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Geglaubt und vergessen

Ferdinand Kürnberger: Geglaubt und vergessen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorFerdinand Kürnberger
titleGeglaubt und vergessen
senderhille@abc.de
sourcewww.literature.at
created20070819
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Ferdinand Kürnberger

Geglaubt und vergessen

16. Dezember 1866.

»Sie haben liederliche Augen, sie haben liederliche Ohren, sie haben liederliche Gewissen.« Tausendmal im Tage fällt mir dieses Wort ein, welches Bogumil Goltz einem uns nahestehenden Volksschlage mit mehr Wahrheit als Galanterie nachgesagt hat. Er hat es diesem Volksschlage wahrhaft »auf die Stirne geschrieben«, um mit Auerbach zu sprechen. Wo ich geh' und steh', les' ich es von dieser Stirne herab. Dort steht's, mit einem Griffel hingezeichnet, welcher der Ewigkeit trotzt. Es ist nicht möglich, einen Standpunkt einzunehmen, auf welchem diese Inschrift des hanbüchenen Norddeutschen nicht in die Sehwinkel fiele. Schon morgens beim Aufwachen steht sie lapidarisch da. »Marie, wo bleibt mein Wasser?« – »Ich hab' 'glaubt, es ist so kalt, Sie werden sich heute nicht douchen.« – »Bleiben wir gefälligst bei unserer Ordnung!« Das Wasser kommt. »Marie, wo sind die Kleider?« – »Hier, gnädiger Herr.« – »Aber Sie haben mir ja den Paletot statt den Pelz ausgeklopft.« – »Ich hab' 'glaubt, weil Ihnen nicht kalt ist, Sie ziehen den Paletot an.« – »Erst bade ich kalt, dann gehe ich im Pelz aus. Verstehen Sie das?« – »Bin ich denn so dumm?« – »Heute nicht mehr; Gott schütze Sie vor Glaubensänderungen bis morgen früh!«

Ich komme ins Kaffeehaus. »Die Melange ist zu weiß, ich verlangte einen Kapuziner.« – »Pardon, ich hab' 'glaubt, Sie sagten weiß.« – »Ich wollte ja Kipfeln.« – »Pardon, ich hab' 'glaubt, Sie wollten Paunzerln.« – »Ich begehrte die ›Neue Freie Presse‹.« – »Entschuldigen, ich hab' glaubt, die ›Alte Presse‹.« – »Ich verlange Cabannos.« – »Ich hab' 'glaubt, Milares.«

Ich komme ins Gasthaus. Wenn die großstädtische Ehelosigkeit wieder verschwindet und unsere Junggesellen samt und sonders heiraten, so wird, nebst der hinreißenden Liebenswürdigkeit der Frauen, die Bedienung der Gasthäuser das Verdienst dieser sozialen Umwälzung haben. Ein befrackter Truchseß komplimentiert sich heran: »Reissuppe, Hühnersuppe, Soupe Sante.« – »Soupe Sante« – Ein zweiter kommt: »Reissuppe, Hühnersuppe« – »Ich habe schon bestellt.« – Ein dritter erluchst mich: »Reissuppe, Hühnerpippe« – »Ich habe schon bestellt.« Jetzt knarrt eine Dose, der maitre de l'hotel bietet mir eine Prise an und spricht mit der Überzeugung, etwas ganz Neues zu sagen: »Suppe kann ich dienen?« – Diese unermeßliche Fretterei spielt sich täglich in sämtlichen Gasthäusern Wiens ab, ohne daß es einem einzigen unserer Wirte je eingefallen wäre, die Sache ließe sich einfacher machen und ist in den übrigen fünf Zonen der bewohnten Erde wirklich auch einfacher. Indem ich nun nachdenke über den schönen nationalen Gebrauch, das Essen mit einem fortwährenden Feichten zu verbinden, kommt der erste Kellner. »Bitte, Reissuppe!« – »Aber ich sagte ja Soupe Sante.« – »Pardon, ich hab' 'glaubt, Reissuppe.« So fängt's bei der Suppe an. Guter, verheirateter Leser, wie lachst du aus deinem sicheren Port zu meinem ferneren Leidensgang, den ich durch Entremet, Braten, Mehlspeise, Nachtisch wie durch ebenso viele Spießruten zurücklege! Durch all diese Gänge entwickelt der Kellner eine unerschöpfliche Fülle von Glaubensbekenntnissen, bleibt aber dabei stets Dissident und glaubt Immer was Anderes. Zuweilen entstehen förmliche Glaubenskriege, und er kämpft auf Leben und Tod für seine Überzeugung, daß ich Hammelskeule wünsche, wenn ich Beefsteak bestellte. Der Kellner sind aber, wie unsere Tenore, nicht weniger als vier. Wenn du nun vier Speisen nimmst, so kannst du die Tortur im Quadrat durchmachen, und wirst es bald auch im Kubus tun. Einfacher geht's beim Getränke her. Hier sind in der Regel nur zwei jugendliche Helden engagiert, wovon mir der eine Erlauer bringt, wenn ich Vöslauer verlange, und der andere Pilsener kredenzt, wenn ich »Lager« gerufen habe.

Ich komme nach Hause. »War Herr von Grimm da?« – »Ja.« – »Nun, Sie haben ihm doch gesagt, daß ich im ›Roß‹ speise?« – »Im ›Roß‹? Ich hab' 'glaubt im ›Lamm‹. Aber er wird wiederkommen.« Schlechter Trost, denn ich habe jetzt Zimmerarrest. Aber es ist mir wichtig, den Mann zu sprechen; ich sitze also und warte. Ich warte sechs Stunden lang. Abends gehe ich aus. »Wenn Herr von Grimm kommt, so sagen Sie ihm, ich bin im ›Cafe Daum‹.« – »O je, g'rad hab' ich ihn fortgeschickt; ich hab' 'glaubt, Sie sind nicht mehr zu Hause.« Herz, halt' fest! und gib dich nicht ganz für die Kleinen aus, damit du auch für die Großen was übrig behältst. »Apropos, wo bleibt denn unsere Verfassung?« – »Ich habe geglaubt, daß nichts verfassungsmäßiger ist als der Absolutismus.« – »Aber Sie hören ja, wie man von Land zu Land die Verfassung verlangt.« – »Ich habe geglaubt, es sind nur vereinzelte Stimmen.« »Sie haben liederliche Augen, sie haben liederliche Ohren, sie haben liederliche Gewissen.«

Unserem Nationalmotto: »Ich hab' 'glaubt« steht mit der Parität eines ungemäßigten Dualismus das andere zur Seite: »Ich hab' vergessen.« Was nicht geglaubt worden ist, das ist vergessen worden. Wie glücklich also, wenn überhaupt noch geglaubt wird! Wenn dir die Magd statt gewünschter Rebhühner geglaubtes Pferdefleisch bringt, so verhungerst du wenigstens nicht. Wenn dir der Bediente statt ein Billet zum »König Lear« eines zur »Leichten Person« gekauft hat, so fährst du vielleicht aus der Haut über die Verwechslung von Shakespeare und Berg; aber möglich, daß du über die Verwechslung von Wagner und Gallmeyer wieder hineinfährst. »Ich hab' 'glaubt« fristet dir von Liederlichkeit zu Liederlichkeit immerhin noch das Leben; »ich hab' vergessen« durchschneidet das Leben selbst. Die Maschine geht dabei nicht einmal wackelnd mehr vorwärts, sie bleibt stehen. Es ist reiner Sistierungstod. »Ich hab' vergessen« hat dich zum Witwer gemacht. Deine Magd hatte vergessen, zum Arzt zu gehen, welchen du rufen ließest; der Arzt kam endlich zwei oder drei Tage; am vierten mußte er eine Jagdpartie mitmachen, und da hat der Arzt wieder deine Frau vergessen, oder, wie man hier sagt, auf deine Frau vergessen. Am fünften starb sie. »Ich hab' vergessen« hat dich zum Bettler gemacht. Die Handels- und Gewerbekammer von Unratshausen hat eine dringende Vorstellung gegen einen Übelstand eingereicht, von dessen Abstellung das Wohl und Wehe deines Geschäftes abhing. Aber der Sekretär hat vergessen, die Eingabe seinem Hofrat vorzulegen, der Hofrat hat vergessen, sie seinem Departementschef zu begutachten, der Departementschef1 hat vergessen, sie ans Ministerium zu befördern, und zuletzt hat auch der Minister auf ihre Erledigung vergessen. So sind die Übelstände geblieben und dein Geschäft ist zugrunde gegangen. Man kann rechnen, daß in jeder Stunde eine Million vergessen wird, daß in einem Jahre in ganz Österreich reichlich eine Milliarde vergessen wird. »Sie haben liederliche Augen, sie haben liederliche Ohren, sie haben liederliche Gewissen.«

Besonders herzerhebend ist es, wenn nicht bloß der einzelne Kopf »vergessen hat«, sondern gleich ganze Körperschaften und Kommunitäten. So erinnere ich mich – um Gotteswillen, was für ein Wort entschlüpfte mir da! In einem Lande, wo man Königgrätz schlägt, nachdem kaum Solferino vergessen ist, wo das Gras wächst über Blutströme, welche noch nicht gestockt, und über Verfassungsentwürfe, deren Schriftzüge noch nicht trocken geworden sind; in einem Lande, wo nichts »fescher« ist als das Heute und nichts ,,fader« als das Gestern: in diesem Lande erinnert sich einer! Leser, verabscheue mich. Wirf mich unter den Tisch, ich bin nicht wert, dich zu unterhalten. Bloß für den Makulatursammler fahre ich fort. So erinnere ich mich, daß in den letzten fünfziger Jahren, als die ganze Wiener Presse gegen Glacis und Basteien plötzlich Sturm zu laufen anfing und einen der einzigsten Spaziergänge von Mitteleuropa mit einem wahren Taumel von Haß und Ekel zu beseitigen brannte – ich erinnere mich, daß das Schiboleth der Stadterweiterungssophisten damals folgendes war: das Glacis sei ein Wahnsinn, als Festungsrayon veraltet, als Raum Verschwendung zwischen Stadt und Vorstadt himmelschreiend; Stadt und Vorstadt müßten zusammenwachsen. Das war das Wort.

Zusammenwachsen fließ es. Nehmen wir nun an, mitten in diesem Zeitungslärm sei einer abgereist, nach Rio de Janeiro, nach San Franzisko, zach Australien, und komme im Jahre des Heils 1866 wieder zurück. Beim Stubentor fangt er an. Hier findet er den Exerzierplatz vor der Franz Josefs-Kaserne, eine Flanke des Stadtparkes, die Markthalle und links und rechts vom Viadukt die alten weiten Zwischenräume, wie er sie vor der Stadterweiterung verlassen hat. Stubentor und Landstraße sind also nicht zusammengewachsen. Er geht weiter. Er findet den Stadtpark mit seinem Kurpavillon, welcher ihn an das Schönste erinnert, was er von dieser Art im Aztekenlande gesehen hat, und ist buchstäblich wie in einer neuen Welt. Nur fällt ihm auf, daß diese Anlage eine Barriere ist, welche ich dem Zusammenwachsen von Stadt und Vorstadt auf dieser ganzen langen Strecke für ewige Zeiten entgegenstellt. Kopfschüttelnd geht er weiter. Er kommt zur magnifiquen Schwarzenbergbrücke, welche eine herrliche Avenue zu inem kleinen fürstlichen Landhäuschen bildet, nur daß diese Avenue durch Wüsten erkauft ist, welche auch hier das Zusammenwachsen von Stadt und Vorstadt aufhalten. Er kommt zur Kärntnerstraße. Er findet zwischen der Wieden und ihrer Wienbrücke noch die alten Verhältnisse, denn der Naschmarkt und der Spielplatz vor dem Polytechnikum sind unverbaut, die Vorstadt gegen die Stadt also nicht hineingewachsen. Dagegen hat die Stadt – und zwar an diesem Punkte allein – einen Anlauf genommen, der Vorstadt entgegenzuwachsen. Aber unser Ankömmling bedauert, daß selbst diese kurze Strecke noch verkürzt worden ist um die ganze Flanke des Opernhauses – das Königgrätz der Baukunst genannt – von welchem er findet, daß es auch einen stilleren Platz einnehmen könnte, als just den für Gewerbe und Handel wertvollsten. Unbefriedigt zeucht er fürbaß. Seine Hoffnung sind jetzt die zwei herrlichen Diagonalstraßen, welche er vom Burgtor nach Mariahilf und Neubau ausstrahlend sich erträumt. Der Blitz schlägt in ihn. Die Mariahilfer folgt als Babenbergerstraße nicht ihrem alten praktischen Zug zum Burgtor, sondern verläuft als Sackgasse an ein einsames Gartengitter. Die Diagonale zum Neubau ... findet er zu einem Hetzplatz für Wildschweine umgestaltet. Der allgemeinen Entrüstung über den Zustand dieses Platzes hat man neulich den Mund gestopft mit der Erklärung, er werde soeben – in eine Gartenanlage verwandelt. Also wird auch hier Stadt und Vorstadt nicht zusammenwachsen, und Handel und Gewerbe, welche über ihre »Schnürbrust«, die Bastei, angeblich so strotzend hinauswuchsen, werden, wie auf alle übrigen Radien, auch auf den Radius Burgtor-Neubau zu verzichten haben, denn man handelt offenbar nicht in Gartenanlagen. Der Fremdling schleppt sich enttäuscht weiter. Die ungeheuere Wüste des Josefstädter Glacis findet er gänzlich intakt, die einzige Verschlechterung ausgenommen, daß die praktischen Diagonalwege, welche sie früher in allen Richtungen durchschnitten, jetzt größtenteils abgegraben sind und der Verkehr z. B. zwischen St. Ulrich und dem Schottenviertel nur auf ungeheuren Umwegen möglich ist. Er kommt zum Schottentor. Wie vom Burgtor zwei Radien nach Mariahilf und Neubau, so strahlen hier zwei Radien in die Alservorstadt und Währingergasse aus, zwei äußerst belebte Passagen, welche mit der Stadt aber keineswegs zusammengewachsen sind, vielmehr ihr lockendes vis-a-vis, die gelüftete Schnürbrust der demolierten Basteien, mit rein platonischen Augen anschauen. Das Zusammenwachsen der Rudolfsanlage mit der Roßau findet unser Landsmann durch die neue Kasernenanlage gleichfalls verriegelt, – seine Rundschau ist jetzt zu Ende! Jetzt überschlägt er, was er gefunden und was er erwartet hat. Gefunden hat er eine ringförmige Stadterweiterung, aber erwartet hat er eine strahlenförmige. Ringförmig um die Stadt herumzugehen, hat offenbar kein Mensch ein Interesse, als höchstens der Spaziergänger, der aber nichts kauft, daher auch von 100 Butiken der Ringstraße 99 leerstehen. Dagegen hat die halbe Million Wiener ein beständiges und unaufhörliches Interesse, zwischen Stadt und Vorstadt hin und her zu gehen, und diesen natürlichen Verkehrslinien gemäß, erwartete der Fremde zwischen Stadt und Vorstadt eine Stadterweiterung in Strahlenform. Das war denn auch der Grundgedanke und das Programm der Stadterweiterung, denn mit einem unerbittlichen Gedächtnis erinnert sich unser Landsmann des Schlagwortes: Stadt und Vorstadt sollen zusammenwachsen! Wie aus den Wolken gefallen, fragt er daher: Aber mein Gott, das ist ja gar nicht das, was ihr gewollt habt! Eure Absicht war, Stadt und Vorstadt sollten zusammenwachsen, und sie sind so getrennt wie zuvor. Warum habt ihr denn diese Absicht nicht ausgeführt? Wir haben ganz darauf vergessen, antwortet die Kommune. – Eine Stadterweiterung, welche sich selber vergißt!

Wie sagte doch Bogumil Goltz? »Sie haben liederliche Augen, sie haben liederlichen Ohren, sie haben liederliche Gewissen.«








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