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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsechsunddreissigster Brief

Frau von Tourvel an Frau von Rosemonde.

Ich versuche Ihnen zu schreiben, ohne zu wissen, ob ich es können werde. Ach Gott, wenn ich bedenke, daß es bei meinem letzten Brief das Übermaß von Glück war, das mich am Weiterschreiben hinderte! Jetzt drückt mich ein Übermaß von Verzweiflung nieder, das mir nur noch Kraft läßt, um meine Schmerzen zu fühlen, und mir die, sie auszudrücken, nimmt.

Valmont – Valmont liebt mich nicht mehr, hat mich nie geliebt. So schwindet die Liebe nicht. Er betrügt mich, verrät und beschimpft mich. Alles, was man erleben kann an Unglück und Erniedrigungen, die erlebe ich jetzt und sie kommen von ihm, von ihm!

Glauben Sie nicht, daß sei bloß ein Verdacht – ich war so weit von Verdacht! Ich habe das Glück nicht, zweifeln zu dürfen. Ich habe es gesehen; was kann er mir zu seiner Rechtfertigung sagen? ... Aber was liegt ihm daran! Er wird es ja nicht einmal versuchen ... Unglückliche! was werden deine Vorwürfe und Tränen ihm sein? Er kümmert sich gerade um dich! ...

Es ist also wahr, er hat mich geopfert, ausgeliefert sogar ... und wem? ... Einem gemeinen Geschöpf ... Aber was sage ich? Ach, ich habe sogar das Recht, sie zu verachten, verloren. Sie hat weniger Pflichten verraten als ich, sie ist weniger schuldig als ich. O! Wie der Schmerz weh tut, wenn er auf Reue beruht! Ich fühle meine Qualen sich verdoppeln. Adieu, meine liebe Freundin; so unwürdig ich mich auch Ihres Mitleids gemacht habe, Sie werden doch welches mit mir haben, wenn Sie sich einen Begriff von dem machen können, was ich leide.

... Ich lese meinen Brief wieder durch und bemerke, daß er Sie über nichts aufklärt. Ich will versuchen, ob ich den Mut habe, Ihnen diesen grausamen Vorfall zu erzählen. Es war gestern; ich sollte, zum ersten Male seit meiner Rückkunft, bei Bekannten soupieren. Valmont besuchte mich um fünf Uhr; nie früher kam er mir so zärtlich vor. Er ließ mich merken, daß ihm meine Absicht auszugehen unangenehm sei, und Sie können sich denken, daß ich mich schnell entschloß, zu Hause zu bleiben. Indes zwei Stunden später veränderte er plötzlich Ton und Miene. Ich weiß nicht, ob mir etwas entschlüpft ist, was ihm vielleicht mißfallen hat? Wie dem auch sei, bald darauf fand er einen Vorwand, behauptete, ein Geschäft zu haben, das ihn nötige, mich zu verlassen, und ging fort – nicht jedoch, ohne mir das lebhafteste Bedauern bezeigt zu haben, das mir voll Zärtlichkeit vorkam und das ich für aufrichtig hielt.

Als ich dann allein war, hielt ich es doch für schicklicher, meine erste Verabredung einzuhalten, da ich nun doch frei war und ihr nachkommen konnte. Ich beendete meine Toilette und stieg in den Wagen. Unglücklicherweise fuhr mein Kutscher an der Oper vorbei und ich kam in das Gedränge der Abfahrenden. Vier Schritte vor mir, in der Reihe neben der meinen, bemerkte ich Valmonts Wager. Das Herz schlug mir gleich, aber nicht aus Furcht; mein einziger Gedanke war, daß mein Wagen vorrücken möchte. Statt dessen wurde seiner zurückgedrängt und kam so neben den meinen. Ich beugte mich vor; aber wie erstaunte ich, als ich an seiner Seite eine Kokotte sah, eine als solche wohlbekannte! Ich zog mich zurück, wie Sie sich denken können, denn es war das schon genug, mir das Herz zu zerreißen. Aber, was Sie kaum glauben werden, diese selbe Person, offenbar durch eine gemeine Vertraulichkeit eingeweiht, wich nicht vom Wagenfenster, hörte nicht auf mich anzustarren und lachte, ... lachte mich aus.

So vernichtet wie ich war, ließ ich mich doch in das Haus fahren, wo ich soupieren sollte. Aber es war mir unmöglich, dazubleiben. Ich fühlte mich jeden Augenblick einer Ohnmacht nahe, und ich konnte vor allem die Tränen nicht zurückhalten.

Gleich nach der Heimkehr schrieb ich an Herrn von Valmont und schickte ihm den Brief sofort. Er war nicht zu Hause. Da ich um jeden Preis aus diesem Zustande des Todes herauswollte oder den Tod ganz haben, schickte ich nochmals mit dem Befehl, auf ihn zu warten. Aber vor Mitternacht kam mein Diener wieder und sagte, der Kutscher, der zurückgekommen sei, habe ihm gesagt, daß sein Herr die Nacht über nicht nach Hause kommen werde. Ich glaubte, diesen Morgen nichts anderes mehr zu tun zu haben, als meine Briefe von ihm zurück zu verlangen und ihn zu bitten – er möge nicht mehr zu mir kommen. Ich habe auch diesbezügliche Befehle gegeben; aber gewiß waren sie unnötig. Es ist fast Mittag, und er hat sich noch nicht gezeigt; und ich erhielt nicht einmal ein Wort von ihm.

Jetzt, meine liebe Freundin, habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Nun wissen Sie alles, und Sie kennen mein Herz. Meine einzige Hoffnung ist, daß ich Ihre gütige Freundschaft nicht mehr sehr lange betrüben muß.

Paris, den 15. November 17..

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