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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundfünfundzwanzigster Brief

Frau von Tourvel an Frau von Rosemonde.

Inmitten des Erstaunens, in das mich das gestern Erfahrene versetzt hat, vergesse ich die Genugtuung nicht, die es Ihnen bereiten muß, und beeile ich mich, es Ihnen mitzuteilen. Herr von Valmont beschäftigt sich nicht mehr mit mir und mit seiner Liebe, und will nur noch durch ein beschauliches Leben die Fehler und Verirrungen seiner Jugend wieder gut machen. Ich bin von diesem großen Ereignis durch den Pater Anselm in Kenntnis gesetzt worden, an den er sich wandte, damit er ihn in Zukunft lenke und ihm auch ein Zusammentreffen mit mir verschaffe, dessen Hauptzweck wohl ist, mir meine Briefe zurückzugeben, die er bisher trotz meiner Bitten noch immer behalten hat.

Ich kann ihm zu dieser zweifellos glücklichen Änderung nur gratulieren und auch mir Glück wünschen, wenn ich, wie er sagt, dazu etwas beigetragen habe. Aber warum mußte ich das Werkzeug dazu sein, und mußte es mich die Ruhe meines Lebens kosten?! Konnte das Glück Herrn von Valmonts nur durch mein Unglück zustande kommen? Ach, meine nachsichtige Freundin, verzeihen Sie mir diese Klage. Ich weiß, es steht mir nicht zu, Gottes Ratschlüsse zu erforschen: aber während ich ihn immerfort und stets vergebens um die Kraft bitte, diese meine unglückliche Liebe zu besiegen, gibt er diese Kraft in reichlichem Maße dem, der ihn nicht darum bat, und läßt mich ohne Hilfe ganz meiner Schwäche anheimgegeben.

Aber ich will dieses sündhafte Murren ersticken. Weiß ich denn nicht, daß der verlorene Sohn nach seiner Heimkehr mehr Gnade von seinem Vater empfing als der Sohn, der nie weggegangen war? Welches Recht haben wir, von dem Rechenschaft zu verlangen, der uns nichts schuldet? Und hätten wir auch einige Rechte bei ihm, welche könnten wohl die meinigen sein? Soll ich mich einer Ehrbarkeit rühmen, die ich nur noch Valmont verdanke? Er hat mich gerettet, und ich soll mich beklagen dürfen, daß ich für ihn leide? Nein, meine Leiden werden mir teuer sein, wenn sein Glück ihr Lohn dafür ist. Sicher mußte er zum gemeinsamen Vater zurückkehren. Der Gott, der ihn erschaffen hat, mußte sein Werk lieben. Er hatte diesen bezaubernden Menschen nicht dazu geschaffen, um nur einen Verworfenen daraus werden zu lassen. An mir ist es, die Strafe für Unvorsichtigkeit und Kühnheit zu tragen. Mußte ich nicht fühlen, da es mir verboten war ihn zu lieben, daß ich mir auch seinen Anblick nicht erlauben durfte?

Mein Fehler oder mein Unglück ist, daß ich mich zu lange dieser Wahrheit verschloß. Sie sind Zeugin, meine liebe, würdige Freundin, daß ich mich diesem Opfer unterzogen habe, sobald ich seine Notwendigkeit erkannte. Aber damit es auch vollständig sei, fehlte noch, daß Herr von Valmont es nicht teilte. Soll ich Ihnen gestehen, daß dieser Gedanke es ist, der mich jetzt am meisten quält? Was ein erträglicher Stolz, der uns unsere Leiden mildert durch die, die wir zufügen! Aber ich werde dieses rebellische Herz besiegen and es an Demütigungen gewöhnen!

Um dies zu erreichen, habe ich eingewilligt, am nächsten Donnerstag den peinlichen Besuch des Herrn von Valmont zu empfangen. Da werde ich ihn dann selber sagen hören, daß ich ihm nichts mehr bin, daß der schwache vorübergehende Eindruck, den ich auf ihn gemacht hatte, völlig ausgelöscht ist. Ich werde seinen Blick auf mir fühlen ohne jede Erregung, während ich aus Furcht, meine Erregung zu verraten, meinen Blick niederschlagen werde. Diese selben Briefe, die er so lange meinen inständigen Bitten verweigerte, werde ich nun von einem Gleichgültigen empfangen! Er wird sie mir übergeben wie unnötige Dinge, die ihn nichts mehr angehen; und meine zitternden Hände werden beim Empfang dieses schambringenden Gutes fühlen, daß es ihnen von einer ruhigen und starken Hand übergeben wird! Dann werde ich ihn weggehen sehen ..., fortgehen auf immer, und meine Blicke, die ihm folgen werden, werden die seinigen sich nicht nach mir umwenden sehen!

So vieler Demütigung war ich aufgehoben! Ach, wäre es mir wenigstens zunutz, indem es mich mit dem Gefühl meiner Schwäche durchdringe ...! Ja, diese Briefe, die ihm nun gleichgültig sind, ich werde sie heilig aufbewahren. Ich werde mir die Beschämung auferlegen, sie jeden Tag wieder zu lesen, bis meine Tränen die letzten Spuren verwischt haben; und die seinigen, die werde ich verbrennen, als von dem gefährlichen Gift infiziert, das meine Seele verdorben hat. O, was ist denn Liebe, wenn sie uns noch nach den Gefahren, in die sie uns stürzt, mit Sehnsucht erfüllt! Und besonders, wenn man sie selber zu empfinden dann noch zu fürchten hat, wenn man sie nicht mehr einflößt! Ich will sie fliehen, diese unheilvolle Leidenschaft, die nur die Wahl zwischen Schande und Unglück läßt, und sie oft genug alle beide vereint; wenigstens soll die Klugheit die Tugend ersetzen.

Wie ist es noch lang bis zu diesem Donnerstag! Warum kann ich nicht im Augenblick dieses schmerzliche Opfer vollenden und auf einmal seine Ursache und seinen Gegenstand vergessen! Dieser Besuch ängstigt mich; warum habe ich meine Einwilligung dazu gegeben? Wozu braucht er mich noch einmal zu sehen? Was sind wir jetzt eines dem andern? Wenn er mich beleidigt hat – ich verzeihe ihm. Ich beglückwünsche ihn sogar dazu, daß er seine Fehler wieder gut machen will, ich lobe ihn dafür. Ich will noch mehr: ich will es ihm nachtun; und wie dieselben Irrtümer mich verführten, so soll mich auch sein Beispiel des rechten Weg führen. Aber wenn es in seiner Absicht liegt, mich zu fliehen, warum fängt er damit an, mich aufzusuchen? Das Nötigste für uns beide ist, eins den andern zu vergessen! Ja, ja, das wird von nun ab meine ganze Sorge sein.

Wenn Sie es erlauben, liebenswürdige Freundin, so soll es bei Ihnen sein, wo ich mich dieser schweren Aufgabe hingeben will. Wenn ich Hilfe benötige, Trost vielleicht gar, so will ich ihn nur von Ihnen empfangen. Sie allein verstehen mich und können zu meinem Herzen sprechen. Ihre kostbare Freundschaft soll mein ganzes Leben ausfüllen. Nichts soll mir zu schwer erscheinen, um die Mühe zu unterstützen, die Sie sich mit mir geben werden. Ich werde Ihnen meine Ruhe verdanken und mein Glück und meine Tugend; und die Frucht Ihrer Güte gegen mich wird sein, mich ihrer würdig gezeigt zu haben.

Ich glaube, ich bin in diesem Briefe wenig bei der Sache geblieben; ich entnehme das wenigstens der Verwirrung, in der ich mich während des ganzen Schreibens befunden habe. Wenn sich darin Gefühle fänden, über die ich erröten müßte, so bedecken Sie sie mit Ihrer nachsichtigen Freundschaft, ich verlasse mich ganz auf sie. Ihnen will ich keine Regung meines Herzens verbergen.

Gott mit Ihnen, meine verehrungswürdige Freundin. Ich hoffe, ich kann Ihnen in ein paar Tagen meine Ankunft melden.

Paris, den 25. Oktober 17..

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