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Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen

Friedrich von Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorFriedrich Bülau
titleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
publisherBernina-Verlag Ges. m.b.H.
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year1937
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Achtes Kapitel

Die Gräfin Cosel und August der Starke

Man nennt das 18. Jahrhundert das der Philosophie oder doch der Aufklärung, und gewiß ist es, daß in seinem Verlaufe die gewaltige Geisteskraft eines Leibniz, Wolf, Newton, Montesquieu, Friedrich II., Kant, Lessing und anderer eine Reihe von Bahnen eröffnet hat, welche dem ganzen geistigen und materiellen Leben der europäischen Menschheit neue Richtungen gaben und wodurch in allen Gebieten des Wissens eine vorher ungekannte Klarheit und Sicherheit erreicht ward, tausend Lücken ausgefüllt, tausend Irrtümer beseitigt wurden, wenn auch das letzte Rätsel nirgends gelöst worden ist. Mit dem erschütterten oder gebrochenen Glauben an die Untrüglichkeit aller der Lehrsätze, bei denen sich die Vorfahren beruhigt hatten und unterstützt von mächtig gesteigerter geistiger Regsamkeit und ungemeiner Verfeinerung und Vervielfältigung der Genußmittel verbreitete sich besonders in den höheren Ständen eine Frivolität, welche alles Glaubens spottete, sich von jedem Bande, das ihr als Vorurteil erschien, freimachte und zuletzt alles auf einen jeder höheren sittlichen Idee ermangelnden Materialismus zurückführte. Man gab das Alte um so williger auf, wenn es der herrschenden Sinnlichkeit und Selbstsucht lästig und unbequem war, wenn man durch seine Aufgabe eine bedrückende Mahnung des Gewissens los wurde. Eine tiefere Anschauung ward nicht gewonnen; Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit blieben nachher wie vorher; das Vorurteil vertauschte bloß seinen Gegenstand. Wenn man vorher an Dinge geglaubt hatte, die schon dem ersten Nachdenken und den Anfangsgründen des Wissens als unmöglich und widersinnig erscheinen mußten, so verwarf man jetzt auch ernste und ewige Wahrheiten mit nicht weniger seichten und oberflächlichen Gründen. Man glaubte nicht mehr an Gespenster, aber man glaubte auch nicht an den unsterblichen Geist. Man glaubte nicht mehr an den Teufel, aber man glaubte auch nicht mehr an den ewigen Gott. Man erkannte das Nichtige manches von Menschen ersonnenen Formenwerkes, aber man blieb der Sklave anderer, nicht weniger nichtiger und willkürlicher und vielleicht weniger nützlicher Formen, und man gab auch den Glauben an die Tugend, die Ehrfurcht vor der sittlichen Pflicht auf und führte alles auf die Berechnungen des Nutzens, der Lust und einer konventionellen Ehre hinaus. Aber wie dem auch sei, die feine Gesellschaft des damaligen Europa setzte ihren Stolz darein, nichts zu glauben, was sich nicht mathematisch beweisen oder mit den Fingern begreifen ließ, glaubte einen gewaltigen geistigen Fortschritt getan zu haben, wenn sie die übersinnliche Welt und das zukünftige Leben als entweder gar nicht vorhanden oder doch für die Menschen gleichgültig betrachtete und gefiel sich in einem gegen fast alles seither Geglaubte gerichteten, durch mehr oder minder geistreichen Witz, mehr oder minder scharfsinnige Dialektik getragenen Skeptizismus.

Um so auffälliger könnten bei solcher Richtung gewisse Gegensätze in denselben Kreisen derselben Zeit erscheinen. Wir denken dabei nicht daran, daß jener Skeptizismus von manchen Dingen, die er theoretisch verwarf, gleichwohl fortfuhr, praktisch sehr ausgedehnten Gebrauch zu machen, wie das namentlich in politischen und kirchlichen Sachen der Fall war. Hier war der Egoismus der bestimmende und leicht erkennbare Grund. Die vornehme Gesellschaft glaubte an die Wahrheit und Berechtigung vieler Dinge nicht, die sie doch als ganz nützlich ansah, um die niederen Stände im Zaum zu halten. Wir denken ferner nicht an diejenigen Minoritäten derselben Kreise, welche in jene Richtung gar nicht eingingen, sondern sich einer ganz entgegengesetzten ergaben und namentlich für das Bedürfnis religiöser Innigkeit eine Befriedigung in Strebungen und Kreisen suchten, wie man sie als mystisch-pietistische zu bezeichnen pflegt. So namentlich in der protestantischen Kirche die Herrnhuter und die Anhänger Speners, in der Katholischen die Jünger von Port Royal und die Martinisten. Man kann nicht eigentlich sagen, daß diese Richtungen durch die ersteren als Gegensatz hervorgerufen worden wären; vielmehr waren beide ein Gegensatz gegen die Sterilität des Buchstabenglaubens, der bloß äußerlichen Werke und des Formenwesens der alten Kirchen, ein Gegensatz, der nur auf verschiedenen Wegen sich abzweigte. Endlich legen wir den, wie überall, wo Vorurteil im Spiel, sich zeigenden Inkonsequenzen in den Einzelcharakteren keine Bedeutung bei, wo zuweilen ein Gottesleugner sich vor Gespenstern fürchtet oder ein Skeptiker vom reinsten Wasser doch sich gläubig die Karte von einer alten Frau schlagen läßt oder irgendeinen lächerlichen Aberglauben anwendet, um eine glückliche Lotterienummer zu erfahren. Aber das ist die eigentümliche Erscheinung, um die es sich hier für uns handelt, daß dieselben Kreise, die sich auf der einen Seite von allem alten Glauben lossagten und von der Aufklärung, dem Skeptizismus, dem sogenannten Reiche der reinen Vernunft frei machten, doch auf der anderen Seite für die allerunsinnigsten Schwärmereien und Vorspiegelungen, wenn sie sich ihnen nur in neuer Form zeigten, Empfänglichkeit genug besaßen, um die feine Gesellschaft fast aller europäischen Staaten wiederholt eine Beute von Betrügern oder Schwärmern werden zu sehen, deren Blendwerke zu entdecken es weit weniger Scharfsinnes bedurft hätte, als den man zur Bekämpfung des alten Systems angewendet. Das Jahrhundert der Voltaire und Diderot sah auch die Cagliostro, Gaßner, Schrepfer, ließ sich Geister zitieren, suchte nach dem Stein der Weisen, gefiel sich in phantastischen Verbindungen, die von einem Grade zum anderen durch Verheißung der Entdeckung wichtiger Geheimnisse lockten, welche ewig ausblieben, ergriff bald das, bald jenes mit demselben schwärmerischen Eifer und demselben Mangel an Kritik und Besonnenheit der zu soviel Wunderglauben des Mittelalters geführt hatte. Tausende von Parisern, welche nichts von den Wundern und Reliquien der Kirchenheiligen wissen wollten, strömten doch zu dem Grabe des Franz von Paris oder zu den durch Erde davon geweihten Versammlungen, weil es der Heilige der Jansenisten, weil es ein neuer, ein oppositioneller Heiliger war.

Die Erscheinung ist unleugbar und hat auf den ersten Anblick ihr Befremdendes, läßt sich aber doch unschwer erklären. Es war eine Übergangszeit, in welcher das Alte zerfiel, das Neue aber noch nicht aufgebaut war. Die große Masse der sogenannten gebildeten Welt hatte von der neuen Wissenschaft den allgemeinen Zweifel an den seitherigen Autoritäten und ein unbestimmtes Vorgefühl großer bevorstehender Entdeckungen und Triumphe des menschlichen Geistes angenommen, aber für beides keine sicheren und erschöpfenden Gründe. Sie hatte den alten Mysterien entsagt, aber ihre Phantasie verlangte nach neuen. Ihre Genußsucht konnte durch nichts so stark geködert werden, wie durch die Aussicht auf unerschöpfliche, willkürlich vermehrbare Schätze und an die nationalökonomischen Zweifelsgründe dachte man natürlich am wenigsten. Leugnete man auch ein zukünftiges Leben oder entschlug sich wenigstens jeder Rücksicht darauf, so konnte man doch das Alter und den Tod nicht leugnen und hätte sich glücklich gepriesen, wenn ein Mittel gegen beide zu finden gewesen wäre. Und wie auf den Pfaden des alten Glaubens nur zu viele sich mit gewissen Gebeten und Zeremonien, mit Verrichtung gewisser Handlungen abgefunden zu haben glaubten, ohne dies alles mit dem wahrhaft religiösen Sinne zu durchdringen, der allein diesen Dingen den Wert und die Kraft gibt, so wollten auch die neueren Jünger der Weisheit und Tugend dieselben sich in faßlicher Weise, in kurzen Sprüchen und Sätzen, die man mit Leichtigkeit auswendig lernen könne, gelehrt wissen, so glaubten auch sie durch allerlei Zeremonien und durch den Richterspruch anderer Menschen auf eine höhere geistige und sittliche Stufe gelangen zu können, ohne selbst etwas dafür zu tun, ohne irgend geistig und sittlich gehoben zu sein. Die erst beginnenden, eine totale Umwandlung anbahnenden Entdeckungen im Gebiete der Physik und Chemie spannten teils die Erwartungen des Publikums aufs höchste, teils gaben sie Spekulanten zu mancher Mystifikation Gelegenheit, bei welcher die Unbekanntschaft des Publikums mit diesen neuen Fortschritten in Rechnung gebracht war. Auch aus dem vorhergehenden Jahrhundert fanden sich noch mancherlei Züge derartigen Treibens in das neue herüber, erhielten sich in Geheimkreisen, nahmen neue Formen an und lernten neue Mittel gebrauchen. Dahin gehörte unter manchem anderen die Sucht, den Ursprung neuer Geheimweisheit auf die ägyptischen Pyramiden und ihre vermeintlichen Priester zurückzuführen sowie die sich mehrfach wiederholende Annahme, daß man Jude sein müsse, um in der Kabbala Großes zu erreichen.

siehe Bildunterschrift

August der Starke von Sachsen.
Schabkunstblatt von Schenk. Porträtsammlung der Nationalbibliothek

Dieser letztere Umstand veranlaßt uns, der Gräfin Cosel, die man nur als verschwenderische Mätresse eines prachtliebenden Fürsten zu betrachten gewohnt ist, hier zu gedenken, und zwar führen wir sie zuerst auf, teils weil sie unter unseren Beispielen uns am meisten in das Jahrhundert zurückführt, teils weil ihre Sache weniger in Zusammenhang mit den übrigen steht, als diese selbst unter sich.

siehe Bildunterschrift

Christiane Eberhardine von Sachsen.
Schabkunstblatt von Vogel, nach einem Gemälde von Kupetzky. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Anna Constantia von Brockdorf war die Tochter eines dänischen Obristen und holsteinischen Edelmanns, des Joachim von Brockdorf auf Deppenau und am 17. Oktober 1680 geboren. Sie war Hofdame der Prinzessin Sophia Amalia von Holstein gewesen, die an den Erbprinzen von Braunschweig vermählt wurde und heiratete 1699 den Grafen Adolf Magnus von Hoym. Dieser genoß aber ihren Besitz nicht lange. Die Hofsage versichert, er habe sie anfangs auf seinem Gute verborgen und sich vorgenommen gehabt, sie! den lüsternen Augen des Hofes nicht preisgeben zu wollen. Eitelkeit jedoch habe ihn verleitet, wenigstens ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit bei Hofe zu rühmen und dann sei er von dem Fürsten Egon von Fürstenberg zu einer Wette gereizt worden, die nur durch Anwesenheit der Gräfin am Hofe entschieden werden konnte. Sie erschien, Fürstenberg zahlte seine 1000 Dukaten und Hoym verlor seine Gemahlin, die sofort der Gegenstand der dringendsten Bewerbungen des Königs August II. wurde. Sie fühlte an sich kein Bedenken, sich von ihrem Gemahl zu trennen und dem König zu ergeben. Aber sie erkannte, daß die Leidenschaft des Königs sie ermächtige, einen sehr hohen Preis zu fordern, und ihr hochfahrender Sinn, ihre Herrschsucht und ihr Eigennutz zeigten sich schon damals in den Bedingungen, die sie dem König stellte. Er mußte versprechen, der Fürstin von Teschen für immer zu entsagen, die Scheidung von ihrem Mann zu bewirken, ihr eine jährliche Pension von 100.000 Talern auszusetzen und ihr ein eigenhändiges schriftliches, eventuelles Ehegelöbnis für den Fall des Todes der Königin zu geben. Alles ward eingeräumt, die Scheidung (1700) bewirkt und der später (1706) mit dem Titel einer Gräfin von Cosel bedachten Mätresse ein prächtiger, mit dem kurfürstlichen Schlosse durch eine bedeckte Galerie verbundener Palast sowie ein ebenso prächtiges Sommerpalais eingerichtet. Sie hat den König vielleicht mehr beherrscht, als irgendeine andere seiner zahlreichen Mätressen. Stand sie auch der Königsmark an Geist und wahrer Liebenswürdigkeit nach, so verband sie doch mit großer Schönheit einen starren, herrscherischen Sinn, durch den sie August und jedermann imponierte. Die verschwenderischste Mätresse, wie man nach manchen Anekdoten glauben könnte, war sie nicht, ward vielmehr darin von der Gräfin Dönhoff-Bielinska bei weitem übertroffen. Wohl aber wußte sie ihre Stellung gegen unbedachte Angriffe zu sichern, indem sie den Sturz des Grafen von Beichling mit beförderte, der sich über die an sie fließenden Summen beklagt hatte. Die Hofherren sagten nun nichts mehr wider sie. Die lutherischen Prediger aber, damals die öffentliche Stimme vertretend, die gegen die Cosel, um ihres anmaßenden, herzlosen und eigensinnigen Wesens willen ganz besonders gerüstet war. schonten sie nicht, und in der Dresdner Kreuzkirche sogar wurde sie nicht undeutlich mit der Bathseba verglichen. Sie verlangte vom König Bestrafung dieses Geistlichen: allein August, der sehr wohl wußte, wieweit er gehen könne und wo er einhalten müsse, erklärte ihr, daß die Prediger alle Wochen eine Stunde frei hätten, wo sie an einem bestimmten Orte alles sagen könnten, was ihnen beliebe. Würde ein Prediger einmal außer der Kirche ein ungeziemendes Wort gegen die Gräfin fallen lassen, so würde er sogleich festgenommen werden. Die lutherische Kanzel aber sei für den Papst zu hoch; wie nun vollends für ihn, der nur ein Weltkind sei!

siehe Bildunterschrift

Gräfin Cosel.
Schabkunstblatt von Peter Schenk. Staatliches Kupferstichkabinett Dresden

Eifersüchtig wachte die Cosel gegen jede Mitbewerberin und der König mußte, besonders in der ersten Zeit, manche List gebrauchen, um seine Nebenintrigen vor ihr zu verbergen. Als er infolge des schwedischen Krieges nach Polen ging, wollte er die Cosel zurücklassen, um in Warschau die Fürstin Teschen wieder an sich ziehen zu können, die ihm wegen ihrer Verwandtschaft mit dem Primas politisch wichtig war. Indes die Cosel kam doch nach Warschau nach und während sie nur auf die ältere Nebenbuhlerin blickte, pflegte der König inzwischen ein Verständnis mit der Renard und erzeugte mit ihr die nachherige Gräfin Orzelska. Ärgerlich noch, als er später die Tänzerin Duparc, die er in Brüssel gewonnen, nach Dresden nachbringen ließ, mit Geschenken überhäufte und die meisten Abende in ihrer und anderer Tänzerinnen Gesellschaft zubrachte. Dennoch ließ er die Cosel wenigstens in der Stellung einer Ehrenfavoritsultanin, behandelte sie mit größter Auszeichnung und hielt sie im wesentlichen wie seine Gemahlin, zumal ja seine wirkliche Gemahlin, die edle Christine Eberhardine von Brandenburg-Kulmbach, von ihm getrennt in Pretsch lebte. Bei der Anwesenheit des Königs und der Königin von Dänemark in Dresden hatte die Königin sich das Erscheinen der Gräfin in ihrer Gegenwart verbeten. Sie kam aber doch einmal bei öffentlicher Tafel als Zuschauerin, alles durch ihren Schmuck überstrahlend. Der König von Dänemark führte sie auf einen Platz an seiner Seite und nun erschien sie ungescheut bei allen Festen. Die Königin zog sich zurück und beide Könige wetteiferten in Galanterie gegen die Cosel.

siehe Bildunterschrift

Bergfeste Stolpen.
Nach der Natur gezeichnet von Wizani. Staatliches Kupferstichkabinett Dresden

Sie gebar dem König drei Kinder, für die er auch nach seinem Bruch mit ihrer Mutter äußerst glänzend sorgte. Es waren dies: 1. Auguste Constantia, geb. 24. Februar 1708, am 3. Juni 1725 mit dem reichen Grafen Heinrich Friedrich von Friesen (gest. bei Montpellier 8. Dezember 1739), Kabinettsminister, General und Gouverneur von Dresden, vermählt und am 3. Februar 1728 gestorben. 2. Friederika Alexandrine, geb. 27. Oktober 1709, am 18. Februar 1730 mit dem Krongroßschatzmeister von Polen, Grafen Anton Mosczinski vermählt, am 14. September 1737 Witwe, gest. in Dresden am 16. Dezember 1778. 3. Friedrich August Graf von Cosel auf Sabor in Niederschlesien und auf Deppenau, dem Familiengute seiner Mutter in Holstein, geb. 17. Oktober 1712, General und Chef der Garde du Corps und Ritter des weißen Adlerodens, gest. 15. Oktober 1770. Er hatte am 1. Juni 1749 Friederika Christina, die Tochter des Oberkonsistorialpräsidenten Grafen Christian Gottlieb von Holtzendorf, welche erst an Kaspar von Schönberg auf Gelenau vermählt gewesen, aber von ihm geschieden worden war, geheiratet. Sie starb als Witwe am 22. Januar 1793. Von ihren Kindern wurde Constantia Alexandrine mit dem dänischen Grafen Johann Heinrich von Knuth zu Güldenstein vermählt; Charlotte Luise Marianna blieb unvermählt. Der jüngste Sohn, Sigismund, starb als Gardeleutnant am 30. Juni 1786 und der älteste Sohn. Gustav Ernst, erst in preußischen, dann in sächsischen Militärdiensten, starb gleichfalls unvermählt am 29. Oktober 1789. Mit ihm erlosch der Mannesstamm der Cosel.

Die Unstetigkeit in den Neigungen des Königs würde die Cosel schwerlich gestürzt haben. Aber sie fiel als Opfer politischer und Hofintrigen und ihres die Saiten überspannenden Starrsinnes. Die Schlacht bei Pultawa eröffnete für ihren königlichen Geliebten von neuem das verhängnisvolle Polen. Es schien wichtig, alles zu benutzen, was die dortigen Verbindungen verstärken konnte, und die Fürstin bemühte sich eifrig für den König, in der Hoffnung vielleicht, sich dadurch neue Ansprüche auf seine Gunst zu erwerben. Die Umgebungen des Königs, Flemming namentlich und Vitzthum, wünschten eine Mätresse, die von ihnen abhängig sei. Sie stellten dem König vor, daß es klug sei, neben der sächsischen Mätresse auch eine polnische zu haben, empfahlen ihm aber zur Anknüpfung neuer Verbindungen die Tochter des Großmarschalls Kasimir Ludwig Grafen Bielinski, damals Gräfin Dönhoff, für die er persönlich keine entschiedene Neigung gehabt zu haben scheint, während es ihm auch sonst Bedenken machte, der furchtbaren Cosel mit einer neuen erklärten Mätresse entgegenzutreten. Endlich ließ er sich überreden. Kaum erfuhr die Cosel davon, als sie sich auf den Weg nach Warschau machte. Der König, den sie davon zu benachrichtigen unklug genug gewesen war, schickte ihr einen Leutnant mit sechs Gardes du Corps entgegen und ließ sie mit aller Höflichkeit, aber auch mit entschiedener Unbedingtheit nach Dresden zurückbringen.

Inzwischen war es der Dönhoff gelungen, wenn nicht die Liebe des Königs, doch die Herrschaft über sein schwaches Gemüt zu erringen. Sei es, daß sie ihm für den Augenblick unentbehrlich geworden war, sei es, daß er sich gegen die Cosel auf sie zu stützen, daß er die Gelegenheit zu benutzen wünschte, das Joch der letzteren abzuschütteln, genug, er selbst bestand darauf, daß ihn die Dönhoff, die anfangs nur für Warschau bestimmt gewesen, auch nach Dresden begleite. Die Dönhoff willigte nur unter der Bedingung ein, daß die Cosel Dresden vor ihrer Ankunft verlasse. Sofort erging Befehl an den Fürsten von Fürstenberg, für Erfüllung dieser Bedingung Sorge zu tragen, und Fürstenberg, ein alter Gegner der Cosel, befolgte diesen Befehl mit Freuden. Die Sache ging aber schwierig. Der Generaladjutant des Königs, von Thünen, der an die Gräfin geschickt wurde, ließ sich durch ihre Schmeichelworte, Tränen und Geschenke bewegen, sie unter dem Vorwand, daß sie krank sei, von der Abreise zu dispensieren. Der König aber blieb fest und sie mußte, mit gewaltsamen Maßregeln bedroht, Dresden verlassen, ging aber zunächst nur nach Pillnitz. Nun sollte sie das Eheversprechen herausgeben, weigerte sich aber auf das beharrlichste und entfloh endlich, da sie Haft und Gewalt fürchtete, nach Berlin. Hier bedeutete man sie, sie möchte sich lieber nach Halle begeben, was sie auch tat.

Herr von Loen erzählt: »Die Gräfin Cosel sah ich als Student in Halle, wo sie als eine vom Hofe verwiesene Liebhaberin des Königs sich hingeflüchtet hatte. Sie hielt sich daselbst ganz verborgen in einer abgelegenen Straße bei einem Bürger unweit dem Ballhause auf. Ich ging fast täglich zu einem guten Freunde, der gleich nebenbei wohnte. Das Gerücht breitete sich aus, daß sich daselbst eine fremde Schönheit aufhalte, die ganz geheim lebe. Das Studentenvolk ist vorwitzig. Ich sah sie etliche Male mit gegen Himmel aufgeschlagenen Augen in tiefen Gedanken hinter dem Fenster stehen; sobald sie aber gewahr wurde, daß man sie belausche, trat sie erschrocken zurück. Außer den Leuten, die ihr das Essen über die Straße brachten, sah man niemand als einen wohlgekleideten Menschen bei ihr aus- und eingehen, den man für ihren Liebhaber hielt. Man konnte keine schönere und erhabenere Bildung sehen. Der Kummer, der sie verzehrte, habe ihr Angesicht blaß gemacht; sie gehörte unter die schmachtenden, braunen Schönen, sie hatte große, schwarze, lebhafte Augen, ein weißes Fell (sie), einen schönen Mund und eine feingeschnitzte Nase. Ihre ganze Gestalt war einnehmend und zeigte etwas Großes und Erhabenes.«

Auch in Halle blieb sie nicht lange. Der preußische Hof war so gefällig, sie in die Hände der sächsischen Regierung zu liefern. Ein Offizier des Regiments Anhalt meldete sich bei ihr mit dem Auftrag, sie über die Grenze zu bringen. In Sachsen angelangt, ward sie auf das Schloß der Bergfeste Stolpen gebracht, wo sie am 21. Dezember 1716 ankam und was nun für mehr als 40 Jahre ihr erst gezwungener, dann freiwilliger Wohnsitz ward. Stolpen war und ist ein sehr kleiner, wenn auch anmutig gelegener und für ein bürgerliches Gemüt ganz freundlicher Ort; es war schon damals als Festung selbst invalid und nur von Invaliden bewacht. Für die Cosel muß der Abstand zwischen diesen 45 Jahren und den 16 bis 20 vorhergehenden gewaltig gewesen sein. 1708 war sie mit dem König daselbst gewesen und hatte im Tiergarten gejagt.

Das Schloß war ehedem zuweilen von den Bischöfen von Meißen, denen Stolpen gehört hatte, bewohnt worden. Der Gräfin wurden die besten Zimmer in einem Turm eingerichtet, der noch jetzt der Coselturm heißt, und sie blieb mit anständigen Einkünften versehen. Im Anfang überließ sie sich den äußersten Zornausbrüchen gegen den ungetreuen königlichen Geliebten. Dann schlug ihr Zorn wieder in die glühendste Sehnsucht nach ihm um und sie machte tausend Versuche, eine Annäherung und Aussöhnung zu erwirken. Alles umsonst. Man verfolgte und unterdrückte sie nicht; aber sie begegnete einer unerschütterlichen Kälte und Unerbittlichkeit. Allmählich schlug sie wieder um, gewann ihre Einsamkeit lieb, entsagte der Welt, warf sich aber nicht der Religion, sondern dem Gelde und der Kabbala in die Arme. Sie wurde geizig und spekulativ und sie suchte nach geheimen Kenntnissen und Kräften. Es ist behauptet worden, daß sie wirklich zum Judentum übergetreten sei oder es wenigstens beabsichtigt und deshalb eine Reise nach Holland vorgehabt habe. Das wollen wir um so weniger glauben, da ihr Verkehr mit dem Judentum unter den Auspizien eines lutherischen Oberkonsistorialpräsidenten vor sich ging. Daß aber eine innige Befreundung mit dem Judentum stattfand, und daß sie ihre Forschungen in jüdischer Theologie nicht aus christlich-theologischen Absichten trieb, dafür finden wir eine überraschende Bestätigung in den Erinnerungen eines Greises, welche der Vergessenheit zu entreißen ein anderer Greis sich das Verdienst erworben hat.

Der brave, verdienstvolle Apotheker Martius in Erlangen erzählt nämlich in dem sehr interessanten und lehrreichen Buch: »Erinnerungen aus meinem neunzigjährigen Leben« unter anderem folgendes. Er hatte 1788 die Administration einer kleinen Apotheke in dem fränkischen Städtchen Baiersdorf zu besorgen. Hier machte er unten anderem die Bekanntschaft des alten würdigen Superintendenten Bodenschatz, eines zu seiner Zeit vielgeschätzten Orientalisten, der sich namentlich viel mit jüdischen Altertümern und rabbinischer Literatur abgegeben und mehrfache Modelle der Stiftshütte und des salomonischen Tempels gebaut hatte, welche von Liebhabern von Kuriositäten angekauft worden sind. Martius besuchte ihn öfters des Abends, rauchte ein Pfeifchen mit ihm und ließ sich von ihm erzählen. Eines Abends kamen sie auch auf die Gräfin Cosel, von welcher ihm der Alte erst die gewöhnlichen, nicht in allen Punkten korrekten Mitteilungen machte, wie sie seit dem »Galanten Sachsen« durch die Literatur gegangen sind. Daran knüpfte er folgende Erzählung. Als Bodenschatz noch Pfarrer in Uttenreuth war, erhielt er einen Brief mit 20 Reichstalern, worin ihm ein angeblicher Borromäus Lobgesang in Bischofswerda auftrug, ihm die Pinke Aboth aus dem Rabbinischen ins Deutsche zu übersetzen. Er besorgte das in wenigen Tagen, worauf er mit vielem Dank sechs Dukaten Honorar bekam. Es wurden ihm noch andere hebräische Traktate zu gleichem Zweck übersendet und der Bogen mit einem Louisdor honoriert. Er mußte die Briefe an den Postmeister zu Dresden adressieren und erfuhr von ihm auf Anfrage, daß ein Bote aus Schmiedefeld die Briefe hole und bringe, nach weiterem zu forschen aber nicht rätlich sei. Endlich ward er eingeladen, selbst nach Dresden zu kommen, wo er seinen Korrespondenten finden werde. Das Reisegeld werde ihm, wie auch geschah, dort erstattet werden. Wie aber erstaunte er, als ihm der unbekannte Briefsteller im vollen Anzüge eines jüdischen Hohenpriesters aus dem Alten Testament entgegentrat und noch mehr, als er unter der Mitra das Gesicht einer Dame entdeckte! Sie empfing ihn öfters, erwies ihm alle mögliche Auszeichnung und suchte von ihm genaue Aufschlüsse über Talmudstellen, jüdische Gebetbücher und andere rabbinische Dinge zu erhalten. Sie und der Schwiegervater ihres Sohnes, der Oberkonsistorialpräsident Graf von Holtzendorf, sprachen sogar davon, ihm die Stadtpfarrerstelle zu Stolpen zu verschaffen, wobei ihm später eine der besten Ephorien in Aussicht gestellt wurde. Der Graf zeigte ihm sogar, noch ehe er sich erklärt hatte, die Vokation. Er wendete sich jedoch erst an seinen Landesfürsten, den Markgrafen Friedrich und erhielt von diesem den Befehl, ins Vaterland zurückzukehren, und die Versicherung, daß ihm eine gute Beförderung zuteil werden solle. So mag ihm leicht die gute Gräfin Cosel statt einer sächsischen eine fränkische Superintendentur verschafft haben. Übrigens ward er auch etwas ungehalten auf sie, weil sie, während er ihr rabbinische Schriften verdeutschte und sie sich darüber unterhielten, »allerlei Dinge aufs Tapet brachte, die gegen die Lehre Christi und seine heilige Person gerichtet waren, so daß er entrüstet beschloß, sich von ihr zurückzuziehen. Überdies fing auch seine gute Frau, der er das Rätsel von dem| unbekannten Korrespondenten mitgeteilt«, das der guten Frau Pfarrerin zu Uttenreuth vorher viel Kopfzerbrechens verursacht haben mag, »an, eine so gefährliche Person mit eifersüchtigen Augen zu betrachten. Sie fürchtete, daß die Dame auch den Pfarrherrn von Uttenreuth verführen könnte. Und so war er denn froh, endlich der vornehmen Hohenpriesterin Valet sagen und reichlich beschenkt in sein stilles Dorf zurückkehren zu können«.

Der Gräfin soll nach dem Tode ihres königlichen Geliebten die Freiheit angeboten, von ihr aber ausgeschlagen worden sein. Dabei soll sie nur den Wunsch ausgesprochen haben, dem Turm gegenüber, in dem sie nun schon über 16 Jahre gelebt, dereinst begraben zu werden. Sie blieb daher in ihrem Verhältnis, was ihr durch Gewohnheit lieb geworden, mag aber natürlich nunmehr in Reisen zu ihren Verwandten und sonst nicht behindert worden sein. Sie war ja nur noch eine freiwillige Gefangene. Im Lande war sie vergessen. In Stolpen erzählte man aber noch lange nach ihrem am 31. März 1761 erfolgten Tode allerlei Geschichten von ihren Wunderlichkeiten, auch von Schätzen, die sie in den unterirdischen Gängen des seitdem ziemlich verfallenen Schlosses vergraben haben sollte.

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