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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsechsundzwanzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Sie ist denn endlich besiegt, diese stolze Frau, die zu glauben gewagt hat, daß sie mir widerstehen könnte! Ja, meine Freundin, sie gehört mir, ganz und gar mir – seit gestern hat sie mir nichts mehr zu gewähren.

Ich bin noch zu voll von meinem Glück, um es bewerten zu können, aber ich bin erstaunt über den unbekannten Reiz, den ich dabei empfunden habe. Sollte es wirklich wahr sein, daß die Tugend den Wert einer Frau sogar noch im Augenblick der Schwäche vermehrt? Aber entlassen wir diese kindlichen Gedanken zu den Ammenmärchen. Begegnet man nicht überall beim ersten Siege einem mehr oder weniger gut gespielten Widerstand? Habe ich nirgendwo den Reiz gefunden, von dem ich spreche? Aber der der Liebe ist es doch auch wieder nicht; denn wenn ich auch bei dieser erstaunlichen Frau manchmal Momente der Schwäche gehabt habe, die dieser »großen Leidenschaft der Liebe« ähnlich sahen, so wußte ich sie immer zu unterdrücken und zu meinen Grundsätzen zurückzukehren. Wenn mich auch, wie ich glaube, die Szene von gestern etwas weiter fortgerissen haben sollte, als ich wünschte, wenn ich auch für einen Moment die Verwirrung und den Rausch, den ich hervorrief, geteilt haben sollte, so wäre dieser flüchtige Selbstbetrug jetzt doch vorbei; und trotzdem besteht dieser Reiz noch. Ich hätte sogar, bekenne ich, ein ziemliches Vergnügen daran, mich ihm hinzugeben, wenn es mir nicht einige Unruhe verursachte. Soll ich mich denn in meinem Alter wie ein Schuljunge meistern lassen von einem unbekannten und unwillkürlichen Gefühl? Nein. Ich muß es vor allem bekämpfen und ihm auf den Grund kommen.

Den Grund habe ich vielleicht schon durchleuchten sehen – wenigstens gefalle ich mir in diesem Gedanken, und ich möchte, er wäre nahe.

In der Menge von Frauen, bei denen ich bis zum heutigen Tage Rolle und Funktion eines Liebhabers ausgeübt habe, bin ich noch keiner begegnet, die nicht mindestens ebenso große Lust gehabt hätte sich zu ergeben, als ich, sie dazu zu bestimmen; ich pflegte sogar die spröde zu nennen, die nur den halben Weg machten, im Gegensatz zu soundso vielen andern, deren herausfordernde Verteidigung immer nur unvollkommen die ersten Avancen verdeckt, die von ihnen ausgegangen sind.

Hier aber fand ich im Gegenteil eine ungünstige Meinung von vornherein, die sich auf Ratschläge und Zuträgereien einer gehässigen aber scharfsichtigen Frau gründete; dann eine natürliche und höchst entwickelte Schüchternheit, durch eine bedeutende Schamhaftigkeit gestärkt; ferner einen Tugendeifer, den die Religion leitete, und der bereits zwei Jahre des Sieges hinter sich hatte; und endlich höchst bestimmte Gegenbewegungen, von diesen verschiedenen Motiven eingegeben und alle nur mit dem Ziel, sich meinen Verfolgungen zu entziehen.

Es ist also nicht, wie in allen meinen andern Abenteuern, bloß eine einfache mehr oder weniger günstige Kapitulation, die man wohl benutzt, aber auf die man nicht gerade stolz ist; es ist vielmehr ein vollständiger, richtiger Sieg, durch einen mühevollen Feldzug erkauft und durch überlegte Manöver entschieden. Es ist also nicht überraschend, daß dieser Erfolg, den ich mir allein zu verdanken habe, mir dadurch um so kostbarer wird; und das Übermaß an Lust, das ich in meinem Triumph empfand, und das ich noch verspüre, ist nur die Süßigkeit bewußten Ruhmes. Ich liebe diesen Gesichtspunkt. Er bewahrt mich vor der Demütigung denken zu müssen, daß ich irgendwie von der Sklavin abhänge, die ich mir unterworfen habe, und daß ich nicht die ganze Fülle meines Glückes in mir selber finde; und daß die Fähigkeit, es mich ganz genießen zu lassen, dieser oder jener Frau unter Ausschluß jeder andern vorbehalten wäre.

Diese vernünftigen Überlegungen werden mein Verhalten in dieser wichtigen Angelegenheit regeln; und Sie können fest davon überzeugt seindaß ich mich nicht so sehr fesseln lassen werde, als daß ich nicht zu jeder Zeit diese neuen Bande zerbrechen könnte, spielend und ganz nach meinem Gutdünken. Aber schon spreche ich Ihnen vom Bruch der Beziehungen, wo Sie noch gar nicht wissen, durch welche Mittel ich das Recht dazu erworben habe; lesen Sie also, und sehen Sie, was die Sittsamkeit riskiert, wenn sie versucht, der Liebestollheit helfend beizustehen. Ich studierte meine Reden und die Antworten, die ich erhielt, so aufmerksam, daß ich Ihnen die einen wie die andern mit einer Genauigkeit wiedergeben zu können hoffe, mit der Sie zufrieden sein werden.

Sie werden aus den beiden beiliegenden Briefkopien ersehen, welchen Vermittler ich gewählt hatte, um mich meiner Schönen zu nähern, und welchen Eifer der heilige Mann darauf verwandte, um uns zusammenzubringen. Was ich Ihnen noch sagen muß, und was ich aus einem natürlich aufgefangenen Brief erfahren hatte, ist, daß die Angst, verlassen zu werden, und die damit verbundene kleine Demütigung, die vorsichtige und strenge Nonne etwas auseinander gebracht und ihr Herz und ihren Kopf mit Gefühlen und Gedanken angefüllt hatte, die, wenn auch ohne vernünftigen Sinn, doch nicht weniger interessant waren. Nach diesen nötig zu wissenden Präliminarien war ich also gestern, Donnerstag, den 28ten, dem festgesetzten Tag, bei ihr als schüchterner und reuevoller Sklave erschienen, um als gekrönter Sieger wieder wegzugehen.

Es war sechs Uhr abends, als ich bei der schönen Eremitin ankam, denn seit ihrer Rückkehr war ihre Türe aller Welt verschlossen geblieben. Sie versuchte aufzustehen, als man mich meldete, aber ihre zitternden Knie erlaubten ihr nicht, auf den Füßen zu bleiben; also setzte sie sich gleich wieder. Wie der Diener, der mich eingelassen hatte, sich einiges im Zimmer zu schaffen machte, schien sie ungeduldig zu werden. Wir sagten uns währenddem die gebräuchlichen Komplimente. Aber um nicht einen Augenblick einer kostbaren Zeit zu verlieren, untersuchte ich sorgfältig die Umgebung, und schon jetzt bezeichnete ich mit dem Auge den Schauplatz meines Sieges, und hätte keinen bequemeren wählen können, denn in demselben Zimmer befand sich eine Ottomane. Aber ich bemerkte, daß ihr gegenüber ein Porträt ihres Mannes hing, und ich besorgte, ich gestehe es, daß bei einer so sonderbaren Frau ein einziger Blick, den der Zufall nach dieser Seite hin lenkte, ia einem Augenblick das Werk so vieler Mühe zerstören könnte. Endlich waren wir allein, und ich kam auf den eigentlichen Gegenstand.

Nach einigen Worten darüber, daß der Pater Anselm ihr wohl die Gründe meines Besuches auseinandergesetzt haben müsse, beklagte ich mich über die strenge Behandlung, die ich erduldet hätte; und betonte mit Nachdruck die »Geringschätzung«, die man mir bezeigt habe. Wogegen man sich, wie ich es erwartet hatte, verteidigte. Und so wie Sie wohl ebenfalls erwarteten, stützte ich den Beweis auf das Mißtrauen und das Entsetzen, das ich eingeflößt hätte, auf die höchst auffällige Flucht, die daraus gefolgt sei, auf das Zurückweisen meiner Briefe, und so weiter. Da man mit einer Rechtfertigung begann, die sehr leicht gewesen wäre, glaubte ich sie unterbrechen zu müssen; und um für diese brüske Art und Weise Verzeihung zu bekommen, deckte ich sie sofort mit einer Schmeichelei zu. »Wenn so viel Reize,« hub ich an, »auf mein Herz einen so tiefen Eindruck machten, so haben so viele Tugenden nicht weniger Eindruck auf meine Seele gemacht. Der Wunsch, diesen Tugenden nahe zu kommen, hat mich wahrscheinlich verführt, so daß ich es wagte, mich dessen für würdig zu achten. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf damit, es anders aufgefaßt zu haben, sondern ich strafe mich für meinen Irrtum.« Als man das verlegene Schweigen bewahrte, redete ich weiter: »– Ich hatte den Wunsch, gnädige Frau, mich entweder in Ihren Augen zu rechtfertigen, oder von Ihnen die Verzeihung für das Unrecht zu erlangen, das Sie bei mir vermuten; damit ich wenigstens mit einiger Ruhe die Tage beenden kann, die auch keinen Wert mehr für mich haben, seit Sie es ablehnten, sie zu verschönen.« –

Hier hat man doch versucht zu antworten. »Meine Pflicht erlaubte mir nicht« – aber die Schwierigkeit, die von der Pflicht verlangte Lüge zu vollenden, war zu groß: der Satz blieb unvollendet. Ich begann also wieder im zärtlichsten Ton: – »Also es ist wahr, daß Sie mich geflohen haben?« – »Diese Abreise war notwendig« – »Und mußten mich aus Ihrer Nähe verbannen?« – »Es muß sein.« – »Und auf immer?« – »Es ist meine Pflicht.« – Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß während dieses kurzen Zwiegespräches die Stimme der zärtlichen Spröden beklommen war, und ihre Augen sich nicht zu mir erhoben.

Ich dachte, diese allzureichlich mit Pausen versehene Szene müsse etwas belebter werden. Ich erhob mich wie in Ärger. »Ihre Festigkeit,« sagte ich, »gibt mir die meine wieder. Gut. Gut, gnädige Frau, wir wollen uns trennen, mehr sogar als Sie denken; und Sie können sich dann in Muße zu Ihrem Werk gratulieren.« Ein wenig überrascht von diesem vorwurfsvollen Ton, wollte sie antworten. »– Der Entschluß, den Sie gefaßt haben ...« »ist nur eine Wirkung meiner Verzweiflung,« brach ich leidenschaftlich aus. »Sie wollten, ich sollte unglücklich sein, – ich will Ihnen beweisen, daß Ihnen das noch weit über Ihre Wünsche hinaus gelungen ist.« – »Ich wünsche Ihr Glück,« antwortete sie. Und der Klang der Stimme begann Erregung anzuzeigen. Sofort stürzte ich mich ihr zu Füßen und rief ganz dramatisch – Sie kennen den Ton an mir –: – »Ach! Sie Grausame! kann es für mich ein Glück geben, das Sie nicht teilen? Wo soll ich es denn fern von Ihnen finden? Ach nie, niemals!« – Ich gestehe, als ich mich so weit gehen ließ, rechnete ich sehr auf die Mithilfe der Tränen. Sei es aber, daß ich dafür nicht disponiert gewesen bin, oder daß es vielleicht auch nur die Wirkung der fortgesetzten Aufmerksamkeit war, die ich allem geben mußte – es war mir nicht möglich zu weinen.

Zum Glück erinnerte ich mich, daß zur Unterwerfung einer Frau jedes Mittel gut ist; und daß es genügt, sie durch eine starke Gemütsbewegung zu erschüttern, damit ein günstiger und tiefer Eindruck bleibt. Ich versuchte es also mit Schrecken, da es an Tränen gerade mangelte, und dazu änderte ich nur den Tonfall meiner Stimme, behielt aber dieselbe Stellung. »Ja«, fuhr ich fort, »ich schwöre es zu Ihren Füßen, Sie besitzen oder sterben –.« Bei diesen letzten Worten trafen sich unsere Blicke. Ich weiß nicht, was die schüchterne Person in den meinem sah oder zu sehen glaubte; aber sie sprang entsetzt auf und entriß sich meinen Armen, die ich um sie geschlungen hatte. Ich tat allerdings auch nichts, um sie festzuhalten; denn ich habe schon öfter bemerkt, daß zu rasch herbeigeführte Verzweiflungsszenen sofort ins Lächerliche fielen, sobald sie sich in die Länge zogen, oder nur einen wirklich tragischen Ausweg zulassen, den zu nehmen ich weit entfernt war. Aber während sie sich mir entzog, sagte ich drohend und leiser, aber doch so, daß sie es hören konnte: »also den Tod...«

Darauf stand ich auf; und in einem kurzen Schweigen warf ich auf sie wie zufällig einen Blick, der, wenn er auch verstört aussah, doch sehr beobachtend und klarsichtig war. Die unsichere Haltung, ihr hörbarer Atem, das Zucken, die zitternden, halberhobenen Arme, alles bewies mir genug, daß die Wirkung war, wie ich sie hatte hervorrufen wollen. Da nun aber in der Liebe ein Schluß nur in größter Nähe möglich ist, und wir voneinander ziemlich weit entfernt waren, mußte ich vor allem ihr wieder näher kommen. Dies zu erreichen, erlangte ich sobald als möglich eine scheinbare Ruhe, geeignet, die Wirkung dieses heftig erregten Gemütszustandes zu beruhigen, ohne ihn selbst abzuschwächen.

Mein Übergang war: »Ich bin sehr unglücklich. Ich wollte für Ihr Glück leben, und habe es gestört. Ich weihe mich ganz Ihrer Ruhe, und störe auch sie.« Und dann, ruhig, aber wie mit Zwang dazu: »Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich bin wenig an die Stimme der Leidenschaft gewöhnt. Ich verstehe schlecht, ihr Wüten zu unterdrücken. Habe ich Unrecht getan, daß ich mich ihm überließ, so bedenken Sie, daß es das letztemal ist. Ach, beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, ich beschwöre Sie!« Und während dieser langen Rede näherte ich mich ihr unmerklich. »Wenn Sie wollen, daß ich mich beruhige, so seien Sie doch selbst ruhiger,« sagte die scheue Schöne. – »Gut. Ich verspreche es,« sagte ich, und leiser: »Wenn auch die Anstrengung groß ist, wenigstens wird sie kurz sein. Aber,« fuhr ich wieder ganz wirr fort, »ich bin gekommen, um Ihnen Ihre Briefe zurückzugeben, nicht wahr? Haben Sie die Gnade, sie wieder an sich zu nehmen, ich bitte Sie darum. Dieses schmerzliche Opfer bleibt mir noch zu bringen. Lassen Sie mir nichts, was meinen Mut schwächen könnte.« Und während ich das kostbare Paket aus der Tasche zog: »Hier ist das trügerische Behältnis Ihrer Freundschaftsversicherungen! Es knüpfte mich an das Leben, nehmen Sie es zurück. Geben Sie damit selbst das Zeichen, das mich auf immer von Ihnen trennt.«

Hier gab die furchtsame Verliebte ganz ihrer zärtlichen Bewegnis nach. »Aber, Herr von Valmont, was haben Sie, und was wollen Sie sagen? Ist denn der Schritt, den Sie heute tun, nicht freiwillig? Ist er nicht die Frucht Ihrer eigenen Überlegungen? Und haben Sie nicht aus diesen Überlegungen heraus selbst mein Verhalten gebilligt, das die Pflicht von mir verlangt?« – »Ja«, sagte ich, »dieses Ihr Verhalten hat das meine entschieden.« – »Welches denn?« »Das einzige, das, wenn ich mich von Ihnen trennte, meinen Leiden ein Ende macht.« – »Aber welches denn, sagen Sie mir doch, welches denn?« Da aber war es, wo ich sie heftig in meine Arme nahm, ohne daß sie sich irgendwie wehrte. Und da ich aus diesem Vergessen der Wohlanständigkeit schloß, wie groß und mächtig ihre Erregung sein müsse, wagte ich Begeisterung: »Angebetete Frau, Sie haben keine Ahnung, was Sie für eine Liebe einflößen. Sie werden nie wissen, bis zu welchem Grade Sie angebetet wurden, und um wie viel wertvoller mir dieses Gefühl war, als mein ganzes Dasein! Möchten alle Ihre Tage glücklich und zufrieden sein; möchte sie all das Glück verschönen, das Sie mir geraubt haben! Belohnen Sie wenigstens diesen aufrichtigen Wunsch mit einem Bedauern, mit einer Träne; und glauben Sie mir, das letzte meiner Opfer wird meinem Herzen nicht das schmerzvollste sein. Leben Sie wohl.«

Während ich so sprach, fühlte ich ihr Herz heftig schlagen; ich beobachtete ihre erregte Miene und sah besonders, daß die Tränen sie erstickten und doch nur selten und spärlich flossen. Da erst stellte ich mich, als wollte ich gehen; sie hielt mich natürlich mit aller Kraft. »Nein, hören Sie mich an,« sagte sie lebhaft. – »Lassen Sie mich,« antwortete ich. – »Sie sollen mich hören, ich will es.« – »Ich muß Sie fliehen, ich muß es!« – »Nein!« rief sie noch und stützte sich, oder vielmehr sank ohnmächtig in meine Arme. Da ich noch an einem so glücklichen Erfolg zweifelte, heuchelte ich einen großen Schrecken, aber in dem Schrecken führte oder trug ich sie vielmehr zu dem schon vorher bestimmten Ort, zum Feld meines Sieges: und sie kam tatsächlich erst wieder zu sich, als sie bereits unterworfen und ihrem glücklichen Sieger verfallen war.

Bis hierher, meine schöne Freundin, werden Sie mir eine Sauberkeit der Methode zugeben, die Ihren Beifall finden wird; und Sie werden weiter sehen, daß ich in nichts von den wahren Grundsätzen dieses Krieges abgewichen bin, von dem wir so oft bemerkten, daß er dem andern so ähnlich ist. Beurteilen Sie mich also wie Turenne oder Friedrich II. Ich habe den Feind zum Kampf gezwungen, ihn gestellt, wo er nur Zeit gewinnen wollte; ich habe mich durch kluge Manöver, die Wahl des Terrains, die der Aufstellung gesichert; ich wußte den Feind in Sicherheit zu wiegen, um ihn in seinem Zufluchtsort leichter zu treffen; ich wußte ihn zu erschrecken, bevor es zum Kampfe kam. Ich habe nichts dem Zufall überlassen, sondern alles in Hinsicht auf einen großen Vorteil im Falle des Erfolges und der Gewißheit von Auswegen im Falle einer Niederlage geordnet; und ich habe es schließlich erst zum Vorstoß kommen lassen, als mir ein Rückzug gesichert war, durch den ich alles decken und halten konnte, was ich vorher erobert hatte. Das ist, wie ich glaube, alles, was man tun kann; aber jetzt fürchte ich, erschlafft zu sein wie Hannibal in den Wonnen Capuas. Folgendes nämlich hat sich seither zugetragen.

Ich war ja darauf gefaßt, daß ein solches Ereignis nicht ohne die üblichen Tränen und die gewisse Verzweiflung vorübergehen werde; und wenn ich zuerst nur etwas Bestürzung und eine Art Verhaltenheit bemerkte, schrieb ich das eine wie das andere dem Zustand der spröden Frau zu. Also kümmerte ich mich nicht um diese kleinen Abweichungen, die ich für bloß lokale hielt, und ging einfach den breiten Weg der Tröstungen, ganz davon überzeugt, daß, wie gewöhnlich, die Lust dem Gefühl zu Hilfe kommen und daß eine einzige Tat m»hr nützen werde als alle Worte, die ich aber doch nicht unterließ. Indes fand ich einen wirklich erschreckenden Widerstand, erschreckend weniger durch seine Übertriebenheit als durch die Form, in der er sich zeigte.

Stellen Sie sich eine Frau vor, die starr und steif dasitzt mit einer unveränderlichen Miene; die aussieht, als wenn sie weder dächte noch zuhörte, noch verstände, was man sagt; deren starren Augen wirklich Tränen entströmen, die aber ohne Anstrengung fließen. Das war Frau von Tourvel während meiner Reden. Aber sowie ich durch eine Liebkosung oder das unschuldigste Streicheln ihre Aufmerksamkeit auf mich zurücklenken wollte, dann wurden aus dieser scheinbaren Apathie sofort Schrecken, Ersticken, Zuckungen, Schluchzen und in Zwischenräumen Ausrufe ohne ein deutliches Wort.

Diese Krisen kamen öfters wieder und jedesmal stärker; die letzte war so heftig, daß sie mich ganz entmutigte und ich einen Moment fürchtete, ich hätte einen vergeblichen Sieg davon getragen. Ich stürzte mich auf die üblichen Redensarten; worunter sich diese befand: »Sind Sie in Verzweiflung, weil Sie mich glücklich gemacht haben?« Bei diesem Wort wandte sich die anbetungswürdige Frau mir zu, und ihr Gesicht hatte, obschon noch etwas verwirrt, schon wieder seinen himmlischen Ausdruck wiederbekommen. »Ihr Glück,« sagte sie. Meine Antwort erraten Sie. »Sind Sie denn glücklich?« Ich verdoppelte meine Beteuerungen. »Und glücklich durch mich!« – Ich lobte in zärtlichsten Wendungen und während ich sprach, wurden ihre Glieder wieder biegsam; sie sank weich zurück, und ließ mir die Hand, die ich zu nehmen gewagt hatte, und sagte: »Ich fühle, daß dieser Gedanke mich tröstet und erleichtert.«

Sie können sich denken, daß, als ich so wieder auf den rechten Weg gebracht war, ich ihn nicht wieder verließ. Und er war wirklich der rechte, und wahrscheinlich der einzige. Als ich nämlich den zweiten Versuch wagte, fand ich erst einigen Widerstand, und was vorher geschehen war, machte mich umsichtig; nachdem ich aber dieselbe Geschichte von meinem Glück wieder vorbrachte, spürte ich bald, die günstigen Wirkungen. »Sie haben Recht,« sagte das zärtliche Geschöpf, »ich kann mein Leben nicht anders mehr ertragen, als wenn es Ihrem Glück dient. Dem weihe ich mich ganz und gar; von diesem Augenblicke an gebe ich mich Ihnen hin, und Sie sollen weder Reue noch Weigerung von mir erfahren.« Mit dieser naiven oder überirdischen Unschuld lieferte sie mir ihre Person und ihre Reize aus und vermehrte sie mein Glück, indem sie es teilte. Der Rausch war auf beiden Seiten und vollständig; und zum erstenmal überlebte der meine das Vergnügen. Ich glitt aus ihrer Umarmung nur, um ihr zu Füßen zu sinken, um ihr ewige Liebe zu schwören; und ich muß alles gestehen: Ich dachte was ich sagte. Ja, selbst nachdem wir uns getrennt hatten, verließ mich der Gedanke an sie nicht, und es kostete mich einige Mühe, mich davon loszubringen.

Ach, warum sind Sie nicht hier, um den Reiz der Tat mit dem der Belohnung auszugleichen! Aber ich werde doch durch Warten nichts verlieren, nicht wahr? Und hoffentlich kann ich das glückliche Arrangement, das ich in meinem andern Brief Ihnen vorschlug, als abgemacht betrachten. Sie sehen, daß ich Wort halte; und meine Angelegenheiten werden, wie ich Ihnen verspreche, genügend fortgeschritten sein, so daß ich Ihnen einen Teil meiner Zeit schenken kann. Beeilen Sie sich also, Ihren öden Belleroche zu verabschieden, Ihren zuckersüßen Danceny zu entlassen, und beschäftigen Sie sich nur mit mir. Was treiben Sie denn überhaupt auf dem Lande, daß Sie mir nicht einmal antworten? Wissen Sie, daß ich Sie gern auszanken möchte? Aber das Glück macht nachsichtig. Und dann vergesse ich nicht, daß ich mich jetzt, wo ich mich wieder in die Zahl Ihrer Bewerber einreihe, von neuem Ihren kleinen Launen unterwerfen muß. Erinnern Sie sich aber daran, daß der neue Liebhaber nichts von den alten Rechten des Freundes verlieren will.

Adieu wie ehemals... Ja, adieu, mein Engel! Ich schicke Dir alle Küsse der Liebe.

P.S. Wissen Sie, daß Prévan nach Ablauf seines Monates Gefängnis sein Korps hat quittieren müssen? Ganz Paris spricht heute von der Neuigkeit. Der ist wirklich grausam für ein Unrecht bestraft, das er nicht begangen hat, und Ihr Erfolg ist vollständig.

Paris, den 29. Oktober 17..

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