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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Fünfundneunzigster Brief

Cécile Volanges an den Chevalier Danceny.

Ich begreife nichts in Ihrem Briefe als den Schmerz, den er mir bereitet. Was hat Ihnen denn Herr von Valmont geschrieben, und was konnte Sie denn auf den Glauben bringen, daß ich Sie nicht mehr liebte? Das wäre vielleicht ein Glück für mich, denn ich hätte sicher weniger Kummer; und es ist, wo ich Sie so liebe, sehr hart, zu sehen, daß Sie immer glauben, ich sei im Unrecht und wo, statt mich zu trösten, mir gerade von Ihnen die Schmerzen kommen, die mir am meisten Kummer bereiten. Sie glauben, daß ich Sie täusche und daß ich Ihnen sage, was nicht so ist! Sie haben da eine schöne Meinung von mir! Aber wenn ich eine Lügnerin wäre, wie Sie mir vorwerfen, welches Interesse hätte ich denn daran? Wenn ich Sie nicht mehr liebte, brauchte ich es doch nur sagen, und alle Welt würde sich darüber freuen; aber zu meinem Unglück ist das stärker als ich; und noch dazu für einen, der mir gar keinen Dank dafür weiß!

Was habe ich denn getan, um Sie so zu ärgern? Ich habe mich nicht getraut, einen Schlüssel anzunehmen, weil ich fürchtete, daß Mama es bemerken würde, und weil dies wieder Ihnen und mir neuen Kummer bereiten würde; und dann noch, weil mir scheint, daß es ein Unrecht ist. Herr von Valmont allein war es auch, der mir davon sprach, und ich konnte nicht wissen, ob Sie es wollten oder nicht, weil Sie nicht davon wußten. Jetzt, da ich weiß, daß Sie es wünschen, widersetze ich mich denn, den Schlüssel zu nehmen? Ich werde ihn morgen nehmen; und dann werden wir sehen, was Sie noch zu sagen haben.

Herr von Valmont hat leicht Ihr Freund sein; ich glaube, daß ich Sie mindestens ebenso liebe, wie er Sie lieben kann; und trotzdem ist immer er es, der Recht hat, und ich habe immer unrecht.

Ich muß Ihnen sagen, daß ich sehr böse bin. Das ist Ihnen natürlich gleichgültig, weil Sie wissen, daß ich immer wieder bald gut bin, aber jetzt, wo ich den Schlüssel bekomme, werde ich Sie sehen können, wenn ich will; und ich versichere Ihnen, daß ich nicht wollen werde, wenn Sie so sind. Ich will lieber Kummer haben, der von mir kommt, als von Ihnen: richten Sie sich danach.

Wenn Sie wollten, würden wir uns so lieben und hätten nur den Kummer, den man uns antut! Glauben Sie mir, wäre ich meine eigene Herrin, Sie würden sich nie zu beklagen haben. Aber wenn Sie mir nicht glauben, werden wir immer sehr unglücklich sein, und es wird meine Schuld nicht sein. Ich hoffe, daß wir uns bald sehen, und daß wir keine Gelegenheit mehr haben werden, uns so zu kränken wie jetzt.

Wenn ich das hätte vorhersehen können, hätte ich diesen Schlüssel sofort genommen, aber ich glaubte wirklich, ganz richtig zu handeln. Nehmen Sie es mir also nicht übel, ich bitte Sie, und seien Sie nicht mehr traurig, und lieben Sie mich immer so, wie ich Sie liebe – dann werde ich zufrieden sein. Adieu, mein Lieber.

Schloß . . ., den 28. September 17..

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