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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Neunundneunzigster Brief

Frau von Volanges an die Marquise von Merteuil.

Es sind wenige Tage her, meine liebe Freundin, daß Sie es waren, die mich um Rat und Trost bat. Heute ist es an meiner Reihe, und ich richte dieselbe Bitte an Sie, die Sie für sich taten. Ich bin wirklich recht betrübt und fürchte, nicht die rechten Maßnahmen getroffen zu haben, um den Kummer zu vermeiden, den ich empfinde.

Meine Tochter bereitet mir diese Sorge. Seit unserer Abreise war sie wohl immer traurig und bekümmert; aber das hatte ich erwartet und hatte mein Herz mit einer Strenge gewappnet, die ich für nötig hielt. Ich hoffte, die Trennung und die Zerstreuung würden eine Liebe bald zerstören, die mir eher wie eine kindliche Verirrung erschien, denn als eine wirkliche Leidenschaft. Indes ist es seit unserem Hiersein durchaus nicht besser geworden, im Gegenteil bemerke ich vielmehr, daß das Kind sich mehr und mehr einer gefährlichen Melancholie hingibt, und ich fürchte allen Ernstes für ihre Gesundheit. Insbesondere seit einigen Tagen verändert sie sich sichtlich. Gestern besonders fiel mir das auf, und alle hier waren darüber ganz erschrocken.

Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr sie noch darunter leidet, ist, daß ich sie bereit sehe, die Schüchternheit zu überwinden, die sie immer mir gegenüber hat. Gestern morgen warf sie sich auf die einfache Frage hin, ob sie krank wäre, in meine Arme und sagte dabei, daß sie sehr unglücklich wäre; und weinte dabei schrecklich. Ich kann Ihnen den Schmerz nicht schildern, den ich empfand; mir kamen gleich die Tränen in die Augen, und ich hatte nur noch Zeit, mich abzuwenden, daß sie es nicht sähe. Zum Glück war ich vorsichtig genug, sie nichts zu fragen, und sie wagte auch nicht, mir weiter was zu sagen. Aber es ist mir nun um so klarer, daß es diese unglückliche Leidenschaft ist, die sie quält.

Was soll ich nun tun, wenn das so fort geht? Soll ich meine Tochter unglücklich machen? Soll ich die kostbarsten Eigenschaften der Seele, die Empfindung und die Beständigkeit, zu ihrem Schaden wenden? Bin ich deshalb ihre Mutter? Und wenn ich dieses so natürliche Gefühl erstickte, das uns das Glück der Kinder so wünschenswert macht; wenn ich als eine Schwäche betrachtete, was, glaube ich, das Gegenteil ist, nämlich die erste und geheiligtste unserer Pflichten; wenn ich ihre Wahl zwinge, bin ich dann nicht für die etwaigen verhängnisvollen Folgen verantwortlich? Welchen Gebrauch hieße es von der mütterlichen Autorität machen, wenn man seine Tochter zwischen Sünde und Unglück stellte!

Liebe Freundin, ich will nicht selber machen, was ich so oft getadelt habe. Ich konnte es gewiß versuchen, für meine Tochter eine Wahl zu treffen; ich half ihr darin nur mit meiner Erfahrung; das war kein Recht, das ich ausübte, sondern meine Pflicht, die ich erfüllte. Ich würde mich im Gegenteil gegen eine Pflicht vergehen, wenn ich über sie verfügte – ohne Berücksichtigung einer Neigung, die ich nicht beim Entstehen verhindern konnte und deren Tragweite oder Dauer weder sie noch ich kennen konnte. Nein, ich werde nicht dulden, daß sie den einen heiratet und den andern liebt, und lieber will ich meine Autorität als ihre Tugend bezweifeln lassen.

Ich werde also, wie ich glaube, die klügste Entscheidung treffen und von Herrn von Gercourt das Wort zurückverlangen, das ich ihm gab. Sie sahen soeben die Gründe; sie scheinen mir schwerer zu wiegen als meine Versprechungen. Ich sage noch mehr: wie die Dinge liegen, hieße meine Verpflichtung erfüllen, sie in der Tat verletzen. Denn wenn ich es schließlich meiner Tochter schulde, ihr Geheimnis nicht Herrn von Gercourt preiszugeben, so schulde ich diesem wenigstens, die Unkenntnis, in der ich ihn lasse, nicht zu mißbrauchen, und alles für ihn zu tun, wovon ich glaube, daß er es selbst tun würde, wenn er unterrichtet wäre. Soll ich ihn unwürdig verraten, wenn er sich auf mich verläßt, und ihn zum Dank dafür, daß er mich zu seiner zweiten Mutter wählt, in der Wahl der Mutter seiner Kinder hintergehen? Diese Überlegungen, denen ich mich nicht entziehen kann, regen mich mehr auf, als ich Ihnen sagen kann.

Diesem voraussichtlichen Unglück vergleiche ich das Glück meiner Tochter mit dem Gatten ihrer Herzenswahl, – wenn sie ihre Pflichten nur aus dem zärtlichen Behagen kennt, das sie in ihrer Erfüllung findet. Mein Schwiegersohn ist ebenso zufrieden und wünscht jeden Tag sich Glück zu seiner Wahl; jedes von ihnen findet sein Glück nur im Glück des andern, und beider Glück vermehrt vereint das meine. Soll diese schöne Hoffnung auf eine frohe Zukunft eitlen Erwägungen geopfert werden? Und welche halten uns dann ab? Nur das Geldinteresse. Was für ein Vorteil ist es für meine Tochter, reich geboren zu sein, wenn sie deshalb doch Sklavin des Geldes sein soll.

Ich gebe zu, daß Herr von Gercourt vielleicht eine bessere Partie ist, als ich für meine Tochter erhoffen durfte; ich bekenne sogar, daß ich mich von seiner Wahl geschmeichelt fühlte. Aber schließlich ist Danceny aus einem ebenso gutem Hause wie er; er steht ihm in persönlichen Eigenschaften um nichts nach; er hat vor Herrn von Gercourt voraus, daß er liebt und wiedergeliebt wird. Er ist ja nicht reich; aber ist es meine Tochter nicht für zwei? Ach, warum ihr diese zarte Genugtuung rauben, den reich zu machen, den sie liebt!

Diese Ehen, die man ausrechnet statt sie passend auszusuchen, diese Konvenienzehen, bei denen alles sich konveniert, nur nicht die Neigungen und der Charakter, – sind sie nicht die ausgiebigste Quelle dieser Skandale, die jeden Tag häufiger werden? Ich will es lieber noch aufschieben; wenigstens werde ich Zeit haben, meine Tochter, die ich nicht kenne, zu studieren. Ich fühle den Mut, ihr einen vorübergehenden Kummer zu bereiten, wenn sie ein fester begründetes Glück damit erwerben will; aber Gefahr laufen, sie ewiger Verzweiflung auszusetzen, das liegt nicht in meinem Herzen.

Dies sind, liebe Freundin, die Gedanken, die mich quälen, und um derentwillen ich Ihren Rat bitte. Diese ernsten Dinge kontrastieren sehr mit Ihrer liebenswürdigen Heiterkeit und passen wohl nicht zu Ihrem Alter; aber Ihre Vernunft ist Ihren Jahren so sehr voraus! Ihre Freundschaft wird übrigens Ihrer Klugheit helfen, und ich zweifle nicht, daß die eine oder die andere sich der mütterlichen* Sorge, die sie anfleht, entziehen könnte. Adieu, meine liebe Freundin; zweifeln Sie nie an der Aufrichtigkeit meiner Gefühle für Sie.

Schloß . . ., den 2. Oktober 17..

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