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Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen

Friedrich von Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Kapitel 15
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authorFriedrich Bülau
titleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
publisherBernina-Verlag Ges. m.b.H.
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year1937
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Vierzehntes Kapitel

Der Schwarzkünstler Cagliostro

Die eigentümliche Richtung, in welcher das 18. Jahrhundert seine Leichtgläubigkeit kundtat, ist von keinem in so großem Stile und im ganzen mit so geringen Mitteln höherer Geisteskraft und Bildung ausgebeutet worden als von Josef Balsamo, der sich Cagliostro nannte. Die Pariser Polizei, die römische Inquisition und literarische Bemühungen, an denen sich selbst ein Goethe beteiligte, haben den äußeren Lebensgang des Mannes so ziemlich festgestellt, aber keineswegs noch alle Rätsel gelöst und schwerlich alles in das rechte Licht bringen können.

Die Geschichten freilich, die er selbst von seiner Herkunft erzählte, kontrastieren gar stark mit den amtlichen Ermittlungen und doch zeigt sich auch bei jenen, daß der Abenteurer nur den nüchternen Kern der Wahrheit in seinen Zwecken entsprechender Weise ausschmückte und mit luftigen, phantastischen Hüllen umgab. Er behauptete, daß seine frühesten Erinnerungen ihn in den Orient führten. In Medina habe ihn der weise Althatas in fürstlicher Pracht erzogen; zahlreiche Sklaven hätten ihm zu Diensten gestanden und selbst der Mufti habe ihn oft besucht. Im 12. Jahre sei er mit Lehrer und Dienern nach Mekka gezogen und habe hier drei Jahre bei dem ihm verwandten Scherif gelebt, der endlich den »unglücklichen Sohn der Natur« zu weiteren Reisen entlassen habe. In Ägypten habe er die Weisheit jener Priester gelernt, welche die Phantasie fremder Völker so lange schon in das Innere der Pyramiden versetzte und dort sich an der Überlieferung einer ursprünglichen, der übrigen Menschheit verlorengegangenen geheimnisvollen Weisheit erfreuen ließ. 1766 endlich sei er in Malta angelangt und von dem Großmeister mit glänzenden Ehren empfangen worden. Hier habe er aus dunklen Andeutungen des Großmeisters zu entdecken geglaubt, daß eine Prinzessin von Trapezunt seine Mutter sei. Sein Führer Althatas sei in Malta als Christ und Priester gestorben und nun habe sich Cagliostro mit dem ihm vom Großmeister als Begleiter zugeteilten Chevalier d'Aquino nach Neapel begeben, von wo an seine Laufbahn öffentlich wurde. Später wollte er auch einmal seinen Stammbaum auf Karl Martell zurückführen.

siehe Bildunterschrift

Graf Cagliostro.
Zeitgenössischer Stich. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Die Wirklichkeit nimmt sich nun allerdings weniger glänzend und romantisch aus; doch sieht man wohl, welche Anhaltepunkte sie der Erfindungsgabe des Balsamo geboten hat. Gleich die Abstammung von Karl Martell ward ihm dadurch an die Hand gegeben, daß sein mütterlicher Urgroßvater Matthäus Martello hieß, er aber überhaupt veranlaßt war, sich mehr auf seinen mütterlichen als auf seinen väterlichen Stammbaum zu stützen, da der letztere wahrscheinlich auf Juden zurückführte. Jener Matthäus Martello hatte zwei Töchter. Die Jüngere, Vincenza, heiratete einen Josef Cagliostro aus La Noava und war die Pate unseres Abenteurers, der auch seinen Taufnamen nach ihrem Mann erhielt und sich endlich dessen ganzen Namen unter Beifügung des Grafentitels beilegte, weil er ihm wahrscheinlich einen imposanteren Klang zu haben schien als sein wahrer Name, überhaupt ein Namenwechsel zur Verschleierung seiner Herkunft diente. Die ältere Tochter des Martello heiratete einen Josef Bracconeri, dem sie drei Kinder, Felicitas, Matthäus und Antonia, gebar. Felicitas nun, deren persönliche Bekanntschaft Goethe in Palermo gemacht hat, ward an Peter Balsamo verheiratet, den Sohn eines Bandhändlers in Palermo, Antonio Balsamo, der aus jüdischem Geschlecht gewesen sein soll. Peter Balsamo zeugte mit der Felicitas den Josef, der später soviel Aufsehen in der Welt machte, und die Johanna Josef Maria, die an Johann Baptista Capitummino verheiratet und von diesem als Witwe mit drei Kindern zurückgelassen ward. Peter Balsamo machte Bankrott und starb im 45. Jahre. Seiner Witwe Felicitas fiel die Sorge für die Familie zu.

Josef Balsamo ward am 8. Juni 1743 zu Palermo geboren, erhielt den ersten Unterricht im Seminar von St. Roch zu Palermo, von wo er im 13. Lebensjahre in den Konvent der Barmherzigen Brüder zu Cartagirone kam. Hier gewann er die Gunst des Bruders Apotheker und scheint diesem die Grundlagen der medizinischen Kenntnisse verdankt zu haben, die er besaß und später sehr gut für seine Zwecke zu gebrauchen wußte. Jedenfalls scheint er für Chemie und Botanik Sinn gehabt zu haben. Seine Aufführung soll die schlechteste gewesen sein und er den guten Brüdern viele Not gemacht haben. Am meisten kränkte sie, daß er beim Vorlesen der Martyrologien während der Abendtafel den Namen der Heiligen die von Räubern und Kurtisanen unterschob. Nach einigen soll er sich den Züchtigungen, die ihm dergleichen Streiche immer öfter und nachdrücklicher zuzogen, durch die Flucht entzogen haben, nach anderen fortgeschickt worden sein. Genug, er kehrte nach Palermo zurück und scheint von nun an auf eigene Hand gelebt zu haben. Zunächst entwickelte er Geschicklichkeit im Fechten und Zeichnen. Die erstere Kunst verleitete ihn zu vielfachen Raufhändeln mit wilden Gesellen und mit der Polizei. Das Zeichnen führte ihn keineswegs in die hohen Regionen der Kunst, wohl aber zu einer sehr gefährlichen Fertigkeit in Nachahmung fremder Hände, überhaupt in Fälschungen. Und in der Tat soll er in dieser frühen Zeit schon hauptsächlich von Betrug und Spekulationen auf die Leichtgläubigkeit der Menschen gelebt haben. Magische Schwindeleien, Schatzgraben, Nachahmung von Theaterbilletts und geistlichen Dispensationsscheinen nebst gelegentlichem Kuppeln, das sollen die Mittel gewesen sein, durch welche er sich Jahre lang in Palermo erhielt. Mit seinen Betrügereien scheint sich immer zugleich ein gewisser Übermut und eine Art von Humor verbunden zu haben. So hatte er einem Goldarbeiter Murano 60 Unzen Gold abgelockt und ihn dafür auf einen, in einer Höhle am Meeresufer zu findenden Schatz verwiesen. Den armen Murano empfingen in jener Höhle verkleidete Teufel, die ihn tüchtig mit Prügeln zudeckten. Er trat gegen Balsamo als Kläger auf. Ein weitergreifender Versuch, von seiner Fälscherkunst Gebrauch zu machen, ward erst etwas später entdeckt. Er hatte zugunsten eines Marchese Maurigi ein falsches Testament gefertigt, wodurch eine fromme Stiftung um einige Güter gebracht werden sollte und die Vertreter der Stiftung kamen dem Betrug auf die Spur. Balsamo sah jedenfalls, daß er besser tue, der Justiz von Palermo und der Privatrache der Verletzten einige Zeit aus dem Wege zu gehen. Er ging zunächst nach Messina und schloß sich hier einem gewissen Altotas an – dem weisen Althatas seines Romans – von dem man nicht weiß, ob er ein Spanier oder ein Grieche gewesen, der sich aber viel im Orient herumgetrieben hatte und ein gewandter Taschenspieler gewesen sein mag. Mit ihm scheint Balsamo allerdings Reisen im Archipel, nach dem Orient und Ägypten gemacht und ihm seine Künste abgelernt zu haben. Auf diesen Reisen und in dem Umgang mit Altotas eignete er sich auch einige Kenntnis orientalischer Sprachen an, durch die1 er später seinem Publikum imponierte. In Malta war er allerdings mit dem Großmeister Pinto in Verkehr, aber nicht als Sohn einer Prinzessin von Trapezunt, sondern als einer der vielen, welche die alchimistischen Passionen des Großmeisters benutzten. Er wußte sich aber bei demselben in so gutem Kredit zu erhalten, daß er von ihm die wirksamsten Empfehlungen nach Rom und Neapel erhielt. Im Rom namentlich führte ihn der maltesische Gesandte Baron Breteville in die ersten Häuser ein, und er will daselbst die besondere Gunst Klemens' XIII. und des Kardinals von York genossen haben. Im Jahre 1770 verheiratete er sich mit einem Dienstmädchen, Lorenza Feliziani, der Tochter eines Gürtlers, die sich ihm durch ungemeine Schönheit empfahl und die er für ein kalabresisches Fräulein Seraphina Felichiani ausgab. Ob er sie bloß aus gewinnsüchtiger Spekulation auf ihre Reize gewählt habe, ob er hier bloß Kuppler gewesen sei, lassen wir dahingestellt sein. Gewiß ist, daß er sich später zu ihren zahlreichen und einträglichen Verbindungen mit anderen Männern gleichgültig verhielt, sie selbst ihn aber bis zu seiner letzten Katastrophe begleitet hat und fast immer das willigste Werkzeug seiner Spekulationen war.

Er soll nun in Verbindung mit zwei Landsleuten, Agliata und Nicastro, welcher letztere später gehängt wurde, falsche Wechsel gemacht haben. Nicastro verriet ihn und er entfloh mit Agliata, dem er auf dieser Reise seine Frau überlassen und sich dafür des jungen Sekretärs desselben bedient haben soll, nach Bergamo. Hier gab er sich für einen preußischen Obersten aus und zeigte ein selbst gefertigtes Patent vor. Aber die Polizei wollte dieses nicht anerkennen und Agliata raubte seinen Gefährten ihre ganzen Habseligkeiten und ließ sie in gänzlichem Mangel zurück. Balsamo und seine Frau legten nun Pilgerkleider an und kündigten eine Wallfahrt nach San Jago di Compostella an. Ein von Abenteuern und Schwindeleien erfülltes Umherziehen brachte sie 1771 nach London. Hier mußten wieder die Reize der Frau die Unterhaltsmittel hergeben, und selbst ein reicher Quäker ging in die Netze Lorenzas, aus denen er sich nur mit 100 Pfund loskaufen konnte. Balsamo selbst soll aber während dieses ersten Aufenthaltes in England zehn und mehr Mal wegen Gaunereien verhaftet gewesen sein. Seine unfreiwillige Entfernung aus England wird dem Umstände beigemessen, daß er einem Engländer, der ihn aus Mitleid zum Ausmalen eines Landhauses gebrauchte, eine Tochter verführte.

Balsamo ging nun nach Paris, wo ihm aber die Medizinalbehörde das Praktizieren untersagte. Selbst Lorenza versuchte es hier, von ihm abzufallen, wofür er sie längere Zeit in Sankt Pelagie einsperren ließ. Dann machte er einen Ausflug nach den Niederlanden und Deutschland und erschien auf einmal wieder in Palermo, wo er als Marchese Pellegrini auftrat. Die Polizei hätte ihn vielleicht vergessen, aber die Rachsucht des geprügelten Goldarbeiters Murano vergaß ihn nicht. Er wurde verhaftet. Doch auch hier half ihm seine Frau und seine ehemännliche Toleranz heraus. Lorenza wußte die Gunst eines mächtigen sizilianischen Prinzen zu gewinnen, welcher durch Gewalttätigkeiten, die so weit gingen, daß er den Anwalt des Klägers im Vorzimmer des Gerichtes mißhandelte, die Gegner so einschüchterte, daß Balsamo wieder in Freiheit gesetzt wurde. Um das Geld zu seiner Abreise zu bekommen, mußte er Sachen versetzen, auf deren Einlösung seine Schwester 14 Unzen verwendete, die sie nie zurückerhalten hat und die ihr zu erstatten Goethe in starker Versuchung war.

Er ging nun über Malta, Neapel und Marseille nach Spanien, wo er namentlich Barcelona, Valencia und Cadix besuchte, übrigens meist in preußischer Uniform und unter dem Namen eines Dr. Tischio reiste. Die Unterhaltsmittel schaffte ihm teils seine Frau, teils verkaufte er ein Schönheitswasser, machte aus Hanf Seide, aus Quecksilber Gold, schmolz kleine Brillanten und Perlen zu großen zusammen oder berechnete für andere die Lottogewinne kabbalistisch, was er gewiß für sich selbst getan haben würde, wenn er selbst daran geglaubt hätte.

Von neuem nach London gekommen, ward er in eine Freimaurerloge aufgenommen und von da an datiert die Macht, die er eine Zeitlang besaß, das europäische Aufsehen, das er machte. Von nun an bewegte er sich fast nur in höheren und höchsten Kreisen, machte einen fürstlichen Aufwand und gab seinem ganzen Treiben einen neuen und glänzenderen Charakter. Den Jargon der trockenen Phantasten und Geheimniständler wußte er meisterhaft zu handhaben und sich eine unglaubliche Gewalt über die Gemüter, besonders der Weiber und weiberähnlichen Männer zu verschaffen. Man trug sein und seiner Lorenza Porträt auf Fächern, Ringen und Medaillons, fertigte Marmorbüsten mit der Unterschrift: Divo Cagliostro usw. Denn den letzteren Namen führte er nun ausschließlich. Nirgends hielt er sich lange an einem Orte auf, damit der Reiz der Neuheit nicht verfliege und der Prüfung keine Zeit bleibe. Wurde seinen Jüngern gleichwohl die Zeit zu lange, bevor der versprochene Erfolg der magischen Operationen eintrat, so verwies sie Cagliostro darauf, daß dieser Erfolg von ihrer moralischen Reinheit bedingt sei. Kam eine eigene Ausschweifung Cagliostros ans Licht, so erfuhr der Entdecker, daß ein zu wahrer geistiger Höhe gelangter Mensch gar nicht mehr mit seinem Körper sündigen könne.

siehe Bildunterschrift

Kardinal Rohan.
Zeitgenössischer Stich. Kupferstichkabinett Berlin

Selbst die nüchternen Holländer wurden vom Schwindel ergriffen; im Haag erkannten alle Logen Cagliostro als Visitator an und empfingen ihn mit den glänzendsten Festen. Man ließ ihm hier keine Ruhe, bis er eine Damenloge unter dem Vorsitz seiner Frau, der es wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen worden war, daß sie zu so hohen Dingen bestimmt sei, errichtete. Er erfand ein eigenes maurisches System, das er als das der ägyptischen Maurerei bezeichnete und mit dessen Ausbreitung er sich nun rastlos beschäftigte, wiewohl er erst im Oktober 1784 dahin gelangte, es durch Errichtung der großen Mutterloge zur triumphierenden Weisheit zu Lyon zum Abschluß zu bringen. Er soll die Hauptidee dazu in London aus einem Manuskript eines gewissen Georg Copston geschöpft haben, leitete aber seinerseits das System von Enoch und Elias her, von denen es an die ägyptischen Priester gekommen sei, die es ihn in den Pyramiden gelehrt hätten. Anfangs stellte er sich nur als einen Sendboten des Elias oder Groß-Kophta dar; später aber rückte er selbst zu der Würde eines Groß-Kofi oder Groß-Kophta auf. Er wollte nun aus der Liebe eines Engels zu einem Weibe abstammen, den Engeln gebieten können und zu dem Zweck entsendet sein, die Gläubigen durch physische und moralische Wiedergeburt zu hoher Vollkommenheit zu leiten. Mit der physischen Wiedergeburt beschäftigte man sich aber viel eifriger und gab viel speziellere, wenn auch wahnsinnige Mittel dafür an als für die sittliche. Oder vielmehr, man faßte auch die letztere in einer ganz äußerlichen, materiellen Weise auf und wollte sie durch äußerliche, materielle Mittel bewirken. Durch das rote Pulver, die materia prima, oder den Stein der Weisen sollten die Gläubigen eine nicht mehr vom Körper, sondern allein von der Gnade Gottes abhängige Lebensdauer erhalten (als wenn nicht schon jetzt ihre Lebensdauer von der Gnade Gottes abhinge), und durch das große Pentagon sollten sie die durch die Erbsünde verlorene Unschuld zurückerhalten. Für den letzteren Zweck mußte man auf einem hohen Gebirge, dem der Name Sinai beizulegen war, ein Haus von drei Stockwerken errichten. In das mittlere Stockwerk, welches Ararat zu nennen war, hatten 13 Altmeister zu ziehen und sich darin 40 Tage lang täglich 18 Stunden mit Gebet und Betrachtungen und Bereitung des Jungfernpergaments zu beschäftigen, wozu man entweder das mit Seide gereinigte Fell eines abortierten Lammes oder die Nachgeburt eines Judenknaben anzuwenden hatte. War man damit zustande, so traten die 13 Meister mit den sieben erst erschaffenen Engeln in Verbindung und diese drückten nun auf ein Stück jenes Jungfernpergaments ihr Siegel, womit das große Pentagon gewonnen war. Die glücklichen Dreizehn wurden nun Meister und Häupter des Dienstes, rein und unschuldig, unbegrenzt in Einsicht und Macht, nur nach der Ruhe der Unsterblichkeit strebend. Nur ein solcher konnte von sich sagen: Ich bin, der ich bin. (In dieser Weise antwortete Cagliostro selbst auf jede Frage nach seiner Herkunft; zuweilen zeichnete er auch statt der Antwort eine Schlange, die einen Apfel im Munde hatte und deren Schwanz in einen Pfeil auslief.) Jeder Wiedergeborene erhielt auch noch sieben Extrapentagone für Freunde und Freundinnen. Cagliostro ließ in der Tat auf einer Höhe bei Basel einen dreistöckigen Pavillon bauen, den er für diesen Versuch berechnet zu haben scheint.

Schwieriger war die physische Wiedergeburt zu erlangen und das Schlimmste war hier, daß das verdrießliche Experiment alle 50 Jahre wiederholt werden mußte. Man hatte sich mit einem vertrauten Freunde auf das Land zurückzuziehen und sich 32 Tage einer äußerst mageren Diät zu unterwerfen, wozu am 17. und 32. Tage ein gelinder Aderlaß und am 32, auch sechs Tropfen einer weißen Mixtur kamen, die man dann täglich bis zum Ende der Kur, und zwar jeden Tag zwei Tropfen mehr zu nehmen hatte. Mit dem 32. Tage legte man sich zu Bett und erhielt den ersten Gran der materia prima, der aber peinliche Folgen, nämlich eine dreistündige Ohnmacht mit Konvulsionen, nach sieh zog. Am 33. Tage bekam man den zweiten Gran, worauf sich Fieber, Delirium und der Verlust von Haaren, Zähnen und Haut einstellte. Am 36. Tage erhielt man den dritten Gran und fiel darauf in einen langen Schlaf, in welchem alles Verlorene wieder wuchs. Am 39. Tage nahm man ein Bad und schlürfte in einem Glase Wein zehn Tropfen vom Balsam des Groß-Kophta, worauf man am 40. Tage vollkommen gesund und auf 50 Jahre verjüngt seine Straße ziehen konnte. Man konnte das Experiment alle 50 Jahre wiederholen, bis man ein Alter von 5557 Jahren erreicht hatte.

In den Logen war die Arbeit vorzüglich darauf gerichtet, mit den Engeln und den Propheten des Alten Testaments in Verkehr zu treten und dies ward in folgender Weise vermittelt. Man ließ ein Kind, gleichviel oh Knabe oder Mädchen, kommen, und zwar soll Cagliostro, wenigstens auf Reisen, das erste beste von der Straße heraufgeholte dazu gewählt haben. Dieses Kind hieß die Taube. Der Groß-Kophta oder wem er die Kraft durch Anhauchen übertragen hatte, legte dem Kinde die Hand auf das Haupt, hauchte es an und rieb ihm Kopf und Hand mit dem »Öl der Weisheit« ein. Hierauf ward es in einen Verschlag, der das Tabernakel hieß, gebracht und angewiesen, in die Hand oder in eine Schüssel voll Wasser zu blicken. Die ganze Versammlung betete lange Zeit und dann ward das Kind gefragt, was es sehe. Wo Cagliostro selbst war, sah das Kind immer einen Engel oder Propheten und es fand nun eine lange Unterredung zwischen dem Kinde und der Erscheinung statt, welche nach den Referaten des Kindes sorgfältig protokolliert wurde. Den Delegaten Cagliostros glückte die Operation nicht immer, und in London erschienen einmal statt Engel lauter Affen. Doch zuweilen kamen auch hier Engel und Propheten; zuweilen sah das Kind auch den abwesenden Cagliostro und dessen Frau, beide verklärt. In einzelnen Fällen weiß man, daß die Kinder vorher abgerichtet wurden. In anderen Fällen weiß man das nicht, ist es vielmehr unwahrscheinlich. Cagliostro hat bei seinem letzten Prozeß vor der Inquisition seine meisten Betrügereien eingestanden, ja vielleicht mehr bekannt, als er verschuldet hatte; aber in betreff dieses Punktes behauptete er standhaft, daß hier eine besondere von Gott verliehene Kraft zugrunde liege; behauptete es, ungeachtet der Inquisition gegenüber ihm diese Behauptung mehr schaden mußte als das Eingestehen einer Täuschung. Auch seine Frau versicherte, daß ihr Mann, der sie sonst zur Mitwisserin all seiner Künste gemacht, in dieser Beziehung stets erklärt habe, sie sei zu schwach, um dieses Geheimnis fassen zu können. Auch kann man nicht annehmen, daß alle Logenmeister, die mit Kindern operierten, Betrüger gewesen seien. So mag man wohl meinen, daß hier in der Tat eine besondere psychische Einwirkung, vielleicht dem Rätselgebiete der sogenannten magnetischen Kraft angehörig, im Spiele gewesen sei.

Die Anhänger Cagliostros beteten ihn förmlich an. Stundenlang lagen sie zu seinen Füßen und glaubten, durch die geringste Berührung von ihm geheiligt zu werden. Bei der Psalmstelle: »Memento Domine David et omnis mansuetudinis ejus« ward in den Logen statt David Cagliostro gesungen. – Im übrigen behielt er viele Einrichtungen und Zeichen der gewöhnlichen Freimaurerei bei und vermehrte nur die Zahl der Grade, öffnete auch die Logen allen Religionen und namentlich auch den Juden, die er für das redlichste Volk der Erde erklärte. Dabei stellte er sich als religiös dar, wollte dem Atheismus und der Verspottung des Heiligen entgegenwirken und ist selbst für einen Agenten der Jesuiten gehalten worden, deren Zeichen er allerdings überall anbrachte und zur Verehrung empfahl. Das alles aber war nur Scharlatanerie und Maske oder wurde doch nur ganz äußerlich und oberflächlich betrieben.

Vom Haag ging er auf kurze Zeit nach Venedig und dann nach dem Norden. In Berlin fand er keinen Anklang, ungeachtet er den Preußen erzählte, Alexander der Große lebe noch in Ägypten als Haupt einer Gesellschaft kriegerischer Magier und diese hätten Friedrich dem Großen seine Siege verschafft. Die Preußen wußten besser, wo diese herstammten. Dann ging er über Danzig und Königsberg nach Mitau, wo er mit vieler Feinheit operierte und eine Zeitlang großen Anhang in den erlesensten Kreisen fand. (Auch Elisa von der Recke gehörte zu den Gläubigen, wurde aber durch die Enttäuschung gründlich geheilt und schwärmte später nur für den Rationalismus.) In Kurland gab er vor, von seinen Oberen gesendet zu sein, um durch magische Operationen maurerische Schätze und Dokumente zu heben, welche seit Jahrhunderten auf dem Rittergute Wilzen verborgen lägen. Vom Gelingen der Sache schweigt die Geschichte. – Cagliostro ging von Mitau nach Rußland. Er wollte hier als spanischer Oberst auftreten, wogegen der spanische Gesandte protestierte. Auch in Petersburg trat ihm der kaiserliche Leibmedikus Dr. Rugensohn so skeptisch entgegen, daß seines Bleibens daselbst nicht lange war. Er ging nun über Warschau nach Frankfurt am Main und Straßburg, und der enthusiastische Empfang, den er in diesen beiden Städten fand, konnte ihm als reicher Ersatz für die Kälte des Nordens gelten. Mit dem Kardinal von Rohan reiste er nach Paris, kam jedoch bald (1781) nach Straßburg zurück. Die Ärzte, die wie die Priester sein Leben lang seine Feinde waren, traten ihm hier aber so entschieden entgegen, daß er für gut fand unter dem Vorwande, daß ein sterbender Freund ihn rufe, nach Neapel zu eilen, von wo er am 8. November 1782 seiner Behauptung nach auf Einladung des Ministers Vergennes wieder in Bordeaux eintraf. Er hielt sich nun in Frankreich auf, bis er in die bekannte Halsbandgeschichte des Kardinals Rohan verwickelt ward. Es ist weder erwiesen noch wahrscheinlich, daß er an dieser Schwindelei der La Motte irgendeinen Anteil gehabt. Er hatte eine andere Methode, den Kardinal zu benutzen und würde seinen Gönner wohl eher gegen die Ausbeutung durch andere gewarnt und geschützt haben. In der Tat glaubt man, daß ihn die La Motte bloß deshalb in den Prozeß gezogen, weil er dem Kardinal, nachdem die Sache einmal entdeckt worden, zu voller Aufrichtigkeit geraten habe. In der Tat ist bei der Untersuchung kein Faktum gegen Cagliostro erhärtet worden, als daß er den Kardinal eingeladen hatte, gerade am Tage der Verhaftung des letzteren (15. August 1785) bei ihm mit Heinrich IV., Voltaire und Rousseau zu Abend zu speisen. Das war nun allerdings ein Betrug, hing aber nicht mit der Halsbandgeschichte zusammen, sondern gehörte den älteren und selbständigen Schwindeleien Cagliostros an. Er war indes bei Beginn des Prozesses in die Bastille gesetzt worden, nachdem man ihn vorher fruchtlos veranlaßt hatte, die Flucht zu ergreifen, und im Endurteil vom 8. Mai 1786 wurde er aus Frankreich verbannt. Während des Prozesses reichten seine Anhänger eine prachtvoll gedruckte und mit dem Bildnis Cagliostros ausgestattete Verteidigungsschrift bei dem Parlament ein, an welcher sogar d'Esprémenil Anteil gehabt haben soll, und in dieser dem Pariser Parlament von 1786 durch Männer der höheren Stände überreichten Eingabe wurde versichert: »Cagliostro sei der Sohn eines Großmeisters des Malteserordens und zu Mekka und Medina geheimnisvoll erzogen. Von zartester Jugend an auf Reisen, habe er sich in den ägyptischen Pyramiden die geheimen Wissenschaften des Orients angeeignet. Sein Erzieher, der weise Althatas, dem er all dieses Wissen verdanke, sei Christ und Malteserritter gewesen, habe aber die Gewohnheit gehabt, sich und seinen Zögling in muselmännische Tracht zu hüllen. Nachdem er die volle Reife seiner Vernunft und seines Genies erlangt, habe er Europa bereist, Arzt und Prophet, mit der Macht, die Geister heraufzubeschwören, begabt, habe er sich überall als der Freund der Menschen verkündigt; das sei der Beiname, den ihm die Dankbarkeit verliehen.« Als er entlassen ward, beleuchteten seine Anhänger ihre, Wohnungen und feierten seine Befreiung durch Feste. Viele angesehene Männer begleiteten ihn nach Passy und St. Denis, wohin er sich zunächst begab, und als er sich in Boulogne einschiffte, standen tausende am Strande und flehten um seinen Segen.

Er ging nach England und ließ sofort eine Schrift erscheinen, worin er den Gouverneur der Bastille, Marquis Launay und den Chevalier Chenon beschuldigte, ihm seine Pretiosen entwendet zu haben. Zum Glück konnten sie den Ungrund dieser Beschuldigung unwiderlegbar erweisen. Ferner veröffentlichte er ein vom 20. Februar 1786 datiertes Sendschreiben an das französische Volk, worin die sehr natürlichen Wünsche eines eben aus der Bastille Entlassenen: Zerstörung der Bastille, Abschaffung der Lettres de cachet usw. in Form einer Prophezeiung vorgetragen wurden. Dieses Schreiben gab ihm später noch einen Vorwand, sich von Rom aus an die Nationalversammlung zu wenden und, da er sich große Verdienste um die Freiheit des französischen Volkes erworben habe, um die Erlaubnis zur Rückkehr zu bitten. – Während seines damaligen Aufenthaltes in London soll er auch mit einem Schwärmer ganz anderer Art, mit dem Lord Georg Gordon in Verbindung getreten sein, und so wenig Berührungspunkte beide auch eigentlich hatten, zumal Cagliostro jedenfalls kein Schwärmer war, so ist es doch, wenn man sich an Cagliostros Hinneigung zu dem Judentum erinnert, merkwürdig, daß auch von Gordon gesagt wird, er sei in seiner letzten Zeit zum Mosaismus übergetreten. Ferner ist Cagliostro damals mit der theological society der Swedenborgianer in Beziehung gekommen. Dagegen fand er einen sehr gefährlichen Gegner in dem Redakteur des Courrier de l'Europe, Herrn Morand, der ihn mit Spott und nüchterner Wahrheit dermaßen verfolgte, daß er sich nicht länger in England halten konnte. Auch in Deutschland war ihm, teils durch die selbstverleugnende Offenheit, mit welcher Elisa von der Recke mit ihrer eigenen Schwäche Cagliostros Nichtigkeit an den Tag gelegt hatte, und, wie man leider einräumen muß, vielleicht mehr noch durch die falschen Beschuldigungen der Berliner Jesuitenriecher gegen ihn der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Ein Wahn läßt sich immer leichter durch einen anderen Wahn, als durch Wahrheit verdrängen. In Basel glückte es ihm noch, eine Mutterloge ägyptischer Maurerei für die Schweiz zu gründen. In Biel trat ihm die Obrigkeit in den Weg, und seine Frau mußte hier vor dem Magistrat beschwören, daß ihr Mann stets als redlicher und guter Katholik gelebt habe, und frühere entgegengesetzte Aussagen erlogen gewesen seien. In Turin duldete ihn die sardinische Regierung nicht. Aus Roveredo vertrieb ihn Joseph II. und dessen Einfluß wußte ihn auch aus Trient, wo er sich durch verstellte Reue und falsche Beichten bei dem Fürstbischof einzuschmeicheln gewußt hatte, zu entfernen. Teils der Umstand, daß der Erzbischof ihn Empfehlungen nach Rom gegeben hatte, teils das Andringen seiner Frau, die zu den ihrigen zurückzukehren und sich dadurch von ihrem Manne einigermaßen zu emanzipieren wünschte, mögen ihn bestimmt haben, sich nach Rom zu wenden, wo er das Ziel seiner Laufbahn finden sollte. Anfangs lebte er sehr eingezogen; bald aber, wie er sagte, durch Mangel getrieben, verschaffte er sich Eingang in die Loge »zur Wiedervereinigung aufrichtiger Brüder«, und suchte nun hier für die ägyptische Maurerei zu wirken. Sicher fühlte er sich nicht; denn er hatte ein Zirkular an alle Logen entworfen, worin er sie, für den Fall seiner Verhaftung, aufforderte, ihn zu befreien und nötigenfalls das Gefängnis in Brand zu stecken. Dagegen hatte er von seinen Papieren, soviel man weiß, nichts vernichtet. Er wurde durch einen seiner Adepten verraten und am 27. November 1789 auf die Engelsburg gebracht.

Die römische Inquisition hat seinen Prozeß mit einer Mäßigung und Milde geführt, wie sie diesem Tribunal sonst nicht zugetraut zu werden pflegt, und dem Prozesse eine dankenswerte Öffentlichkeit gegeben. Sie hat aber, ihrer Bestimmung gemäß, die Untersuchung weniger auf das ganze Treiben des Mannes, als auf seine religiösen Meinungen gerichtet. Er bekannte endlich gänzliche Irreligiosität und Ketzerei und ward zum Tode verurteilt. Pius VI. verwandelte (7. April 1791) die Todesstrafe in lebenslängliche Haft. Bei vollkommener Reue sollten auch die geistlichen Zensuren und Bußen erlassen werden. Lorenza ward in ein Strafkloster gebracht. Daß Cagliostro seinen Beichtvater zu erwürgen versucht habe, um in dessen Kleidern zu entfliehen, und daß man ihn 1797, bei Annäherung der Franzosen, tot in seinem Kerker gefunden habe, ein Opfer der Inquisition, scheint Fabel. Seine Zeit war vorüber und politische Bedeutsamkeit hatte er nie; am wenigsten seit die Politik aus den Händen der Intriganten in die der Revolutionäre und Gewaltmenschen gekommen war. Übrigens soll Cagliostro bereits 1795 im Fort San Leo gestorben sein.

Die äußere Erscheinung Cagliostros wird von einigen als widrig und abstoßend geschildert, während andere günstiger geurteilt haben. Klein war er und, als Sizilianer, von brauner Farbe, soll auch später sehr fett geworden sein und geschielt haben. Doch habe er einen sehr schönen Kopf gehabt, der zum Modell eines begeisterten Dichters hätte dienen können. Seine Aussprache war nicht frei vom sizilianischen Dialekt; sein Ton, seine Gesten und Manieren waren die eines prahlerischen, anmaßenden und zudringlichen Scharlatans, was aber am Ende seine Verhältnisse mit sich brachten. In gewöhnlicher Konversation im vertrauten Zirkel soll er angenehm gewesen sein. Von seinen Reden, die er stets mit einem Degen in der Hand hielt, hat seine Frau geurteilt, daß sie nur ein weitschweifiger Galimathias hochklingender Worte und endloser Tiraden gewesen sein. Möglich freilich, daß sie eben nichts davon verstanden hat; auch sah sie später überhaupt in Herabsetzung ihres Mannes ein Mittel, sich weißzubrennen.

Die Geldmittel, die ihm zu Gebote standen, oder die er effektiv verbraucht hat, sind zu manchen Zeiten so außerordentlich gewesen, daß sie durch alle bekannten Mittel, durch die er sich Geld zu verschaffen wußte, nicht erklärt werden können. Auf seinen Reisen brauchte er stets sechs Extrapostchaisen. Nach der gewöhnlichen Politik medizinischer Scharlatans machte er seinen Patienten keine Rechnung und verlangte keine Bezahlung, nahm aber wohl Geschenke und Darlehen von ihrer Dankbarkeit an. Es wird gerühmt, daß er bei seiner ärztlichen Hilfe keine Mühe und Beschwerde scheute, und man erzählt in der Tat einige außerordentliche Kuren, die er bewirkt habe, neben denen aber auch manche unglückliche berichtet werden. Die Medikamente verteilte er umsonst, und nur seine Pillen verkaufte ein ihm attachierter Apotheker zu mäßigen Preisen. Sein sogenannter ägyptischer Wein soll nur ein stark gewürztes, stimulierendes Getränk, sein erfrischendes Pulver aus Salat und ähnlichen Blättern bereitet gewesen sein. Er bediente sich aber auch des giftigen arum maculatum und wendete äußerlich den Bleizucker in starken Dosen an.

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