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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsechsundsechzigster Brief

Frau von Volanges an Frau von Rosemonde.

Ich weiß, Sie sind schon unterrichtet, meine liebe und würdige Freundin, von dem Verluste, den Sie erlitten haben. Ich kannte Ihre zärtliche Liebe zu Herrn von Valmont, und nehme aufrichtigen Anteil an der Betrübnis, die Sie empfinden müssen. Es tut mir wirklich leid, daß ich dem Leidwesen, das Sie schon haben, noch neues hinzufügen muß –: Wir haben für unsere unglückliche Freundin nur noch Tränen übrig. Gestern abend um 11 Uhr haben wir sie für immer verloren. Durch ein ihrem Schicksal verknüpftes Verhängnis hat die kurze Weile, um die sie Herrn von Valmont überlebt hat, ihr genügt, um seinen Tod zu erfahren, und um, wie sie selbst sagte, dem Gewichte ihres Unglückes erst zu unterliegen, nachdem sein Maß voll war.

Sie wußten ja, daß sie schon seit zwei Tagen ganz ohne Bewußtsein war; und noch gestern früh, als ihr Arzt kam und wir an ihr Bett traten, erkannte sie weder ihn noch mich, und wir konnten kein Wort, noch das mindeste Zeichen von ihr erlangen. Kaum waren wir wieder zum Kamin gegangen, und während der Arzt mir das traurige Ereignis von Herrn von Valmonts Tod mitteilte, da fand diese unglückliche Frau ihr ganzes Gedächtnis wieder, sei es, daß die Natur allein diese Umwälzung bewirkt hat, sei es, daß sie durch die öfter wiederholten Worte »Tod« und »Herr von Valmont« verursacht ward, die in der Kranken vielleicht die einzigen Gedanken wiedererweckt haben, mit denen sie sich seit langem beschäftigte.

Wie dem auch sei, sie riß plötzlich heftig den Bettvorhang auf und rief: »Wie! Was sagen Sie? Herr von Valmont ist tot!« Ich versuchte sie glauben zu machen, daß sie sich täusche und versicherte ihr, daß sie falsch verstanden hätte. Sie aber ließ sich nicht im entferntesten überreden, sondern verlangte vom Arzt, daß er den traurigen Bericht nochmals wiederhole; und wie ich immer noch versuchte, sie davon abzubringen, rief sie mich und sagte leise: »Warum wollen Sie mich täuschen? War er denn nicht schon tot für mich?« Man mußte nachgeben.

Unsere unglückliche Freundin hörte zuerst ziemlich ruhig zu. Bald aber unterbrach sie den Bericht und sagte: »Genug, ich habe genug.« Und verlangte zugleich, daß man den Vorhang zuziehe; und als der Arzt sich nachher um ihren Zustand erkundigen wollte, litt sie nicht, daß er ihr nah komme.

Kaum war er hinaus, so schickte sie auch die Wärterin und die Kammerfrau weg; und wie wir allein waren, bat sie mich, ihr zu helfen, im Bett sich hinzuknien und sie zu stützen. So blieb sie schweigend einige Zeit und ohne anders sich zu äußern, als durch reichliche Tränen. Endlich hob sie die Hände gegen Himmel und sagte mit schwacher aber inbrünstiger Stimme: »Allmächtiger Gott, ich unterwerfe mich deinem Ratschluß, aber verzeihe Valmont. Laß mein Unglück, das ich verdient habe, nicht gegen ihn zur Anklage werden, und ich will deine Barmherzigkeit segnen!« Ich habe mir erlaubt, meine liebe und würdige Freundin, diese Einzelheiten eines Gegenstandes zu erzählen, der Ihren Kummer erneuern und Ihre Schmerzen verschärfen muß; ich habe es getan, weil ich nicht zweifle, daß Frau von Tourvels Gebet doch ein großer Trost für Ihre Seele sein wird.

Nachdem unsere Freundin diese Worte gesprochen hatte, fiel sie zurück in meine Arme; und kaum hatte ich sie wieder ins Bett gelegt, überkam sie eine Schwäche, die lange anhielt, aber doch den gewöhnlichen Hilfsmitteln wich. Sobald sie das Bewußtsein wieder erlangt hatte, bat sie mich, den Pater Anselm rufen zu lassen und fügte hinzu: »Er ist jetzt der einzige Arzt, den ich brauche; ich fühle, mein Leiden wird bald zu Ende sein.« Sie klagte über Atembeklemmung und sprach nur mehr schwer.

Bald danach ließ sie mir durch ihre Kammerfrau ein Kästchen geben, das ich Ihnen schicke. Sie sagte, es enthalte ihr gehörige Papiere, die ich Ihnen sofort nach ihrem Tode zustellen sollte. Dann sprach sie von Ihnen und Ihrer Freundschaft für sie, so gut ihr Zustand es erlaubte, und mit großer Zärtlichkeit.

Pater Anselm kam gegen vier Uhr und blieb fast eine Stunde mit ihr allein. Als wir wieder hineingingen, war ihr Gesicht ruhig und heiter; aber es war leicht zu sehen, daß Pater Anselm viel geweint hatte. Er blieb zu den letzten kirchlichen Zeremonien da. Dieses stets so Ehrfurcht gebietende, schmerzliche Schauspiel ward es durch den Gegensatz der ruhig gefaßten Kranken zu dem tiefen Schmerz ihres ehrwürdigen Beichtvaters noch mehr, der neben ihr in Tränen ausbrach. Die Rührung war allgemein, und die, alle beweinten, war die einzige, die nicht weinte.

Der Rest des Tages verstrich mit den üblichen Gebeten, die nur durch die häufigen Ohnmachtsanfälle der Kranken unterbrochen wurden. Um elf Uhr nachts schien sie mir beklommener und leidender. Ich streckte meine Hand nach ihrem Arm aus; sie hatte noch die Kraft, sie zu nehmen, und legte sie sich aufs Herz. Ich fühlte seinen Schlag nicht mehr; und wirklich atmete im selben Augenblick unsere unglückliche Freundin aus.

Erinnern Sie sich, meine liebe Freundin, daß bei Ihrer letzten Reise hierher, vor etwas weniger als einem Jahre, wir zusammen von einigen Personen sprachen, deren Glück uns mehr oder weniger gesichert schien, und daß wir mit Wohlgefallen bei dem Geschick dieser Frau verweilten, deren Unglück wir heute zugleich mit ihrem Tode beweinen! So viel Tugend, so viel rühmliche Eigenschaften und Anmut; ein so sanfter und liebenswürdiger Charakter; ein Gatte, den sie liebte, und von dem sie angebetet wurde; ein Gesellschaftskreis, in dem sie sich gefiel, und dessen Entzücken sie war; ein hübsches Gesicht, Jugend, Vermögen, so viel vereinte Vorzüge, sind jetzt – durch eine einzige Unvorsichtigkeit – verloren gegangen! O Vorsehung, wohl müssen wir deine Beschlüsse ehren, aber wie unverständlich sind sie! Ich halte inne; ich fürchte, Ihre Traurigkeit zu vermehren, wenn ich mich der meinen hingebe.

Ich scheide von Ihnen, um zu meiner Tochter hinüberzugehen, die ein wenig unwohl ist. Als sie heute morgen von mir den Tod zweier Bekannten erfuhr, ward ihr schlecht, und ich ließ sie zu Bett bringen. Ich hoffe indes, dieses leichte Unwohlsein wird keine ernsteren Folgen haben. In ihrem Alter ist man den Kummer noch nicht gewohnt, und darum macht er einen lebhafteren und stärkeren Eindruck. Diese rege Empfindlichkeit ist ja gewiß eine löbliche Eigenschaft, aber wie sehr ist sie, man sieht es täglich, zu fürchten! Gott befohlen, meine liebe und würdige Freundin!

Paris, den 9. Dezember 17..

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