähr ebenso, und überall begegnen wir bei Schriftstellern und Lesern dem größten Leichtsinn in betreff der Beweise, der größten Ungenauigkeit in betreff der äußeren Thatsachen und der größten Geneigtheit, doch alles auf Treu' und Glauben hinzunehmen, was der Richtung oder Tendenz gerade zusagt.

Die Prinzessin Charlotte Christine Sophie von Braunschweig-Wolfenbüttel war die zweite Tochter des kräftigen und geistvollen Herzogs Ludwig Rudolf, die Enkelin des talentvollen, aber ehrgeizigen und unruhigen Anton Ulrich. Er starb 1714 als 81jähriger Greis. Sein ältester Sohn, August Friedrich, war 1676 in k.k. Diensten bei der Belagerung von Philippsburg gefallen. In der Regierung folgte ihm erst sein zweiter Sohn August Wilhelm, dann nach dessen, trotz dreimaliger Verehelichung, kinderlosem Tode (23. März 1731) der dritte Sohn Ludwig Rudolf (geb. 1671). Ihr Vater, der in seiner Jugend große Reisen gemacht, auch gegen die Franzosen gekämpft hatte, wobei er bei Fleurus (1690) gefangen ward, hatte die längste Zeit in der kleinen Grafschaft Blankenburg residiert, die ihm als erbliche Apanage zugefallen war, und die er seit dem Tode seines Vaters mit voller Oberhoheit regierte, nachdem ihm schon vorher (1. November 1701) gelungen war, sie zu einem Fürstentume erheben zu lassen. Hier wurden ihm, in der schönen ländlichen Einsamkeit des romantischen Harzes, auf dem von ihm erbauten Schlosse, das in einer viel späteren Zeit ein Asyl geflüchteter Bourbons werden sollte, aus seiner Ehe mit Christine Luise, Sie starb erst 1747. einer Tochter des Fürsten Albrecht Ernst von Oettingen, vier Töchter geboren. Die Älteste, Elisabeth Christine, geboren 28. August 1691, vermählte sich, nachdem sie (1. Mai 1707) zu Bamberg zur römisch-katholischen Religion übergetreten war, 1708 Die Ehe ward per procurationem zu Maria Hietzing am 23. April geschlossen und dann zu Barcelona am 1. August vollzogen. Sie ward am 10. Oktober 1714 als Königin von Ungarn, am 8. September 1723 als Königin von Böhmen gekrönt. Nach einer glücklichen Ehe am 20. Oktober 1740 zur Witwe geworden, starb sie am 21. Dezember 1750, nachdem sie noch das Glück und den Sieg ihrer großen Tochter Maria Theresia erlebt hatte. mit dem damaligen König Karl III. von Spanien, nachherigen Kaiser Karl VI. Sie bestand die Gefahren seiner spanischen Kämpfe mit ihm; ja selbst nachdem er, zur Übernahme größerer Bestimmungen, nach Deutschland zurückgeeilt war, blieb sie noch drei Jahre lang als Regentin in Catalonien, unterstützt vom Fürsten Anton Liechtenstein und Graf Guido Starhemberg, und geschützt von den treuen Catalanen. Sie war eine schöne, liebenswürdige und allgeliebte Frau, geistvoll und tugendhaft, und zog im ganzen ein nicht bloß glänzendes, sondern auch glückliches Los, wenn sie auch manchen Kummer und manche Unruhe erlebt hat. Die zweite Tochter, Charlotte Auguste (geb. 23. Juli 1692), starb im Jahre ihrer Geburt (8. August). Die jüngste Tochter Rudolfs, Antoinette Amalie, geboren 22. April 1696, vermählte sich am 15. Oktober 1712 mit ihrem Vetter, dem Herzog Ferdinand Albert von Braunschweig-Bevern, Sein gleichnamiger Vater war ein Bruder Anton Ulrichs, er selbst also mit Ludwig Rudolf Geschwisterkind. Sein kunstsinniger Vater war viel gereist, hieß in der fruchtbringenden Gesellschaft der Wunderliche, beschrieb seine Reisen unter dem Titel: »Wunderliche Begebnisse und wunderlicher Zustand in dieser wunderlichen und verkehrten Welt« (Bevern, 1678, 5 Bde. 4.), verlor zwei Söhne auf dem Schlachtfelde und starb 1687. und ward dadurch die Stammmutter des Hauses Braunschweig, die Großmutter jenes tapfern, geistvollen und edelsinnigen Karl Wilhelm Ferdinand, welcher sich 1806 bei Auerstädt seine Todeswunde holte, die Urgroßmutter jenes Friedrich Wilhelm, der 1815 bei Quatrebras fiel. Ihr Gemahl Geb. 19. Mai 1680, tapfer vor Landau und Belgrad, k. k. und des Reichs General-Feldmarschall (1716), Gouverneur von Komorn. folgte ihrem Vater am 1. März 1735 in der Regierung der braunschweigischen Lande, welche der letztere seit dem Tode seines Bruders (1731) übernommen hatte, starb aber schon am 3. September desselben Jahres.

Ein traurigeres Los, als jene beiden Töchter Ludwig Rudolfs, zog die drittgeborene Schwester, Charlotte Christine Sophie, geboren am 28. August 1694. Sie wurde am 25. Oktober 1711, nicht ohne Einfluß des ihr seit drei Jahren so nahe verschwägerten Wiener Hofes, Zunächst jedoch war diese Verbindung zu Jaworowo in Polen, wo sich Peter damals aufhielt, durch den braunschweigischen Gesandten Hans Christoph von Schleinitz verhandelt worden. mit dem Zarewitsch Alexei, dem einzigen Sohn Peter des Großen, vermählt. Die Hochzeit fand in Gegenwart des Zaren zu Torgau, dem damaligen Aufenthalte der Gemahlin König Augusts von Polen, bei der Charlotte erzogen war, statt und war mit großen Feierlichkeiten verbunden. Diese Ehe ward eine unglückliche. Alexei (geb. 18. Februar 1690), der Sohn einer längst verstoßenen Mutter, Awdotja Lapuchin, in seiner ersten Später ward ein Baron Huyssen aus waldeckschen Diensten nach Rußland gezogen. Der war aber nur Lehrer. Der Aufseher ward Menczikoff, der schwerlich geneigt war, den Prinzen zum großen Kaiser zu erziehen. Erziehung vernachlässigt, in die Hände altgläubiger Russen geraten, die ihn gegen alle Neuerungen seines Vaters feindselig gestimmt und sein geistiges Leben in den engen Kreis der Subtilitäten byzantinischer Theologie gebannt hatten, dabei roh und ausschweifend, beschränkt und voller Vorurteile, ohne Teilnahme für irgend einen der Gegenstände, die seinem Vater vornehmlich am Herzen lagen, besaß begreiflich des letzteren Gunst nicht in besonderem Grade, und der Vater scheint sich auch wenig Mühe gegeben zu haben, in zweckmäßiger Weise einen anderen Sinn in seinem Sohne zu erwecken. Doch verheiratete er ihn, wie wir sahen, standesmäßig, ließ ihn in der Hauptsache nach seinen Neigungen leben, nahm ihn, was freilich nicht die Sache des Prinzen war, auf mehrere Feldzüge mit, übertrug ihm auch, während des Türkenkrieges, die nominelle Regentschaft des Reiches. Doch war es eben in diesem Zeitpunkte bezeichnend für das Urteil des Kaisers über den Regentenberuf seines Sohnes, daß er in jenem berühmten Schreiben, Siehe dieses Schreiben in: Herrmann, »Geschichte des russischen Staates,« Bd. IV, S. 270. Dasselbe ist übrigens unecht: s. Brückner, »Peter der Große,« S. 466 (Berlin 1879). das er in der großen Gefahr am Pruth an den Senat sendete, diesem auftrug, im Falle seines Unterganges den Würdigsten zum Nachfolger zu wählen.

Das junge Paar war von Torgau aus über Wolfenbüttel nach Rußland gereist, Das junge Paar war nicht direkt von Wolfenbüttel nach Rußland gereist, sondern nach der damals noch polnischen Stadt Thorn, wo der Zarewitsch für den bevorstehenden Feldzug gegen Schweden Magazine einrichten sollte. Während Alexei sich dann im Frühling 1712 auf den Kriegsschauplatz nach Pommern begab, siedelte Charlotte nach Elbing über und kehrte endlich, von Heimweh getrieben, ohne Wissen des Zaren und ihrer Eltern nach Wolfenbüttel zurück. Erst nachdem Peter der Große inzwischen im Frühling 1713 in Braunschweig und in Hannover einen Besuch abgestattet hatte, entschloß sich Charlotte zur Reise nach Rußland und traf endlich in Petersburg im Sommer 1713, also fast zwei Jahre nach ihrer Verheiratung, mit ihrem Gemahl wieder zusammen. G. und die Prinzessin mag bei diesem letzten Aufenthalte in der geliebten Heimat wohl ihre letzten frohen Stunden genossen haben. Ihrem Gemahl und dessen Umgebungen war es schon ein Dorn im Auge, daß der Prinzessin verstattet worden war, bei der lutherischen Konfession zu beharren. Sie gewann nicht den mindesten Einfluß über ihn, sein Herz und sein Wesen. Wie er in allem wider die Wünsche seines Vaters handelte, so konnte es auch der Prinzessin nichts helfen, daß der große Zar ihre Bildung und Tugend besser zu würdigen wußte, als sein Sohn. Dieser behandelte seine Gemahlin mit gänzlicher Mißachtung. Er hatte sich eine finnische Magd zur Geliebten erkoren, mit der er den rechten Flügel seines Palastes bewohnte, während seiner Gemahlin der linke angewiesen war. Er vermied es, sie zu sehen, und wenn er ihrer Gesellschaft nicht ausweichen konnte, sprach er doch kein Wort mit ihr. Doch vielleicht war diese Gleichgültigkeit, dieses Ausweichen noch eine Erleichterung für die Arme, im Vergleich zu den näheren Berührungen mit diesem rohen, geistlosen und jedes Zartgefühls, jedes ritterlichen Sinnes für Ehre und Frauenwürde ermangelnden Menschen, der sich selbst persönliche Mißhandlungen gegen sie erlaubt haben soll.

Um die weiteren Schicksale dieser unglücklichen Prinzessin ist nun eben jenes romantische Gespinst verbreitet worden, dessen Wahrheit man teilweise wünschen möchte, dessen Ungrund aber sich leicht erkennen läßt. Hören wir die Geschichte, wie sie im vorigen Jahrhundert verbreitet ward und seitdem, mit kleinen Abweichungen, von Memoirenschreibern und Novellisten mehrfach benutzt worden ist. Siehe Vorwort.

Sie heben natürlich von der unglücklichen Ehe der Prinzessin, der Roheit ihres Gemahls, seiner Abneigung gegen sie an. Sie versichern, ohne eine Quelle, ohne den Schatten eines Beweises anzugeben, daß er sie mehrmals habe vergiften wollen, daß aber ein Gegengift sie gerettet habe. Endlich habe er ihr, als sie im letzten Monat ihrer Schwangerschaft gewesen, einen so wütenden Fußstoß auf den Leib gegeben, daß sie ohnmächtig und im Blute schwimmend zu Boden gesunken sei. Der Zar sei damals auf Reisen gewesen. Sein Sohn, überzeugt, daß die unglückliche Prinzessin nicht wieder zu sich kommen könne, sei sofort auf sein Landgut gereist. Nun kommen sie auf die Entbindung der Prinzessin. Ohne daß sie es ausdrücklich sagen, scheint es doch, daß sie dieselbe unmittelbar nach jenem Vorgange, wahrscheinlich als dadurch veranlaßte vorzeitige Geburt, eintreten lassen, und jedenfalls lassen sie dieselbe vor der Rückkehr des Zaren und des Zarewitsch erfolgen. Die Gräfin Königsmark, Mutter des Marschalls von Sachsen, sei bei der Prinzessin gewesen, Ist das wahr? Die Gräfin Aurora reiste zwar nur zu viel an Höfen umher. Wir haben aber nirgends sonst gefunden, daß sie zu jener Zeit in Rußland gewesen wäre. als dieselbe von einem toten Kinde entbunden worden sei. Diese nun sei auf den Gedanken gekommen, die Prinzessin auf einmal den Leiden und Gefahren, die ihr von der Roheit ihres Gemahls drohten, durch das abenteuerliche Mittel eines Scheintodes zu entziehen. Sie habe die Frauen der Prinzessin gewonnen und darauf dem Prinzen geschrieben, seine Frau und sein Kind seien tot. Der Zarewitsch befahl, sie sofort und ohne Feierlichkeit zu beerdigen; man schickte Kuriere an den Zar und an alle Höfe, und Europa legte um einen Holzblock Trauer an, den man statt der Prinzessin begraben hatte.

Es wäre nun das Natürlichste gewesen, daß man sie in sichere Verborgenheit gebracht hätte, bis sie sich unter den Schutz des Zaren stellen konnte, der den Willen und die Mittel hatte, ihr solchen zu bieten. Aber nein, sie sollte ihrer ganzen Stellung, ihrem Namen, jeder ferneren Verbindung mit den Ihrigen, jeder Hoffnung des Wiedersehens ihrer Eltern und Geschwister entsagen; die Großfürstin sollte aus dem Reiche der Lebenden verschwunden bleiben und als eine ganz andere Person fortleben.

Man hatte die Prinzessin in ein entlegenes Zimmer gebracht, wo sie nach und nach wieder zu Gesundheit und Kräften kam. Die Gräfin verschaffte ihr Gold und einige Edelsteine, Die Gräfin Aurora war bekanntlich fast immer in Geldnöten. und sie reiste in der Tracht einer Bürgersfrau, mit einem alten deutschen Bedienten, der für ihren Vater galt, nach Paris. Hier hielt sie sich nicht lange auf, nahm eine Kammerfrau an, eilte in eine Hafenstadt und schiffte sich nach Luisiana ein.

Ihr Äußeres erregte dort Aufmerksamkeit, und ein Offizier, Namens d'Aubant, der in Rußland gewesen war, glaubte in ihr die Großfürstin wiederzuerkennen, wie schwer es ihm auch fiel, sie hier und in diesen Verhältnissen zu suchen. Um seiner Sache gewisser zu werden, näherte er sich dem angeblichen Vater, war ihm gefällig und knüpfte allmählich eine immer innigere Vertrautheit an, die sich selbst zum Beziehen einer gemeinsamen Wohnung steigerte. Einige Zeit nachher fand man in den Zeitungen die Nachricht von dem Tode des Zarewitsch (7. Juli 1718). Jetzt erklärte d'Aubant der Prinzessin, daß er sie kenne und bereit sei, alles aufzugeben, um sie nach Rußland zurückzuführen. Doch die Witwe des Zarewitsch fühlte sich in ihrer sicheren Verborgenheit glücklicher, als sie je in der Nähe des Thrones gewesen, und weigerte sich, irgend einer Lockung des Ehrgeizes Aber 1718 lebten noch zwei Kinder, die sie geboren hatte. die Ruhe ihres Privatlebens zu opfern. Sie verlangte von d'Aubant bloß die unverbrüchlichste Verschwiegenheit, und daß sie auf dem bisherigen Fuße fortleben wollten. Er gelobte es und blieb seinem Worte getreu. Indes »der Weg von Freundschaft bis zur Liebe ist eine blumenreiche Bahn.« Auf ihn hatten die Schönheit, der Geist und die Tugenden der Prinzessin den lebhaftesten Eindruck gemacht, den die Gewohnheit des Beisammenlebens täglich nährte. Er selbst war noch jung und liebenswürdig, und sein rücksichtsvolles Benehmen gegen sie, dessen ersten Grund sie lange nicht gekannt, hatte sie längst für ihn eingenommen. Sie wurden sich täglich teurer, und als der alte Bediente, der für ihren Vater galt, gestorben war, und ihr Beisammenwohnen keine Berechtigung mehr hatte, willigte sie ein, d'Aubant ihre Hand zu reichen. Im ersten Jahre ihrer Ehe erhielt sie eine Tochter, die sie selbst stillte, selbst erzog und die sie französisch und deutsch lehrte.

So lebten sie zehn Jahre in jenem glücklichen Mittelstande, wo die gegenseitige Liebe zweier Gatten allen Glanz der Erde vergessen macht. Da erkrankte der Mann an einer Fistel, eine Operation ward nötig, und die zärtlich besorgte Gattin bestand darauf, daß sie zu Paris erfolge. Sie verkauften ihre Wohnung und schifften sich auf dem ersten abgehenden Schiffe ein. In Paris wurde d'Aubant dem geschicktesten Wundarzte anvertraut, und seine Gattin widmete ihm die zärtlichste Pflege, die nicht nachließ, bis seine Genesung vollendet war. Dann dachten sie an die Sicherung ihrer Zukunft, und d'Aubant bewarb sich mit Erfolg bei der indischen Compagnie um eine Anstellung auf der Insel Bourbon.

Während er noch mit diesen Angelegenheiten beschäftigt war, ging seine Gattin zuweilen mit ihrer Tochter, um Luft zu schöpfen, in die Gärten der Tuilerien. Eines Tages, als sie auf einer Bank saßen und, um von den in der Nähe Befindlichen nicht verstanden zu werden, miteinander deutsch sprachen, ging gerade der Marschall von Sachsen vorbei, hörte die vaterländischen Klänge und blieb stehen, um die Sprechenden zu betrachten. Die Mutter schlug die Augen gegen ihn auf, ließ sie aber sofort, als sie den Marschall erkannte, mit solcher Verlegenheit wieder sinken, daß er ausrief: »Wie, Madame, wäre es möglich?« Der Marschall Moritz von Sachsen, der natürliche Sohn Augusts des Starken von der Gräfin Aurora Königsmark, war 1696 geboren, seit 1709 im Kriege. Kann er auch die Prinzessin vor ihrer Verheiratung gesehen haben – in Rußland gewiß nicht – sollte er in der gereiften Frau, unter solchen Umständen, an diesem Orte, in dieser Kleidung die Fürstin wiedererkannt haben, die er als Knabe gesehen? Sie ließ ihn nicht weiterreden, sondern erhob sich, zog ihn beiseite, gestand ihm, wer sie sei, bat ihn um die strengste Verschwiegenheit und ersuchte ihn, sie jetzt zu verlassen und sie zu Hause zu besuchen, um das Nähere zu vernehmen. Er erschien am folgenden Tage. Sie teilte ihm ihre Erlebnisse mit und wie sich die Gräfin, seine Mutter, dabei beteiligt. Zugleich beschwor sie ihn, bis zum Schlusse einer Unterhandlung, die sie angeknüpft habe, und die sich vor Ablauf von drei Monaten entscheiden müsse, dem Könige nichts zu entdecken. Er versprach es ihr und besuchte sie und ihren Gatten von Zeit zu Zeit im geheimen.

Als er sie eines Tages, kurz vor Ablauf des ihm gesteckten Termins, besuchen wollte, erfuhr er, daß sie vor zwei Tagen nach der Insel Bourbon abgegangen seien. Er begab sich sogleich zum König, diesem das Ganze zu entdecken. Der König ließ den Marineminister kommen und befahl ihm, ohne ihm den Grund zu sagen, dem Gouverneur der Insel die rücksichtsvollste Behandlung des Herrn d'Aubant zu empfehlen. Zugleich schrieb er an die Königin Maria Theresia von Ungarn, mit der er damals im Kriege war, Hier scheinen Anachronismen obzuwalten. 1718 starb Alexei, und die Nachricht davon mag zu Ende dieses Jahres oder Anfang 1719 nach Luisiana gekommen sein. Länger als drei bis vier Jahre haben die Liebenden schwerlich gewartet, bevor sie zur Ehe schritten. Dann sollen sie zehn Jahre in Luisiana gelebt haben und darauf nach Paris gereist sein. Dies würde etwa auf das Jahr 1733 hinführen, wo allerdings ein Krieg zwischen Frankreich und Österreich ausbrach, der aber nicht gegen die Königin von Ungarn, sondern gegen Kaiser Karl VI. geführt wurde. Der Krieg Maria Theresias begann erst 1740 und der mit Frankreich sogar erst im Herbst 1741. und unterrichtete sie von dem Schicksale ihrer Tante. Die Königin dankte ihm und schickte ihm einen Brief für die Prinzessin, worin sie dieselbe einlud, zu ihr zu kommen, jedoch unter der Bedingung, daß sie sich von Gatten und Kind trenne, für die der König sorgen werde. Die Prinzessin wies diese Bedingungen zurück und blieb bei ihrem Gatten bis 1747, wo er starb. Da die Tochter auch gestorben war, so kehrte sie nach Paris zurück, mit der Absicht, in ein Kloster zu gehen. Die Königin von Ungarn bot ihr aber an, sich zu Brüssel, mit einer Pension von 20 000 Gulden, niederzulassen. Um 1765 und noch 1768 soll sie wieder zu Vitry bei Paris gelebt haben. Sie habe damals den Namen Frau von Moldack geführt und drei Domestiken gehabt, worunter ein Neger. – In dieser Geschichte sind nun sehr wichtige Umstände, welche die Flucht der Großfürstin erklären und möglich machen sollten, notorisch falsch. Die Entbindung, in deren Folge die Prinzessin, wirklich oder scheinbar, gestorben, fand am 23. Oktober 1715 statt. Weder der Zar noch der Zarewitsch waren abwesend. Die Großfürstin wurde nicht von einem toten Kinde, sondern von dem nachherigen Kaiser Peter II. Alexiewitsch entbunden, welcher erst am 30. Januar 1730 starb, nachdem er am 17. Mai 1727 seiner Stiefgroßmutter, der Kaiserin Katharina I., auf dem Throne gefolgt und am 6. Mai 1728 gekrönt worden war, sich auch erst (5. Juni 1727) mit der Prinzessin Maria Alexandrowna Menczikoff, Sie starb im Exil zu Beresow. dann (12. Dezember 1729) mit der Prinzessin Katharina Alexiewna Dolgorucki verlobt hatte. Sie heiratete 1743 den General Grafen Alexander Bruce. Die Großfürstin, die schon vorher eine Tochter, Natalie (geb. 23. Juli 1714, gest. 1728), geboren hatte, starb nicht sogleich nach der Entbindung, sondern neun Tage später, am 1. November 1715. Sie wurde nicht heimlich und ohne alle Feierlichkeiten, sondern mit großem Gepränge begraben (7. November), und an dem Leichenbegängnis nahmen der Zar und der Zarewitsch persönlich teil. Sie starb mit Bewußtsein und klarem Vorgefühl ihres Todes. Der Zar war an ihrem Sterbebette, und ihm legte sie das Schicksal ihrer Kinder ans Herz. Dann segnete sie ihre Dienstleute und sagte zu den Ärzten: »Quälet mich doch nicht so und laßt mich ruhig sterben, weil ich nicht länger leben will. Das Leben liegt schwer auf mir!« Auf die weiteren, zum Teil schon angedeuteten Unwahrscheinlichkeiten der folgenden Geschichte brauchen wir nun nicht zurückzukommen. Übrigens soll die Frau des d'Aubant, welcher letztere allerdings existiert zu haben scheint, Maria Elisabeth Danielson geheißen haben. Auf die Angabe legen wir nicht viel Wert, wenn man eben nur diesen Namen und nicht die sonstige Herkunft weiß. Es könnte der Name sein, den die Prinzessin, vielleicht nach dem Bedienten, der für ihren Vater galt, angenommen, und unter dem sie sich hatte trauen lassen.

Daß die harte Behandlung von seiten ihres Gemahls das Herz und die Gesundheit der unglücklichen Prinzessin gebrochen, ist wohl glaublich. Man giebt auch der Unwissenheit der Hebammen schuld. In der That richtete der Zar an demselben Tage, an dem er von dem Leichenbegängnisse der Großfürstin zurückkehrte, jenes Schreiben an seinen Sohn, worin er ihm seine Unfähigkeit, oder vielmehr sein eigensinniges Verschmähen aller derjenigen Mittel, die ihn nach dem Vater zur Herrschaft tüchtig machen sollten, in sehr eindringlicher, aber nicht erbitternder, nicht des Wohlwollens und väterlichen Gefühls ermangelnder Sprache weniger vorwarf, als auseinandersetzte. Hätte er von Anfang an und immer so ruhig und maßvoll sich zu dem Sohne gestellt und sich von Anfang an der Erziehung des Sohnes, dessen Wichtigkeit für das Reich er selbst so hoch anschlug, mit Sorgfalt angenommen, er möchte bessere Freude an ihm erlebt haben. Aber freilich sagt er selbst in jenem Briefe: »Ob ich gleich deshalb auf dich geschmäht, dich geschlagen und seit so vielen Jahren mit dir gar nichts davon geredet habe, so war dies doch alles umsonst, alles in den Wind, und du wolltest nichts thun, als zu Hause leben und dich ergötzen, unbekümmert, was daraus nicht bloß für dich, sondern auch für das ganze Reich entstehen könnte.« Schließlich hieß es dann: »Da ich denn dieses alles mit Wehmut erwäge und sehe, daß nichts dich zum Guten bringen kann, so gebe ich dir meinen letzten Entschluß schriftlich zu erkennen, noch einige Zeit zu warten, ob du dich nicht aufrichtig bessern wirst; sollte dies aber nicht geschehen, so sei hiermit versichert, daß ich dich als brandiges Glied von der Nachfolge trenne. Denke nicht, daß ich solches bloß zum Schrecken schreibe, oder daß ich ja keinen anderen Sohn habe. Zwei Tage darauf, am 9. November, gebar ihm Katharina einen Sohn, der aber am 25. April 1719 wieder starb. Es soll wahrlich, so Gott will, erfüllt werden. Da ich mein Leben für Vaterland und Volk nicht geschont habe und noch nicht schone, wie sollte ich dich als Unwürdigen schonen? Lieber ein würdiger Fremder, Der »würdige Fremde« wurde die Kaiserin Katharina I. als ein unwürdiger Eigener.« Für unsern speciellen Zweck ist es übrigens bemerkenswert, daß der Zar in diesem ganzen Schreiben, welches ihm im allgemeinen zur Ehre gereicht, sehr ruhig und verständig gefaßt ist, nichts Barockes hat und ein tiefes Gefühl seiner Regentenpflichten atmet, weder des Todes der Großfürstin mit einem Worte gedenkt, noch auch sonst das Privatleben des Prinzen berührt, sondern lediglich das Politische, sein Verhältnis zum Reiche, ins Auge faßt.

Das Antwortschreiben dagegen ging sogleich von der Beerdigung der Großfürstin aus. Es lautete: Beide Schreiben siehe in: Herrmann, »Geschichte des russischen Staats,« Bd. IV, S. 215 ff.

»Allergnädigster Herr und Vater! Das am heutigen Tage, dem 27. Oktober 1715, Alten Stiles. nach Beerdigung meines Weibes, von dir, Herr, empfangene Schreiben habe ich durchgelesen und erwidere darauf: wofern ich nicht fähig sein sollte, die russische Krone zu tragen, so möge mir geschehen nach deinem Willen. Ich bitte dringend darum, indem ich mich selbst zu solchen Geschäften ungeschickt und untauglich fühle, auch mein Gedächtnis fast hin ist (ohne welches man nichts thun kann), und ich, an geistigen und körperlichen Kräften durch mancherlei Krankheiten geschwächt, untüchtig bin, Der Zar schrieb dagegen: »Eigensinn nenne ich deine Unfähigkeit, da es dir weder an Verstand, noch an Körperkraft gebricht.« ein solches Volk zu beherrschen, das keinen so verfaulten Menschen verlangt, wie ich bin. Ich mache daher keine Ansprüche auf die russische Thronfolge – erhalte Gott Euch noch viele Jahre – werde auch künftig keine darauf machen, nehme Gott darüber zum Zeugen, auf Gefahr meiner Seele, und beglaubige dieses eigenhändig.«

Zwei Tage darauf antwortete ihm der Zar. Er vermißte in dem Schreiben des Sohnes die rechte Aufrichtigkeit, fürchtete jedenfalls, daß »die Bärtigen ihn umlenken,« und daß er nach des Vaters Ableben dessen Werke wieder vernichten werde. »Nun denn,« schrieb er, »so ändere dich und sei ein würdiger Nachfolger, oder geh' ins Kloster.« Darauf antwortete der Zarewitsch kurz, sich mit Krankheit entschuldigend, und bat um die Einwilligung des Zaren, den Mönchsstand erwählen zu dürfen. Daß Verstellung im Spiele, mußte der Zar argwöhnen, als er vor seiner Abreise ins Ausland den Sohn besuchte und denselben, angeblich krank, im Bette fand, dann aber erfuhr, daß er gleich darauf einer Gasterei beigewohnt habe. Er gab ihm sechs Monate Bedenkzeit. Dann verlangte er, von Kopenhagen aus, kategorisch Erklärung. Er sollte sich binnen acht Tagen entweder ins Lager oder ins Kloster begeben. Alexei schien das erstere zu wählen, war aber plötzlich mit seiner Konkubine Affraßja verschwunden und tauchte erst in Königsberg wieder auf. Von dort verlor sich seine Spur wieder. Er hatte nach Frankreich oder Italien gewollt; aber ein übler Ratgeber, Alexander Kikin, der ihn, nebst Nikiphon Wäsemski, Wäsemski war Alexeis ehemaliger Lehrer. hauptsächlich bei seinen verkehrten Schritten geleitet und eben damals die Schwester des Zaren, Maria Alexejewna, nach Karlsbad und von da zurückgeleitet hatte, teilte ihm in Libau mit, daß er bei Kaiser Karl VI. eine Zuflucht finden könne. Er ging nun nach Wien, fand sich aber da natürlich nicht verborgen genug, begab sich daher erst nach der Tiroler Festung Ehrenberg, dann in das Kastell St. Elmo bei Neapel. Auch da spürten ihn Tolstoi Es war dies Peter Tolstoi, 1702-14 Gesandter in Konstantinopel, dann Senator und Reisebegleiter Peters des Großen, Präsident des Handelskollegiums, in den Grafenstand erhoben, unter Peter II. gestürzt und ins Kloster geschickt, wo er 1728 starb. und Romanzow, Alexei Romanzow, Gardehauptmann, 1731 Gesandter in Konstantinopel, 1736 General en chef und Eroberer Oczakòws, 1739 Generalgouverneur der Ukraine und Gesandter in Konstantinopel bis 1742, schloß den Frieden von Abo, ward in den Grafenstand erhoben und starb 1749. die der Zar nach ihm ausgeschickt hatte, aus und überbrachten ihm ein Schreiben des Zaren (vom 10. Juli 1717), worin ihm Verzeihung versprochen wurde, wenn er zurückkehren und sich gehorsam zeigen wolle. Folge er diesem Befehle nicht, so werde ihn der ewige Fluch des Vaters und die unausweichliche Strafe des Hochverrats treffen. In einem Schreiben vom 15. Oktober 1717 sprach Alexei seinen Dank für die versprochene Verzeihung aus und gelobte Rückkehr, langte auch, mit seinen beiden Beaufsichtigern, am 3. Februar 1718 in Moskau an.

Bereits hatte der Zar die Untersuchung eingeleitet und die Ausschließung seines Sohnes von der Thronfolge beschlossen. Schon am Morgen des 4. Februar versammelten sich die vornehmen Russen, weltliche wie geistliche, auch die Angesehensten aus dem Bürgerstande Moskaus im Konferenzsaale des Kreml, in welchem die preobrazenskische Garde unter Waffen stand, während die übrigen in Moskau liegenden Truppen sich in und um den Kreml zusammenzogen und alle Zugänge besetzt hielten. Der Zar trat nun mit seinem Gefolge in den Audienzsaal und setzte sich auf den Thron. Dann erschien, von dem Grafen Tolstoi begleitet, der Zarewitsch, warf sich zu Füßen des Zars und überreichte ihm einen Brief, welchen der Zar vorlesen ließ, und der die Bitte um Gnade enthielt. Der Zar hielt ihm darauf eine lange Strafrede, deren Schluß dahin ging, daß solchen Schritten eines ungehorsamen Sohnes nichts Geringeres als die Todesstrafe gebühre. Hier warf sich der Zarewitsch abermals zu den Füßen des Vaters nieder und rief: »Ich flehe um keine andere Gnade, als um das Leben.« Der Zar sagte ihm dieses zu, erklärte aber, daß er ihm die Thronfolge für immer entziehe, womit sich Alexei, auf Befragen, natürlich einverstanden erklärte und sofort die ihm vorgelegte Entsagungsakte unterzeichnete. Hierauf begaben sich der Zar, der Zarewitsch und sämtliche Anwesende in feierlichem Zuge in die uspenskische Kirche, wo Alexei die Verzichtleistung eidlich bekräftigen mußte. Ebenso mußten die Geistlichen, die Großen des Reichs, die Bürger von Moskau eine den Zarewitsch ausschließende Urkunde unterzeichnen, welche Handlung drei Tage in Anspruch nahm.

War somit auch dem Zarewitsch Begnadigung zugesichert, so sollte dieselbe doch nicht seinen Anstiftern, Verleitern und Förderern zu teil werden. Am 4. Februar wurde Alexei verhört und sagte aus, was er wußte, vielleicht auch, was man wollte. Das scheint gewiß, daß die altrussische Partei sich mit Erfolg bemüht hatte, ihn ganz in ihre Hände zu bekommen, und daß ihm von dieser Seite her der Rat gekommen war, sich zu verstellen, in alles zu fügen, nötigenfalls auch ins Kloster zu gehen, aber seiner Zeit die Maske abzuwerfen. Der beste Rat, den sie ihm auch in ihrem eigenen Interesse geben konnten, wäre freilich gewesen, sich ernstlich um die Gunst seines Vaters zu bewerben; aber es scheint, daß er in der That außer stande war, einen solchen zu befolgen, wenn er ihm auch erteilt worden wäre. Die Flucht scheint sein eigener Gedanke gewesen zu sein, und nur eventuell hatte er sich mit Kikin über deren Richtung besprochen. Dieser hatte ihn in Libau ermahnt, in keinem Falle zu seinem Vater zurückzukehren, der ihm sonst öffentlich den Kopf abschlagen lassen würde. Aus Wien hatte er auf Verlangen eines Sekretärs des Grafen Schönborn, Wohl der Reichsvicekanzler und Bischof von Bamberg und Würzburg, Friedrich Karl. Von diesem glaubte man, daß er mit dem Zar in naher Verbindung stehe und dessen Interessen diene, wo denn jene Briefe als eine Falle für den Zarewitsch erscheinen würden. Nach dem Zeugnis von Alexeis Geliebten, der Finnin Affraßja, waren jene Schreiben jedoch aus des Zarewitschs eigener Initiative hervorgegangen. Sie wurden übrigens nicht befördert und liegen noch im Wiener Archiv. G. Namens Keyl, zwei Briefe an die Senatoren und Erzbischöfe geschickt, worin er von seinem Leben Kunde gab und ihn nicht zu vergessen bat. Außerdem sagte er aus, daß ihn mehrere Personen auf den nicht zu fernen Tod des Zaren vertröstet, andere sich ungünstig über letzteren ausgelassen.

Infolge dieser Aussagen wurden sogleich in Moskau siebzig Personen in hartes Gefängnis gebracht und gingen Verhaftsbefehle in alle Teile des Reichs. Die von den Verhafteten erwirkten Aussagen zogen immer mehr Personen in die Sache. Auch die verstoßene Zarin Awdotja und die Schwester des Zaren, Maria, wurden in die Untersuchung verflochten. Unter den Papieren der ersteren fand man Nachrichten über einen Plan, den Zar vom Throne zu stoßen, sowie Beweise, daß sie im Kloster mit dem Major Stephan Glebow in den engsten Beziehungen gestanden. Sie wurde nach Moskau gebracht, und vor Beginn der Untersuchung gab der Zar ihr eigenhändig die Knute. Dieselbe Ehre ließ er in dieser Sache noch einer alten Fürstin Golizyn, einem äußerst listigen und sinnlichen Weibe, zu teil werden. Beide fürstliche Frauen waren vornehmlich durch den Erzbischof Dosithei von Rostow instigiert worden, und sie hatten wieder auf den Zarewitsch gewirkt. Dosithei, Kikin, Wäsemski und Glebow wurden (25. März 1718) verurteilt und unter den furchtbarsten Martern zu Tode gequält. Die ausgesuchtesten Foltern konnten Glebow, dessen Verbindung mit der verstoßenen Zarin durch aufgefundene Briefe noch sicherer erwiesen war, wie durch das der letzteren vielleicht abgezwungene Geständnis, kein Wort entlocken, das gegen die Zarin gezeugt hätte. Er wurde zuletzt gepfählt, die drei andern gerädert. Sie waren alle schon durch die vorhergehenden Foltern dem Tode nahegebracht.

Die Untersuchung gegen die übrigen wurde in Petersburg fortgeführt, und hier traten auch neue Aussagen gegen den Zarewitsch hervor, besonders von seiten seines Haushofmeisters und seiner Maitresse, die erst jetzt aus dem Auslande zurückkam. Inzwischen trat doch nichts hervor, was auf einen Plan gegen den Zar selbst gewiesen hätte, und im Hauptwerke drehte sich alles um den in gelegentlichen Äußerungen hervorbrechenden Widerwillen Alexeis gegen das System seines Vaters, sowie um die Pläne, die er sich für den Fall seiner dereinstigen Thronbesteigung gemacht hatte, und wobei freilich die hauptsächlichsten Werkzeuge des großen Zaren sehr übel wegkamen. Es schien gewiß, daß die auf den Zarewitsch hoffende Partei sich schon seit sieben Jahren mit diesen Plänen beschäftigt hatte. Scheremetjeff, Boris Petrowitsch, geboren 1652 aus altem und hohem Hause, als Gesandter und Feldherr ausgezeichnet, die Seele der Entscheidungsschlacht von Pultawa, 1701 Feldmarschall, 1705 Graf, gestorben zu Moskau 1719. Sein Leben hat G. F. Müller beschrieben; deutsch von Bacmeister, Petersburg 1789. Menczikoff, Siehe den folgenden Aufsatz. Schaffirow, Peter Schaffirow, ein jüdischer Ladendiener, zog Peters des Großen Aufmerksamkeit auf sich, der ihn in seine Dienste nahm, ließ sich taufen, wurde 1703 Geheimsekretär der Gesandtschaftskanzlei, 1710 Baron, 1711 Reichsvicekanzler und schloß 1713 den Frieden zu Konstantinopel mit dem Sultan ab. 1723 zum Tode verurteilt, begnadigt, aber verbannt, 1725 zurückberufen, erhielt er den Vorsitz im Kommerzkollegium und starb 11. März 1739. G. Jaguschinskij Graf Paul Iwanowicz Jaguschinskij war 1683 als Sohn eines Schulmeisters in Polen geboren, trat, als er achtzehn Jahre alt war, in russische Dienste, wurde 1711 Generaladjutant und Kammerherr, fand häufig in diplomatischen Sendungen Verwendung und starb als Kabinettsmeister am 6. April 1736. G. sollten gespießt, alle Deutschen im ganzen Reiche niedergemetzelt werden. Petersburg wollte man den Schweden zurückgeben, das stehende Heer auflösen, die Soldaten wieder zu Bauern machen. Die Großfürstin Marie Alexejewna sollte Mitregentin werden.

Bei seinem Vater möchte Alexei Gnade gefunden haben, bei den durch ihn bedrohten Günstlingen desselben konnte er keine erwarten, und die Angst, die ihn nach diesen Enthüllungen unablässig quälte, kann nicht befremden. Am 6. Juni ward eine Versammlung von 20 hohen Geistlichen und 124 Staatsbeamten berufen, wobei die Geistlichen ein Gutachten über den Fall auf dem Grunde der Heiligen Schrift erstatten, die letzteren aber den Sohn ihres Kaisers richten sollten. Die Geistlichen stellten eine Reihe Schriftstellen zusammen, welche gut oder übel auf den Fall zu passen schienen, schlossen aber mit folgender Erklärung: »Als Geistliche nicht befugt, zu urteilen, besonders in einem Staate, wo unumschränkte Gewalt das Urteil des Unterthanen überwiegt, gehorchen wir dem Willen unseres Monarchen, indem wir die auf diesen furchtbaren Fall passenden Stellen aus der Heiligen Schrift zusammenstellen. Will der Herrscher den Gefallenen nach seiner That und nach dem Maße seiner Schuld strafen, so stehen vor ihm die von uns aufgeführten Beispiele; will er aber Barmherzigkeit üben, so stehet vor ihm das Beispiel Christi, der den verlornen und reuigen Sohn wieder aufnimmt.« Die weltlichen Richter, auch auf der Uloshenie Ein 1649 unter dem Zaren Alexei Michailowitsch erlassenes Gesetzbuch. G. und den Kriegsartikeln fußend, sprachen unbedingt das Todesurteil über den Zarewitsch aus, dem es am 7. Juli vor dem versammelten Senate, bei offenen Thüren, bekannt gemacht wurde.

Am nächsten Morgen berichtete man dem Zar in der Frühe, daß die heftige Gemütsbewegung und die Todesangst seinem Sohne einen starken Schlagfluß zugezogen hätten. Zu Mittag versicherte ein zweiter Bote, es stände gefährlich mit dem Zarewitsch, und nun ließ der Zar die Vornehmen seines Hofes zusammenberufen. Bald meldete ein dritter Bote: Alexei werde den Abend nicht erleben und verlange dringend, den Vater zu sprechen. Peter begab sich zu dem Unglücklichen, nahm den Fluch, den er über ihn ausgesprochen, zurück, erteilte ihm seinen Segen und nahm Abschied. von ihm. Um fünf Uhr nachmittags meldete der Gardemajor Uschakow, daß der Zarewitsch äußerst verlange, den Vater noch einmal zu sprechen, und Peter machte sich auf den Weg, als ein neuer Bote das eben erfolgte Ableben des Zarewitsch meldete. So die offizielle Erzählung. Der sächsische Legationsrat Le Fort läßt, in einem Berichte an seinen Hof, der sich im Dresdener Staatsarchiv befindet, aber erst dem Jahre 1724 angehört, den Zarewitsch an seinem Todestage dreimal die Knute erhalten, die ersten Streiche vom Zaren selbst. Unter der dritten Züchtigung sei er gestorben. Andere lassen ihn vergiften. Der Apotheker Bär habe das Gift bereitet und General Weide dasselbe überbracht. Noch andere lassen ihn durch General Weide enthauptet werden. Schon diese Verschiedenheiten der Relation beweisen, daß man nur eben vermutete, der Zarewitsch sei keines natürlichen Todes gestorben, wie man das bei jedem plötzlichen Tode einer hochgestellten Person vermutete, über das Wie aber eben nichts wußte. Für die mildere Erzählung hat man auch angeführt, daß Peter, wie er seinen Sohn öffentlich richten und verurteilen ließ, das Urteil auch öffentlich würde haben vollstrecken lassen, wenn er überhaupt dessen Vollstreckung beschlossen gehabt hätte. Seine Leiche wurde zwei Tage lang in der Dreifaltigkeitskirche öffentlich ausgestellt und am 11. Juli mit allen Feierlichkeiten begraben.

Der Haushofmeister Iwan Assanaßjew, ferner Fedor Dubrowski, Abraham Lapuchin, der Bruder der verstoßenen Zarin, und Jakow Pustinoi wurden mit dem Beile enthauptet. Fürst Scherbatow wurde geknutet und verlor Nase und Zunge. Der Erzbischof von Kiew wurde nach St. Petersburg berufen, um sich wegen der ihm zur Last gelegten Teilnahme an dem Komplott zu verantworten, starb aber unterwegs, man glaubt all Gift. – Andere, minder kompromittiert und durch einflußreiche Verbindungen geschützt, kamen mit einer kurzen Verbannung davon. Vgl. über diese ganze Sache Herrmann a. a. O. Er hat eine Handschrift der herzoglichen Bibliothek zu Gotha benutzt, unter dem Titel: » Relations touchant la degradation et l'emprisonnement du Tzarewitz,« für deren Verfasser der preußische Gesandte Baron Mardefeld gilt. Es war dies Gustav Freiherr von Mardefeld, geboren 1664, erst kasselscher Geheimer Rat, dann 1711 preußischer Gesandter in Petersburg, wo er bis 1724 blieb und dann seinen Neffen, Axel, zum Nachfolger erhielt. Der Oheim starb 1728, der Neffe, 1747 zurückgekehrt, 1748.

Als der Zar, nach völliger Beendigung des Prozesses, das erste Mal wieder in den Senat kam, sprach er: »Die Verbrechen eines undankbaren, der Verkehrtheit preisgegebenen Sohnes und seiner Teilnehmer sind bestraft,« setzte aber sofort ein neues Inquisitionstribunal ein, welches die Veruntreuungen der Beamten untersuchen sollte. Unter den Angeklagten und für schuldig Befundenen waren die angesehensten Richter Alexeis. Man verfuhr milder mit ihnen, als sie verfahren waren. Nur der Gouverneur von Sibirien, Fürst Matwei Petrowitsch Gagarin, büßte mit dem Tode am Galgen, während Menczikoff und Apraxin mit einer Geldstrafe davonkamen.

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