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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundeinundfünfzigster Brief

Der Chevalier Danceny an die Marquise von Merteuil.

In Erwartung des Glückes, Dich zu sehen, überlasse ich mich, meine zärtliche Freundin, ganz dem Vergnügen, Dir zu schreiben; und indem ich mich mit Dir beschäftige, lindere ich den Schmerz, von Dir fern zu sein. Dir meine Gefühle wiedergeben, mich der Deinen zu erinnern, ist für mein Herz ein wahrer Genuß; und dank diesem Genuß bietet mir sogar die Zeit der Entbehrungen noch tausend meiner Liebe kostbare Schätze. Jedoch, wenn ich Dir glauben muß, werde ich keine Antwort von Dir erhalten; auch dieser Brief von mir soll der letzte sein; und wir werden uns eines Verkehrs enthalten, der nach Deiner Meinung gefährlich ist, und den wir »nicht nötig haben«. Sicher glaube ich Dir das, wenn Du darauf bestehst: denn was könntest Du wollen, was ich nicht auch will? Aber willst Du nicht, bevor Du Dich ganz entscheidest, erlauben, daß wir darüber reden?

Was die Gefahren betrifft, so urteilst Du am besten allein darüber. Ich kann nichts berechnen, und beschränke mich darauf, Dich zu bitten: sei auf Deine Sicherheit bedacht, denn ich kann nicht ruhig sein, wenn ich Dich in Sorgen weiß. Was das anbelangt, so bilden wir nicht beide eines, sondern Du bist so gut wie wir beide.

Nicht ganz so liegt es mit dem »Bedürfnis«: darüber können wir nur einen und denselben Gedanken haben; und wenn wir in unseren Meinungen auseinandergehen, so kann es nur von Mangel an Aussprache kommen, oder weil wir uns nicht verstehen. Folgendes glaube ich zu fühlen.

Gewiß wird ein Brief überflüssig, wenn man sich ungehindert sehen kann. Was könnte er sagen, was ein Wort, ein Blick oder selbst Stillschweigen nicht viel besser ausdrückte? Das scheint mir so wahr, daß in dem Augenblick, wo Du mir sagtest, wir wollten uns nicht mehr schreiben, dieser Gedanke leicht über meine Seele glitt. Er belästigte sie vielleicht etwas, aber er berührte sie nicht. So ungefähr, wie wenn ich Dich auf Dein Herz küssen will und ein Band oder ein Stück Gaze treffe; ich schiebe es nur beiseite, habe aber nicht das Gefühl, als hindere mich was.

Seitdem aber sind wir getrennt; und sobald Du nicht mehr da warst, kam dieser Gedanke ans Schreiben wieder und quälte mich. Wozu, sagte ich mir, auch noch diese Entbehrung? Weil man getrennt ist, hat man sich deswegen nichts mehr zu sagen? Ich nehme an, man ist von den Umständen begünstigt und verbringt einen ganzen Tag miteinander – soll man denn da die Zeit zum Plaudern von der des Genusses abziehen? Ja, des Genusses, meine zärtliche Freundin! Denn bei Dir geben auch die Augenblicke der Ruhe noch köstlichen Genuß. Aber schließlich, ob gute oder schlimme Zeit, muß man sich trennen. Und dann ist man so allein! Da ist dann ein Brief kostbar! Wenn man ihn schon nicht liest, so schaut man ihn an ... Ach, sicher kann man einen Brief ansehen, ohne ihn zu lesen, wie ich zur Nacht noch Lust daran hätte, Dein Bildnis zu berühren ...

Dein Bildnis, sagte ich? Aber ein Brief ist doch das Bildnis der Seele. Die Seele hat nicht, wie ein kaltes Bild, diese der Liebe so ferne Starrheit. Abwechselnd belebt es sich, es genießt, es ruht... Deine Gefühle sind mir so kostbar! Willst Du mich ein Mittel entbehren lassen, durch das ich sie sammeln könnte?

Bist Du denn so sicher, daß Dich das Bedürfnis, mir zu schreiben, nie quälen wird? Wenn in der Einsamkeit sich Dein Herz weitet oder beklommen wird, wenn eine freudige Bewegung Dir bis in die Seele dringt, wenn eine unwillkürliche Traurigkeit Dich einen Augenblick betrübt, willst Du denn nicht in das Herz Deines Freundes Dein Glück oder Dein Leid ausschütten? Willst Du denn ein Gefühl haben, das er nicht teilen soll? Du willst ihn fern von Dir sich in einsame Träumereien verlieren lassen? Meine Freundin, meine zärtliche Freundin! Aber Dir steht es zu, zu entscheiden. Ich wollte nur besprechen, nicht Dich verleiten. Ich sagte nur Gründe, ich wage zu glauben, daß ich durch Bitten stärker gewesen wäre. Ich werde also, wenn Du dabei bleibst, versuchen, mich nicht zu betrüben, ich werde mich anstrengen, mir selbst zu sagen, was Du mir geschrieben hättest. Aber sieh, Du würdest es besser sagen als ich; und vor allem würde ich es mit mehr Vergnügen hören.

Adieu, reizende Freundin; endlich naht die Stunde, wo ich Dich sehen kann. Ich verlasse Dich rasch, um Dich um so eher wiederzufinden.

Paris, den 3. Dezember 17..

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