Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich von Bülau >

Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen

Friedrich von Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Bülau
titleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
publisherBernina-Verlag Ges. m.b.H.
series
volume
printrun
editor
year1937
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
projectid4881c93b
Schließen

Navigation:
siehe Bildunterschrift

Johann Keppler.
Zeitgenössischer Stich. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Zweites Kapitel

Der Astronom Johann Keppler

Zu den weisesten und besten Menschen, von denen wir wissen, gehört unzweifelhaft der in der Überschrift Genannte, dem einige Seiten dieses Bandes zu widmen wir zunächst durch die Beziehung veranlaßt wurden, in die er mehrfach auch zu Wallenstein getreten ist, dessen Leben aber auch sonst des Merkwürdigen, Wechselvollen und seine Zeit Bezeichnenden nur zu vieles bietet. Reines und rastloses Streben nach Wahrheit, von einer wunderbaren Organisation oder einem divinatorischen Instinkt für deren Erkenntnis getragen, ließ ihn in einer finsteren, verworrenen und gewalttätigen Zeit, wo nur einzelne seltene Geister isolierte und gefahrdrohende Versuche begannen, sich und die Menschheit von uraltem Irrwahn loszureißen, der Unterlagen und Hilfsmittel neuerer Zeiten ermangelnd, tiefe Blicke in die Gesetze des Weltalls tun, mit kühnem Schritt sich von einem verjährten Irrtum nach dem anderen befreien, Vorläufer einer helleren Wissenschaft werden, wichtige Grundsteine für Systeme legen, die um Nachfolgende ihren Glanz verbreitet haben, seinem Jahrhundert weit vorauseilen und in dem, was er geleistet, den Beweis geben, wie viel Größeres noch er unter günstigeren Umständen, in anderen Zeiten geleistet haben dürfte. Doch nicht darauf, nicht auf seine Forschungen und Leistungen gründen wir das Urteil, das wir in den Anfangsworten über ihn aussprachen, wohl aber auf den Sinn und Geist, der sie leitete und der sich in all seinem Wesen und Wirken kundtut. Überall, in allen Lagen und Beziehungen, in die er gekommen, bewährt er jenes reine und edle Wollen, bewährt er sich in Lauterkeit und Treue, ein Mann der Pflicht, des Gewissens und der Liebe, glaubensstark und doch voll Milde und Duldsamkeit, voll Demut und Selbsterkenntnis, selbstbewußt und männlich, ohne Schroffheit und Eigensinn, bescheiden und maßvoll, harmlos und anspruchslos, stets an sich zuletzt denkend, auch in den persönlichen Beziehungen liebenswürdig und vielgeliebt. Sein Leben ist nicht vom äußeren Glücke begünstigt worden, aber unter allen Beschwerden, allen Entbehrungen und trüben Erfahrungen ist das Leben kein unglückliches gewesen, das von soviel eigener Reinheit, soviel Liebe zu Gott und den Menschen, soviel Freuden des Forschens und Erkennens erfüllt und durch das Bewußtsein einzelner großer Erfolge und die Freundschaft guter Menschen geschmückt war.

siehe Bildunterschrift

Rudolf II.
Zeitgenössischer Stich. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Die Herkunft Kepplers leitet man aus einem edlen herabgekommenen Geschlechte ab. Kaiser Sigismund schlug auf seinem, allerdings den alten Römerzügen nicht vergleichbaren Zuge nach Rom zur späten Kaiserkrönung (1433) auf der Tiberbrücke einen Kriegsmann zum Ritter, der der Ahnherr der Edlen von Kappel wurde. Diese haben später ihren Namen in Keppler verwandelt und von ihm stammte Kepplers Großvater, Sebald Keppler, welcher Bürgermeister der freien Reichsstadt Weil in Schwaben, jetzt einer kleinen württembergischen Landstadt, war. Sein Sohn Heinrich heiratete Katharine Guldermann, die Tochter eines Wirtes in Eltingen bei Leonberg, mit der er einigen Grundbesitz zu ihm selbst zustehendem erhielt und sich darauf, erst in Weil, dann seit 1575 in Leonberg wohnhaft, als Landwirt nährte. Johannes aber wurde zu Magstadt im Württembergischen, wo seine Mutter bei Verwandten zu Besuch war, am 27. Dezember 1571 geboren, wie Wallenstein ein Siebenmonatkind, sein Leben lang zart und klein bleibend. Den Verhältnissen seiner Eltern tat es Eintrag, daß es seinem Vater, in dem vielleicht die Erinnerung früherer Zeiten des Geschlechtes lebte, in der stillen Häuslichkeit und bei der friedlichen Arbeit nicht Ruhe ließ. Spanische Werber lockten im nahen Württemberg und Heinrich Keppler zog um 1572, wenn auch Protestant, doch zu Albas Heere, bald von seiner marketendernden Frau gefolgt, während der kleine Johannes bei den Großeltern in Weil blieb. Hier traf ihn die von der Mutterliebe zurückgetriebene Mutter schwer an bösartigen Blattern erkrankt, in Gefahr, das Augenlicht und die entzündete rechte Hand zu verlieren. Bestimmt, auch hienieden noch Großes zu sehen und zu wirken, genas er und behielt nur in der Schwäche und Reizbarkeit seiner Augen ein beschwerliches Merkzeichen der trüben Jugendprüfung. Ob es weiterhin seinem Körper und Geiste zum Nachteil gereicht hat, daß die mißlicher werdenden Verhältnisse seiner Eltern seine früheren Jugendjahre mehr von ländlicher Arbeit als von der Schule in Anspruch nehmen ließen, mag gefragt werden. Erziehung muß mit dem ersten Erwachen des Kindes beginnen und, allmählich zurücktretend, den jungen Menschen begleiten, bis sie ihr weiteres Amt dem Leben überlassen kann; der Unterricht trifft in dem körperlich gekräftigten und auch geistig durch das Leben selbst gereifteren Geiste des älteren Knaben ein gar gutes Feld, das begierig aufnimmt, tief einsenkt, festhält und fruchtreich verwertet. Doch dem sei, wie ihm wolle, Kepplers Vater war 1575 ohne Ruhm und Schätze aus dem Kriege zurückgekehrt und verlor dann noch, durch unvorsichtige Bürgschaft einen großen Teil seines Vermögens. Johann, ohnedies mit seinem ersten Unterrichte an eine Dorfschule jener Zeit gewiesen (zuerst zu Ellmendingen im Badischen, wo sein Vater seit 1578 eine Wirtschaft gepachtet hatte, die er doch bald wieder aufgab und nach Leonberg zurückkehrte), ward auch dieser durch das Hüten des Viehes und ähnliche ländliche Geschäfte vielfach entzogen. Aber sein sanftes, stilles und dabei lernbegieriges Wesen fand wohlwollende Teilnahme befreundeter Gönner, und seine körperliche Schwächlichkeit mußte es selbst dem Vater wünschenswert machen, ihn einem anderen Berufe zu widmen, als in denen er selbst vergeblich das Glück gesucht hatte. So ward ihm der Eintritt in die reichen Stiftungen eröffnet, in denen die Frömmigkeit und Einsicht württembergischer Fürsten auch dem dürftigen Talent Asyle der Bildung gesichert hatte. Er besuchte die Klosterschulen zu Hirsau und Maulbronn und trat 1589 in das theologische Stift zu Tübingen ein, bei der Aufnahmeprüfung unter 25 Genossen die zweite Stelle erringend. Sein Vater sollte ihn hinieden nicht wieder sehen, indem er, durch seinen unruhigen Geist und wohl auch durch die Vorwürfe der heftigen und unverträglichen Frau über den Verfall ihrer Nahrung getrieben, eben im Jahre 1589 in österreichische Kriegsdienste getreten und in dem Türkenkriege verschollen ist. Unter den Kindern befanden sich noch zwei Söhne, Christoph und Heinrich. Sie wurden beide Soldaten. Christoph hat später als Zinngießer und Trillmeister der Landmiliz zu Weil gelebt und soll ein ordentlicher, wenn auch heftiger und ungebildeter Mann gewesen sein. Heinrich lief aus der Lehre unter die Soldaten, ward katholisch und brachte es bis zum kaiserlichen Trabanten, worauf er 1614 als Invalid, und mit vielen Kindern versehen, in die Heimat zurückkehrte und nicht lange darauf starb. In der Tochter Margarete waltete der Geist der Liebe und Treue, der ihren Johannes schmückte. Sie soll schön gewesen sein und heiratete 1608 den Pfarrer Georg Binder zu Heumaden bei Stuttgart.

Im Stift fand Keppler einen väterlichen Beschützer an dem Superintendenten Stephan Gerlach, der in seiner Jugend mit dem kaiserlichen Gesandten Freiherrn David von Ungnad als Gesandtschaftsprediger in Konstantinopel gewesen war und später seine dort angeknüpften Verbindungen benutzte, die sanguinischen Projekte der württembergischen Theologen, die eine Verbindung der protestantischen und der griechischen Kirche wider die römische zustande zu bringen suchten, zu fördern. Wichtiger noch ward es für Kepplers späteren Lebensgang, daß Michael Mästlin die Mathematik lehrte, der zwar das Ptolemäische System zugrunde zu legen gehalten, seinerseits aber einer der eifrigsten Anhänger und Verbreiter der Kopernikanischen Anschauungen war, so daß er seinen Schülern zwar die älteren Lehrsätze historisch entwickelte, dabei aber die in ihnen liegenden Dunkelheiten und Widersprüche hervortreten und darauf die klaren Lösungen, die die neue Lehre bot, um so freudiger erfassen ließ. Zunächst jedoch war dem Keppler die Mathematik nur eine disciplina mentis, zur Vorbereitung auf das theologische Studium, vielmehr auf das geistliche Leben, dem er sich zu widmen entschlossen war, das er aber freilich in anderer Weise auffaßte als die meisten Theologen seiner Zeit.

Mit unbefangener Offenheit sprach Keppler seinen Widerwillen gegen Streit- und Verdammungssucht, gegen geistliche Überhebung und gegen ein Einkerkern des Christentums in Formeln und Buchstaben, während es doch in seinem Ursprunge auf viel Besseres, auf das persönliche Wesen und Wirken Jesu Christi, auf den beseligenden Eindruck jedes Wortes, jedes Zuges in dem vom Geiste Gottes durchhauchten Walten des aus Gott gesendeten Erlösers begründet ist, in einem lateinischen Gedicht sowie in einem Aufsatz aus, den er der theologischen Fakultät vorzulegen kein Bedenken trug. Damit war es entschieden, daß ihn die eifrigen Zionswächter vom Geschlechte der nimmer aussterbenden Pharisäer nicht wieder in dem württembergischen Weinberge arbeiten lassen würden. Haben es doch auch seine Zeitgenossen Johann Valentin Andreä, Spener, Franke erfahren müssen, daß man sie nicht als Christen anerkennen wollte, weil sie auf Christus mehr achteten als auf die Theologen. Keppler verfiel jedoch keiner eigentlichen Verfolgung, wie denn sein mildes, harmloses Wesen mehrfach die geistliche Unduldsamkeit entwaffnet zu haben scheint. Es fand sich ein milderer Weg, ihn für Württemberg unschädlich zu machen.

Bekanntlich hatte sich der Protestantismus bis in die Zeiten Ferdinands II. auch in den österreichischen Erblanden ausgebreitet und wurde namentlich von dem österreichischen Adel, sei es auch nicht immer aus religiösen Gründen geschehen, mit einem Eifer gepflegt, der zuletzt in den Anfängen des Dreißigjährigen Krieges seine Kehrseite entfaltete. Erzherzog Karl von Österreich, der Begründer der steiermärkischen Linie, zu deren Besitzungen auch Kärnten und Krain gehörten und die mit seinem Sohne Ferdinand den Kaiserthron bestieg, ließ diese Bewegung, wie sein Vater Ferdinand I., sein Bruder Maximilian II., im wesentlichen unbehindert. Wie die protestantischen Edelleute auf ihren Schlössern Geistliche von zum Teil buntgewählten protestantischen Sekten unterhielten, so suchten sie fast vorzugsweise protestantische Gelehrte in das Land zu ziehen. Jetzt war zudem eine Minderjährigkeitsregierung im Lande, wo der mächtige Adel noch unabhängiger dastand.

Die steirischen Stände wendeten sich an Herzog Ludwig von Württemberg mit der Bitte, ihnen einen geeigneten Lehrer der Mathematik und Moral für das neu eingerichtete Gymnasium in Graz zuzuweisen, und das geistliche Ministerium, das er deshalb befragt, empfahl ihm Keppler zu diesem Zwecke, zumal die württembergische Prüfungsbehörde diesem nach Vollendung seiner theologischen Studien kein anderes Zeugnis hatte geben wollen, als daß er rednerisches Talent gezeigt habe. Ungern nahm Keppler die Berufung für das neue Lehrfach an, weil er auf seine Kenntnisse nicht vertraute, obwohl er sich seiner Anlagen dafür bewußt war. Er nahm auch Rücksicht auf die Pflichten der Dankbarkeit für die Regierung, weil er auf deren Kosten erzogen worden war, behielt sich aber ausdrücklich die theologische Laufbahn, die ihm damals immer noch die würdigere und höhere, die Bahn seines eigentlichen Berufes schien, in Württemberg vor.

Im Jahre 1593 übersiedelte er nach Graz, wo er als eines seiner ersten Amtsgeschäfte die Fertigung des steirischen Kalenders für das nächste Jahr und darin die astrologischen Vorhersagungen in betreff der Witterung und der Weltgeschicke zu besorgen erhielt. Mit kühner Entschiedenheit bot er einem protestantischen Vorurteile, das noch weit über 100 Jahre, in Schweden noch bis 1753 von der Befolgung einer päpstlichen Reform zurückhielt, Trotz und nahm die Gregorianische Zeitrechnung in seinem Kalender auf. Die Astrologie aber, deren Eitelkeit ihm natürlich völlig bewußt war, benutzte er, wie auch in einer späteren Stellung, in der gleichfalls »diese (unechte) Tochter der Astronomie ihre alte Mutter mit ihren Reizen ernähren mußte«, von ihm geschehen ist, lediglich als eine Form, in die er seine eigenen, aus der frischen Kraft seines hellen und lebendigen Geistes und aus scharfer und unbefangener Beobachtung der Menschen und der Dinge geflossenen Bemerkungen, Winke, Ratschläge kleidete, behandelte übrigens die Sache mit Humor und Gewandtheit. In vertrauten Kreisen sprach er sich schon damals über die Nichtigkeit der Astrologie entschieden aus. Bemerkenswert ist, wie er sich in der erst bekannt gewordenen Nativität Wallensteins über die Astrologie äußert. Diese enthält sichtbare Beweise seiner Offenheit, seiner Menschenkenntnis und Geschicklichkeit, mit der er weise Ratschlüsse in astrologisches Gewand hüllte. Es heißt darin u. a.: »Die Astrologi haben eben darumb die anfangs gemelte außtheilung der 12 Heuser erdacht, damit sie uf alles dasjenige, so der mentsch zu wißen begehret, underschiedlich antworten möchten, ich halte aber diese Weise für unmöglich, abergläubisch, wahrsagerisch und einen anfang des arabischen Sacrilegii, da man uf jede frag, so dem Mentschen einfellet, Ja oder nein antworten und also aus der Astrologia ein oraculum machen und consequenter sich uf eingebung des Himlischen (vielmehr Hellischen) geistes verlaßen will. Weil ich sonsten nit in Brauch habe, also durch alle Heuser zu gehen und specialfragen zu erörttern, als wird mir auch izo darumb kein unfleiß, Sintemal ichs mit guttem bedacht unterlassen, zuzumessen sein.« Weiter sagt er: »Welcher Astrologus einiege sache blos und allein aus dem Himmel vorsaget und sich nicht fundiret auf das Gemüth, der Seelen Vernunfft, Crafft oder Leibesgestalt desjenigen Mentschen, dem es begegnen soll, der gehet uf keinen rechten grundt und so es ihm schon gerathe, sey es glücks schuldt.« Er hatte sich jedoch, wie zur eigenen Beruhigung, ein mit seiner Vorliebe für die pythagoräische Lehre von der Harmonie der Sphären zusammenhängendes System gemacht, worin eine Anerkennung der Einwirkung der Naturkräfte auf des Menschen Geist und Sinn und dadurch auf sein Schicksal enthalten war. »Die Eintheilung des Himmels in zwölf Häuser, die Herrschaft der Trigone, alles dieses verwerfe ich«, schrieb Keppler an den englischen Naturforscher Harriot. »Ich führe die Astrologie auf die Harmonie des Himmels zurück.« Ebenso schrieb er anderwärts: »Jenachdem die Strahlen der Gestirne bei der Geburt eines Menschen configurirt sind, fließt dem Neugeborenen das Leben in dieser oder jener Form zu. Ist die Configuration harmonisch, so entsteht eine schöne Form des Gemütes, und dieses baut sich eine schöne Wohnung. Inzwischen werden Starke von Starken, Gute von Guten geboren. Die einzelnen Zufälle stehen unter der Macht Gottes und in der Gewalt des Schutzgeistes unter seiner Zulassung; ist das Gemüth übel zubereitet, so muß man trachten, es zu verbessern. Harmonie ist Vollkommenheit der Verhältnisse. Nur der Unendliche erkennt die Harmonie der Sphären in ihrem ganzen Umfange; der Erdball hat nur ein schwaches Nachgefühl. Dieses Nachgefühl belebt die Erdseele und macht den Menschen zum Denken und jeglichem Thun geschickter.« Und so sagt er auch in seiner Wallensteinschen Nativität: »Sintemal alles, was der Mentsch vom Himmel zu hoffen hat, da ist der Himmel nur Vater, seine eigene Seele ist die Mutter darzu, und wie kein Kind außerhalb seiner Mutter gezeuget wird, also hoffet man vergeblich ein glück von oben herab, deßen man keine Andeutung in des Mentschen Seele und Gemüth findet, Und hingegen so große Correspondenz ist zwischen der Gebärmutter und dem menlichen Samen, Noch viel eine größere Neigung haben unsere verborgene Cräffte der Seelen zu den himlischen erscheinenden Configurationibus und werden von denselben aufgemuntert und in des mentschen geburth formiret und gearthet.« Wenn er weiterhin in einer Konstellation die Hinweisung auf eine stattliche Heirat findet, sagt er scherzend: »die Astrologi pflegen hinzu zusezen, daß es eine Witib, und mit Sohn aber an herrschaften geben Viehe und bahren gelde reich sein werde. Ich bin der meinung, er werde ihme eine solche vor allen andern belieben lassen, ob es wohl Himmelshalber nit so specificirt werden kann, dan sein natur und neigung gilt bei mir mehr den kein Sterne.« Und an einer andern Stelle sagt er: »Wan die Astrologi diese direction sehen sollten, würden sie alle ohne Zweifel einen Todtfall votirn, ich aber mir nichts daraus als dieß, daß er zu derselben Zeit jach, unbesonnen sein wirdt und leichtlich in ein gefahr geraten möge.« – Wir kommen noch weiterhin auf Kepplers Astrologie zurück.

Im übrigen setzte sein erster Kalender Keppler in den Ruf eines gar geschickten Astrologen, indem man darin die Bauernunruhen in Österreich und den strengen Winter von 1593–94 vorausgesagt fand.

Gewichtigeren Beifall verdiente ihm das erste von ihm verfaßte wissenschaftliche astronomische Werk, wenn es auch mehr nur als »Belustigung des Verstandes und Witzes« gelten, mag: seine Entdeckung einer Übereinstimmung der Raumverhältnisse der fünf der Sonne näheren (damals bekannten) Planeten mit denen der fünf regulären Körper der Mathematiker. Er verfaßte diese Schrift, die er zugleich mit großer Freude als eine Bestätigung des Kopernikanischen Systems ansah, 1595. Sie kam aber erst 1596 zum Druck, indem der akademische Senat in Tübingen, dem sie Keppler im Manuskript vorgelegt hatte, sich erst durch das beifällige Gutachten Mästlins und das Wohlwollen, mit dem Herzog Friedrich Kepplers Mitteilungen über die Sache aufgenommen hatte, bestimmen ließ, sie zum Drucke zu lassen. Auch dann noch mußte Hasenreffer an Keppler die Warnungsworte schreiben: »Gott verhüte es, daß du deine Hypothese mit der H. Schrift öffentlich in Übereinstimmung zu bringen suchst. Ich fordere von dir, daß du bloß als Mathematiker handelst und die Sache der Kirche ungestört lassest.« Bei den Männern vom Fache fand Kepplers Erstlingsschrift um so größeren Beifall. Tycho de Brahe erkannte den Scharfsinn und die Darstellungsgabe des jungen Gelehrten gar wohl und dachte ihn durch die Einladung, zu ihm zu kommen und an seinen Beobachtungen teilzunehmen, zu einem Verteidiger seines eigenen Systems, in welchem er einen Mittelweg zwischen dem alten und dem neuen Systeme versuchte, hatte und an dem er bis an sein Ende mit Autorliebe festhielt, zu gewinnen. Darauf konnte Keppler, der zwar die Mängel des Kopernikanischen Systems gar wohl erkannte, aber mit Recht voraussagte, daß sie sich bei und in diesem Systeme selbst verbessern ließen, nicht eingehen, ließ sich aber, da ihm der Instrumente halber an Tychos Gunst gelegen war, bestimmen, die Verteidigung desselben gegen den kaiserlichen Hofastronomen Reimarus Ursus zu übernehmen, der sich für den eigentlichen Erfinder des Tychoschen Systems ausgegeben hatte. Galilei ferner schrieb glückwünschend an Keppler und blieb sein Leben lang mit ihm in Korrespondenz. Im übrigen gab Keppler die in jener Schrift noch herrschende metaphysische Methode später auf, erklärte, die Astronomie müsse mit der Physik verbunden, die eine aus der anderen erklärt werden und antwortete Mästlin, der ihn gebeten hatte, von dieser Auffassung abzustehen: »Hypothesen sind bloße Einbildungen; ich nehme nur dasjenige für wahr an, was reell physisch wahr ist. Dieses Verfahren ist mein Vergnügen und mein Ruhm, der mir nachfolgen wird.«

Keppler kam um diese Zeit noch mit dem einflußreichen und gelehrten bayrischen Geheimrat Johann Georg Herwart von Hohenburg, einen Affilierten der Jesuiten, in Korrespondenz und hat den astronomischen Kalkül zu dem chronologischen Werke desselben geliefert. Ebenso gab eine zufällige Mitteilung jenes Gelehrten zu Kepplers bedeutungsvollen Forschungen und Berechnungen über die Abweichungen der Magnetnadel und über den Magnet überhaupt Anlaß.

Doch wir haben es an dieser Stelle weniger mit den wissenschaftlichen Leistungen, als mit den persönlichen Zügen und Schicksalen des Mannes zu tun. Sein Leben in Graz gestaltete sich im Anfang vielversprechend. Er war allgemein geachtet und beliebt und hatte zu den angesehensten Familien des steirischen Adels Zutritt. In dem Hause der reich begüterten Müller von Mühleck, die gleichfalls zu dem protestantischen Adel gehörten, lernte er die schöne Barbara, eine Tochter des Hauses, kennen, die zwar schon zwei Gatten gehabt hatte, aber von dem ersten nach kurzer Ehe durch den Tod, von dem zweiten durch eine von ihr gesuchte Scheidung getrennt, erst 23 Jahre alt war. Sie schenkte ihm ihr Herz. Die Zustimmung der Eltern wurde aber von dem Nachweise der adeligen Abkunft, auf die er sich berufen hatte, abhängig gemacht, und als er, um die erforderlichen Beweisstücke zu holen, in die Heimat gereist war, hätte man ihm die Braut beinahe abtrünnig gemacht. Bei seiner Rückkehr siegte der Eindruck seiner Persönlichkeit von neuem, und die Verbindung ward noch 1597 geschlossen. Die junge Frau brachte ihm eine Tochter aus früherer Ehe, aber auch eigenen und ihres Kindes Besitz sowie weitere Aussichten neben der Verbindung mit einer angesehenen Familie mit.

Bald aber kam eine Prüfung. Erzherzog Ferdinand übernahm die Regierung selbst und damit war eine Änderung in der kirchlichen Politik der Regierung entschieden. Die protestantischen Geistlichen selbst gaben den Anlaß, indem sie, wie Keppler am 9. Dezember 1598 schrieb, die Katholiken durch Schmähungen von der Kanzel reizten sowie auch Kupferstiche zur Verspottung des Papstes verbreiteten. Kaum war der Erzherzog aus Italien zurückgekehrt, so erklärte er den Ständen, daß hiedurch ihrerseits der Friede gebrochen sei, beschloß die Aufhebung des von seinem Vater erteilten Freiheitsbriefes und befahl, die protestantischen Lehrer innerhalb 14 Tagen zu entlassen. Am 17. September kam an diese selbst der Befehl, die Stadt bei Todesstrafe vor Sonnenuntergang zu räumen. Auf den Rat ihrer Vorgesetzten gingen sie einstweilen bloß bis an die ungarische und kroatische Grenze, und hier wurde zugunsten Kepplers eine Ausnahme gemacht, für den sich, außer den Verwandten seiner Frau, auch am Hofe einflußreiche Personen und Gelehrte verwendet zu haben scheinen und an dessen »Erfindungen« der Erzherzog selbst Vergnügen fand. Es mag ihm auf der anderen Seite sein harmloses und verträgliches, lediglich vom Durst nach Wahrheit, nicht von Disputiersucht und Rechthaberei, einer Mutter der Unduldsamkeit, durchdrungenes Wesen zustatten gekommen sein. Er erhielt Befehl, nach Graz zurückzukehren und bekam auf sein Ansuchen noch eine Art Schutzbrief in der Form des nachfolgenden Dekrets: »Ihro Durchlaucht wollen aus besonderen Gnaden bewilligt haben, daß der Supplikant der Generalausschaffung ungeachtet noch länger hier verbleiben möge; doch soll er gebührliche Bescheidenheit gebrauchen und sich also unverweislich verhalten, damit Ihro Durchlaucht nicht verursacht werden, solche Gnaden wiederum aufzuheben.« Der Unterricht an dem Gymnasium hatte aber aufgehört und Keppler, dem es peinlich war, daß ihm die Besoldung »mehr aus Mitleid als wegen eines zu erwartenden Nutzens« gereicht werde, würde sich sofort nach Württemberg gewendet haben, hätte er dort eine sichere Aussicht gehabt und hätte nicht seine Gattin »an ihren Gütern und an der Hoffnung der Erbschaft der elterlichen Güter gehangen«. Aber schon im August 1599 fand er seine Stellung in dem mit strenger Gewalt zur ausschließlichen Herrschaft der katholischen Kirche zurückgeführten Lande so schwierig, daß er ernstlich an einen Wegzug dachte. Dem Dienste der Kirche könne er sich freilich nicht widmen, schrieb er an Mästlin; denn – dies bezeichnet die Trefflichkeit des echt christlichen Mannes – er könnte bei seiner Überzeugung keine größere Pein leiden, als wenn er an den Streitigkeiten der Theologen teilnehmen müßte. Einer Stelle in der philosophischen Fakultät zu Tübingen glaubte er aber in seiner Bescheidenheit, »nicht unwürdig zu sein«. Drei Monate später klagte er sehr, keine Antwort von Mästlin erhalten zu haben, dem es zu schwer gefallen war, seinem Freund zu eröffnen, wie abgeneigt der akademische Senat demselben war, und daß er in Württemberg schwerlich etwas zu hoffen habe.

Keppler fand Trost in der Wissenschaft. Er übergab dem Erzherzog einen Aufsatz über die im Jahre 1600 zu erwartende Sonnenfinsternis, zerlegte zuerst den Sonnenstrahl in seine sieben Farben und erforschte den Bau der Netzhaut und der Kristallinse sowie die Gesetze ihrer Wirksamkeit im menschlichen Auge. Er kam zuerst auf die Einrichtung eines aus zwei konvexen Gläsern zusammengesetzten astronomischen Fernrohres, für dessen Herstellung er freilich keinen Künstler in Deutschland fand und ward in seinen damals gepflegten, wiewohl erst später veröffentlichten Untersuchungen der Begründer der Dioptrik. Eben in dieser Zeit zeigte er auch die Weisheit des Schöpfers in Erschaffung der Welt in seiner Schrift: »De causis obliquitatis in Zodiaco.« »In der Schöpfung«, sagte er – und das war die Weihe seines ganzen Strebens – »greife ich Gott gleichsam mit Händen.«

Wenn ihm sein wahrhaft christlicher Sinn alles Hadern um theologische Spitzfindigkeiten, um menschliche Zutat, um Außerwesentliches überhaupt zur Pein machte, so war er doch keineswegs lau und gleichgültig gegen die Sache einer gemeinsamen Überzeugung. Die bedrückte Lage der Protestanten in Steiermark rührte ihn so, daß er, unbekümmert um die Folgen, die eine solche aktive Parteinahme für ihn haben konnte, vielleicht auch darauf vertrauend, daß er sich keinen Angriff auf die Katholischen erlaubte und nur Liebe und Frieden atmete, einen Trost- und Ermutigungsbrief an seine Glaubensgenossen schrieb und unter ihnen verbreitete. Weiter sprach er in einem Briefe an Herwart von Hohenburg seine unverbrüchliche Anhänglichkeit an das Augsburgische Glaubensbekenntnis, seine Teilnahme an dem Lose der ihrer Religion halber Verfolgten, seine Betrübnis über die Lage der Dinge in Steiermark mit einer Offenheit und Entschiedenheit aus, welche die Vermutung unterstützten, er habe mit so bestimmter und rücksichtsloser Erklärung Anmutungen begegnen wollen, die auf der Voraussetzung beruhten, Keppler könne seinen Glauben seiner Wissenschaft zum Opfer bringen.

Welche von beiden Erklärungen nun die Veranlassung gegeben habe, die Regierung fand jetzt, daß Keppler die im Schutzbriefe zur Bedingung seiner Duldung gemachte »gebührliche Bescheidenheit« und das »unverweisliche Verhalten« verletzt habe, und so wurde ihm aufgelegt, innerhalb 45 Tagen die Güter seiner Gemahlin entweder zu verkaufen oder zu verpachten und das Land zu verlassen. Er entschied sich, wie es scheint auf den Wunsch seiner Gattin, für die Verpachtung, wiewohl dabei nur eine unbedeutende Rente erlangt ward, von der überdies noch der zehnte Teil dem Fiskus zugewendet werden mußte.

Seine Hoffnung und Sehnsucht war immer noch auf Württemberg gerichtet und dringender erneuerte er seine diesbezüglichen Schreiben. Alles aber fruchtlos. Der Mann der Liebe und Duldung, dem theologische Zänkereien, der Stolz und die Wonne der Pfründner seiner Zeit, eine Pein waren, der hellblickende Forscher, der nicht einmal den Gregorianischen Kalender aufgeben wollte, gegen den sich doch der akademische Senat zu Tübingen (1583) ausdrücklich erklärt hatte, der Verteidiger des Kopernikanischen Systems konnte in Württemberg keine Stelle finden. Doch schon war ihm ein anderes Asyl bereitet, wo er, wenn auch unter mannigfach widrigen und beengenden Verhältnissen, doch eine Reihe von Jahren hindurch und mit besseren Hilfsmitteln seinen Forschungen leben konnte. Tycho de Brahe, der am Hofe Kaiser Rudolfs II. eine Zuflucht gefunden hatte, lud ihn ein, sein Gehilfe bei Verbesserung der von Kopernikus entworfenen astronomischen Tafeln zu werden. Keppler nahm die Einladung wenigstens versuchsweise an und verließ Steiermark im Oktober 1600, ließ jedoch seine Familie und Habe in Linz zurück, da er immer noch auf Württemberg hoffte. Er hatte sich bedungen, daß der Kaiser den Fortbezug seiner Grazer Besoldung auswirken und 100 Gulden zulegen sollte, wofür er zwei Jahre bei Brahe bleiben wollte. Aber kaum in Prag angekommen und dabei von einem Tertianfieber geplagt, erfuhr er, daß die kaiserliche Empfehlung fruchtlos gewesen, die steirische Besoldung ihm entzogen sei, fand auch sonst die Verhältnisse in Prag mißlich und in Tycho einen hochfahrenden und unverträglichen Mann, ging mit dem Plan um, Medizin zu studieren und darauf seine fernere Existenz zu gründen und kündigte noch im Oktober seinen Vertrag mit Tycho. Aber gleich darauf erhielt er aus Württemberg solche Nachrichten, die ihn überzeugen mußten, er habe dort nichts zu hoffen. So sah er sich genötigt, sich ganz in Tychos Hände zu geben. Sein Fieber drohte in eine Auszehrung überzugehen. Seine ihm nach Prag nachgekommene Gattin erkrankte gleichfalls und fand das Verhältnis der Abhängigkeit ihres Gatten von Tycho, von welchem Kepplers Besoldung zu beziehen und oft nur talerweise zu erbetteln war, unerträglich. Auch sonst mußte es Kepplers und Brahes gegenseitige Stellung erschweren, daß jede Beobachtung, die Keppler auf der kaiserlichen Sternwarte machte, eine Bestätigung des Kopernikanischen Systems und eine Widerlegung des Braheschen war. Daß Brahe gleichwohl mit Keppler nicht brach, spricht sowohl für des letzteren eminente Brauchbarkeit als dafür, daß dem Tycho die Wissenschaft doch noch höher stand als sein System. Keppler aber schrieb von neuem an Mästlin, an den er sich immer wendete, ungeachtet ihm derselbe erklärt hatte: »Frage Klügere um Rat, ich bin in politischen Dingen ein Kind« und bat inständig, dafür zu sorgen, daß, wenn eine Stelle in Tübingen vakant würde, Keppler sie erhalte. Gewiß würden viele steirische Edelleute nach Tübingen ziehen, wenn er dahinkäme.

Tychos Tod (24. Oktober 1601) erleichterte Kepplers Lage in anderer Weise. Der Kaiser ernannte ihn sofort zu dessen Nachfolger, wobei der bescheidene Keppler statt der 3000 Goldgulden, die Tycho als Jahresgehalt ausgesetzt gewesen, von denen aber die Mitarbeiter zu bezahlen und manche sonstige Unkosten zu tragen waren, nur 1500 beanspruchte. Wären diese nur regelmäßig und vollständig ausgezahlt worden! Aber oft mußte er ganze Tage in der Hofkammer stehen, um eine Abschlagssumme zu erwirken und schon 1612 beliefen sich die Rückstände auf 4000 Taler.

Doch für vieles entschädigte ihn die Wissenschaft, welche jenen Jahren eine Reihe schöner Entdeckungen verdankt. Noch 1601 entdeckte er einen neuen Fixstern im Sternbild des Schwans, den er bis 1620 beobachtete, worauf er wieder verschwand, 1655 aber durch Cassini von neuem beobachtet wurde. Nach längerem Streit gelang es, die Braheschen Beobachtungen, deren Herausgabe dessen Erben verweigerten, durch kaiserliche Entscheidung zur Benutzung zu erhalten und nun brachte es Keppler durch die mühsamste Vergleichung und Beobachtung, zunächst auf den Mars gerichtet, in welchem Planeten er von vornherein den Schlüssel zu den Geheimnissen der Sternkunde gesucht hatte, zu der hochwichtigen Entdeckung, welche die erste Kepplersche Regel genannt wird, daß die Planeten sich nicht kreisförmig, sondern in elliptischen Bahnen um die Sonne bewegen. Ferner erkannte er, daß die Planeten sich in ihrer Sonnennähe schneller, in ihrer Sonnenferne langsamer bewegen als in ihrer mittleren Entfernung von der Sonne, gleichwohl aber eine von der Sonne nach den Planeten gezogene Linie (radius vector) in gleichen Zeiten immer gleiche Flächenräume der Bahn abschneidet. Das ist die zweite Kepplerische Regel und durch beide wurden künstliche Hypothesen überflüssig, zu denen sich noch Kopernikus genötigt gefunden hatte. Galilei las in Pavia über Kepplers »neue Astronomie«, die in der Tat erst den rechten Schlußstein zu dem System des Kopernikus legte. Weiter fügte er zu den 777 Fixsternen, welche Tycho beobachtet hatte, 280 und widmete 1607 dem nachher nach Halley benannten Kometen, wenn auch unter ungünstigen Witterungsverhältnissen, seine Aufmerksamkeit.

Als kaiserlicher Hofastronom war er verpflichtet, auch die astrologische Bedeutung der Erscheinungen am Sternenhimmel anzuzeigen, und wurde bei mehrfachen Gelegenheiten amtlich dazu aufgefordert. Er half sich in seiner schon früher besprochenen, oft humoristischen, immer sinnreichen und geistvollen, mit wohlmeinender Schalkhaftigkeit und treuen Winken ausgestatteten Weise, und in ähnlicher Weise trat er, wie schon 1601 in den »Fundamenten der Astrologie«, so auch 1610 gegen diejenigen auf, die die Astrologie ganz verwarfen. Dabei wahrte er aber stets die Würde seiner wissenschaftlichen Überzeugung, und als er z. B. 1606 vom Kaiser zu einem astrologischen Gutachten über den Streit zwischen dem Papste und Venedig aufgefordert ward, erstattete er es ausdrücklich so, wie es die Astrologen, denen er aber in dem Glauben an die stimmgebende Einmischung des Himmels nicht beipflichtete, geben würden. Doch auch so brachte er, wie es die Astrologen auch getan haben würden, ein Resultat heraus, das seinen eigenen Wünschen und Ansichten entsprach und das auch zutraf. Auch fehlte es nicht an Winken für den sorglosen Kaiser über die ihm selbst drohenden Gefahren.

Sie sollten nur zu bald hereinbrechen und auch Keppler unsanft berühren. Im Jahre 1607 trat der an Alter nächste Bruder des Kaisers, Matthias, mit Zustimmung der beiden jüngeren Brüder, Maximilian und Albrecht, an die Spitze des Hauses und trat schon 1608 als König von Ungarn, 1611 auch in Böhmen als König auf, wo der Kaiser zuletzt auf das Prager Schloß beschränkt blieb. Als 1607 die Passauer Truppen, die der Kaiser endlich zur Gegenwehr hatte werben lassen, wegen rückständigen Soldes plünderten und dies auch in der Nähe von Kepplers Wohnung taten, erschrak seine schon seit längerer Zeit in Schwermut verfallene Gattin dergestalt, daß sie epileptische Zufälle bekam, aus denen sich völlige Geistesstörung entwickelte, bis 1611 der Tod sie von ihren Leiden erlöste. Sie hatte die Verhältnisse, in denen sie in Steiermark gelebt, nie vergessen können. In demselben Jahre verlor Keppler drei Kinder an den Blattern, und seine Stieftochter, die sich wieder nach Steiermark gewendet, machte ihren Geschwistern die mütterliche Erbschaft streitig. Der Kaiser Matthias bestätigte ihn zwar in dem Amte eines kaiserlichen Mathematicus, aber die Besoldung wurde nun noch viel schlechter ausgezahlt, so daß die Rückstände, die sich in elf Jahren unter Rudolf II. auf 4000 Taler erhoben hatten, in den sieben Jahren unter Matthias auf 12.000 Taler stiegen. Die Gehilfen, Arbeiter und Diener der Sternwarte konnten nicht mehr bezahlt werden, und Keppler, der sich und die Seinen durch Kalender und Prognostica ernähren mußte, wandelte allein in den verödeten Sälen umher. Auf die Frage des kaiserlichen Geheimrates Wakher von Wakhenfels: warum die Tafeln so lange nicht erschienen, antwortete Keppler: »Damit die Ehre des Kaisers, bei dessen Kammerbefehlen ich verhungern müßte, geschont werde, schrieb ich nichtswerte Kalender und Prognostica; dies ist etwas besser als betteln. Als mein Mädchen starb, verließ ich die Tafeln und wendete mich zur Harmonie des Himmels.« – Im Jahre 1613 folgte er dem Kaiser nach Regensburg, wo er dem Reichstage ein ausführliches Gutachten zugunsten der Kalenderreform erstattete, die jedoch abermals an der Starrheit der protestantischen Vorurteile scheiterte. Den Ausweg übrigens, den Keppler damals vorgeschlagen hatte, daß man nämlich, damit es ja nicht schiene, als ließe man sich die Tage der beweglichen Feste vom Papste vorschreiben, den Ostervollmond nicht nach den prutenischen Tabellen, denen der päpstliche Mathematiker gefolgt war, sondern nach den genaueren Rudolphinischen Tabellen berechnen sollte, schlugen die Protestanten 1700 in der Tat ein. Da dies aber zur Folge hatte, daß das Osterfest 1724 und 1744 von den Protestanten an einem anderen Sonntag als von den Katholiken gefeiert wurde, so fügten sich die Protestanten endlich 1776 darein, den Gregorianischen Kalender als allgemeinen Reichskalender angenommen zu sehen. Auf demselben Reichstage von 1613 wurden Kepplers Ansprüche an die Kammer anerkannt, ohne daß sie deshalb besser befriedigt worden wären.

siehe Bildunterschrift

Matthias I.
Stich von van Sompel, nach Soutman. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Da der Kaiser ihn nicht bezahlen konnte, fand Keppler sich schon 1612 genötigt, mit des Kaisers Bewilligung die ihm von den Ständen von Österreich ob der Enns angetragene Professur am Gymnasium zu Linz anzunehmen. Hier aber sollte er gleich von vornherein geistliche Kränkungen erfahren und neue Beweise protestantischer Unduldsamkeit erhalten. Der Hauptpastor der lutherischen Gemeinde in Linz, Daniel Hizler, ein geborener Württemberger, legte ihm nach den ersten Kirchenbesuchen die Konkordienformel zur Unterschrift vor, und da Keppler in betreff der Verfluchung der Reformierten wegen ihrer abweichenden Auslegung der Einsetzungsworte eine Verwahrung beifügen wollte, so schloß er ihn von dem heiligen Abendmahle aus. Keppler wendete sich an das Konsistorium zu Stuttgart und bat, ihm entweder seine Zweifel zu lösen oder doch zu erklären, daß Hizler ihn ohne Gewissensverletzung zur Kommunion lassen könne. Im Gegenfalle würde er genötigt sein, außerhalb der Stadt zu kommunizieren, und das könnte »bei dem gemeinen Mann, der die Subtilitäten der Schule nicht begreife«, den Wahn erzeugen, als wären der Geistliche und die Gemeinde, wo er das heilige Abendmahl genösse, reformiert, während er doch mit den übrigen abweichenden Lehren der Reformierten keineswegs einverstanden sei, wie er denn gegen die Prädestinationslehre geschrieben habe. Das Konsistorium entsprach jedoch seinen Wünschen nicht und konnte es auch wohl nach dem Standpunkte jener Zeit nicht, nachdem Keppler allerdings erklärt hatte, in einer der unterscheidenden Lehren der lutherischen Kirche von derselben abzuweichen; auch nahm es Bezug darauf, daß Keppler auch sonst in »unterschiedlichen Schreiben, Confessionibus, Protestationibus, Quaestionibus, Notis et Scrupulis« abweichende Meinungen, »ungewisse zweifelhafte opiniones« an den Tag gelegt, sich und andere »tucken und irre gemacht« und insonderheit »der Formulae Concordiae in etlichen Articuln widersprochen« habe. Hizler, dem dies bekannt gewesen, habe ganz recht getan, daß er Keppler »vor geschehener Vergleichung in doctrina cum Ecclesia Orthodoxa ad communionem nicht admittiren wollen«; Keppler exkludiere sich selbst, indem er in seinem Schreiben an Hizler die »tröstliche, in Gottes Wort gegründete«, von ihm aber »mit dem verhaßten Namen der Ubiquität verschimpfte« Lehre von der »omnipraesentia carnis Christi ex actu personali resultante«, die er selbst als eine »notam confessionis nostrae« anerkenne, für eine neue Lehre erkläre und ihr widerspreche. Wenn daraus ein Ärgernis entstehe, so gäbe nicht Hizler, sondern »Dominus Kepplerus dazu Ursach, der sich nicht will warnen noch weisen lassen, sondern seine Singularitates defendirt, so gut er sie ihm einbildet«. Insoweit erscheint dieses Gutachten, den Standpunkt jener Zeit ins Auge gefaßt, allerdings konkludent, und das Übel lag nur eben darin, daß man solche »notas confessionis«, an deren Sinn und Bedeutung doch theologische Auslegung größeren Anteil hatte als Christus, aufstellte und von allen, die zu Christi Mahle zu gehen begehrten, anerkannt wissen wollte. Die Verfasser des Gutachtens gingen aber davon aus, daß die Laien unter allen Umständen den Theologen überlassen sollten, festzustellen, was der rechte Glaube sei, dem sich die ersteren dann ohne weiteres Fragen und Bedenken »in piscatoria simplicitate« zu unterwerfen hätten. Für sich die Entscheidung, für die anderen die »christliche Einfalt in Religions-Sachen«, meinten sie. Hätten sie nur bedacht, daß es für den Christen der rechte Glaube ist: Christum liebhaben, woraus alles andere von selbst fließt und worin viel Besseres und Größeres liegt als in allen Bekenntnisformeln, die die theologische Subtilität und Gelehrsamkeit ausgedacht. Darin hatte Keppler allerdings fehlgegriffen, daß er sich nicht einfach auf seinen Widerwillen gegen die Verfluchung berief, sondern seine gleichfalls theologischen Bedenken gegen eine spezielle Lehre aufführte. Am Schlüsse des Gutachtens heißt es: »Derowegen, besonders lieber Herr, bitten und ermahnen wir euch, um der Ehre Gottes und Euerer Seligkeit willen, daß ihr bei der reinen gesunden Lehr, in denen ihr singulari dementia et sumptibus illustrissimorum Ducum Wirtembergicorum seyd erzogen worden, beständig verharren und die christliche Einfalt in Religions-Sachen euch wohl belieben lassen wollte. Ihr seyd zwar dessen beredt, euere subtilitates seyen zum gemeinen Mann viel zu hoch. Bedenket aber darneben, daß Mysteria in scripturis revelata unvergeßlich höher, und eurem Verstand, wenn ihr gleich an Scharf sinnigkeit Piatoni et Aristoteli, Ptolomaeo et Copernico weit überlegen wäret, zu begreifen schlecht unmöglich seyen. Trauet eurem guten Ingenio nicht zu viel und seht zu, daß euer Glaub nicht auf Menschen-Weisheit, sondern auf Gottes Kraft bestehe, 1. Cor. 2. Es wird doch hierdurch Gottes Ehr nicht gefördert, es dienet nichts zur Gottseeligkeit noch zu Erbauung der Gemein Gottes, euch selber kann es nicht nutzen, wenn ihr gleich alle Tage neue subtilitates erdenket und viele curiöse Fragen. Laßt uns dem nachstreben, das zum Frieden und was zur Besserung untereinander dient, Röm. 14. Ihr habt einen ordentlichen Beruf, darbei sollt ihr billig bleiben, und dessen euch stets annehmen, was euch Gott befohlen hat.« Nun Keppler beschied sich sicherlich, die in der Schrift geoffenbarten Geheimnisse auch mit seinem Geiste nicht durchdringen zu können. Hatten aber die Verfasser der Formula Concordiae soviel höhere Befähigung dazu, daß sie ihre Auffassung der göttlichen Mysterien zum Glaubensprüfstein erheben und diejenigen verdammen und verfluchen durften, die ihr nicht huldigten? Und hat nicht in alten und neuen Zeiten die Kirche nur gar zu viel Gewicht auf »subtilitates und curiöse Fragen« gelegt, die nicht zur Förderung der Ehre Gottes, nicht zur Gottseligkeit, nicht zur Erbauung der Gemeinde Gottes, nicht zum Frieden und zur Besserung der Menschen untereinander dienten? Bemerkenswert ist es übrigens, daß Keppler in dem ganzen Gutachten lediglich als Mathematiker genommen wird und die Verfasser seine theologischen Studien vollständig ignorieren. Mit Hizler versöhnte er sich, als dieser selbst in Bedrängnis kam, und beobachtete mit ihm 1620 in dem von dem liguistischen Heere belagerten Linz in brüderlicher Eintracht eine Mondfinsternis.

siehe Bildunterschrift

Tycho de Brahe.
Zeitgenössischer Stich. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

In Linz dachte Keppler bald an eine neue Verheiratung, um seinen Kindern eine Mutter zu geben. Es waren ihm elf Frauenzimmer vorgeschlagen worden, und er wählte diesmal nicht aus vornehmem Stande, aber ein schönes, gebildetes Mädchen von treuem, liebevollem Herzen: Susanne Rettinger aus Effertingen in Oberösterreich, die Tochter eines Tischlers, aber von der Grundherrin des Ortes, einer Freiin von Starhemberg, erzogen. Sie hat ihm auf seinem ferneren dornigen Lebenspfade treu und liebevoll zur Seite gestanden und ihn mit sieben Kindern beschenkt, von denen jedoch drei schon bei seinen Lebzeiten starben und auch die übrigen nicht zu reiferen Jahren gelangten. – Bis 1620 war Linz Kepplers Hauptsitz. Er hat hier unter mancherlei Störungen und Bedrängnissen seine reifsten und erhabensten Werke verfaßt.

Erst von den äußeren Vorgängen zu reden, so fällt in die Jahre 1615-1621 die langwierige Angelegenheit seiner der Hexerei beschuldigten Mutter, die ihn zu mehrfachen Reisen nach Württemberg veranlaßte, ihm aber auch Gelegenheit gab, sich in unablässigem Eifer als treuer Sohn zu bewähren und der Beschützer und Retter seiner Mutter zu werden. Darüber weiterhin. Der Tod des Kaisers Matthias (10. März 1619) brachte neue Ungewißheit in Kepplers Lage, und in der Tat wurde er erst am 30. Dezember 1622 in dem Amte eines kaiserlichen Mathematicus bestätigt. Im Jahre 1620 hatte er die Belagerung der Stadt Linz zu bestehen. Mitten in dieser Bedrängnis und Ungewißheit lehnte er einen Ruf nach England ab, den König Jakob I. durch seinen Gesandten zu Venedig, Sir Henry Wotton, an ihn ergehen ließ. »Soll ich über das Meer hinübergehen«, schreibt er an seinen treuesten Freund Bernegger in Straßburg, »wohin mich Wotton einladet? Ich ein Deutscher? Ein Freund des Festlandes? Dem vor der engen Insel bange ist? Der ihre Gefahren ahnet? Ich mit meinem schwachen Weibe und einem Haufen Kinder? Denn außer einem jetzt dreizehnjährigen Sohne, Ludwig, habe ich eine erwachsene Tochter, einen zweijährigen Sohn aus zweiter Ehe und ein neugeborenes Mädchen. Das mütterliche Erbe meiner Kinder, mein übriges Geldvermögen haben die österreichischen Stände in Händen.« Er lehnte den Ruf ab, ungeachtet er damals weder vom Kaiser das Geringste noch seine Linzer Besoldung ausgezahlt erhielt, letztere nicht, weil der Herzog von Bayern die Auszahlung aller Besoldungen inhibiert hatte. Später sollte er nach Venedig, wohin ihn Julius von Medici, der nachherige Papst Klemens VII., durch Galilei empfohlen hatte, ja sogar an die päpstliche Universität Bologna berufen werden, scheute sich aber vor den italienischen Zuständen und dem Schicksale des Astronomen Jordan Brunus, der am 7. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen endete. In Venedig hätte er zwar ein solches Schicksal schwerlich zu erfahren gehabt; ihm hätte aber da seine Gewohnheit, sich »im Reden und Handeln der deutschen Freiheit zu bedienen«, in anderer Beziehung gefährlich werden können.

Für seine Mutter, die er zur Zeit des englischen Rufes nicht für so gefährdet hielt, als sie später wurde, war es ein Glück, daß er in Deutschland blieb, wo bei den Protestanten die Hexenprozesse an die Stelle der katholischen Ketzerprozesse getreten waren. Katharine Keppler scheint bis zum Jahre 1615, wo ihre großen Bedrängnisse anhoben, in Leonberg im ganzen in leidlichen Verhältnissen gelebt zu haben. Als Schwiegertochter eines Bürgermeisters von Weil, als Mutter des kaiserlichen Mathematicus und Schwiegermutter eines Pfarrers, galt sie für eine Art Standesperson, genoß eines guten Leumundes, der auch in ihrem langen Prozeß nicht durch irgendeine Beschuldigung in betreff ihres Wandels während der vielen Jahre, da sie von ihrem Manne verlassen war, getrübt worden ist, und scheint auch ihr leidliches Auskommen gehabt zu haben. Der Eindruck der Nachrede, daß sie ihren Mann in die Fremde getrieben, war das einzige, was in der Meinung gegen sie fortwirkte. Sie blieb auch in höherem Alter eine rasche, unruhige Frau, der es im Hause zu einsam war und die viel bei den Nachbarn umherlief, um mit Gevatterinnen zu plaudern. Im Jahre 1601 war sie, das Grab eines Enkels besuchend, auf den seltsamen Einfall gekommen, den Schädel ihres Vaters ausgraben lassen zu wollen, um ihn in Silber fassen zu lassen und ihrem Sohne, dem Mathematicus, zu schicken. Sie war zwar durch den Totengräber davon abgebracht worden; die Sache ward aber nicht vergessen. Eine ihr fremde Frau, der sie in der Badestube gegen ein unbedeutendes Übel ein Mittel geraten und geschickt hatte, wendete dieses wahrscheinlich unpassend an und bekam einen bleibenden Schaden. Seit ihre Tochter verheiratet war, ließ sie aus Bequemlichkeit, um nicht so oft in den Keller zu müssen, einen Vorrat von Wein in zinnernen Kannen im Zimmer stehen, und dessen Genuß war aus sehr natürlichen, aber damals unbegriffenen Gründen dem einen oder anderen übel bekommen. Ein krankes Kind, über das sie einen Segen gesprochen, starb. Mehrere Personen, die in Krankheit verfielen und vergeblich nach einer Ursache derselben sannen oder an die wahre Ursache nicht denken mochten, erinnerten sich, einmal etwas bei der Keppler genossen zu haben, und gaben nun dem die Schuld. Wenn ihr so etwas zu Ohren kam, so vermehrte sie durch unwirsche und verletzende Antworten nur die Erbitterung. Besonders war ihr die Glaserin Ursula Reinbold, eine Verwandte des Forstmeisters zu Leonberg und Schwester des Leibbarbiers des Prinzen Friedrich von Württemberg, Ulrich Kräutlein gefährlich. Das war sonst eine gute Freundin von ihr gewesen und sie waren oft zueinander nach damaliger Ortssitte zu Weine gegangen. Da hatte die Reinbold einmal von einem Kräuterweine gekostet, den die Keppler für sich selbst hingestellt hatte. Als sich später aus heftigen Mutterbeschwerden ein periodischer Wahnsinn bei ihr entwickelte, sann sie, durch ihren Bruder, der an ihr kuriert hatte, veranlaßt, umher, wer ihr wohl etwas angetan haben möge, und kam endlich auf den bitteren Trank, den sie vor Jahren bei der Keppler gekostet. Diese dagegen ließ, als sie von dem Verdachte erfuhr, die unbedachten Worte fallen: die Glaserin müsse nur das unrechte Kännchen erwischt haben; ihr Zustand rühre von einer Arznei her, die ihr ein Apothekergeselle, mit dem die Ursula zu Anspach unerlaubten Umgang gepflogen, zur Verhinderung einer Schwangerschaft gegeben; sie möge brauchen, was sie wolle, es werde nicht besser mit ihr werden. Endlich mußten selbst unmutige Äußerungen ihres Sohnes Heinrich, den sie bei seiner Rückkehr aus den Kriegsdiensten wegen seines Religionswechsels schalt und kurz hielt, verdreht und mißdeutet, nach seinem bald danach erfolgten Tode gegen sie zeugen. Ja, wer mag wissen, ob in der finsteren Zeit nicht auch der Ruf ihres großen Sohnes, ob namentlich nicht seine astrologischen Scherze und seine Zerwürfnisse mit der Orthodoxie ihr geschadet? Ein vor kurzem nach Leonberg gekommener Untervoigt, Lutherus Einhorn, griff einige der Hexerei verdächtige Weiber auf den Amtsorten auf, und man fragte sich unter den Leuten, ob es in der Stadt nicht auch dergleichen gäbe. Jetzt begann die Reinbold, vor der Haustür sitzend, allen Vorübergehenden ihre Beschwerden und die angeblichen Hexenstücke des Kätherichens, wie die Keppler gemeiniglich genannt wurde, zu erzählen, schrie die Vorwürfe auch wohl in der Pein ihrer Anfälle zum Fenster hinaus. Ja, sie nahm bei ihrem Beichtvater, Dekan Beck, das heilige Abendmahl auf ihre Aussage. Dieser war seitdem der Keppler entschieden entgegen. Den Voigt Einhorn soll sie sich zunächst durch den Vorwurf der Bestechlichkeit zum Feinde gemacht haben; auch glaubte er, durch den Forstmeister und den Leibbarbier in die Gunst des Hofes zu kommen, und später mußte er alles gegen sie aufbieten, um sein vielfach willkürliches und rechtswidriges Verfahren in der Sache zu verdecken. – Sie kam in das allgemeine Geschrei, eine Hexe, eine Unholdin, eine unrechte Frau zu sein. Man verbat sich ihre Besuche und schrieb jeden Unfall auf ihre Rechnung. Fabeln aller Art entstanden über sie und verbreiteten sich und abergläubische Mittel wurden angewendet, um neue Zeugnisse gegen sie zu gewinnen.

Zwar hatte die der Zauberei beschuldigte Apollonie Wellinger aus Eltingen, dem Geburtsorte der Keppler, selbst unter den Schmerzen einer vom Voigt Einhorn über sie verhängten Folter, bei der ein Daumen an der Waage hängen blieb, nichts gegen sich oder die Keppler ausgesagt. Aber desto einschneidender war es für letztere, daß ein Gerichtsbeisitzer Frick, auch ein Verwandter der Reinbold, auf eine spöttische Frage eine unwirsche, von ihm als Bedrohung mit einem Schaden ausgelegte Antwort erhalten und gleich darauf einen Schmerz im Fuße empfunden hatte, der sich verloren, als er, in der Kirche die Keppler stehen sehend, dreimal vor sich hingemurmelt hatte: »Kätherichen, hilf mir um Gottes willen«. Hier war, so glaubte man, Bedrohung mit Bezauberung, deren Ausführung und Lösung durch eine zweite. Zugleich knüpfte sich an diesen Vorgang ein Versuch des Voigts und des Leibbarbiers, die sich beim Forstmeister wohl bezecht und Brüderschaft gemacht hatten, die Keppler durch Versprechungen und Bedrohungen zu bewegen, daß sie auch der Reinbold wieder zu ihrer Gesundheit helfen möge. Teils mochten sie an diese Möglichkeit wirklich glauben und um der Reinbold willen die Erfüllung wünschen; teils war es eine Falle, die der Keppler gelegt ward. Diese aber erklärte standhaft: sie habe der Reinbold die Gesundheit nicht entzogen und könne sie ihr daher auch nicht wiedergeben; was man von ihr fordere, sei teuflisch; wenn man glaube, man könne etwas an ihr suchen, so solle man es vor Gericht bringen.

Jetzt glaubten ihr Schwiegersohn, der Pfarrer, und ihr Sohn, der Zinngießer, daß sich nicht mehr zu der Sache schweigen lasse, und erhoben einen Injurienprozeß, zunächst gegen die Reinbolds gerichtet, aber auch für den Voigt und den prinzlichen Leibbarbier bedenklich. Als diese nun alles aufboten, um die Familie zu drücken und zu schikanieren, erfuhr endlich auch Johann Keppler das Vorgefallene durch einen Brief seiner Schwester, der ihn zunächst zu einem heftigen Schreiben an den Magistrat zu Leonberg bestimmte, das nur Öl in das Feuer goß. Seine damalige Erklärung aber: daß er seine Mutter mit Daransetzung Leibes und Guts, mit Hilfe seiner Freunde und Gönner, zu verfechten gedenke und nicht eher ruhen werde, als bis er ihre Sache auf rechtlichem Wege zu Ende geführt habe, hat er redlich erfüllt. – Er lud seine Mutter ein, zu ihm nach Linz zu ziehen; sie wollte aber nicht von der Stelle weichen, bis der Prozeß zu Ende geführt sei. Nur als die Parteilichkeit des Voigts zu arg hervortrat, zog sie zu ihrer Tochter nach Heumaden. Der Voigt ließ jetzt den Prozeß über ein Jahr ruhen, um inzwischen den Verdacht gegen die Keppler rechte Wurzel schlagen zu lassen und womöglich von anderer Seite her eine Anklage gegen sie erhoben zu sehen. Dies geschah durch ein elfjähriges Kind einer Frau, die bereits früher durch abergläubische Possen etwas auf die Keppler zu bringen gesucht hatte, und deren Mann, Jerg Heller, ein Wächter der eingesperrten Hexen war. Das Kind wollte von der Keppler, als es mit anderen Mädchen vor derselben, als einer Hexe, entflohen, einen Schlag erhalten haben, worauf es keinen Finger mehr rühren zu können vorgab. (Es war übrigens sehr bald wieder frisch und munter.) Nun setzte der Voigt (21. Oktober 1616) das anberaumte Zeugenverhör in dem Injurienprozesse aus, wobei die Keppler wieder die Torheit beging, ihn durch einen silbernen Becher zur Fortführung des Rechtsstreites bestechen zu wollen. Sie erstattete einen parteiischen und lügenhaften Bericht an die Kanzlei, die auch ihre Verhaftung und ihr Verhör verfügte. Jetzt brachten sie ihre Kinder dazu, die Reise nach Linz anzutreten, wobei sie aber bloß bis Ulm ging und dann zurückkehrte, um nicht den Schein eines bösen Gewissens auf sich zu laden. Neue Verfolgungen bestimmten sie aber doch, mit ihrem Sohne Christoph nach Linz zu reisen, wo sie bei Johann Keppler eintraten, als dieser eben einen Brief in der Sache an den Vizekanzler Sebastian Faber zu schreiben begonnen hatte. Er bestellte Sachwalter zu Leonberg, Stuttgart und Tübingen und wendete sich unmittelbar an Herzog Johann Friedrich, dem er sich und seine Familie bei dessen Regierungsantritte zu landesfürstlicher Gnade empfohlen. Seiner Absicht, seine Mutter unter kaiserlicher Jurisdiktion zu lassen, da er nicht zugeben könne, daß »eine geschwätzige, von Alter gebeugte Frau einer Reinigung unterworfen werde, die ungerecht, grausam und mit dem höchsten Grade der Unterdrückung verbunden sei und der sie notwendig unterliegen müsse«, wirkte es wieder entgegen, daß der Pfarrer und der Zinngießer, die immer nach eigenem Kopfe handelten, sich erboten hatten, sie zu stellen. Auch die Mutter selbst war gleichen Sinnes und reiste zurück. Als er ihr folgte, um sie wieder abzuholen, wozu er auch die Erlaubnis erwirkte, ließ sie ihn allein wieder abziehen. Er empfahl die Sache seinem Freunde Besold, der aber auch klagte, daß die Kepplerschen Verwandten »alles hinter ihm verhandelten«.

Keppler hatte denn noch erwirkt, daß dem Voigt die Fortstellung des Injurienprozesses aufgegeben ward, während die Hellersche Beschuldigung erst später wieder in der Reinboldschen Klageschrift auftauchte. Der Voigt aber verschob das Zeugenverhör bis 1618, erstattete dann einen parteiischen Bericht, der jedoch ohne nachteiligen Erfolg war, und blieb nun wieder untätig, bis Keppler durch den Tod des Kaisers Matthias in seiner Stellung erschüttert und obendrein in dem belagerten Linz eingeschlossen war. Jetzt gestattete der Voigt der Reinbold eine Gegenklage auf Zauberei, worin alle die alten Fabeln zusammengestellt und noch durch die Behauptung vermehrt wurden, daß die Keppler ein Mädchen die Schwarzkunst habe lehren wollen und daß sie einem Bürger ein, wo nicht zwei Kinder getötet. Der Zinngießer verdarb durch eine unbedachte Entgegnung die Sache mehr, als daß er die Klage entkräftet hätte. Der Pfarrer, ihr Schwiegersohn, gestattete ihr zwar den Aufenthalt im Pfarrhause, verbot ihr aber, ihm unter die Augen zu treten. Vergebens lud Keppler die Mutter ein, mit seiner Stieftochter nach Karlsbad zu reisen. Sie kam auch diesmal nur bis in die Gegend von Ulm, wo sie wieder umkehrte. Nun wurde ihre Verhaftung befohlen, die in der Nacht zu Heumaden vollzogen ward. Die erschrockene Tochter sprang im Hemde aus dem Bett und trug die schlafende Mutter in eine Truhe. Dies galt aber als neuer Verdachtsgrund. Margarethe ließ aber nicht von ihrer Treue ab und übergab eine Fürbitte, worin sie bezeugte, daß ihre liebe Mutter sie in der Furcht Gottes und in allen Tugenden unterwiesen, auch selbst einen christlichen Wandel geführt habe. Auch im Gefängnis suchte sie ihr Schicksal zu erleichtern. Die Beklagte wurde gleich den Tag nach ihrer Verhaftung einem völlig tumultuarischen Verhör unterworfen, wobei der Stadtschreiber Feucht, ein junger, unwissender Mensch, eine Kreatur Einhorns, das liederlichste Protokoll führte. Auf die daraus gefertigte Relation ward die Anklage auf Tortur anbefohlen. Der Zinngießer erwirkte zwar eine Verlegung des Prozesses an einen andern Ort, nach Güglingen, tat es aber lediglich mit dem Anführen, daß das nunmehr bevorstehende Mittel schimpflich sei, weshalb er bitte, daß seiner Mutter ihr Recht an einem andern Orte angetan werde. Vogt Einhorn entwarf für Vogt Aulber zu Güglingen die Anklage und schrieb ihm dazu, daß nun nur noch Meister Jakob (der Scharfrichter) nötig sei. Diese von Einhorn verfaßte Anklage trug Vogt Aulber am 4. September 1620 vor dem Gericht zu Güglingen vor. An demselben Tage ward aber, auf Bitten Johann Kepplers, in Stuttgart verfügt, daß bis zu seiner Ankunft mit dem peinlichen Prozesse innegehalten werde. Auf die Nachricht von der Verhaftung seiner Mutter trat er die Reise nach Württemberg an, traf am 26. September zu Güglingen ein, und erwirkte sogleich, daß die Gefangene in die Wohnung des Gefängniswärters gebracht wurde, wo der gefesselten, alten und kranken Frau gleichwohl zwei Wächter gehalten werden mußten. Auch erlangte Keppler die Gestattung des schriftlichen Prozesses, was wieder dem Zinngießer, der Kosten halber, nicht recht war. Nach mancherlei prozessualen Weiterungen und nach einem Zeugenverhör, in welchem sich besonders der Dekan Beck leidenschaftlich gegen die Beklagte benahm und sich jedenfalls herausstellte, daß ganz Leonberg sie für eine Hexe hielt und sich über Johann Keppler ärgerte, weil dieser Ursache sei, daß mit ihr mehr Umstände gemacht würden, als mit andern Hexen, wurde die Exzeptionsschrift am 7. Mai 1621 in 58 Bogen übergeben. Keppler hat sie wahrscheinlich, ganz oder zum Teil, selbst verfaßt; die Verteidigung selbst war aber dadurch sehr erschwert, daß es niemandem damals beikommen konnte, die Möglichkeit der Beschuldigungen zu leugnen, sondern daß man nur ihre tatsächliche Begründung in Abrede zu stellen hatte. Es folgte nun eine Gegenschrift und eine von Johann Keppler in zwei Tagen verfaßte Konklusionsschrift, die der Vogt Aulber für bloße Wiederholung der alten Ausflüchte erklärte, wodurch der Richter in dieser sonnenklaren Sache irregemacht werden solle. Zum Glück ward befohlen, rechtliches Bedenken von der Juristenfakultät zu Tübingen einzuholen, und dieses fiel (am 10. September 1621) dahin aus, daß die Beklagte zwar an den zur Tortur bestimmten Ort geführt, ihr der Nachrichter und die Instrumente gezeigt und sie mit der Tortur ernstlich bedroht, diese selbst aber nicht an ihr vollstreckt werden sollte. Am 28. September erfolgte nun diese Szene, wobei sie ihre Unschuld aufs feierlichste beteuerte, auf die Knie fiel, Gott ihre Sache empfahl und betete, worauf sie von der Klage absolviert und, nachdem ihr Unvermögen zur Bezahlung der Kosten dargetan worden, indem Johann Keppler bewies, daß er auf alles, was sie besitze, alte Ansprüche habe, aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die Kosten wurden nun scharf moderiert und das Verbleibende den Städten Güglingen und Leonberg, dem Fiskus, dem Reinbold und dem Christoph Keppler aufgelegt. Reinbold wollte nicht zahlen und wurde in den Turm gesteckt, bis er sich fügte. Die Leonberger wunderten sich am meisten, daß sie »eine so hochgravierte Person aus dem Malefizrechte lösen sollten, was ihnen und ihren Nachkommen in ewigen Zeiten zu Hohn und Spott gereichen würde«. Sie drohten in ihrer Eingabe an das Oberamt, daß gewiß ein Totschlag erfolgen würde, wenn die Keppler länger in Leonberg bleiben dürfe, und das Oberamt ahndete diese Sprache nicht. Die Stadt mußte zwar 40 Gulden zahlen, aber der Vogt zog sie eigenmächtig der Tochter der Keppler an dem Hauskaufschilling ab und entgegnete auf ihre Beschwerde: sie solle froh sein, daß es mit ihrer Mutter »einen so leidentlichen Ausgang genommen« habe. Und in der Tat würde bei einer andern Frau der dritte Teil des gegen die Keppler Vorliegenden hingereicht haben, sie auf die Folter und auf den Scheiterhaufen zu bringen. Es ist kein geringer Beweis des hohen Ansehens, in welchem Keppler denn doch stand, und des treuen Eifers seiner Freunde, namentlich Fabers und Rat Bidenbachs, daß die Sache einer nach damaligen Begriffen so schwer beschuldigten Frau, die den Vogt, den Dekan, eine Hofpartei und die Meinung der ganzen Stadt wider sich hatte, doch noch »einen so leidentlichen Ausgang« nahm.

Die Dulderin selbst entging durch ihren am 13. April 1622 erfolgten Tod jeder weiteren Verfolgung. Keppler wurde mit seinen Erbansprüchen auf Grundstücke verwiesen, an denen er bei den damaligen Verwirrungen viel verlor. Er eilte darauf nach Linz zurück, wo man inzwischen allerlei Gerüchte über ihn ausgestreut hatte, die sich zum Teil auch weiterhin erhalten haben, wie daß seine Mutter wegen Giftmischerei angeklagt gewesen sei, daß Kaiser Matthias, dessen Tod er vorausgesagt, einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt habe, daß sein Kalender verbrannt worden sei. Letzteres geschah allerdings, aber erst 1624. Lediglich deshalb, weil die Landeskreise sich um den Vorrang stritten und er den Kreis ob der Enns vorangesetzt hatte.

Doch zu Erfreulicherem überzugehen, die von so manchen Bedrängnissen erfüllte Zeit, in welche diese Begegnisse fallen, war doch auch reich an geistigen Genüssen für Keppler. Am 8. März 1618 entdeckte Keppler zuerst seine dritte Regel, prüfte sie seit dem 15. Mai von neuem und teilte sie im nächsten Jahre der Welt in einem klassischen Werke mit: das Gesetz der Entfernungen und Umlaufzeiten der Weltkörper, nach welchem die Würfelzahl der Entfernungen gleich ist der Quadratzahl der Umlaufzeiten, so daß man mit Leichtigkeit aus letzteren die ersteren berechnen kann. Er eignete dieses Werk dem König Jakob I. von England zu, aus Dankbarkeit für den früher erwähnten Ruf. Ferner verfaßte er in diesen Jahren seinen Inbegriff der Kopernikanischen Lehre, der 1618-1622 in vier Bänden erschien. Neu waren in diesen beiden Werken auch die Lehren: daß alle Fixsterne Sonnen seien, jeder wahrscheinlich mit einer Planetenwelt umgeben, unser Sonnensystem aber wohl in einer näheren Beziehung zu der Milchstraße stehe. Daneben versuchte er sich in allerlei kleineren Arbeiten, wie die Stereometrie der Fässer, die Fermont auf die Erfindung der Differentialrechnung brachte. Er stellte Forschungen über die Gestalt der Schneeflocken an, erging sich in Gedanken über die Vermehrung des Menschengeschlechtes, gab Paradoxa physica heraus und erfand die Wasserschraube. Er beschrieb die Mondfinsternisse des Juni und Dezember 1620. Als Lord John Neppers (Napiers, geboren 1550, † 1617), des Erfinders der Logarithmen, Canon mirificus Logarithmorum erschien (1614), worin der Verfasser den wissenschaftlichen Grund seiner Erfindung verschwiegen hatte, weshalb derselben kein Zutrauen geschenkt ward, erkannte Keppler sofort, worauf es ankam, und erst seit er die Theorie der Logarithmen erklärt hatte, bedienten sich die Mathematiker der erleichternden Methode.

Seit seiner Rückkehr nach Linz schritt er auch wieder zu der Fortsetzung jenes seit 1600 ohne seine Schuld so oft unterbrochenen Riesenwerkes, der Rudolphinischen Tafeln, worin zum ersten Male die astronomischen Berechnungen auf die wahren Gesetze der planetarischen Bewegung begründet waren und deren Vollendung von allen Freunden der Sternkunde mit Ungeduld erwartet und oft erinnert wurde. Damals ließ Keppler durch seinen Freund Matthäus Bernegger heimlich den Druck einer Apologie besorgen, worin die Umstände dargelegt waren, die das Erscheinen der zum Druck bereitliegenden Tafeln behinderten. Jetzt wies der Kaiser 6000 Gulden zu den Druckkosten auf die Reichsstädte Nürnberg, das 4000 Gulden zahlen sollte, Memmingen und Kempten an. Keppler meldete sich persönlich mit den Anweisungen bei diesen Städten, aber Nürnberg, angeblich durch Wallenstein behindert, zahlte gar nichts, die beiden andern nur einen Teil. Dennoch begann er den Druck, den er aber 1626, wo er sich, infolge der neuen Maßregeln gegen die österreichischen Protestanten, in Linz nicht mehr sicher glaubte, nach Ulm verlegte, wohin er sich, nachdem er die kaiserliche Erlaubnis dazu erhalten, mit der Druckerei und sonstigen Apparaten begab. Frau und Kinder ließ er in Regensburg zurück. Vorher hatte er noch eine abermalige Belagerung von Linz, diesmal durch Protestanten, durch Mansfeld nämlich und die aufständischen österreichischen Bauern, bestanden, welche 14 Wochen andauerte, bis Wallenstein zum Entsatz kam, worauf der Kaiser Ferdinand II. die sogenannte kaiserliche Reformation anordnete, die natürlich eine Gegenreformation war.

In Ulm dachte Keppler doch daran, im Notfall auch außer Deutschland, in Frankreich nämlich, den Niederlanden oder England, nach dem Erscheinen der Tafeln eine Stellung zu suchen, wo er dieselben, gegen ordentlichen Gehalt, vor einem zahlreichen Publikum erklären könne. Doch ist er darüber zu keinem Entschluß gekommen und es fiel ihm stets schwer, sich von Deutschland zu trennen. Ja am liebsten wäre er auch jetzt noch in Württemberg geblieben, das er auch von Ulm aus, während der bald durch Geldmangel, bald durch Einquartierung gestörte Druck nur langsam fortschritt, besuchte und in Göppingen den Sauerbrunnen trank. In Ulm, wo er mit Johann Faulhaber, einem Astronom und Ingenieur, in vertrautem Verkehr lebte, maß er die Polhöhe der Stadt und gab ein Originalmaß in Form eines Kessels an, welches das Ulmer Wein-, Getreide- und Ellenmaß in sich begriff und noch jetzt im städtischen Archiv aufbewahrt wird. Im Jahre 1627 erschienen endlich die Rudolphinischen Tafeln, auf deren Titel er zugleich des Kaisers Rudolph II., als des kaiserlichen Mäzens der Unternehmung, wie des Tycho de Brahe, der den Gedanken dazu zuerst gefaßt hatte, zu gedenken nicht unterließ. Da Keppler die Kosten zum großen Teil vorgeschossen hatte, war ihm gestattet worden, so viele Exemplare zu 3 Gulden voraus zu verkaufen, als erforderlich waren, um seine Auslagen zu decken; den weiteren Erlös sollte er mit den Erben Tychos teilen. Er erhielt jedoch von Fürsten, Universitäten und einzelnen Freunden der Wissenschaft für einzelne Exemplare Summen, die alle seine Erwartungen überstiegen.

Gegen den Schluß seines Lebens sollte er noch in ein eigenes Verhältnis versetzt werden. Er hatte seit seiner Bestätigung als kaiserlicher Mathematiker seine Besoldung wieder ausbezahlt erhalten; der Hof war aber keineswegs geneigt, ihn, den standhaften Protestanten, im Lande zu haben und seine Dienste zu nutzen. Da wünschte denn die kaiserliche Hofkammer, sich der Besoldung sowohl, als der immer noch unberichtigten Rückstände mit einem Male zu entledigen, indem man Keppler mit all seinen Ansprüchen an Wallenstein, den neuen Herzog von Mecklenburg, der ja ein Freund der Astrologie war, überwies, damit er aus den Einkünften Mecklenburgs sowohl die Besoldung als die frühern Forderungen Kepplers bezahle. Diese Kombination hatte er freilich in dem mehrerwähnten Horoskop nicht gefunden. Dem Wallenstein war er übrigens schon durch seinen Lehrer Verdungus empfohlen, und Keppler zog anfangs mit ziemlichem Vertrauen nach Sagan, so daß er sowohl einer Einladung, zu dem Landgrafen von Hessen-Kassel zu kommen, als der seines Freundes Bernegger, den Rest seiner Tage bei ihm in Straßburg zu verleben, keine Folge leistete. In Sagan empfahl ihn Wallenstein seinem Landeshauptmann dort als einen »in der Mathematic und Astronomie qualifizierten und hocherfahrenen Mann« und befahl, ihn nicht allein mit einer bequemen Wohnung gegen leidliche Bezahlung zu versehen, sondern ihm auch sonst in allem die behilfliche Hand zu bieten, trug ihm auch die Berechnung der nächsten Zusammenkunft des Jupiter und Saturn auf und scheint ihm auch seine Besoldung gezahlt zu haben. An die Tilgung der Rückstände dachte er aber nicht, und als ihn Keppler in einem Schreiben nach Güstrow darum mahnte (10. Februar 1629), wollte er sich des kaiserlichen Dekretes nicht mehr erinnern. Ein zweites Schreiben vom 24. Februar hatte wenigstens die Folge, daß der Herzog dem akademischen Senat zu Rostock befahl, Keppler auf den Lehrstuhl der Mathematik zu berufen, was auch geschah. Keppler aber traute dem Bestande der Wallensteinschen Herrschaft in Mecklenburg nicht, wie er denn schon früher an seinen Freund Bernegger geschrieben hatte: »Wenn das bisherige Glück dieses Herrn fortdauert, so kannst Du sehr leicht in Rostock angestellt werden, denn er buhlt nach dem Ruhme eines Beförderers der Wissenschaften ohne Unterschied der Religion, sollte hingegen sein Glück sich wenden, so kann ich noch leichter zu Dir nach Straßburg kommen«; er trug auch gerechtes Bedenken, seine Ansprüche an den Kaiser völlig aufzugeben und sich lediglich auf Wallensteins unsicheres Glück anweisen zu lassen. So erklärte er dem Herzog furchtlos: er werde diesem Rufe nicht eher folgen, als bis der Herzog die kaiserliche Genehmigung erwirkt habe und die Rückstände bezahlt seien, und sagte in einem Briefe an Bernegger, worin er diesem den Vorgang erzählte: »Du wirst über meine Kühnheit staunen und lachen; doch bedenke, daß der Herzog über seine Gnade Herr und Meister, das Glück aber beides über dem Herzog ist.«

In Sagan bezog er einen Turm neben dem Spitaltore, der nach ihm benannt wurde, und blieb bis 1630 dort, in welchem Jahre er noch sein jüngstes Kind, Anna Maria, taufen ließ. Auch hatte er hier eine seiner letzten Erdenfreuden, indem seine einzige Tochter erster Ehe, Susanna, mit ihrem jungen Gemahl, dem Professor Bartsch in Straßburg, mitten durch die Fährlichkeiten des Krieges zu ihm reiste, den väterlichen Segen zu ihrer Verbindung zu empfangen. Sie war im Fräuleinstift zu Pforzheim erzogen worden, und als sie heranwuchs, hatte Keppler seinen Ärger über seine Schwester, die der Nichte gern einen Mann verschafft hätte und sie, wie er meinte, »mit ihren Ausrufungen lächerlich machte«. Aber auch Bernegger, gegen den Keppler diese Klagen angestimmt hatte, beschäftigte sich mit ihrer Versorgung und schrieb an Bartsch, der damals als Gehilfe bei Keppler in Sagan war, er möchte sich doch um Susanna bewerben, legte aber den Brief in der Zerstreuung unversiegelt einem Briefe an Keppler bei, der ihn las und die Sache vor der Hand ruhen ließ, indem er die Zerstreuung seines Freundes einem Schutzgeiste beimaß. Als aber Bartsch bald darauf Professor der Mathematik in Straßburg wurde, übertrug Keppler seinem Freunde die Stelle des Vaters und beauftragte ihn, seine Tochter zu fragen, ob sie frei sei und ob sie glaube, sich sicher auf Bernegger verlassen zu können, wenn dieser ihr einen Bräutigam auswähle, den er ihr der Entfernung halber nicht persönlich zeigen könne. Die Hochzeit möge zu Leonberg oder Straßburg gehalten werden; in Sagan sei er ein unbekannter Fremdling. Sie ward im März 1630 in Berneggers Hause begangen; der Bruder der Braut, Ludwig, Student der Medizin zu Tübingen, die Tante Margarete und der Oheim Christoph, der Zinngießer, waren zugegen. Den Vater wird der Besuch des liebenden Paares sicherlich mehr gefreut haben, als die goldene Ehrenkette, die ihm der Großherzog von Florenz nach Sagan schickte. Die Ehe ward übrigens schon nach einem Jahre, als Bartsch an der Pest starb, wieder getrennt und die Witwe verehelichte sich anderweit mit Martin Heller.

In Sagan berechnete Keppler, in kaiserlichem Auftrage, astronomische Ephemeriden bis 1637. Er arbeitete hier seinen Hipparch, ferner die Schrift: Terrentii epist. ex regno Sinarum ad mathemat. Europ. missae; cum coment. J. Keppleri; acc. J. Keppler de insigni defectu Solis (Sagan 1630); und als opus posthumum sein Somnium de Astronomia lunari, von dem er selbst schreibt: »In meiner Astronomie des Mondes stehen ebenso viele Rätsel als Zeilen, Rätsel, die nur mit Hilfe teils der Sternkunde, teils der Naturlehre, teils der Geschichte aufgelöst werden können.« Die Kriegsunruhen aber brachten die Druckerei wie den Vertrieb seiner Werke zum Stillstand, und so beschloß er, sich mit seinen Forderungen an den Reichstag zu Regensburg zu wenden, denselben Reichstag, der die Entlassung Wallensteins erwirkte. Seine Absicht war, von Regensburg nach Linz und wieder zurück nach Sagan zu reisen; doch nahm er eventuell, »bei der jetzigen Ungewißheit aller Dinge«, das erneuerte Erbieten der Gastfreundschaft Berneggers mit innigem Danke an, wie er diesem aus Leipzig, 21. Oktober 1630, schrieb. Wahrscheinlich wollte er in Linz seine dortigen Forderungen betreiben und in Sagan seine Familie und Apparate abholen, um nach Straßburg überzusiedeln. Die in rauher Jahreszeit zu Pferde gemachte Reise griff ihn an; er kam erschöpft nach Regensburg, ward mit Kälte empfangen. Durch die Aussichtslosigkeit seiner Hoffnungen gekränkt, erkrankte und starb er im Hause des Handelsmannes Hillibrand Pylli, am 15. November 1630. Er ward auf dem St.-Peterskirchhof beerdigt und erhielt die von ihm selbst verfaßte Grabschrift:

Mensus eram coelos, nunc terrae metior umbras;
Mens coelestis erat, corporis umbra jacet.

Die Grabstätte ward bei der Erstürmung von Regensburg durch Herzog von Weimar im November 1632 von den einstürzenden Außenwerken der Festung verschüttet und konnte nur mit Mühe wieder aufgefunden werden, als Karl von Dalberg als Fürstbischof von Regensburg ein geschmackvolles Denkmal, das seinen Kunstwert Döll und Dannecker verdankt, errichten ließ.

Das Inventarium über die Effekten, die Keppler bei seinem Tode bei sich führte, wo er nebenbei auch in Württemberg und in Sagan noch Besitz hatte und es ihm sonst auch nicht an Freunden und Zufluchtsstätten mangelte, zeigt allerdings, daß es etwas zu viel gesagt war, wenn man ihn den Hungertod sterben ließ. Die Schuldbriefe, die er bei sich führte und die ein für jene Zeit gar nicht unansehnliches Vermögen darstellten, waren freilich teils völlig aussichtslos, teils wenigstens vorläufig bei den Stockungen, die der Krieg erzeugte, ohne Nutzen.

Die Studienkosten seines Sohnes Ludwig scheinen aus dem Vermögen bestritten worden zu sein, das seine Schwester Margarete für ihn in Händen hatte, wobei auch der treue Bernegger aushalf. Zu jenem ihrem Stiefsohn kam Kepplers Witwe mit vier kleinen Kindern nach Tübingen und brachte ihm das Manuskript des Somnium mit der Bitte, es zum Besten der Verwaisten herauszugeben, was Ludwig auch 1634 tat und die Schrift dem Landgrafen Philipp von Hessen zueignete. Ludwig Keppler blieb aber nicht in Württemberg und mit seinem einzigen Sohne erlosch der Mannesstamm des großen Johann Keppler.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.