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Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen

Friedrich von Bülau: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorFriedrich Bülau
titleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
publisherBernina-Verlag Ges. m.b.H.
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year1937
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Peter III. von Rußland. Stich von Teucher, nach einem Gemälde von Rotari. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Zwölftes Kapitel

Die Thronrevolution Katharinas II.

Die Entthronung des Kaisers Peter III. ist ziemlich oft und ausführlich behandelt worden, wobei jedoch von sehr entgegengesetzten Gesichtspunkten ausgegangen wurde und auch im einzelnen in den verschiedenen Berichten zahlreiche Abweichungen bemerkbar werden. Bei der folgenden Darstellung wird ein seither ungedruckter Aufsatz zugrunde gelegt, worin ein Gesandter, der von 1765 bis 1768, also sehr bald nach der Katastrophe, am Petersburger Hofe residierte und ein genauer Freund des Grafen Panin war, die Notizen zusammengestellt hat, die ihm über jene Thronrevolution wohl hauptsächlich aus dieser Quelle zugekommen waren. Wir werden eine kurze geschichtliche Einleitung vorausschicken und das Memoire selbst mit den durch die anderweitigen Berichte an die Hand gegebenen Bemerkungen begleiten.

Herzog Karl Friedrich von Holstein-Gottorp reiste 1721 nach Rußland, um in seinen Beziehungen zu Dänemark und Schweden den Schutz Peters I. zu erwirken. Er wurde ziemlich günstig aufgenommen, wußte sich in die oft sehr beschwerlichen Launen und Wunderlichkeiten des großen Zaren ganz gut zu schicken und wenn auch dieser nicht eben Zeit oder Lust hatte, sich in die holsteinischen Angelegenheiten einzulassen, so tat sich doch dem bei Kaiser und Kaiserin persönlich beliebten Herzog eine andere Hoffnung auf, deren Verwirklichung auch seinem Hauptziele förderlich sein mußte. Peter der Große hatte von Katharina zwei reizende Töchter: Anna und Elisabeth, und der Herzog machte ihnen, besonders der Ältesten, auf das eifrigste und ausdauerndste die Cour. Seine Bewerbungen wurden von Anfang an nicht ungünstig aufgenommen, wenn er auch vier Jahre lang dem kaiserlichen Hoflager auf dessen Zügen folgen und viele Beschwerden, Langeweile und – Kopfschmerzen ertragen mußte, bevor es (1724) zur Verlobung mit der Großfürstin Anna kam.

siehe Bildunterschrift

Gräfin Elisabeth Worontzoff.
Nach einem Gemälde der Zeit. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Nach dem Tode Peters I. (28. Januar 1725) setzte sich bekanntlich eine Frau von dunkler Herkunft, seine Witwe, als Katharina I. auf den Thron der Zaren. Sie war dem Herzog, dessen Interesse ihr Gemahl noch auf seinem letzten Krankenlager ihr empfohlen haben soll, persönlich gewogen; er und sein Bassewitz hatten auch um ihre Thronbesteigung Verdienste und wenn sie ihm auch nicht das Herzogtum Liefland überließ, wozu ihm Hoffnung gemacht war, so ließ sie doch 1725 die Vermählung vollziehen, gab der Großfürstin einen großen Hofstaat, einen Brautschatz von 150.000 Dukaten und kostbaren Juwelen, schenkte dem jungen Ehepaar ein großes möbliertes Haus, wies ihm für die Dauer seines Aufenthaltes in Rußland die Einkünfte der Insel Ösel an, ernannte ihn zum Oberstleutnant der Preobratzschenskoy-Garde und zum ersten Geheimen Rat, empfahl ihn den kurländischen Ständen zur künftigen Herzogswahl, wirkte in seinem Interesse in Schweden, verschaffte ihm den Titel Königliche Hoheit, erwirkte in ihrem Vertrag mit Österreich einen geheimen Artikel zugunsten der Wiedererlangung von Schleswig für den Herzog, ja traf schon Rüstungen zum Krieg gegen Dänemark. Der Tod der Kaiserin, der am 17. Mai 1727 erfolgte, vereitelte die Ausführung. Zunächst freilich hatte dieselbe in ihren letztwilligen Verordnungen ihr Wohlwollen für das holsteinische Ehepaar nochmals beurkundet. Sie sollten Vormünder des jungen Kaisers Peter II. sein, die Großfürstin Anna wie ihre Schwester Elisabeth sollten eine Million Rubel und die Hälfte aller nicht der Krone gehörigen Juwelen der Mutter, ferner noch 300.000 Rubel zum Heiratsgut und 100.000 Rubel zum jährlichen Unterhalt erhalten, auch dem Herzog dabei das frühere Empfangene nicht angerechnet werden. Zugleich bestätigte sie nochmals alle Verträge mit Karl Friedrich. Jedoch Fürst Menczikoff verdrängte den Herzog und die Großfürstin von der Vormundschaft und schikanierte sie so, daß sie noch im August 1727, von einer durch Admiral Apraxin geführten Flotte geleitet, Rußland verließen. Am 26. August hielten sie ihren feierlichen Einzug in Kiel. Zwar schrieb ihnen ihr Neffe, der Kaiser Peter II., sehr bald, daß der »unselige und vermessene Fürst Menczikoff wegen Mangel an Deferenz gegen die kaiserlichen Prinzessinnen und damit sein unrechtmäßig erworbener Reichtum in den kaiserlichen Schatz, daraus er ihn entwendet, wieder zurückfließen möge«, für seine Person seiner Ehrentitel beraubt worden sei (September 1727). Indes eine Einladung zur Rückkehr war nicht beigefügt und die Dolgoruckys, welche an die Stelle des von ihnen gestürzten Menczikoff getreten waren, wünschten auch eine solche nicht. Zudem war die Großfürstin schwanger und gebar am 21. Februar 1728 einen Sohn Karl Peter Ulrich, dem es neben dem holsteinischen Herzogshute bestimmt war, dereinst unter der russischen Kaiserkrone zu erliegen, nachdem er vorher die schwedische Königskrone ausgeschlagen. Üble Vorzeichen knüpften sich schon an seine Wiege. Bei den Festen zur Feier seiner Taufe (29. Februar) flog ein Pulverkasten in die Luft. Schlimmer, daß sich seine Mutter bei denselben Festlichkeiten erkältete und 10 Tage darauf starb. Sie war eine ungemein schöne, sanfte, gebildete, etwas zur Schwermut geneigte Frau. Ihre Leiche wurde nach Petersburg geschickt und in der Festungskirche beigesetzt.

Der junge Prinz Peter blieb bis 1735 in den Händen der Frauen, die ihm etwas Französisch beibrachten. Dann wurde er den Herren von Adlerfeld, von Wolf und von Brömsen übergeben, und der Rektor Fuhl in Kiel gab ihm in sehr pedantischer Weise lateinischen Unterricht. Da man aber eine leise Hoffnung auf Rußland nicht aufgegeben hatte, so behielt man in Kiel die griechische Kapelle bei und ließ den Prinzen etwas Russisch lernen, machte ihn auch frühzeitig mit der griechischen Religion bekannt. Daneben sog er von seinem Vater eine Neigung, nicht zur Kriegskunst, sondern zur Soldatenspielerei ein. Der Herzog Karl Friedrich starb 1739 und sein Sohn kam unter die Vormundschaft eines Vetters, des Bischofs von Lübeck, Adolf Friedrich, welcher später König von Schweden wurde. Er wurde nun den Herren von Brömmer und von Bergholz zur Erziehung übergeben, von denen der letztere sich sehr passiv, der erstere aber mit taktloser Strenge verhalten zu haben scheint. Man schickte einen Herrn von Bredahl nach Rußland, der aber mit solcher Kälte empfangen wurde und so ungünstige Nachrichten mitbrachte, daß man die Hoffnung auf Rußland aufgab und seine Pläne auf Schweden richtete. Nun mußte der Prinz statt Russisch Schwedisch lernen und ward statt in der griechischen in der lutherischen Kirchenlehre unterrichtet.

In Rußland war auf die Kaiserin Katharina der Enkel Peters des Großen, von seinem unglücklichen Sohn erster Ehe Alexiew, Peter II. gefolgt. Nach dessen unerwartetem, an den Blattern erfolgtem Tode (1730) ging man auf die Nachkommen Iwans II., des älteren Bruders Peters des Großen, zurück, wählte aber nicht die älteste Tochter desselben, die Herzogin von Mecklenburg-Schwerin, sondern die Jüngere, Anna, verwitwete Herzogin von Kurland, die große Gönnerin Birons. Unter des Letzteren Einfluß berief die Kaiserin Anna ihre Nichte, die Prinzessin Anna von Mecklenburg, vermählte sie (3. Juli 1739) mit dem Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und ernannte den Sprößling dieser Ehe, Iwan (geb. 12. August 1740), zu ihrem Nachfolger (5. Oktober), der auch nach ihrem Tode (17. Oktober 1740) den Kaisernamen erhielt, während die Regentschaft erst durch Biron, dann durch die Herzogin Anna unter Münnichs Leitung geführt ward.

Aber noch lebte Elisabeth, die jüngste Tochter Peters des Großen, in üppiger, einflußloser und unzufriedener Einsamkeit. Ihr warb Lestocq eine Partei und in der Nacht vom 24. zum 25. November 1741 ward Münnich gestürzt und wurden seine Puppen, der junge Kaiser und dessen Eltern, gefangen und in Haft und Exil gebracht. Elisabeth war Kaiserin. Entschlossen, sich nicht zu vermählen, bestimmte sie den Sohn ihrer Schwester, den jungen Herzog Peter von Holstein, zu ihrem dereinstigen Nachfolger und schickte kurz nach ihrer Thronbesteigung den Major Nikolaus Friedrich von Korf und dessen Bruder, den Gesandten in Dänemark, nach Kiel, um ihren Entschluß zu erklären, den Prinzen zu sich zu nehmen und bei sich erziehen zu lassen. Er reiste in der Tat im größten Geheimnis unter dem Namen eines Grafen von Dücker ab, von dem Hofmarschall von Brömmer, dem Kammerherrn von Bergholz und dem Kammerintendanten Cramer begleitet. Im Januar 1742 kamen sie in Petersburg an, wo sie äußerst festlich empfangen wurden. Die Kaiserin schenkte ihm ihr Wohlwollen, ungeachtet sie weder mit seinem physischen noch mit seinem geistigen Zustande zufrieden war und er auch später wenig leistete, ihren Erwartungen besser zu genügen. Bei seinem ersten Auftreten zeigte er sich als ein äußerst blasser Knabe von krankem Aussehen und offenbar höchst schwächlicher Gesundheit. Dazu trug er die blonden Haare nach sogenannter spanischer Art, lang heruntergekämmt und stark gepudert. Er begleitete die Kaiserin damals zur Krönung nach Moskau und ward bei dieser Gelegenheit zum Oberstleutnant der Preobatzschenskoy-Garde und zum Obersten des Leibkürassierregiments ernannt, dessen Vizeoberst der Generalfeldmarschall Lascy war. Nachdem man in betreff seines Unterrichtes eine Menge Lehrpläne hatte entwerfen lassen, genehmigte man den des Prof. Stählin und übertrug diesem auch selbst die Ausführung. Bei der Prüfung fand der neue Lehrer zur größten Verwunderung der Kaiserin den Prinzen in allen Teilen der Wissenschaften unglaublich unwissend. Am besten ging es noch im Französischen. Stählin scheint bei seinem Unterricht sehr zweckmäßig verfahren zu sein; glänzende Resultate konnte er bei mangelndem Sinn des Prinzen für ernste Beschäftigung und Anstrengung, bei den steten abziehenden Zerstreuungen, und da der Eifer der Kaiserin für die Sache auch bald nachließ, er also nirgends rechte Unterstützung fand, nicht liefern. Im Russischen und in der griechischen Religion ward der Prinz von einem Mönch, Theodorsky, unterrichtet, welcher 1758 als Erzbischof von Pleskow gestorben ist. Den meisten Sinn zeigte Peter noch für alles, was zum Militärwesen gehörte.

Da gegen Ende des Jahres 1742 bekannt wurde, daß man in Schweden die Thronfolge regulieren wolle und dabei das Absehen auf den Prinzen Peter gerichtet habe, so mußte man jetzt mit dem russischen Plane vortreten. Am 18. November trat der junge Herzog zur griechischen Kirche über und hieß nun Peter Feodorowitsch. Die Feste dauerten acht Tage, worauf ein Manifest erschien, was die russische Nation anwies, dem nunmehrigen Großfürsten und Thronfolger den Eid der Treue zu leisten. Dennoch boten ihm die Schweden, die ihn zwei Tage vor seiner russischen Ernennung zum Thronfolger gewählt hatten, ihre Krone noch an, die er aber ausschlug.

Der mit Sorgfalt fortgesetzte und namentlich auch auf die Kenntnis der russischen Staatssachen ausgedehnte Unterricht begann doch einige Frucht zu zeigen. Da unterbrach ihn 1743 eine sehr gefährliche Krankheit des Prinzen. Nach seiner Genesung dachte man an seine Verheiratung. Man wandte sich zuerst an den Dresdner Hof in betreff der Prinzessin Maria Anna, stieß aber auf unüberwindliche Religionsskrupel. Friedrich II., bei dem man in bezug mit Prinzessin Amalia anklopfte, fand auch den russischen Thron zu unruhig und legte durch seine diesbezüglichen Äußerungen vielleicht den ersten Grund zu dem Haß der Kaiserin, der ihm später so teuer zu stehen kam. Indes ging sie doch auf den Vorschlag ein, den er damals machte und der ihre Aufmerksamkeit auf die Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst (geb. zu Stettin 25. April 1729) lenkte. Zudem war diese die Tochter einer holsteinischen Prinzessin und die Nichte jenes Prinzen von Holstein, welcher Elisabeth selbst in ihren jungen Jahren zum Gemahl zugedacht war, aber kurz vor der Vermählung starb. Man ließ sie mit ihrer Mutter im Februar 1744 nach Rußland kommen; sie gefiel, ward in der griechischen Religion unterwiesen, trat am 9. Juli als Katharina Alexiewna über und ward am 10. mit dem Großfürsten verlobt. Die Vermählung ward noch um ein Jahr aufgeschoben, damit der Unterricht des Bräutigams vollendet werden könne, woraus aber, bei natürlich noch mehr geschwundener Lust dazu und öfteren Krankheiten des Großfürsten, nicht viel wurde. 1745 ward der Großfürst mittels von dem Kurfürsten von Sachsen als damaligem Reichsvikar erlangter venia aetatis für volljährig erklärt, was am 17. Juni feierlich bekanntgemacht wurde. Die Statthalterschaft seiner deutschen Lande übertrug er dem Bruder seiner Schwiegermutter, dem Prinzen Friedrich August von Holstein, welcher 1750 Bischof von Lübeck wurde. Am 1. September 1745 ward die Vermählung des großfürstlichen Paares unter Festlichkeiten begangen, die erst am 11. ihr Ende erreichten.

Dem jungen Ehepaar ward ein prächtiger Hofstaat eingerichtet, aber meist mit Russen besetzt, während der Großfürst so unklug war, überall den Holsteinern sichtbar den Vorzug zu geben. Im Anfang vertrugen sich die jungen Eheleute gut und spielten miteinander wie Kinder. Die Großfürstin, eine Frau, welcher niemand große Geisteskraft absprechen kann, mußte mit ihrem Gemahl Schildwache stehen und exerzieren. Sie meinte später einmal: »Il me semble, que j'étais bonne pour autre chose.« Vorderhand verschaffte ihr diese Fügsamkeit einen unumschränkten Einfluß auf ihren Gemahl und es wäre gut für beide gewesen, wenn dieser Einfluß nie geschwächt worden wäre. Er bedurfte immer einer klugen Leitung und damals vor allem, wo es den Einflüsterungen des anti-preußischen Großkanzlers Bestuchew gelungen war, die mit dem zunehmenden Alter schwächerwerdende Kaiserin gegen den Großfürsten und dessen Gemahlin mißtrauisch zu machen. Auch blieb ein Anlaß nicht aus, wo der Großkanzler dem Großfürsten eine Kränkung bereiten konnte. Dänemark bot dem letzteren die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst an, wenn er seinen Ansprüchen auf Schleswig entsagen wollte. Bestuchew riet zur Annahme dieses Anerbietens, aber der Großfürst, teils durch eigenen Willen, teils durch den Rat seiner Gemahlin und seiner holsteinischen Umgebungen bestimmt, verlangte eine höhere Entschädigung und darüber zerschlug sich damals die Sache. Die Kaiserin befahl nun Ende April 1747, daß der Oberjägermeister von Bredahl, der Kammerherr von Dücker, der Kammerintendant Cramer und der Hofkommissar Schriever Rußland verlassen sollten. Auch Prinz August von Holstein ward, wenn auch in sehr anständigen Formen, zur Rückkehr veranlaßt. Man ließ nur die Holsteiner da, die sich dem Großkanzler fügsam bezeigten. In Stockholm ward um jene Zeit ein englischer Arzt Blackwell verhaftet und der schwedische Gesandte Graf von Barck sagte der Kaiserin selbst in einer Audienz, daß man in dessen Papieren Briefe gefunden habe, die den Interessen des Großfürsten nachteilig wären. Man behauptete aber vielfach, Blackwell wäre ein Emissär des dänischen Hofes und Bestuchews gewesen. Auch entdeckte der Großfürst im April 1748, daß einer seiner Kammerdiener in Bestuchews Solde stand und ihn belauerte, ja seine Papiere wegstehlen mußte. Im übrigen ward die Kaiserin nie soweit gebracht, den Thronfolger ganz fallen zu lassen. Mit ihrem eigentlichen Liebling, dem sie aber um seiner Gesundheit willen keinen Einfluß auf die Geschäfte gestattete, dem Grafen Rasumowski, stand sich Peter gut. In dem Landhaus des Bruders des letzteren zu Gostilitz wären der Großfürst und seine Gemahlin am 6. Juni 1748 beinahe ums Leben gekommen. Das Haus, worin sie schliefen, stürzte ein, kurz nachdem sie es durch eine Schildwache gewarnt, verlassen hatten. Am 19. November 1749 wurde Peter feierlich in den Senat eingeführt. Aber die veränderte Stimmung der Kaiserin gab sich doch in dem mißtrauischen Kundschaftersystem, mit dem sie ihren Neffen und ihre Nichte umgab, und in ihren öfteren Einmischungen und Bevormundungen kund.

Leider fand sich zu letzteren mehr und mehr verschuldeter Anlaß. Peter ward mürrisch und verstimmt und ließ seinen Unmut an seiner Gemahlin aus, die er mit sichtbarer Kälte behandelte, ihr zunächst zum Vorwurf machend, daß sie ihm noch keinen Erben gebracht habe. Katharina würde eine treffliche Gattin geworden sein, wenn sie einen Gemahl erlisch, der ihre Liebe und Achtung zu gewinnen wußte. Sie würde eine pflichtgetreue Frau geblieben sein, wenn ihr Gatte ihr keinen Anlaß zur Beschwerde bot, sie wenigstens nicht auf empfindliche Weise kränkte. Den Gebrechen und Schwachheiten seines Geistes und Charakters und den umgebenden Verhältnissen war es zuzuschreiben, wenn sich bald ein ärgerlicher Zwist unter dem jungen Paare entspann, wenn ihr bis dahin unbekannte Leidenschaften allmählich in ihr erwachten, wenn sie zuletzt die gefährlichste Feindin ihres Gemahls und in all den schlimmen Künsten Meisterin ward, deren es in dem damaligen Rußland bedurfte, sich zur Gewalt zu helfen und darin zu halten. Bei einer im Jahre 1750 erneuerten dänisch-holsteinischen Unterhandlung, der der geldbedürftige Großfürst nicht abgeneigt war, genügte ein Zuraten von ihrer Seite, um ihn von der Sache abzubringen. Sein Soldatenspielen und seine Bauten in dem einst dem Fürsten Mentschikow zugehörigen Oranienbaum kosteten ihm große Summen und er war stets in Schulden. Zuweilen stieg seine Finanznot auf das äußerste und er hat in seiner Bedrängnis von Höfen Geld angenommen, gegen deren Interessen er so vorher als nachher handelte. So von Österreich und Sachsen. Sein Verfahren in der dänischen Angelegenheit war der Kaiserin und Bestuchew sehr unangenehm. Bei dem Tode des Königs von Schweden (1751) sprach er offen seinen Unmut darüber aus, daß er durch Rußland um die Regierung eines gesitteten Volkes gebracht worden sei; Äußerungen, die natürlich den Nationalstolz, den die Russen in sehr hohem Grad besitzen, bitter verletzten. Bei einem holsteinischen Offizier, den man in Kronstadt verhaftete, fand man Briefe der Großfürstin mit bitteren Klagen über ihre und ihres Gemahls Lage. Bei einer Art Soldatenaufstand, der im September 1751 zu Oranienbaum stattfand und Peters Namen mißbrauchte, benahm er sich zwar sehr klug und kompromittierte sich nicht im geringsten. Ja, sein damaliges Benehmen gab nur noch um so bessere Bürgschaft, wenn man es nicht aus seiner Klugheit, deren er nicht viel besaß, sondern aus seiner Rechtschaffenheit ableitete, die ihm nicht abzusprechen ist. Dennoch verstärkte der Vorgang das Mißtrauen der Kaiserin.

Gegen Ende des Jahres 1753 erfolgte auf Veranlassung der Kaiserin eine für den Großfürsten sehr gefahrdrohende Aussöhnung zwischen der Großfürstin und dem Großkanzler. In dieselbe Zeit setzt die Skandalchronik ihre angeblich anfangs vom Hofe begünstigte Freundschaft zu dem Grafen Sergius Soltikow, welcher jedoch bald darauf als Gesandter nach Stockholm geschickt ward und in Schweden gestorben ist. Das Ereignis, wovon die Großfürstin am meisten eine Besserung ihrer Lage, ihrem Gemahl und dem Hofe gegenüber, erwarten mochte, daß sie am 1. Oktober 1754 in Petersburg einen Thronfolger, den nachherigen Kaiser Paul gebar, der seinem Vater sowohl in seinem launischen Starrsinn als in seinen Schicksalen so ähnlich ward, hatte nicht die erwarteten Wirkungen, und die Stimmung der in ihren Ansprüchen so vielfach getäuschten Großfürstin ward immer mehr verbittert.

Die Gatten trennten sich auch äußerlich immer mehr. Der Großfürst beschäftigte sich mit Soldatenspiel, mit dem Bau einer kleinen Festung in Oranienbaum, welche auch nur ein Spiel war, und mit Trinkgelagen in Gesellschaft holsteinischer Offiziere. Das Trinken jedoch, was ihm bei seiner Offenherzigkeit auch politisch nachteilig war, gewöhnte er sich später wieder ab. 1755 begann sein Briefwechsel mit Friedrich II., für den er eine begeisterte Verehrung empfand, die ihm Ehre macht, aber auch mit zu seinem Unglück beigetragen hat. Friedrich gab ihm übrigens gute Ratschläge und Peter befolgte sie – freilich nur so gut er konnte und auch das nicht immer. Die Großfürstin hatte sich inzwischen in Oranienbaum ein kleines Palais mit Garten angelegt und eingerichtet, wo sie ihren eigenen Neigungen nachhing. Einen willkommenen Gesellschafter in dieser Einsamkeit erhielt sie zuerst 1755 in dem Grafen Stanislaus August Poniatowsky (geb. 17. Januar 1732), den sie für seine frühe Freundschaft später mit der polnischen Königskrone belohnen konnte und der ihr von dem englischen Gesandten Sir Charles Hanbury Williams empfohlen worden, in dessen Gefolge er nach Petersburg gekommen war. Poniatowsky stand übrigens längere Zeit auch bei dem Großfürsten sehr gut. Als er nach Warschau geschickt ward, brachten der Großfürst und die Großfürstin Bestuchew dahin, daß er den Dresdner Hof bestimmte, den jungen Polen zu seinem Gesandten in Petersburg zu ernennen. Aber auch Peter hatte eine Freundin, die sanfte und anspruchslose Elisabeth Gräfin Woronzow, Tochter des Geheimrates Grafen Roman Woronzow, Nichte des Vizekanzlers Grafen Michael Woronzow, Schwester der in späterer Zeit so ausgezeichneten Grafen Alexander und Simon Woronzow, der schönen Gräfin Butturlin und jener kühnen Fürstin Daschkow, die Katharina ihre ganze Familie nachsetzte. Die Geburt der Großfürstin Anna im Dezember 1757 änderte in diesen Verhältnissen nichts.

Der Krieg gegen Preußen konnte, wie den Wünschen so den Verhältnisse des Großfürsten, nur ungünstig sein, da man wohl wußte, wie vollkommen er mit seinem bewunderten Friedrich sympathisierte. Fast wäre er in Verdacht gekommen, durch geheime Befehle den Rückzug des Grafen Apraxin nach der Schlacht bei Großjägerndorf (30. August 1757) veranlaßt zu haben, über den er sich sichtlich erfreute. In Wahrheit aber rührte dieser Rückzug von seinen Feinden her und floß aus ihm feindlicher Absicht. Bestuehew, der Feldmarschall Apraxin und der Generalmajor von Weymarn hatten den Plan gefaßt, Peter durch die Kaiserin von der Thronfolge auszuschließen und dieselbe auf den Großfürsten Paul, unter Vormundschaft seiner Mutter, übertragen zu lassen. Gerade um jene Zeit wurde nun die Kaiserin gefährlich krank, und Bestuehew veranlaßte Apraxin, sein Heer nach Rußland zurückzuführen, um es im Falle ihres Todes zur Hand zu haben. Ein Untergebener des Kanzlers, Wolkow, erriet den Plan und teilte ihn dem Vizekanzler Grafen Michael Woronzow mit, durch den ihn der Großfürst erfuhr. Letzterer entdeckte der wieder genesenen Kaiserin die Sache und Bestuehew stürzte (25. Februar 1758). Apraxin entging durch den Tod (31. August 1758) seiner Strafe. Weymarn ward verabschiedet, ist aber unter Katharina wieder gebraucht worden, namentlich wohl auch gegen den unglücklichen Iwan III. Die Großfürstin, deren Mitwissen wahrscheinlich, wenn auch nicht erwiesen ist, gegen die sich aber Peter mit Großmut benahm, kam mit einem zweimonatlichen Verbote des Hofes davon. Er bat selbst um Verzeihung für sie bei der Kaiserin, und im April 1758 ward eine fruchtlose Versöhnungsszene gefeiert, die zunächst durch die bevorstehende Ankunft des Prinzen Karl von Sachsen veranlaßt wurde, deren Wirkung aber nicht einmal so lange aushielt. Die Kaiserin betrieb die Zurückberufung Poniatowskys und zweimal suchte die Großfürstin, indem sie die Verwendung ihres Gemahls, selbst durch dessen Geliebte, in Anspruch nahm, das schon Beschlossene wieder rückgängig zu machen. Allein kurz nach der Abreise des Prinzen Karl ward Poniatowsky im Garten der Großfürstin verkleidet betroffen und verhaftet. Er mußte nun am 15. August Rußland verlassen. Die Großfürstin sollte in ein Kloster geschickt werden, aber auch diesmal wußte sie ihren Gemahl durch seine Geliebte Woronzow zu versöhnen, und er ging noch an demselben Abend vor die verriegelte Tür ihres Schlafzimmers, ihr Vergebung zuzusagen. Sie machte auf, warf sich ihm zu Füßen und versicherte innigste Dankbarkeit und Reue. Mit Mühe drang er diesmal bei der Kaiserin durch und sie sagte warnend: »Du und Elisabeth Romanowna Woronzow werden es bereuen, denn ich kenne Katharina.«

Peters Lage aber ward durch das alles in keiner Weise gebessert. Die Gatten konnten kein Vertrauen wieder zueinander fassen. Seine Finanznot bedrängte ihn auf das peinlichste, so daß er selbst alte Ansprüche an den spanischen Hof wieder versuchte und durch sächsische Vermittlung geltend machen wollte. Die Unfälle der Preußen, an denen die russischen Truppen so vornehmlichen Anteil hatten, kränkten ihn auch tief und er soll selbst den geschickten Grafen Fermor bestimmt haben, seine Entlassung zu nehmen. Der Unmut des Großfürsten stieg so hoch, daß er der Kaiserin 1759 durch den Grafen Alexander Schuwalow eröffnen ließ, er wolle seiner glänzenden Bestimmung in Rußland für jetzt und auf immer entsagen, und bitte um die Erlaubnis, sich nach Holstein begehen zu dürfen. Die Kaiserin ließ ihn erwähnen, sich nicht kleinmütig zu zeigen; wolle er aber bei seinem Entschlüsse beharren, so möge er ihn schriftlich anzeigen. Sie behandelte ihn darauf mit einer so nahe an Verachtung grenzenden Kälte, daß er es nicht wagte, weitere Schritte zu tun.

Im Oktober 1761 erlosch das Haus Holstein-Plön, ein jüngerer Zweig der königlichen Linie. Peter hatte keinen Anspruch auf die Verlassenschaft, die überdies ungeheuer verschuldet war. Dennoch erhob er Ansprüche und verband sie mit anderen, so daß er das halbe Schleswig forderte. Das wäre eine Torheit gewesen, über welche Dänemark lächeln konnte. Aber am 25. Dezember 1762 starb die Kaiserin Elisabeth, erst 52 Jahre alt, und der Herzog von Holstein war jetzt Kaiser Peter III.

Ungeachtet er nichts getan hatte, sich eine Partei im Reiche zu bilden, ward doch seine Thronbesteigung nicht bloß mit ungetrübter Ruhe vollzogen, sondern selbst von einer sichtbaren Befriedigung des Volkes begleitet, das sich freute, endlich wieder einmal einen Kaiser an seiner Spitze zu sehen. Wäre nur der Kaiser auch wahrhaft ein Mann gewesen. Gute Absichten sind ihm nicht abzusprechen und an guten Ratgebern fehlte es ihm auch nicht. In manchem anderen Lande würde er eine glückliche und gesegnete Regierung geführt haben. Aber Bußland verstand er nicht, wußte seine Reformen nicht dem russischen Wesen anzupassen, fiel auch zum Teil in die Fehler, an denen später Joseph II. scheiterte. Hauptsächlich verstand er es nicht, wie man in dem damaligen Rußland herrschen und sich in der Gewalt behaupten mußte, was denn doch die Vorbedingung ist, bevor man an das Wie des Regierens, des Gebrauches der Gewalt denken kann. Elisabeth stand sittlich gewiß unter Peter und war auch keine geistige Größe. Aber sie, wie schon früher die Kaiserin Anna, waren weit besser dazu gemacht, in Rußland zu regieren, oder vielmehr, sich auf dem Throne zu halten. Es mußten da List und Kraft gepaart sein; man mußte es verstehen, durch äußerste Strenge gegen einzelne Furcht und Schrecken um die höchste Gewalt zu verbreiten, dagegen unbedingt Ergebene durch ausschweifende Belohnungen und nachsichtsvolles Übersehen der aus Habsucht oder Sinnlichkeit begangenen Vergehen zu fesseln, ja in ihren eigenen entdeckten Verbrechen ein Pfand ihrer ferneren Unterwürfigkeit zu finden, das Volk im ganzen aber durch ein volkstümliches Gepräge und den Schein eines theatralisch-patriarchalischen Segens zu gewinnen, ohne die Bedrückungen zu mildern, durch welche die höheren Klassen sich an den niederen für ihre eigene politische Knechtschaft schadlos hielten. Man mußte endlich Selbstherrscher sein, d. h. während man die Staatsmänner in vielem nach Gutdünken schalten und walten ließ, doch sie immer bewachen, einen gegen den anderen gebrauchen, das Heft nie ganz aus den Händen geben, den Gedanken erhalten, daß man in jedem Augenblicke einzugreifen bereit sei. Auch Katharina II., wie Elisabeth nicht ohne Wohlwollen und ihren Vorgängerinnen an Zeitbildung weit überlegen, lernte die Kunst gar gut, sich in ihrem Rußland zu halten, und manches in diesen Mitteln ist in der Tat der weiblichen Natur nicht so fremd, wie der höheren Weiblichkeit. Peter verstand nichts von diesen Dingen. Er war dafür viel zu sehr von deutschem Rechtsglauben durchdrungen; er war bieder, gewissenhaft, hartnäckig, ohne Schmiegsamkeit, enthusiastisch, voll vorgefaßter Meinungen, ohne Beobachtungsgabe, pedantisch, voller unnationaler Sonderbarkeiten, ohne Sinn für Rußland, ohne Begriff für seine Lage. Überhaupt, einzelne Deutsche von kosmopolitischer Natur mögen wohl in Rußland ihren Boden finden, das echte deutsche Wesen paßt eben nur für Deutsche und hat weder den Slawen, noch den Italienern, noch den Griechen behagen wollen. Es war schon bei Peter I. ein Mißgriff, daß er Rußland nicht aus dem russischen Wesen selbst heraus entwickelte, sondern ihm eine erborgte Kultur aufzwang. Aber Peter I. wählte wenigstens die allgemeine Kultur und besaß eine ungeheure Despotenkraft. Peter II. war einer besonderen Schattierung der Kultur ergeben und war nicht Despot genug, durch die Mittel des Ahnherrn die viel schwerere Aufgabe zu betreiben.

Peter bezeichnete die ersten Tage seiner Regierung mit einem großen Gnadenakte. Mit wenigen Ausnahmen, worunter die des übrigens nur auf seine Güter verwiesenen Bestuchew die wichtigste, wurden alle Exilierten zurückberufen und größtenteils in ihre Ehren wiedereingesetzt. Darunter Biron, Münnich und Lestocq. Münnich besonders vergalt dem Kaiser die Wohltat durch standhafte Treue und kluge Ratschläge, die – nur nicht befolgt wurden. Nach und nach kamen über 20.000 zurück, die ein Opfer der Verfolgung früherer Regierungen geworden waren. Auch die Quelle solcher Willkür zu verstopfen, verfügte er die Aufhebung der Geheimen Kanzlei (21. Februar 1762), einer schlimmen Sternkammer Rußlands, die aber schon unter der nächsten Regierung im Wesen wiederhergestellt und unter Paul ganz besonders eifrig war. Zugleich ward die Anwendung der Tortur verboten. Der Gerichtsgang sollte beschleunigt werden. Der Plan eines bürgerlichen Gesetzbuches ward gefaßt, nahm aber freilich den gehässigen Anschein einer Übertragung preußischer Gesetze an. Peter bezahlte die Schulden seiner Gemahlin, ohne nach deren Ursachen zu fragen, erhöhte ihr Einkommen und machte ihr an seinem Geburtstage ein großes Geschenk in Domänen. Er wollte auch ihren Bruder nach Rußland kommen lassen, der es aber mit dem bekannten Weidspruche des Götz von Berlichingen ausschlug. Den Adel entband er (21. Februar) von jedem Dienstzwang und gab ihm die Freiheit, zu reisen und in fremde Dienste zu treten, traf auch in betreff des Unterrichtes seiner Söhne Vorsorge. Die schädlichen Gewerbe- und Handelsmonopole hob er auf und gab auch sonst viel Teilnahme zur Förderung des Handels, der Industrie und des Landbaues zu erkennen. Zugunsten des letzteren ward eine Kreditbank errichtet. Der Salzpreis ward um 20 Kopeken erniedrigt. Diese Reformen kamen so unerwartet und erschienen so großartig, daß der Senat den Kaiser durch eine Deputation um die Erlaubnis bat, ihm eine goldene Bildsäule setzen zu dürfen. Und vier Monate später! Der Kaiser lehnte das Anerbieten ab. Die Dankbarkeit aber für jene Wohltaten ist weniger wirksam und nachhaltig gewesen, als der gefährliche Groll, welchen mißliebige Maßregeln und Pläne erweckten. Der Kaiser beabsichtigte die Einziehung der Klostergüter. Er wollte die Fasten und die Heiligenbilder aus den Kirchen entfernen. (Daß er sich jedoch an den Bärten der russischen Geistlichkeit habe vergreifen wollen, soll ungegründet sein.) Der Erzbischof von Nowgorod, Sertschin, machte Gegenvorstellungen, erhielt aber Befehl, nie wieder vor dem Kaiser zu erscheinen, was jedoch schon nach acht Tagen, mit Rücksicht auf die allgemeine Verehrung, in welcher jener Mann bei dem Volke stand, widerrufen ward. Schlimm war es auch, daß er die Klöster durch erhöhte Abgaben der Bauern entschädigen wollte. Es entstanden Unruhen daraus, und jedenfalls entfremdete es ihm das niedere Landvolk. Für die Sicherheitspolizei traf er strenge, aber gute Anstalten. Ein Hauptfehler aber war das Unterlassen oder Aufschieben der Krönung.

Die hauptsächlichsten Freunde und Ratgeber des Kaisers waren die Prinzen Georg und Peter August von Holstein, der Graf von Münnich, der Graf Michael Woronzow, der Generalfeldmarschall Fürst Trubetzkoy, der wieder zurückberufene von Bredahl, der gediegene Staatsrat Wolkow, der Generalleutnant von Korf, jetzt Generalpolizeimeister in Sankt Petersburg, der Generalprokurator Alexander Glebow, die Generaladjutanten Gudowitsch und Fürst Iwan Galizin. An die Stelle des Kabinetts trat eine Kommission, in welche nach und nach die Prinzen von Holstein, Münnich, Michael Woronzow, Fürst Trubetzkoy, Wolkonsky, der Generalfeldzeugmeister Villebois, der Generalleutnant Melgunow und Wolkow traten. Die meisten dieser Männer waren verständig und rechtschaffen und ihre Wahl macht im ganzen dem Kaiser Ehre. Aber waren sie ihm die nützlichsten in dem Rußland von 1762? Würde nicht vielleicht ein Bestuchew ihm bessere Dienste geleistet haben? Waren sie in der Lage, ihr Schicksal mit dem seinigen zu identifizieren? Und ließ er nicht auch ihren Rat in den wichtigsten Dingen oftmals unbefolgt?

Außer seinem gefährlichen Angriffe auf die Interessen der Geistlichkeit haben ihm besonders seine Militärreformen und seine auswärtige Politik geschadet. Seine Militärreformen betrafen zunächst Formen und Uniformen. Er verabschiedete die mit großen Vorrechten ausgestattete Leibkompagnie, dieselbe Kompagnie der Preobratzschenskoy-Garde, welche Lestocq, Schwartz und Grünstein für Elisabeth erkauft und dieser dadurch auf den Thron verholfen hatten, erhob aber – was sehr unpolitisch war – ein holsteinisches Kürassierregiment zur kaiserlichen Leibgarde zu Pferde. Er verwandelte die Gardeuniformen in kurze preußische Röcke mit goldenen Schleifen, worüber die Soldaten sehr murrten. Er faßte sogar den Plan, die Garden aufzuheben und in Feldregimenter zu verteilen und ließ sie durch den General Bauer in dem preußischen Exerzitium unterweisen. Die Regimenter erhielten verschiedene Uniformen und wurden nach den Namen ihrer Chefs benannt. 24 Generäle wurden entlassen. Die Knute wurde beim Militär abgeschafft, aber – Stock und Fuchtel dafür eingeführt. Den holsteinischen Truppen wurden Neid erregende Auszeichnungen verliehen, und zu Oranienbaum eine lutherische Kirche für sie erbaut. – Auch die Marine suchte Peter eifrigst zu heben, und in allen diesen Dingen tat er in der Tat in der kurzen Zeit viel, zu viel für die kurze Zeit. (Es soll übrigens in der letzten Zeit sein Eifer für die Staatsgeschäfte bereits sehr abgenommen gehabt haben; namentlich von der Beziehung des Winterpalais an.) Tiefer greifend war aber die Veränderung, die er in der auswärtigen Politik hervorbrachte. Rußland war mit Preußen im Krieg, aber der neue Kaiser war der eifrigste Verehrer des Königs von Preußen, und schickte noch am Abend des Todes der Kaiserin Elisabeth seinen Generaladjutanten Gudowitsch mit einem eigenhändigen Schreiben an Friedrich. Bald schloß er nicht nur Frieden mit Preußen, sondern auch Bündnis (5. Mai) und stellte seine Truppen in die Reihen des seitherigen Feindes gegen die seitherigen Alliierten. Er ließ sich ein preußisches Regiment verleihen und trug fast täglich die preußische Uniform. In allen kaiserlichen Zimmern waren Bildnisse Friedrichs. Selbst mit Geld, so rar das in Rußland war, sollte Friedrich unterstützt werden. Durch das alles machte der Kaiser sich natürlich die Gegner Preußens zu Feinden und die Vertreter derselben waren meist einflußreicher in Rußland und kannten den Boden viel besser, als die des preußischen Kabinetts, dessen Stärke die Diplomatie niemals gewesen ist, und unter Friedrich am wenigsten. Auch durch sarkastische Äußerungen erbitterte er, und die Gesandten Österreichs und Frankreichs, Graf Mercy und Baron Breteuil, vergalten ihm gleiches mit gleichem. Am erbittertsten sprach sich Peter aber gegen Sachsen und den Grafen Brühl aus. Um so weniger fand der sächsische Geschäftsträger, Legationsrat Prasse, mit seinen Anträgen, Leipzig zum Sitz eines Friedenskongresses zu wählen, Sachsen in den Waffenstillstand einzuschließen usw., Gehör.

Peters Hauptgedanke war, sich und sein Haus an Dänemark zu rächen. Ein um so unverständigerer Krieg, da ihm sein neuer Verbündeter, Preußen, nicht beistehen wollte, noch wollen konnte. In der Tat aber bestimmte Peter ein Korps von 40.000 Mann zum Zuge gegen Dänemark und wollte sich selbst an dessen Spitze stellen. Der Tag, den er zu seiner Abreise zur Armee angesetzt hatte, wurde sein Todestag!

siehe Bildunterschrift

Katharina II. von Rußland.
Farbige Zeichnung von Janet-Lange. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Einen noch weiteren Plan für allgemeine Arrangements in Deutschland, der manches Gute, aber auch manches Unausführbare enthielt, hatte der Staatsrat Wolkow, nach Peters allgemeinen Andeutungen, entworfen und Friedrich, wohl in der sicheren Erwartung, es werde nichts daraus werden, gebilligt. Peter teilte sich darin das ganze Schleswig, und – nach dem (erst 15 Jahre später erfolgten) Tode des Kurfürsten Max Joseph – Bayern zu, womit er den Katholiken in Deutschland das Gegengewicht halten wollte. Preußen sollte das polnische Preußen erhalten, aber von Schlesien Glatz und Crossen, sowie, wenn der Herzog von Mecklenburg-Schwerin erblos sterben sollte, ganz Schlesien gegen Mecklenburg abtreten. Schlesien sollte in diesem Falle an Österreich zurückkommen. Von Sachsen sollte Polen getrennt werden, Sachsen aber die preußischen Enklaven in der Niederlausitz, sowie Crossen, Mansfeld und eine neue Stimme auf dem Reichstag, auch für den Prinzen Klemens die Exspektanz auf das zunächst erledigte geistliche Kurfürstentum erhalten. König von Polen sollte – Prinz Heinrich von Preußen werden, ein Teil aber an Preußen, ein Stück von Litauen an Kurland fallen. Stürbe Heinrich, wie zu erwarten war, erblos, so kam ganz Polen an Preußen. Kurland sollte ein Großherzogtum für den Prinzen Georg Ludwig von Holstein werden. Dänemark sollte für Schleswig durch Ostfriesland entschädigt, Osnabrück säkularisiert und, sowie Bremen und Verden, mit Hannover vereinigt werden. Für Ferdinand von Braunschweig ward ein Herzogtum Hildesheim bestimmt. Die mecklenburgischen Prinzen waren am Rhein zu entschädigen.

Der Plan wäre auch ohne die Thronrevolution schwerlich in vollständige Ausführung gekommen, aber mancher auf einzelnes davon hindeutende Schritt würde stattgefunden haben, wenn nicht die Thronrevolution von 1762 dem ganzen Wirken Peters ein Ende gemacht hätte. Über diese Revolution wollen wir nun im folgenden das eingangs erwähnte Memoire in deutscher Übertragung mitteilen und mit den Bemerkungen begleiten, welche abweichende Berichte an die Hand geben, oder die sich sonst zur Milderung des Einflusses, welchen Graf Panin sichtbar auf die Anschauungen jenes Mémoires gehabt hat, empfehlen.

siehe Bildunterschrift

Katharina II. von Rußland.
Stich von Walker, nach einem Gemälde von Sehebanoff. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Die Unzufriedenheit gegen Peter III. war allgemein. Man beweinte die Kaiserin Elisabeth, bevor sie verschied; man beweinte sie nach ihrem Tode so sehr, daß, wenn man sich auch nur anblickte, die Tränen aller Welt aus den Augen rollten.

Diese Prinzessin hatte von Natur viel Geist, der aber so wenig ausgebildet worden war, daß sie selbst unter den Frauen für unwissend galt. Sie besaß viel religiösen Sinn, Redlichkeit und Humanität. Sie wollte das beste aller Welt. Sie tat soviel gutes, als ihre Indolenz und der geringe Anteil, den ihre Günstlinge sie an den Geschäften nehmen ließen, ihr verstatteten. Sie war infolgedessen geliebt, und es war nicht zu verwundern, daß das Publikum, das in Peter III. einen Menschen ohne Sitten, der, wenn auch nicht aus Neigung, aber weil er glaubte, ein Soldat müsse hart sein, inhuman war, einen Poltron, verdrehten Kopf, Lügner, Schweiger erkannte, mit Kummer eine Fürstin von Elisabeths Güte sterben und einen Fürsten auf ihren Thron steigen sah, der so wenig würdig war, denselben zu besteigen, wie Peter III.

Die Unzufriedenheit gegen ihn wuchs von Tag zu Tag. Er mißhandelte tätlich und wörtlich Leute, die es am wenigsten verdienten. Er sagte öffentlich, daß die und die (Leute, die im Kabinett der Elisabeth angestellt gewesen) ihm geholfen hätten, den König von Preußen von den geheimsten Vorgängen in Kenntnis zu setzen, während jene niemals daran gedacht hatten, sich eines solchen Verrates schuldig zu machen und die ergebensten Anhänger des entgegengesetzten Systems waren. Er machte sich auch an den Grafen Panin, damals Oberhofmeister des jungen Großfürsten, nachherigen Kaisers Paul, und zwar in folgender Art. Kaum 24 Stunden vor dem Tode Elisabeths, die bereits ohne Bewußtsein im Todeskampfe lag, traf sich Peter an der Seite ihres Bettes mit ihrem Leibarzt und mit Herrn von Panin, der sich den Zutritt zu ihr vorbehalten hatte. Peter sagte zu dem Arzte: »Wenn diese gute Fürstin nur die Augen geschlossen hat, so sollen Sie sehen, wie ich die Dänen heimschicken werde; ich werde dem Herrn von St. Germain seinen Mann stellen; er wird mir den Krieg auf französische Art und ich werde ihn ihm auf preußische Art machen« usw. Nachdem er diese an den Arzt gerichtete Rede beendet, wendete er sich zu Herrn von Panin und sagte ihm: »Was denkst du von dem, was ich eben gesagt habe?« Herr von Panin erwiderte: »Monseigneur, ich habe nicht verstanden, wovon die Rede war; ich war in Gedanken verloren, die mir der betrübende Zustand der Kaiserin einflößte.« »Oh! Oh! warte ein wenig«, versetzte Peter, auf die sterbende Kaiserin zeigend, »bald werde ich dir die Ohren aufmachen, um dich besser hören zu lehren.«

Peter ermüdete und plagte den Soldaten. An jedem Exerziertage sah man Soldaten vor Schwäche umfallen und hörte Peter sagen: »schaffe man sie fort und bringe andere an ihre Stelle.«

Seine Günstlinge waren Toren oder Verräter. Er ergab sich mit ihnen den schwelgerischesten Ausschweifungen im Punkte des Trinkens. Seine Maitresse, Fräulein von Woronzow, war häßlich, dumm, langweilig, unangenehm. Peter glaubte, es gehöre zum guten Ton, eine Maitresse zu haben. Er sprach nur deutsch und wollte, daß alle Welt diese Sprache verstehen sollte. Russisch sprach er nur selten und immer schlecht. Er wollte alles ändern, alles umstoßen. Wie klein auch Holstein im Vergleich zu dem weiten russischen Reich ist, ihm erschien es größer, reicher, seiner Anhänglichkeit würdiger. Wer daher nicht ebenso gesunken war, wie Peter, entfernte sich von ihm. Niemand war mit diesem Prinzen zufrieden; er war kaum Souverän geworden, als man einen anderen wünschte. Die Unzufriedenheit hatte vorzüglich die Soldaten ergriffen. Die Garden sprachen laut gegen ihn. Herr von Panin war einige Wochen vor der Revolution genötigt, zu ihnen zu sprechen und ihnen eine Änderung zuzusagen, damit sie nur nicht schon damals ihrer Erbitterung die Zügel schießen ließen.

Mochte nun Peter diese Stimmung kennen, oder nicht, er fuhr in seinem Verfahren unverändert fort, und dies ließ Herrn von Panin vier Wochen vor der Revolution den Gedanken fassen, die Krone, ohne Blutvergießen und ohne das Unglück vieler Menschen, auf ein anderes Haupt übergehen zu machen.

Bei näherer Erwägung dieses Planes fühlte er die Notwendigkeit, zwei Personen dabei zu beteiligen, nämlich den Hetman Grafen Rasumowsky und den General Fürsten Wolkonsky. Der erstere war beständig um Peter, Chef eines Garderegiments und ein entschlossener Mann. Der andere hatte Ansehen in der Armee, war brav und klug.

Herr von Panin wollte den Streich ausführen, wenn Peter zur Stadt käme, um dem Abmarsch der Garden beizuwohnen, die aus Petersburg ausrücken sollten, um zur Armee zu stoßen. Die Zeit dieses Abmarsches war auf das Ende des Juli bestimmt. Man mußte daher den Hetman rechtzeitig von dem Plane unterrichten, damit er Peter bei dem Gedanken, sich bei dem Ausrücken der Garden in Petersburg einzufinden, festhielte. Panin fürchtete, Peter möchte in seine Feigheit verfallen und nicht erscheinen.

Am Mittwoch also (7. Juli), zwei Tage vor der Revolution, eröffnete er sich dem Hetman und dem Fürsten Wolkonsky; beide schlossen sich an und die Ausführung des gefaßten Planes wurde auf die Zeit des Ausrückens der Garden verschoben. Vier Gardehauptleute waren schon im Geheimnis; ja sogar die vier von ihnen befehligten Kompagnien waren es. Es waren das dieselben Soldaten, die sich einige Wochen vorher laut gegen Peter ausgesprochen hatten. Einer von diesen Hauptleuten, Passek, wurde auf Peters Befehl am Abend des Donnerstag, also den Tag nachdem Panin sich Rasumowsky und Wolkonsky eröffnet hatte, verhaftet. Panin ward durch Gregor Orlow, der in demselben Garderegiment Offizier war, unterrichtet, als er sich eben bei der Fürstin Daschkow befand, und Orlow selbst bestätigte ihm noch an demselben Abend das Faktum, mit der Bemerkung, daß jener wegen des Murrens, das es unter den Soldaten seiner Kompagnie gegeben habe, verhaftet worden sei. Die Bestürzung war groß; das Geheimnis schien verraten, oder im Begriffe, es zu werden, sobald man Passek der Tortur unterwarf. Man mußte demnach die Sache beschleunigen, oder sich den größten Gefahren aussetzen.

Herr von Panin hatte eine sechsspännige Mietkutsche nach Peterhof, wo die Kaiserin war, abgehen lassen, weil ihre Abfahrt von da, wenn sie in einer Hofequipage erfolgte, zu viel Aufsehen gemacht hätte. Er ließ den Gardeoffizier Alexander Orlow, der auch in das Geheimnis eingeweiht war, kommen und hieß ihn, die vier für Katharina gewonnenen Kapitäne seines Regiments anweisen, sich für den nächsten Morgen mit ihren Leuten bereit zu halten, falls es Lärm gäbe. Nach Besorgung dieses Geschäftes eilte er so schnell als möglich nach Peterhof, um die Kaiserin von dem, was Passek begegnet war, zu unterrichten und ihr zu sagen, daß sie sogleich von Peterhof in der Karrosse, die ihre Kammerfrau und Vertraute, Madame Tschudin, ihr geschickt, abreisen sollte. Bei ihrer Ankunft solle sie sich in die Kasernen jenes Garderegimentes begeben, um dessen Treuschwur zu empfangen. Von da solle sie zu demselben Zwecke in die Kaserne der Regimenter Ismailoff, Preobratzschenskoy und Ssemenowskoy gehen und an der Spitze dieser vier Regimenter solle sie an das neue Schloß rücken, vorher aber bei der Kasanschen Kirche anhalten, um den Großfürsten zu erwarten, den Herr von Panin dorthin bringen werde, sobald er ihre Ankunft und ihre Anerkennung von Seiten der Garden erfahren.

Gleichzeitig ließ er Rasumowsky und Wolkonsky von dem Vorgehenden unterrichten und zog sich endlich von der Fürstin Daschkow zu dem Großfürsten in das Sommerpalais zurück. Er legte sich sogar in sein Bett an der Seite des Prinzen nieder, um der Dienerschaft keinen Verdacht zu geben, zumal Herr von Panin stets einen Flügeladjutanten des Kaisers bei sich hatte, der ihn ohne Zweifel beobachten sollte. Er befahl aber seinem Kammerdiener, ihn zu wecken, sobald ihn jemand zu sprechen wünsche. Nach seiner Berechnung mußte Alexander Orlow um vier Uhr in Peterhof eingetroffen sein und die Kaiserin nach fünf Uhr morgens in St. Petersburg ankommen.

Alle Augenblicke waren kostbar und alle waren berechnet. Herr von Panin hatte sich zwar niedergelegt, als wenn nichts vor wäre, war aber voll Unruhe; jeder Augenblick mußte entscheiden, ob man zum Ziele kam, oder in das äußerste Unglück stürzte. Es schlug fünf Uhr und er hatte noch keine Nachricht, und es schlug sechs, als es ihm noch daran fehlte. Alexander Orlow hatte den Mut verloren; statt sofort nach Peterhof abzureisen, kam er noch um vier Uhr des Morgens zur Fürstin Daschkow, um zu fragen, ob man etwa seine Entschließung geändert habe, und reiste erst ab, als diese Dame ihm sagte, er solle sich augenblicklich auf den Weg machen, um die Kaiserin zu benachrichtigen.

Ihre Majestät kam nach sechs Uhr in die Stadt, befolgte die Richtschnur, die ihr Herr von Panin angegeben, empfing den Eid der Treue von den Garden und fand sich gegen acht Uhr morgens bei der Kasanschen Kirche, von vier ganz bewaffneten, aber kaum halb gekleideten Regimentern gefolgt. Herr von Panin brachte den Großfürsten in einer Karrosse, die man auf der Straße gefunden hatte, dahin, und Ihre Majestät begab sich nun in das neue Palais. Man schrieb dort das erste Manifest; man versammelte um dieses Palais die vier Regimenter und man ließ sie nun den förmlichen Eid ablegen. Hierauf ließ die Kaiserin die Synode und den Senat in dem hölzernen Palais versammeln, wohin sie sich mit dem Großfürsten begab und in dessen Kapelle der Senat, die Synode und alle anwesenden Großen ihr huldigten.

Nach Verrichtung dieser Zeremonie traf man die nötigen Anordnungen, um die Revolution sicherzustellen. Man schickte Posten auf die Wege, die nach St. Petersburg führen. Man benachrichtigte und gewann den Gouverneur von Narwa. Man verstärkte die Garnison dieses Platzes mit einem der vier Feldregimenter, die in der Nähe der Stadt auf dem Marsche waren, um zur Armee zu rücken. Man ließ die Regimenter schwören; man lud alle Großen in das hölzerne Palais; man nahm ihnen den Eid ab; man ernannte sie zu Senatoren; man hielt sie fortwährend, unter dem Vorwande, daß sie die zu erlassenden Publikationen und Anordnungen unterzeichnen müßten, in diesem Palais; man gab ihnen Herrn von Nepluyef zum Chef; man brachte den Großfürsten neben dem Zimmer unter, wo der Senat und die Großen versammelt waren: aber es war schon spät, als man daran dachte, daß man sich Kronstadts versichern müsse, welchen Platz Peter zum Zufluchtsort wählen konnte und auch in der Tat wählte. Man schickte gegen Nachmittag den Admiral Talyzin hin, um sich, unter dem Vorwande, daß er in Auftrag der Admiralität komme, dieses Platzes zu bemächtigen. Er schickte seinen Adjutanten voraus, der im Augenblick seiner Landung zu dem General Diviers geführt wurde, welchen Peter III. in derselben Absicht, aus welcher die Kaiserin Talyzin abgesendet, nach Kronstadt geschickt hatte. Diviers ließ diesen Adjutanten kommen und fragte ihn, in welcher Absicht er käme, aus welchem Grunde sein Admiral kommen werde, was in Petersburg vorginge, ob es dort eine Emeute gäbe usw. Die zuversichtliche Miene des Offiziers täuschte ihn. Er glaubte, daß bei dessen Abreise aus St. Petersburg alles noch ruhig gewesen sei, und daß dieser Offizier, ebenso wie sein Admiral, von nichts wüßte; indes ließ er ihn verhaften. Talyzin kam in ein paar Stunden darauf in einer Schaluppe; er landete im Hafen, wo, dem Gebrauch gemäß, der Hafenkommandant und die Matrosen sich eingefunden hatten, um ihm die Honneurs zu machen. Er erfuhr sogleich die Ankunft des Generals Diviers und was mit seinem Adjutanten vorgegangen war, und während er sich mit dem Kommandanten (Nummers) darüber unterhielt, sah er Diviers von weitem auf ihn zukommen. Er hatte dasselbe Schicksal zu befürchten, das sein Adjutant erfahren hatte, wenn er seine Partie nicht auf der Stelle ergriff. Er tat es, zeigte dem Kommandanten die Ordre der Kaiserin, und befahl ihm in deren Namen, Diviers in dem Augenblicke, wo er bei ihnen sein würde, zu verhaften. Die Sache ging ohne Widerstand ab; die Garnison erkannte Katharina an, und als endlich um zwei Uhr nachts Peter sich in einer Ruderschaluppe vor Kronstadt zeigte, erhielt er das Kompliment, daß man keinen anderen Souverän kenne, als die Kaiserin, und daß man Feuer auf die Schaluppe geben werde, wenn sie sich nicht sofort entferne.

Während dies in Kronstadt vorging, schickte Peter den Kanzler Grafen Woronzow mit dem Befehl nach St. Petersburg, der Kaiserin sein Erstaunen über das Vorgehende zu bezeigen, und sie zu sich selbst und zu dem Gehorsam gegen den Kaiser zurückzuführen. Der Kanzler fand den Platz vor dem Schlosse von Truppen erfüllt, welche Katharina bereits anerkannt hatten. Er entledigte sich seines Auftrages würdig und gut, erhielt aber abschlägige Antwort. Man wollte ihm nicht erlauben, nach Peterhof zurückzukehren, und er verlangte und erhielt die Erlaubnis, an Peter zu schreiben, um ihm von dem geringen Erfolge seines Auftrages Rechenschaft zu geben. Er zeigte seinen Brief, welcher gut geschrieben war und mit den Worten schloß: daß, nachdem er dergestalt seiner Pflicht gegen seinen Gebieter Genüge geleistet, er sich dem Willen des Volkes ergebe, indem er der Souveränin huldige, die sieh tatsächlich auf dem russischen Throne befinde.

Erst nach Expedierung dieses Schreibens ging der Graf Woronzow in die Kapelle, um Katharina Treue zu schwören. Alles ging gut; aber man mußte sich der Person Peters versichern. Es schien zu gefährlich, ihn in Freiheit zu lassen; er hatte tausend Mittel zum Entkommen und jeder andere Mensch, der nicht so schwach gewesen wäre, wie er, würde sich derselben bedient haben.

Alle diese Anordnungen beschäftigten die Kaiserin den Freitag und den Sonnabendmorgen. Endlich am Nachmittag des Sonnabends stellte sie sich an die Spitze aller der Truppen, von denen sie sich hatte anerkennen lassen und zu denen unterwegs die Regimenter stießen, die auf Befehl des Kaisers auf dem Marsch waren, und verließ St. Petersburg, um nach Peterhof zu gehen. Herr von Panin sollte sie begleiten. Man ließ daher den Großfürsten in den Händen des Senats und speziell in denen des Herrn von Nepluyeff, und befahl ihm, alle halbe Stunden einen Kurier nach Peterhof abgehen zu lassen, um alles, was in der Hauptstadt vorging, anzuzeigen. Jeder Senator war genötigt, diesen Bericht zu unterzeichnen. Dadurch hielt man sie beisammen und beteiligte jeden besonders an der Sache Katharinas.

Auf der Straße von St. Petersburg nach Peterhof traf man oft holsteinische Husaren, welche Peter ausgesendet hatte, um den Marsch der Kaiserin, von dem er Nachricht erhalten, zu rekognoszieren. Man nahm sie alle gefangen und versicherte sich zugleich aller Personen, die bei Peter gewesen waren und die ihn während der Nacht auf seiner Reise nach Kronstadt verlassen hatten.

Unter ihnen befand sich der Vizekanzler Fürst Galizin, der von Peter mit einem Briefe abgeschickt war, worin er sich der Kaiserin Katharina unterwarf (?), und der im offenen Lager den Eid des Gehorsams an Katharina ablegte. Auf der Hälfte dieses Weges, auf welchem man mehrmals hatte Halt machen müssen, um den Truppen einige Rast zu gönnen, brachte ein Kurier von Peter Katharina die Nachricht, daß er nach Kronstadt gegangen sei. Man wußte noch nichts von dem Stande der Unternehmung Talyzins, fürchtete aber, daß Peter, wenn er Kronstadt verschlossen gefunden, auf den Gedanken kommen möchte, zu Wasser nach St. Petersburg zu gehen, um sich dem Volke zu zeigen. Dieser Verdacht führte zu dem Entschlusse, daß Herr von Panin, von einer Eskorte von 24 berittenen Garden begleitet, zu Pferde in die Hauptstadt zurückkehren und dabei dem linken Ufer der Newa folgen solle, um jedes Fahrzeug zu beobachten. Er bemerkte eines nicht fern von der Stadt, das sich immer am entgegengesetzten Ufer hielt. Man ließ ihm zurufen, daß es sich dem anderen Ufer nähern möge. Ein Mann, der das Aussehen eines Offiziers hatte, erhob sich und antwortete, daß er es nicht wage, heranzukommen. Das vermehrte den Verdacht; aber als dieser Mann sich etwas deutlicher gezeigt hatte, bemerkte man, daß es der Adjutant Talyzins war, der die Nachricht brachte, Peter habe in jenen Platz (Kronstadt) einzuziehen versucht, sei aber nicht angenommen und sein General Diviers sei gefangen genommen worden.

Herr von Panin ging nichtsdestoweniger in die Stadt (Sankt Petersburg), wo alles ruhig war. Katharina war inzwischen in Peterhof angelangt, von wo der Brief, den Peter durch den Vizekanzler Galizin geschickt hatte, beantwortet ward. Katharina verlangte von ihm eine eigenhändige förmliche Entsagungsurkunde, deren Fassung sie ihm vorschrieb. Peter schrieb alles mit eigener Hand und wurde mit seiner Maitresse Woronzow und zwei anderen Personen in einer Karosse von Oranienbaum nach Peterhof geschafft.

Herr von Panin kam noch vor Peter daselbst wieder an. Die Soldaten waren so aufgebracht gegen den Kaiser und die Maitresse, daß Herr von Panin selbst 300 Mann einzeln auswählen mußte, um eine Karree an dem Pavillon zu bilden, an welchem Peter aussteigen sollte. Es bedurfte dieser Vorkehrung, um zu verhindern, daß nicht der betrunkene und ermüdete Soldat sich an ihm vergreife.

Peter, der bereits der Krone entsagt hatte, verlangte als einzige Gnade, daß man ihm die Gräfin Woronzow lasse. Herr von Panin war genötigt, ihn in diesen Momenten zu sehen. Er sagte mir wörtlich: »Ich rechne es zu den Unglücksfällen meines Lebens, daß ich genötigt gewesen bin, ihn zu sehen. Ich fand ihn Tränen vergießend, und während Peter meine Hand zu ergreifen suchte, um sie zu küssen, warf sich seine Maitresse auf die Knie, um die Gnade zu erbitten, bei ihm bleiben zu dürfen. Er verlangte nichts, als das, nicht einmal die Kaiserin zu sehen.«

Herr von Panin suchte, ihm sobald als möglich aus dem Gesicht zu kommen. Er versprach ihm eine Antwort von Katharina, ließ sie ihm aber durch jemand anderen zustellen. Diese Antwort war verneinend. Peter wurde mit zwei Offizieren in eine Karosse getan, um nach Ropscha gebracht zu werden.

Seine Maitresse wurde in einen Schlafwagen gebracht, wo sie niemand sehen konnte, und nach Moskau geführt. Sie ist später an den Brigadier Poljanski verheiratet worden.

*

Soweit das Memoire. Während die Kaiserin sich ruhig in den vollen Besitz der Regierungsgewalt setzte, war Peter auf die Gesellschaft von aus den Freunden der Orlows gewählten Offizieren und Sergeanten der Garde beschränkt. Er bat um eine Bibel, eine Violine, einige Romane, seinen Mohren und einen Lieblingshund. Auch dies schlug man ihm mit spöttischen Bemerkungen ab. Seinen Tod wollten zunächst die Orlows, teils ihrer Sicherheit halber, teils weil Gregor Orlow den Plan einer Vermählung mit der Kaiserin hegte. Man suchte auch in der Kaiserin wenigstens den Gedanken zu nähren, daß es besser sein würde, wenn er stürbe. In Holstein fände er eine russische Armee, deren Stimmung man noch nicht kenne. Dort ständen ihm die Ratschläge des Königs von Preußen zur Seite. Audi ward die Stimmung im Lande, nachdem der erste Taumel verflogen war, bedenklich. Dies soll auch auf Panin Eindruck gemacht haben. Ob aber das Gerücht, daß dieser über den Ermordungsplan zu Rate gezogen worden sei und ihn gebilligt habe, begründet ist, lassen wir dahingestellt sein.

Peter wurde krank und die Kaiserin schickte ihm sofort einen geschickten deutschen Wundarzt namens Lüders. Dies muß in ehrlicher Absicht geschehen sein, denn man wendete sich an einen anderen Leibarzt, um sich von diesem vergifteten Burgunder besorgen zu lassen, mit welchem Alexander Orlow am 17. Juli nach Ropscha ritt. Ihn begleiteten Gregor Orlow, der jüngste Fürst Bariatinsky, Teplow, der Schauspieler Wolkow und ein Kabinettskurier. In Ropscha wurden noch der ältere Fürst Bariatinsky, der Sergeant Engelhardt und zwei Gardesoldaten eingeweiht. Teplow und Alexander Orlow gingen zuerst zu Peter, der unangekleidet am Tische saß und den Plan einer Festung zeichnete. Sie kündigten ihm an, daß er bald in Freiheit gesetzt werden würde, und baten um Erlaubnis, mit dem anderen Orlow und dem jüngeren Bariatinsky bei ihm zu speisen. Er bewilligte es mit Vergnügen und verlangte selbst Burgunder. Kaum hatte er ein Glas getrunken, als er die Vergiftung merkte und in bittere Klagen ausbrach. Er verlangte Milch, die man ihm auch gab und die ein heftiges Erbrechen erzeugte. Die Mörder gingen hinaus und hielten einen Blutrat. Dann traten sie alle herein und Alexander Orlow packte Peter am Halse. Als dieser aber aufsprang, ihm ins Gesicht kratzte und zu ihm sagte: »was habe ich dir getan?« ließ ihn Orlow los und lief in ratloser Verwirrung umher. Endlich griff man zu, warf Peter aufs Bett und wollte ihn mit einem Kissen ersticken. Dann warf man ihn auf einen Lehnstuhl, dann auf die Erde. Sein Geschrei soll entsetzlich gewesen sein. Endlich machte der ältere Bariatinsky aus einer Serviette eine Schlinge und warf sie ihm um den Hals. Die Mörder hatten ihn unter sich, hielten ihm Hände und Füße, traten und knieten ihm auf Brust und Leib herum und Engelhardt zog endlich die Schlinge zu! – Teplow, der jüngere Bariatinsky und Gregor Orlow sollen bei der Grauenszene nur Zuschauer gewesen sein. – Nun rief man den Chirurgen Lüders, der schon vorher ins Zimmer getreten, aber von Soldaten herausgestoßen worden war. Man sagte ihm, der Kaiser, den er tot fand, habe einen Blutsturz bekommen.

Alexander Orlow ritt sogleich nach Petersburg und ließ die Kaiserin, welche Gesellschaft bei sich hatte, herausrufen. Sie erschrak heftig, als sie ihn sah, worauf er ihr in zweideutigen Ausdrücken sagte, Peter sei eines natürlichen Todes gestorben. Sie beklagte, daß dies in solcher Zeit geschehen sei, die dem Verdachte so viel Raum gebe, und ließ Panin rufen. Panin riet, die Sache jetzt zu ignorieren und erst den anderen Tag zu veröffentlichen, worauf Katharina zur Gesellschaft zurückging und ruhig die Geschichte, in deren Erzählung sie begriffen war, fortsetzte. Am anderen Tage dagegen legte sie den größten Kummer an den Tag. Als sie die Art des Todes erfuhr, war sie unwillig über den unbedachten Eifer, der ihr einen so bösen Verdacht bereitete. Man erließ ein Manifest, worin man den Tod des gewesenen Kaisers einer Hämorrhoidalkolik zuschrieb. Ein Leibarzt mußte in einem Berichte sagen, Peter habe einen Polypen im Leibe gehabt. Es hatte aber gar keine Öffnung stattgefunden und der Arzt soll, als ihm die Leiche gezeigt werden sollte, ganz trocken gesagt haben: »Ich habe den Kaiser lange genug gekannt, um zu wissen, daß er nicht länger leben konnte.« Die Zeichen des gewaltsamen Todes waren nicht zu verkennen, und namentlich die am Halse konnte man nur durch eine ungewöhnlich starke Halsbinde verbergen. In der Nacht vom 18. zum 19. Juli wurde der Leichnam in das Alexander-Newsky-Kloster gebracht und vom 19. an jedermann der Zutritt gestattet. Ungeachtet die Ausstattung unwürdig karg war, fand doch ein ungeheurer Zulauf des Volkes statt, das dem Verschiedenen nach russischer Sitte die Hand küßte. Der alte Feldmarschall Fürst Trubetzkoi rief ganz treuherzig: »ach, Peter Fedorowitsch, was haben sie dir für eine dicke Halsbinde umgebunden; so fest hast du sie ja nie getragen«, und wollte sie ihm abreißen, woran ihn aber die Wachen verhinderten. Am 21. Juni wurde die Leiche, die im Gesicht ganz schwarz geworden war, von vier Hofbedienten in die Gruft getragen. Die Seelenmessen vergaß man, worauf später die Pseudopeters die Behauptung stützten, daß Peter gar nicht tot sei.

Eine eigentliche Verfolgung der Anhänger Peters fand nicht statt. Gudowitsch wurde auf seine Güter verwiesen. Oberst Budberg nahm seinen Abschied. Die übrigen machten ihren Frieden mit der Regierung. Prinz Georg Ludwig erhielt die Statthalterschaft von Holstein. Die holsteinischen Soldaten wurden nach Hause geschickt, ertranken aber meistens in der Nähe von Kronstadt.

Sieben Pseudopeters versuchten es nach und nach, unter dem Namen des gemordeten Kaisers zur Gewalt zu gelangen. 34 Jahre nach seinem Tode, am 19. November 1796, ließ der Sohn des Gemordeten, der Kaiser Paul, den Sarg seines Vaters öffnen; darauf krönte er die Leiche feierlich im Sarge. Nach noch mehreren Feierlichkeiten ließ er am 18. Dezember Peters Sarg neben dem der Kaiserin Katharina in der Festungskirche beisetzen und bei diesen Zeremonien mußten Alexander Orlow und der ältere Fürst Bariatinsky mitwirken. Der treue Adjutant des Kaisers Peter III., Baron Ungern-Sternberg, ward zum General ernannt und Kaiser Paul umarmte ihn und hing ihm den Alexander-Newsky-Orden um.

Als Friedrich II. durch den General Tschernitschew die Entthronung Peters erfuhr, sagte er: »Ich bin gewiß, daß dieser Fürst nicht mehr lebt; er ist mit dem Schwert in der Hand gestorben.«

Noch lebte ein Thronprätendent in Rußland, der unglückliche Iwan III., der, am 23. August 1740 geboren, am 28. Oktober 1740 auf den Thron erhoben, am 5. Dezember 1741 von demselben gestürzt und erst zu Iwangorod bei Narwa, später zu Schlüsselburg, dann kurze Zeit zu Kexholm, dann wieder zu Schlüsselburg gefangen gehalten wurde. Peter III. hatte ihn, im April 1762, von Gudowitsch, Ungern-Sternberg, Leo Narischkin, von Korf und Wolkow begleitet, in Schlüsselburg besucht, ihn zwar nicht ohne natürliche Befähigung, aber als ein Opfer gänzlicher Vernachlässigung gefunden. Der Unglückliche klagte, daß nur ein einziger Offizier unter allen, die ihn bewacht, ihn menschlich behandelt habe. Nach dem Namen befragt, nannte er Korf, der darüber in helle Zähren ausbrach. Auch Peter weinte und drückte die Hand des braven Korf. Er ließ Ungern-Sternberg zurück, um den Prinzen, der nur um reinliche Kleider und den ihn grausam entzogenen Genuß des Tageslichtes bat, näher zu prüfen. Das Resultat war, daß Peter beschloß, Iwan noch ferner gefangen zu halten, aber ihn in Schlüsselburg möglichst frei und gut zu stellen, weshalb er den Bau eines Hauses für den Prinzen beginnen ließ, welches unvollendet geblieben ist. Nach Peters Tode erschien Iwan der Katharina, die gar kein Recht zum Throne besaß, weit gefährlicher, als er Peter erscheinen konnte. Ein Leutnant Mirowitsch, aus der Ukraine, machte am 5. Dezember 1764 einen Versuch, ihn zu befreien, und auf Anlaß dieses Versuches ward der Prinz von den übrigen Offizieren, kraft eines älteren, für einen solchen Fall gegebenen Befehls der Kaiserin Elisabeth, ermordet. Mirowitsch wurde hingerichtet; die Soldaten, die ihm gefolgt waren, wurden nach Sibirien geschickt. Man hat oft geglaubt, daß Mirowitsch zu seinem Unternehmen von der Hofpartei selbst, unter Mißbrauch seiner Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit, angestiftet worden sei. Dem Vater des Unglücklichen, dem Prinzen Anton Ulrich von Braunschweig (geb. 28. August 1714), der zuletzt mit den Seinigen in Scholmogory im Gouvernement Archangelsk gelebt hatte und erblindet war, bot Katharina jetzt die Freiheit an; er soll sie aber ausgeschlagen haben und starb 1780, nach anderen schon am 16. Mai 1774, nach noch anderen 1775, in der Gefangenschaft. Seine Gemahlin, die Regentin Anna von Mecklenburg, war ihm schon am 18. März 1746 im Tode vorausgegangen. Sie hatten in der Gefangenschaft noch vier Kinder erzeugt, die nun ganz verwaist, einsam, in einem fernen Winkel des Reiches lebten und in keiner Weise für die größere Welt gebildet waren, übrigens aber eine sanfte, demütige und liebevolle Familie bildeten. Es waren dies: Katharina, die noch im Schoße des äußeren Glückes, in St. Petersburg, am 26. Juli 1741 geboren war und alle ihre Geschwister überlebt hat, aber in früher Kindheit das Gehör verlor und auch mit der Sprache sehr behindert war. Elisabeth, in Dünamünde am 16. November 1743 geboren, die Fähigste von allen und die Wortführerin und liebevolle Leiterin ihrer Geschwister. Peter, 1745, und Alexis, 1746 in Scholmogory geboren. Die Geburt des letzteren kostete seiner Mutter das Leben. 1780 entschloß sich die Kaiserin Katharina IL, den Verwaisten ein freundlicheres und freieres Asyl zu gewähren, und sie wendete sich deshalb an die Schwester des Vaters derselben, die verwitwete Königin von Dänemark, Juliane Maria, die aus den Struenseeschen Händeln nicht vorteilhaft bekannt ist, mit dem Antrage, die betreffende Familie, auf russische Kosten, in Norwegen unterzubringen. Der dänische Hof nahm den Antrag mit Dank an, brachte aber, statt Norwegens, Jütland, und zwar die Stadt Horsens in Vorschlag, worauf man auch einging. Die Übersiedlung ward hauptsächlich durch den Geheimrat Melgunow geleitet, der auch über die Familie selbst und seinen Verkehr mit ihr interessante Berichte gegeben hat, die sich in den Akten der kaiserlich russischen Akademie befinden. Die Kaiserin setzte den Geschwistern ein Jahresgehalt von 32.000 Rubel aus, das sich auch bei dem Absterben einzelner nicht verminderte und zuletzt ganz der Prinzessin Katharina zuteil ward, gab auch 40.000 Rubel zur ersten Einrichtung her. In Bergen übergab ihnen der russische Beauftragte 2000 holländische Dukaten als Taschengeld, wogegen sie 3000 Rubel an Geschenken verteilten. Sie kamen am 10. September, auf der russischen Fregatta Polarstern, in Bergen an, wo sie das dänische Kriegsschiff Mars erwartete und sie am 5. Oktober in Aalburg ans Land setzte, von wo sie am 17. Oktober in Horsens eintrafen. Auf der Reise hatten sie der Kommandant von Schlüsselburg, Oberst Ziegler, und die Witwe Lilienfeld mit deren beiden Töchtern begleitet. Schmerzlich aber war es für sie, daß nun alle Russen, mit Ausnahme der Kirchendiener, nach Rußland zurückkehrten. Sie waren in einer ihnen fremden Welt, wie Verschlagene auf fremdem Boden, und diese Lage ward peinlicher, wie ihr Kreis sich verengte. Elisabeth, die Leiterin der Geschwister, starb zuerst, schon am 20. Oktober 1782. Ihr folgte der jüngste Prinz Alexis am 22. Oktober 1787. Der ältere Prinz Peter lebte bis zum 30. Januar 1798 und Katharina, die Taube, deren Sprache fast nur ihre Geschwister verstanden, die fast nur mit diesen, mit ihnen aber sehr gut, sich unterreden konnte, stand nun allein, unter, wie es scheint, egoistischen und teilnahmslosen Umgebungen. Sie wünschte sich nach Rußland zurück und Nonne zu werden. Vor ihrem Tode schrieb sie noch an den Kaiser Alexander und bat um Pensionen für ihre Diener, was auch gewährt und noch auf die Witwen derselben ausgedehnt ward. Ihr Vermögen vermachte sie dem damaligen Erbprinzen, nachherigen König Friedrich VI. von Dänemark und starb am 9. April 1807.

Die Kaiserin Katharina II. hätte auch ihren Sohn fürchten können, dessen Recht sie zunächst verletzt hatte und den sie in der Tat auch, wenigstens später, mit viel Mißtrauen und Eifersucht bewachte. Panin aber hatte ihn ermahnt, aus dem Geiste des russischen Volkes die Idee zu verdrängen, daß die Krone des russischen Reiches der Preis einer Nacht des Aufruhrs und Blutvergießens sei. Wenn er auch spät, wenn er auch nie auf den Thron gelange, so würde doch, bei solchem Verhalten, der Thron seiner Nachkommen um so sicherer sein, und er würde ihnen allen den größten Dienst geleistet haben. Der Eindruck dieser Ermahnungen scheint Paul, der überhaupt Peter III. auch in seiner strengen Rechtlichkeit, wie in seiner Begeisterungsfähigkeit, wie aber auch in seinem launischen Starrsinn und seinem bizarren Wesen glich, auch nach Panins Tode begleitet zu haben.

Nikita von Panin stammte aus einer italienischen Familie und wurde seinem Vater, der unter Peter I. Generalleutnant war, im Jahre 1718 geboren. Er trat sehr jung bei der Garde der Kaiserin Elisabeth ein, wurde Kammerherr, 1747 Gesandter erst in Kopenhagen, dann in Stockholm und im Februar 1760 zum Oberhofmeister des damals sechsjährigen Großfürsten Paul ernannt. Nach der Revolution von 1762 übernahm er, erst faktisch, dann auch formell die Leitung des auswärtigen Ministeriums, welche der Reichskanzler Graf von Woronzow nur dem Namen nach bis 1763 noch fortführte. Zur Teilnahme an jener Revolution soll ihn zunächst eine Neigung zur Daschkow bestimmt haben. Indes mag er ihren Hauptzweck unter allen Umständen als eine Notwendigkeit erkannt haben, wenn er auch mit vielem einzelnen in ihrer Ausführung nicht einverstanden gewesen. Konnte er auch den Übeln der Zeit und der Stellung nicht ganz entgehen, so ist ihm doch nicht abzusprechen, daß er ein begabter, gediegener und patriotischer Staatsmann und in seinem Privatleben human und rechtschaffen war. Eine gewisse Indolenz und Trägheit wird ihm zum Vorwurf gemacht, und mag nur zum Teil aus Grundsatz, zum Teil aus seinem Temperament, zum Teil aus schwächlicher Gesundheit geflossen sein. Es beugte ihn tief, daß er im Mai 1768 seine Braut, die Gräfin Anna Petrowna Scheremetow, durch den Tod an den Pocken verlor. Seinem ganzen Charakter nach war er nicht zu der Rolle eines dauernden Günstlings befähigt. Er konnte der weise und treue Ratgeber seines Monarchen sein, aber nicht das gefügige Werkzeug jeder Laune. Er schützte auch die Kaiserin gegen ihre eigenen Schwächen, den Orlows, den Potemkins gegenüber, und wenn sie ihm das auch nachher im Herzen gedankt haben mag, so ist es doch nicht ohne Groll abgegangen und jedenfalls erweckte es ihm gefährliche Feinde. Seine Stellung zum Großfürsten Paul, dessen Leiter er war und blieb, war eine weitere Quelle von mancherlei Mißtrauen und Unmut. Unter solchen Umständen ist es jedenfalls ein Zeugnis des großen Ansehens, das er genoß, daß er bis zu seinem Tod wenigstens im nominellen Besitz seiner Ämter und Würden, lange Zeit auch im Vollbesitz seines Einflusses blieb, und wenn er auch in der letzten Zeit diesen nicht mehr besaß und nur noch den Namen hergab, dies doch seinen Hauptgrund in der überhaupt veränderten Politik des russischen Staates gefunden haben mag. Denn allerdings war er von Anbeginn an auf dieselbe Allianz mit Preußen gestellt, an welcher Peter III. gestürzt war, die aber Panin freilich weit vorsichtiger und bemessener pflegte. Rußland aber neigte sich allmählich zu Österreich, und Katharina wurde selbständiger, seit sie sich sicherer und mächtiger fühlte.

Als jedoch Graf Panin, nach der ersten Vermählung des Großfürsten im Herbst 1773, seine Stelle als Oberhofmeister niederlegte, beeiferte sich die Kaiserin, die ihn schon 1767 in den Grafenstand erhoben hatte, ihm ihre Dankbarkeit für das gelungene Erziehungswerk glänzend darzulegen. Da er die Kanzlerwürde ablehnte, so wurde er doch mit den dieser Würde eigenen Auszeichnungen und Vorrechten beliehen und zum wirklichen Geheimen Rat ernannt, erhielt auch eine Schenkung von 100.000 Silberrubeln bar und Grundbesitzungen von 9500 Bauern, deren Ertrag man auf 28.000 bis 29.000 Rubel jährlich schätzte, ferner eine Gehaltszulage von 30.000 Rubeln jährlich zu den 14.000, die er bis dahin hatte, endlich 20.000 Rubel zur Anschaffung von Silbergeschirr und ein ausmöbliertes und auf ein Jahr mit allen Wirtschaftsbedürfnissen versehenes Hotel in St. Petersburg.

Unter den 9500 Bauern, die ihm damals zugewiesen! wurden, befanden sich 4000, die den neuen Erwerbungen in Polen angehörten. Diese schenkte er seinen drei vornehmsten Bürobeamten: Bakunin, Oubril und Vauloisin, und zwar tat er dies deshalb, weil er ein Gegner der Teilung Polens war.

Kurz vorher hatte ihn der durch ihn selbst geförderte, wenn auch schon vorher durch Peter III. gehobene Geheimrat Kaspar von Saldern, über welchen wir uns näheres für eine spätere Zeit vorbehalten, stürzen wollen, indem er ihn erst mit dem Großfürsten zu verzwisten, dann aber, zu der Partei der Orlows übergehend, die Kaiserin mißtrauisch zu machen suchte. Indes hatte Saldern seine Intrigen so bunt verschürzt und nach so vielen Seiten hin unruhige Ränke gesponnen, daß die Aufdeckung, welche Panin nur aus Großmut verzögerte, nicht schwer war und schon 1774 Panin an Saldern schreiben konnte, daß er seinen Abschied nehmen und sich aus dem Dienste zurückziehen möge.

siehe Bildunterschrift

Katharina II. von Rußland.
Zeitgenössischer Stich. Porträtsammlung der Nationalbibliothek Wien

Noch am 30. März 1783 hatte Graf Panin Gesellschaft bei sich gehabt, sich, wie gewöhnlich, um Mitternacht zurückgezogen und in seinem Schlafzimmer zum Lesen gesetzt. Um vier Uhr des Morgen (31. März) schellt er seinem Bedienten, läßt sich auskleiden, nähert sich dem Bette und fällt bewußtlos hinein, in diesem lethargischen Zustande verbleibend, bis er um elf Uhr des Morgens verschied. Sein Neffe, der nachherige Minister Graf Panin der Jüngere (siehe den folgenden Aufsatz), schrieb die Schuld dieses Unfalles einem Mittel zu, das der Hausarzt seines Oheims, Drost, verschrieben gehabt habe, um ihm Kräfte zurückzuverschaffen, die das herannahende Alter bei ihm geschwächt hatte, und betrachtete diesen Mann stets mit Abscheu. Der Großfürst Paul eilte sogleich zu seinem erkrankten Lehrer, blieb bis zu dessen Tode bei ihm und küßte die Leiche mit tränenden Augen.

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