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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertunddreissigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Sagen Sie mir doch, meine schöne Freundin, woher kommt dieser höhnische bittere Ton in Ihrem letzten Brief? Was ist denn das für ein Verbrechen, das ich da ahnungslos begangen habe, und das Sie in solche schlechte Laune versetzt? Er sah aus, werfen Sie mir vor, als rechnete ich auf Ihre Einwilligung, bevor ich sie erhalten habe. Aber ich glaubte, daß das, was aller Welt als Dünkel erscheinen könnte, zwischen uns immer nur als Vertrauen aufgefaßt werden könne; und seit wann schadet denn dieses Gefühl der Freundschaft oder der Liebe? Wenn ich der Begierde die Hoffnung gesellte, so habe ich doch nur dem natürlichen Gefühle nachgegeben, das dieses ist, daß wir uns immer so nahe als möglich dem gesuchten Glück bringen; und Sie nahmen für einen Ausdruck des Stolzes, was nur Eifer war. Ich weiß sehr wohl, daß der allgemeine Brauch in einem solchen Fall einen respektvollen Zweifel eingeführt hat, aber Sie wissen wie ich, daß das nur eine bloße Form ist, etwas ganz Äußerliches, eine Konvention; und ich war, scheint mir, zu glauben berechtigt, daß solche kleinliche Vorsichtsmaßregeln unter uns nicht mehr nötig seien.

Es scheint mir sogar, daß dieses offene und aufrichtige Vorgehen, wenn es sich auf ein altes Verhältnis gründet, jener blöden Schmeichelei bei weitem vorzuziehen ist, die der Liebe doch so oft jeden Geschmack nimmt. Im übrigen kommt der Wert, den ich auf diese Art lege, vielleicht nur von dem Glücke her, an das sie mich erinnert; und aus eben dem Grunde wäre es mir noch peinlicher, wenn Sie es anders auffaßten.

Das ist aber auch das einzige Unrecht, dessen ich mir bewußt bin. Denn ich kann mir nicht denken, daß Sie ernstlich geglaubt haben sollten, es gäbe auf der Welt eine Frau, die mir begehrenswerter erscheint als Sie, und erst recht nicht, daß ich Ihren Wert so gering veranschlagen könnte, wie Sie zu glauben scheinen. Sie haben sich, schreiben Sie, daraufhin angesehen, und sich nicht so weit gesunken gefunden. Das glaube ich gern, und das beweist nur, daß Ihr Spiegel ehrlich ist. Aber hätten Sie nicht näherliegend und gerechter daraus schließen können, daß ich Sie sicher nicht so beurteilt habe?

Ich suche vergebens eine Ursache für diesen sonderbaren Einfall. Doch scheint mir, daß er mehr oder weniger mit dem Lobe zusammenhängt, das ich mir andern Frauen zu schenken erlaubt habe. So schließe ich wenigstens aus dem auffallenden Hervorheben der Wörter »anbetungswürdig«, »himmlisch«, »anziehend«, deren ich mich bediente, als ich Ihnen von Frau von Tourvel oder der kleinen Volanges sprach. Aber wissen Sie denn nicht, daß man diese Worte öfter zufällig als mit Überlegung wählt, und daß sie weniger das ausdrücken, was einem wirklich an einer Person liegt, als die Situation, in der der Sprechende sich befindet? Und wenn ich im selben Augenblicke, wo ich so lebhaft erregt war, von der einen oder der andern, Sie deshalb doch nicht weniger begehrte; wenn ich Ihnen deutlich den Vorzug vor den beiden gab, wo ich doch unsere früheren Beziehungen nur zum Schaden der beiden andern erneuern konnte, so verstehe ich nicht, daß das Anlaß zu so schweren Vorwürfen sein soll.

Es ist mir nicht weniger schwer, mich wegen des »unbekannten Zaubers« zu rechtfertigen, über den Sie ebenfalls etwas gereizt scheinen. Denn daraus, daß er unbekannt ist, folgt erstens nicht, daß er stärker ist. Was denn! Wer könnte die köstlichen Genüsse überbieten, die Sie allein und immer wieder neu und jedesmal stärker zu geben wissen! Ich wollte also nur sagen, daß jenes andere Vergnügen mir unbekannt und neu sei; ohne ihm damit einen Rang anzuweisen; und fügte hinzu, was ich heute wiederhole, daß, wie es auch immer sei, ich dagegen anzukämpfen wissen werde. Und ich werde das mit mehr Eifer betreiben, wenn ich diese leichte Mühe als eine Ihnen dargebrachte Huldigung ansehen darf.

Was die kleine Cécile betrifft, so halte ich es für recht unnütz, von ihr zu reden. Sie haben wohl nicht vergessen, daß ich auf Ihre Bitte hin das Kind übernommen habe, und ich warte nur, daß Sie mir Urlaub geben, und ich entledige mich der Kleinen. Es konnte mir vielleicht ihre Naivität und Frische aufgefallen sein, vielleicht habe ich sie sogar einen Augenblick lang für »anziehend« gehalten, weil man sich doch mehr oder weniger immer etwas in seinem Werke gefällt; aber das ist sicher, sie hat in keiner Weise genügend handfeste Haltbarkeit, daß sie irgendwie fesseln könnte.

Und nun, meine schöne Freundin, rufe ich Ihre Gerechtigkeit an, Ihre frühere Güte gegen mich, die lange und vollkommene Freundschaft, das volle Vertrauen, das seither unsere Beziehungen immer enger geknüpft hat – habe ich, diesen strengen Ton verdient, den Sie gegen mich anschlagen? Wie leicht Sie mich aber dafür entschädigen können, wenn Sie nur wollen! Sagen Sie nur ein Wort und Sie werden sehen, ob mich alle Reize und Fesseln hier zurückhalten werden, für einen Tag, nein, für eine Minute! Ich werde in Ihre Arme und vor Ihre Füße fliegen und es Ihnen tausendmal und auf tausend Arten beweisen, daß Sie es sind und immer sein werden, die wahrhaft die Herrin über mein Herz ist.

Adieu, meine schöne Freundin; ich erwarte mit Ungeduld Ihre Antwort.

Paris, den 3. November 17..

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