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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsiebenundzwanzigster Brief

Frau von Rosemonde an Frau von Tourvel.

Ich hätte Ihnen schon eher erwidert, mein liebenswürdiges Kind, wenn die Ermüdung durch meinen letzten Brief mir nicht wieder meine Schmerzen gebracht hätte, was mich all diese Tage hindurch von neuem am Gebrauch meines Armes hinderte. Ich hätte mich gern recht beeilt, Ihnen für die guten Nachrichten über meinen Neffen zu danken, und auch Ihnen aufrichtig Glück zu wünschen. Man ist da wirklich gezwungen, ein Eingreifen der Vorsehung zu erkennen, die dadurch, daß sie den einen berührte, den andern gerettet hat. Ja, meine liebe Schöne, Gott, der Sie nur prüfen wollte, ist Ihnen beigestanden im Augenblick, wo Ihre Kräfte erschöpft waren; und trotz Ihres leisen Murrens schulden Sie ihm, glaube ich, einigen Dank. Nicht als ob ich nicht fühlte, daß es Ihnen nicht angenehmer gewesen wäre, dieser Entschluß wäre Ihnen zuerst gekommen, und der Valmonts wäre nur davon die Folge gewesen; es scheint mir sogar selbst, daß, menschlich gesprochen, so die Rechte unseres Geschlechtes besser gewahrt worden wären, und wir wollen doch keins davon verlieren, nicht wahr? Aber was bedeuten diese kleinlichen Erwägungen gegenüber den wichtigen Dingen, die sich hier erfüllten? Klagt denn einer über die Mittel seiner Rettung, der sich aus einem Schiffbruch gerettet hat?

Sie werden sehr bald merken, meine liebe Tochter, daß die Schmerzen, die Sie befürchten, von selbst nachlassen werden; und wenn sie auch fortbestehen sollten, so würden Sie trotzdem fühlen, daß sie immer noch leichter zu ertragen sind, als die Gewissensbisse nach dem Verbrechen und die Selbstverachtung. Vergeblich hätte ich früher zu Ihnen mit dieser scheinbaren Strenge gesprochen. Die Liebe ist ein von nichts abhängiges Gefühl, das die Vorsicht zwar vermeiden, aber nicht besiegen kann, und das, einmal geboren, nur eines natürlichen Todes oder an Hoffnungslosigkeit stirbt. Sie befinden sich im letzten Fall, und das gibt mir den Mut und das Recht, Ihnen offen meine Meinung zu sagen. Es ist grausam, einen aufgegebenen Kranken zu erschrecken, der nur noch empfänglich ist für Tröstungen und Linderungsmittel; aber weise ist es, einen Genesenden über die Gefahren aufzuklären, denen er entgangen ist, um ihm so die Vorsicht einzuschärfen, deren er bedarf, Und den Gehorsam gegen die Ratschläge, die er etwa noch nötig haben könnte. Da Sie mich zu Ihrer Ärztin wählen, so spreche ich als Ärztin zu Ihnen und sage, daß die kleinen Unpäßlichkeiten, an denen Sie gegenwärtig leiden und die vielleicht ein paar Mittel verlangen, nicht sind im Vergleich mit der schrecklichen Krankheit, deren Heilung nun gesichert ist. Als Ihre Freundin, als Freundin einer vernünftigen und tugendhaften Frau, möchte ich dann noch hinzufügen, daß diese Leidenschaft, die Sie unterjocht hat, und die schon an sich so unheilvoll war, es noch mehr wurde durch ihren Gegenstand. Wenn ich glaube, was man mir sagt, so ist mein Neffe, den ich, ich gestehe es, vielleicht mit einer Schwäche liebe, und der wirklich viele lobenswerte und angenehme Eigenschaften besitzt, weder ungefährlich für die Frauen, noch schuldlos ihnen gegenüber; er legt fast ebensoviel Wert darauf, sie ins Unglück zu bringen, als sie zu verführen. Ich glaube wohl, daß Sie ihn bekehrt hätten. Niemals war eine Frau dessen würdiger; aber so viele andere haben sich gleichfalls dessen geschmeichelt, und sich in der Hoffnung getäuscht, daß es mir lieber ist, wenn Sie nicht darauf gewiesen sind.

Erwägen Sie jetzt, meine liebe Schöne, daß, anstatt so vielen Gefahren ausgesetzt zu sein, Sie nun außer Ihrer eigenen Ruhe und einem guten Gewissen die Genugtuung haben werden, daß Sie die Hauptursache der glücklichen Umkehr Valmonts gewesen sind. Für mich zweifle ich nicht daran, daß dies zum großen Teil das Werk Ihres tapferen Widerstandes ist, und daß ein Augenblick der Schwäche Ihrerseits meinen Neffen vielleicht in ewiger Wirrnis gelassen hätte. So fasse ich es gern auf, und wünschte, auch Sie möchten es so auffassen; Sie würden darin Ihren ersten Trost finden, und ich neue Gründe, Sie noch mehr lieb zu haben.

Ich erwarte Sie in wenigen Tagen hier, meine liebe Tochter, wie Sie es mir ankündigen. Kommen Sie, und finden Sie Ruhe und Glück an demselben Orte wieder, wo Sie beides verloren haben; insbesondere aber freuen Sie sich mit Ihrer zärtlichen Mutter darüber, daß Sie so glücklich das Wort hielten, das Sie ihr gaben: nichts zu tun, was nicht ihrer und Ihrer selbst würdig wäre!

Schloß . . ., den 30. Oktober 17..

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