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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertunddreiundfünfzigster Brief

Die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont.

Nehmen Sie sich in acht, Vicomte! Und berücksichtigen Sie etwas mehr meine große Schüchternheit! Wie soll ich denn den niederdrückenden Gedanken ertragen, mir Ihre Mißbilligung zuzuziehen, und wie soll ich vor allem nicht der Angst vor Ihrer Rache erliegen? Um so mehr da, wie Sie wissen, wenn Sie mir einen Streich spielen, es mir nicht möglich wäre, ihn Ihnen nicht wieder zurückzuzahlen. Ich könnte machen was ich wollte. Ihr Leben wäre darum nicht weniger glänzend und friedlich. Was hätten Sie denn zu befürchten? Daß Sie abreisen müßten, wenn man Ihnen Zeit dazu ließe. Aber lebt es sich denn im Ausland nicht gerade so wie hier? Und angenommen, daß Sie der französische Hof, an dem Ort, wo Sie sich niederlassen wollen, ruhig ließe, wäre das für Sie nur ein Ortswechsel Ihrer Triumphe. Nachdem ich so versucht habe, Ihnen mit diesen moralischen Betrachtungen Ihr kaltes Blut wiederzugeben, wenden wir uns zu unseren Geschäften.

Wissen Sie, Vicomte, warum ich mich nicht wieder verheiratet habe? Gewiß nicht aus Mangel an guten Partien, sondern nur, damit niemand das Recht hat, mir etwas über mein Tun und Lassen zu sagen. Nicht daß ich befürchtete, nicht mehr nach meinem Willen zu leben, denn ich hätte doch immer getan, wozu mir die Lust gekommen wäre; aber es hätte mich geniert, daß jemand auch nur das Recht gehabt hätte, sich darüber zu beschweren. Schließlich auch darum nicht, weil ich nur zu meinem Vergnügen betrügen wollte und nicht aus Not. Und da schreiben Sie mir den eheherrlichsten Brief, den je eine Gattin bekommen hat! Sie sprechen darin nur von Unrecht meinerseits und von Gnade Ihrerseits! Aber wie kann man dem was schuldig bleiben, dem man nichts schuldet? Ich kann das nicht verstehen.

Worum handelt es sich eigentlich so dringend? Sie haben Danceny bei mir gefunden, und das hat Ihnen mißfallen, gut. Aber was konnten Sie daraus schließen? Entweder daß es ein Zufall war, wie ich Ihnen sagte, oder mein Wille, wie ich Ihnen nicht sagte. Im ersten Falle ist Ihr Brief ungerecht, im zweiten ist er lächerlich –, das hat sich gelohnt, zu schreiben! Aber Sie sind eifersüchtig, und die Eifersucht ist unvernünftig. Also will ich für Sie Vernunft haben.

Entweder haben Sie einen Rivalen oder Sie haben keinen. Wenn Sie einen haben, müssen Sie gefallen, damit Sie ihm vorgezogen werden; wenn Sie keinen haben, müssen Sie auch wieder gefallen, damit Sie keinen Rivalen bekommen. In jedem Fall haben Sie sich ganz gleich zu verhalten, – warum quälen Sie sich also? Warum vor allem quälen Sie mich? Können Sie denn nicht mehr der Liebenswürdigste sein? Und sind Sie Ihrer Erfolge nicht mehr sicher? Gehen Sie doch, Vicomte, Sie tun sich Unrecht! Aber das ist es auch nicht, was ich meine; es ist das, daß Sie sich nicht einbilden sollen, es läge Ihnen so viel daran. Es liegt Ihnen nicht an meinen Liebenswürdigkeiten. Sie wollen nur Ihre Macht mißbrauchen. Schämen Sie sich, Sie sind undankbar. Das nennt man wohl gar Gefühl? Und wenn ich so weiterschriebe, könnte dieser Brief noch sehr zärtlich werden, aber Sie verdienen es nicht.

Sie verdienen auch nicht, daß ich mich rechtfertige. Zur Strafe für Ihr Mißtrauen sollen Sie es behalten: ich sage Ihnen nichts über den Zeitpunkt meiner Rückkehr, nichts über Dancenys Besuche. Sie haben sich sehr viel Mühe gemacht, es herauszubringen, nicht wahr? Nun, sind Sie damit etwas weiter gekommen? Ich wünsche Ihnen, daß Sie viel Vergnügen davon gehabt haben, – dem meinen hat es nicht geschadet.

Alles, was ich also auf Ihren Drohbrief antworten kann, ist, daß er weder die Eigenschaft gehabt hat mir zu gefallen, noch die Macht, mich einzuschüchtern; und daß ich für den Augenblick so wenig als nur irgend denkbar geneigt bin, Ihnen Ihr Verlangen zu erfüllen.

In Wahrheit: Sie anzunehmen wie Sie sich heute zeigen, das wäre eine offenkundige Untreue gegen Sie. Denn das hieße nicht, mit meinem früheren Geliebten anknüpfen, das hieße einen neuen nehmen, und zwar einen, der lange nicht so viel wert ist wie der frühere. Ich habe den ersten noch nicht genug vergessen, als daß ich mich so irren könnte. Der Valmont, den ich liebte, der war bezaubernd. Ich will sogar zugeben, daß ich nie einem liebenswürdigeren Mann begegnet bin. Ach bitte, Vicomte, wenn Sie ihn wiederfinden, bringen Sie ihn mir, – der wird immer gut bei mir empfangen werden.

Sagen Sie ihm aber, daß es auf keinen Fall für heute oder morgen wäre. Sein Doppelgänger hat ihm etwas Unrecht getan; und wenn ich mich zu sehr beeilte, würde ich fürchten, mich zu täuschen. Oder habe ich vielleicht für diese beiden Tage Danceny mein Wort gegeben? ... Und Ihr Brief hat mich belehrt, daß Sie keinen Spaß verstehen, wenn man sein Wort nicht hält. Sie sehen also, daß Sie warten müssen.

Aber was liegt Ihnen denn daran? Sie werden sich an Ihrem Rivalen immer noch ausgiebig rächen. Er wird mit Ihrer Geliebten nicht ärger verfahren als Sie mit der seinen. Und ist schließlich eine Frau nicht so viel wert wie die andere? Das ist doch Ihr Grundsatz! Die sogar, die »zärtlich und gefühlvoll wäre, die nur für Sie lebte, die endlich aus Liebe und Gram stürbe«, würde nichts destoweniger der ersten Laune geopfert werden, der Furcht, einen Augenblick darüber geneckt werden zu können, – und Sie wollen, daß andere sich Zwang antun! Das ist doch nicht gerecht.

Adieu, Vicomte! Und kommen Sie doch liebenswürdig zurück. Sehen Sie, mir wäre nichts lieber, als wenn ich Sie reizend finden könnte, und sowie ich dessen sicher bin, verpflichte ich mich, es Ihnen zu beweisen. Ich bin wirklich viel zu gut, nicht?

Paris, den 4. Dezember 17..

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