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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Vierundneunzigster Brief

Der Chevalier Danceny an Cécile Volanges. (Dem vorhergehenden Briefe beigelegt.)

Ich kann Ihnen nicht verbergen, wie sehr ich betrübt war, als ich von Valmont hörte, wie wenig Vertrauen Sie immer noch zu ihm haben. Wo Sie doch wissen, daß er mein Freund ist, daß er der einzige Mensch ist, der uns beide zusammenbringen kann, – ich glaubte, dies würde Ihnen genügen; nun sehe ich schmerzlich, daß ich mich getäuscht habe. Kann ich hoffen, daß Sie mich wenigstens über Ihre Gründe aufklären werden? Werden Sie nicht auch hier Schwierigkeiten finden, die Sie daran hindern? Denn ich kann ohne sie den Grund dieses Ihres Verhaltens nicht erraten. Ich wage es nicht, Ihre Liebe zu bezweifeln, und auch Sie dürften doch von der meinen überzeugt sein. Ach! Cecile . . .

Es ist also wahr, daß Sie ein Mittel, mich zu sehen, zurückwiesen, ein einfaches, bequemes und sicheres Mittel? So lieben Sie mich? Eine so kurze Trennung hat Ihre Gefühle sehr verändert.

Aber warum mich täuschen? Warum mir sagen, daß Sie mich immer noch lieben, und mehr als je? Hat Ihre Mama, als sie Ihre Liebe zerstörte, auch Ihre Aufrichtigkeit zerstört? Wenn sie Ihnen wenigstens einiges Mitleid gelassen hat, so werden Sie nicht ganz ohne Kummer von den entsetzlichen Qualen hören, die Sie mir verursachen. Ach! Sterben ist weniger schmerzhaft.

Sagen Sie doch, ist Ihr Herz mir unwiderruflich verschlossen? Haben Sie mich ganz vergessen? Dank Ihrer Weigerung weiß ich nicht einmal, ob Sie meine Klagen hören werden oder darauf erwidern. Die Freundschaft Valmonts hatte unsere Korrespondenz gesichert, aber Sie, Sie wollten nicht; Sie fanden es peinlich und mühsam und haben dieses unser einziges Verkehrsmittel selten gebraucht. Nein, ich kann nicht mehr an die Liebe glauben, an den guten Willen. Ach! an was kann man noch glauben, wenn Cecile mich betrog?

Antworten Sie mir doch! Ist es wahr, daß Sie mich nicht mehr lieben? Das ist doch nicht möglich, das meinen Sie nur und betrügen Ihr Herz. Eine vorübergehende Furcht, ein Augenblick der Mutlosigkeit, den die Liebe bald wieder verscheucht; nicht wahr, meine Cécile ? Ja, ja, so ist es und ich habe unrecht, Sie anzuklagen. Wie froh werde ich sein, unrecht zu haben! Und wie will ich Sie zärtlich um Verzeihung bitten und diesen Augenblick der Ungerechtigkeit wieder gut machen durch eine ewige Liebe!

Cécile, Cécile, erbarmen Sie sich! Willigen Sie ein, mich zu sehen, und in alle Mittel, die es möglich machen! Sie sehen, was die Trennung aus mir macht: Angst, Zweifel, Verdacht, vielleicht sogar Kälte! Ein einziger Blick, ein Wort, und wir werden glücklich sein. Aber kann ich noch von Glück sprechen? Vielleicht ist es für mich verloren, auf immer verloren. Von Angst geplagt, zwischen ungerechte Zweifel und noch grausamere Wahrheit gedrängt, kann ich nicht denken; ich bewahre nur deshalb mein Leben, um zu leiden und Sie zu lieben. Ach, Cécile! Sie allein haben das Mittel, mir dieses Leben lieb zu machen, und ich erwarte vom ersten Wort, das Sie aussprechen, die Rückkehr des Glücks, oder die Gewißheit ewiger Verzweiflung.

Paris, den 27. September 17..

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