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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertfünfundvierzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Gestern, meine schöne Freundin, um drei Uhr nachmittags, packte mich die Ungeduld über das Ausbleiben einer Nachricht, und ich begab mich zu der schönen Verlassenen. Man sagte mir, sie sei ausgegangen. Ich sah in dieser Phrase nichts weiteres, als daß man mich nicht empfangen wolle, was mich weder ärgerte noch sonderlich überraschte. Ich ging in der Hoffnung weg, dieser Ausweg würde eine so höfliche Frau doch wenigstens veranlassen, mich einer kurzen Antwort zu würdigen. Nur die Lust nach dieser Antwort ließ mich gegen neun Uhr wieder nach Hause gehen, aber ich fand nichts. Erstaunt über dieses unerwartete Schweigen, gab ich meinem Jäger den Auftrag, auf Erkundigungen auszugehen und in Erfahrung zu bringen, ob die Dame tot sei oder im Sterben läge. Als ich heimkam, teilte er mir mit, daß Frau von Tourvel wirklich mit ihrer Kammerfrau um elf Uhr morgens ausgegangen sei, sich habe zum Kloster der Karmelitinnen fahren lassen, und daß sie um sieben Uhr abends Wagen und Leute zurückgeschickt habe und sagen ließ, man möge sie nicht zu Hause erwarten. Sie macht es ganz der Ordnung gemäß. Das Kloster ist der richtige Aufenthaltsort für eine Witwe; und wenn sie bei dieser löblichen Entschließung bleibt, werde ich zu allen Verbindlichkeiten, die ich ihr schon schulde, bald auch diese Berühmtheit zu danken haben, die dieses Abenteuer bekommen wird. Ich sagte Ihnen schon vor einiger Zeit, daß ich trotz Ihrer Besorgnisse bald wieder auf der Bühne dieser Welt von neuem Glanze strahlend erscheinen würde. Sie mögen sich doch jetzt zeigen, die strengen Kritiker, die mich einer romantischen und unglücklichen Liebe beschuldigen! Mögen sie doch schneller und gänzender ein Verhältnis brechen. Aber nein, sie sollen Besseres tun, sollen sich lieber als Tröster melden, der Weg ist ihnen ja vorgezeichnet. Bitte! Wenn sie es nun nur wagen, diese Laufbahn anzutreten, die ich von Anfang bis zu Ende gegangen bin; und wenn einer von ihnen auch nur den geringsten Erfolg davon trägt, so überlasse ich ihm den ersten Platz. Aber sie werden alle dies erfahren: wenn ich mir Mühe gebe, ist der Eindruck, den ich hinterlasse, unauslöschlich. O zweifellos, dieser hier wird es sein; und ich würde alle meine Triumphe für nichts achten, wenn mir diese Frau je einen Rivalen geben sollte.

Der Entschluß der Dame schmeichelt meiner Eigenliebe, ich gebe das zu; aber es tut mir leid, daß sie so viel Kraft in sich gefunden hat, sich so sehr von mir loszumachen. Es würde demnach zwischen uns beiden noch andere Hindernisse geben als die, die ich selbst errichtet habe! Wie! Wenn ich mich ihr wieder nähern wollte, könnte sie es nicht mehr wollen, was sage ich, es nicht mehr ersehnen, nicht mehr ihr höchstes Glück daraus machen? Liebt man denn so? Und glauben Sie, meine schöne Freundin, daß ich das dulden darf? Könnte ich zum Beispiel nicht, und wäre das nicht auch besser, versuchen, diese Frau wieder dahin zu bringen, daß sie die Möglichkeit einer Aussöhnung durchschimmern sieht, die man doch immer wünscht, so lange man hofft? Ich könnte diesen Schritt versuchen, ohne ihm besondere Wichtigkeit zu geben, und folglich ohne daß er Ihr Mißtrauen zu erregen braucht. Im Gegenteil, es wäre ein einfacher Versuch, den wir im Einverständnis machten; und sollte er mir gelingen, so wäre das nur wieder ein Mittel mehr, nach Ihrem Belieben ein Ihnen angenehmes Opfer noch einmal zu bringen. Jetzt, meine schöne Freundin, bleibt nur noch übrig, daß ich den Lohn dafür bekomme, und alle meine Wünsche gelten Ihrer Rückkehr. Kommen Sie doch schnell, Ihren Geliebten wiederfinden, Ihre Vergnügungen, Ihre Freundinnen, und den Strom der Abenteuer.

Das der kleinen Volanges ist sehr gut ausgegangen. Gestern, da mich die Unruhe schon nirgends mehr verließ, gelangte ich auf meinen verschiedenen Gängen bis zu Frau von Volanges. Ich fand Ihr Mündel bereits im Salon, noch im Krankenkostüm, aber in voller Besserung und von nur um so frischerem und interessanterem Aussehen. Ihr andern Frauen wäret in einem solchen Fall noch einen Monat lang auf einer Couchette liegen geblieben; alle Achtung, es leben die jungen Fräulein! Diese da hat mir wahrhaftig Lust gemacht, zu erfahren, ob die Heilung vollständig ist!

Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß dieser Unfall des kleinen Mädchens Ihren sentimentalen Danceny beinahe verrückt gemacht hat. Erst aus Kummer, heute aus Freude. »Seine Cécile« war krank! Sie können sich denken, daß der Kopf sich einem verdreht bei einem solchen Unglück. Dreimal im Tage ließ er sich erkundigen, und keinen ließ er vergehen, ohne selbst nachzufragen. Schließlich hat er sich mit einem schönsten Briefe bei der Mama die Erlaubnis erbeten, ihr gratulieren zu dürfen zur Genesung eines so teuern Wesens, und Frau von Volanges hat eingewilligt, so daß ich den jungen Mann ganz behaglich dort sitzen fand wie ehedem, abgesehen von der Familiarität, die er sich nicht zu erlauben wagt. Diese Details habe ich von ihm selbst; denn wir gingen zusammen weg und ich brachte ihn zum Reden. Sie machen sich keinen Begriff von der Wirkung, die dieser Besuch auf ihn gemacht hat. Das ist eine Freude, das sind Begierden, das ist eine Aufregung, es läßt sich nicht wiedergeben. Ich mit meiner Vorliebe für den großen Schwung ließ ihn vollends den Kopf verlieren, als ich ihm versicherte, ich würde es ihm in wenig Tagen möglich machen, seine Schöne aus noch größerer Nähe zu betrachten.

Ich bin nämlich wirklich entschlossen, sie ihm wieder zuzustellen, gleich nach Beendigung meines Experimentes. Ich will mich ganz Ihnen widmen; und dann, wäre es denn der Mühe wert, daß Ihr Mündel meine Schülerin ist, wenn sie nur ihren Gemahl betrügen sollte? Die Hauptkunst ist, den Liebhaber zu betrügen! Und besonders den ersten Liebhaber! Denn ich habe mir meinerseits nicht vorzuwerfen, das Wort Liebe ausgesprochen zu haben.

Adieu, meine schöne Freundin; treten Sie doch so schnell wie möglich Ihre Herrschaft über mich an, empfangen Sie meine Unterwerfung und bezahlen Sie mir den Lohn.

Paris, den 28. November 17..

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