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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundneununddreissigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Ich bleibe durchaus dabei, meine schöne Freundin, nein, ich bin nicht verliebt; und es ist nicht meine Schuld, wenn die Umstände mich zwingen, diese Rolle des Verliebten zu spielen. Lassen Sie's nur gelten, und kommen Sie zurück; Sie werden dann bald selbst sehen, wie aufrichtig ich bin. Gestern habe ich den Beweis erbracht, und durch das, was heute geschieht, kann er nicht mehr ungültig gemacht werden.

Ich war also bei meiner zärtlichen spröden Dame und dies ohne jedes sonstige Geschäft; denn die kleine Volanges sollte, trotz ihres verhängnisvollen Zustandes, die ganze Nacht auf dem verfrühten Ball der Frau von V.. verbringen. Die Langweile ließ mich zuerst wünschen, den ganzen Abend da zuzubringen, und ich hatte sogar zu diesem Zweck ein kleines Opfer verlangt. Aber kaum war es gewährt, ward das Vergnügen, das ich mir davon versprochen hatte, durch den Gedanken an diese Liebe gestört, die Sie so hartnäckig an mir annehmen oder mir wenigstens vorwerfen – so daß ich keinen andern Wunsch mehr hatte als den, gleichzeitig mich selbst und Sie davon zu überzeugen, daß es bloße Verleumdung von Ihnen ist.

Ich griff also zu einem etwas gewaltsamen Mittel, und unter einem nichtigen Vorwand verließ ich meine Schöne, die ganz überrascht und sicher noch mehr betrübt war. Ich aber suchte ganz ruhig Emilie in der Oper auf, und sie könnte Ihnen sagen, daß bis heute morgen, als wir uns trennten, keine Reue unsere Freuden gestört hat.

Dabei hatte ich einen ganz hübschen Grund zur Unruhe, wenn mich meine völlige Gleichgültigkeit nicht davor bewahrt hätte. Denn Sie müssen wissen, ich war kaum vier Häuser von der Oper entfernt, und hatte Emilie in meinem Wagen, als der meiner Nonne genau neben meinem fuhr, und eine Verkehrsstockung ließ uns nahezu eine Viertelstunde lang so nebeneinander halten. Man sah sich wie am Mittag, und es gab kein Mittel, zu entkommen.

Aber nicht genug an dem. Mir kam die Idee, es Emilie zu sagen, daß das die Frau mit dem Briefe sei. (Sie erinnern sich dieses Streiches vielleicht noch, wo Emilie das Schreibpult war;) Sie hatte es nicht vergessen; und da sie gerne lacht, gab sie keine Ruhe, bis sie sich diese »Tugend«, wie sie sagte, nach Herzenslust angesehen hatte, und sie tat das mit einem so skandalösen Gelächter, daß es einem schon die Laune verderben konnte.

Das ist immer noch nicht alles. Schickte die eifersüchtige Frau nicht an demselben Abend noch zu mir? Ich war nicht da; aber hartnäckig schickte sie noch ein zweites Mal, mit dem Befehl, mich zu erwarten. Ich hatte, sobald ich entschlossen war, bei Emilie zu bleiben, meinen Wagen nach Haus geschickt, ohne anderen Befehl für den Kutscher, als mich heute morgen wieder abzuholen; und als er zu Hause den Liebesboten vorfand, sagte er ihm, ohne sich was zu denken, daß ich die Nacht über nicht heim käme. Sie können den Effekt dieser Nachricht erraten, und daß ich bei meiner Heimkunft meinen Abschied vorgefunden habe, kundgegeben mit der ganzen Würde, die die Umstände zuließen!

So hätte dieses nach Ihnen »endlose Abenteuer«, wie Sie sehen, heute morgen schon zu Ende sein können. Und wenn es noch nicht aus ist, so liegt das nicht, wie Sie glauben werden, an dem Wert, den ich auf seine Fortsetzung lege, sondern weil ich einerseits es nicht für passend hielt zuzugeben, daß man mich verabschiede, und weil ich anderseits Ihnen die Ehre dieses Opfers habe vorbehalten wollen.

Ich habe also auf dieses strenge Billett mit einer langen Gefühlsepistel geantwortet. Habe des Langen und Breiten viele Gründe dargelegt, und es der Liebe überlassen, sie für gut zu finden. Und schon ist es gelungen. Ich erhalte soeben ein zweites Billett, immer noch sehr streng, das auch den Bruch für immer bestätigt, so wie es sich gehört, dessen Ton aber doch schon nicht mehr derselbe ist. Vor allem will man mich nicht mehr sehen; dieser Entschluß ist viermal auf das Unabwendbarste verkündet. Ich habe daraus geschlossen, daß ich keine Minute verlieren darf, mich bei ihr einzufinden. Ich habe bereits meinen Jäger hingeschickt, um sich des Schweizers zu bemächtigen; und in einem Augenblick gehe ich selbst, um meine Verzeihung in aller Form zu erwirken; denn für ein Unrecht dieser Sorte gibt es nur eine Formel, die allgemeine Absolution mit sich bringt, und läßt sich nur persönlich mitteilen und erhalten.

Adieu, meine bezaubernde Freundin, ich eile, dieses große Ereignis zu erleben.

Paris, den 16. November 17..

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