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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Humdertundneunundvierzigster Brief

Der Chevalier Danceny an Frau von Merteuil.

O! Sie die ich liebe! O Du, die ich Dich anbete! O Sie, die mein Glück beginnt! O Du, die es vollendet! Mitfühlende Freundin, zärtliche Geliebte, warum kommt die Erinnerung an Deinen Schmerz den Zauber stören, unter dem ich lebe? Ach, gnädige Frau, beruhigen Sie sich, es ist die Freundschaft, die dies von Ihnen fordert. O, meine Freundin, sei glücklich – das bittet die Liebe.

Aber, welche Vorwürfe haben Sie sich denn zu machen? Glauben Sie mir, Ihr Zartgefühl trügt Sie. Die Reue, die es Ihnen verursacht, und das Unrecht, dessen es mich anklagt, sind gleich illusorisch. Ich fühle in meinem Herzen, daß zwischen uns beiden kein anderer Verführer war als die Liebe. Scheue Dich also nicht mehr, Dich den Gefühlen hinzugeben, die Du einflößest, Dich von allen Gluten durchdringen zu lassen, die Du entfachst. Wie denn! Weil sie erst später erleuchtet wurden, sollten unsere Herzen nicht mehr so rein sein? Nein, doch sicher nicht. Im Gegenteil, gerade die Verführung, die niemals ohne Plan handelt, kann ihren Gang und ihre Mittel zueinanderpassen, und von weitem die Ereignisse voraussehen. Aber die wahre Liebe erlaubt kein solches Nachdenken und Überlegen. Sie lenkt uns von unseren Gedanken ab durch unsere Gefühle; ihre Macht ist nie größer, als wenn sie unbekannt ist; und in Schatten und Schweigen umgibt sie uns mit Banden, die man ebensowenig bemerken als zerreißen kann.

So war es gestern, als ich trotz der lebhaften Erregung, die mir der Gedanke an Ihre Rückkunft verursacht, trotz des lebhaften Vergnügens, das ich bei Ihrem Anblick empfand, immer noch glaubte, daß mich nur friedliche Freundschaft rufe und leite. Oder dachte vielmehr, ganz den süßen Gefühlen meines Herzens hingegeben, wenig daran, mich um ihren Ursprung oder Ursache zu kümmern. So empfandest auch Du, meine zärtliche Freundin, ohne es zu wissen, diesen hohen Zauber, der unsere Seelen dem sanften Wirken der Zärtlichkeit übergab; und alle beide haben wir die Liebe erst erkannt, als wir aus der Trunkenheit kamen, in die uns dieser Gott getaucht hatte.

Aber eben dies rechtfertigt uns, statt daß er uns verurteile. Nein, Du hast die Freundschaft nicht verraten, und ich habe ebensowenig Dein Vertrauen mißbraucht. Alle beide haben wir zwar unsere Gefühle verkannt, doch diese Selbsttäuschung hielt uns befangen, ohne daß wir sie künstlich erzeugt hätten. Ach! wir wollen uns doch nicht über sie beklagen, sondern nur an das Glück denken, das sie uns bereitet hat. Und ohne es durch ungerechte Vorwürfe zu trüben, wollen wir nur darauf bedacht sein, es zu vermehren durch den Zauber des Vertrauens und der Sicherheit. O meine Freundin! Wie ist diese Hoffnung meinem Herzen teuer! Ja, in Zukunft sollst Du furchtlos ganz der Liebe gehören, meine Leidenschaft teilen, meinen Sinnenrausch und die Trunkenheit meiner Seele; und jeder Augenblick unserer beglückten Tage soll durch eine neue Wonne bezeichnet sein.

Lebe wohl, Du, die ich anbete! Ich soll Dich heute abend sehen, aber werde ich Dich allein finden? Ich wage es nicht zu hoffen. Ach, Du sehnst Dich nicht so sehr danach wie ich!

Paris, den 1. Dezember 17..

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