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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertdreiundzwanzigster Brief

Madame von Rosemonde an Frau von Tourvel.

Ich hoffe, meine liebenswürdige Tochter, endlich Ihre Besorgnisse beruhigen zu können, und ich sehe nun im Gegenteil zu meinem Kummer, daß ich sie noch vermehren werde. Beruhigen Sie sich indes: Mein Neffe ist nicht in Gefahr, man kann nicht einmal sagen, daß er wirklich krank ist.

Aber es geht bestimmt etwas Außerordentliches mit ihm vor. Ich verstehe es nicht; aber ich ging aus seinem Zimmer mit einem Gefühle der Traurigkeit, ja vielleicht des Entsetzens, ich werfe mir vor, daß ich Ihnen das sage, aber ich kann mich doch nicht ganz enthalten, mit Ihnen davon zu sprechen. Hier der Bericht, was sich zutrug: Sie können sicher sein, daß der Bericht treu ist, denn wenn ich auch noch mal achtzig Jahre lang leben sollte, so würde ich den Eindruck dieser traurigen Szene doch nicht vergessen.

Ich war also heute morgen bei meinem Neffen; ich fand ihn beim Schreiben, und umgeben von verschiedenen Papieren, die aussahen, als wäre er damit beschäftigt. Er war so darin vertieft, daß ich schon mitten im Zimmer stand, als er noch nicht den Kopf gedreht hatte, um nachzusehen, wer eingetreten war. Sobald er mich sah, bemerkte ich sehr wohl, daß er, als er aufstand, sich anstrengte, seinen Gesichtsausdruck zu beherrschen, und vielleicht war es das, was gerade die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war allerdings nicht in Toilette und ungepudert, aber ich fand ihn blaß und mager, und sein Gesicht besonders war verändert. Sein Blick, den wir so lebhaft und vergnügt gesehen haben, war traurig und niedergeschlagen; kurz, unter uns gesagt, ich hätte nicht gewollt, daß Sie ihn so gesehen hätten; denn sein Aussehen war sehr ergreifend und sehr geeignet, glaub ich, dieses zärtliche Mitleid einzuflößen, das eine der gefährlichsten Fallen der Liebe ist.

Obwohl betroffen von meinem Eindruck, fing ich doch eih Gespäch so an, als hätte ich nichts bemerkt. Ich sprach zuerst von seiner Gesundheit, und ohne mir zu sagen, daß sie gut wäre, erklärte er sie doch auch mit keinem Worte für schlecht. Dann habe ich mich über seine Zurückgezogenheit beklagt, die ein wenig nach Manie aussehe, und ich versuchte etwas Scherzhaftigkeit in meinen kleinen Vorwurf zu legen; er aber antwortete mir nur und mit durchdringendem Ton: »Das ist ein Unrecht mehr, ich bekenne es, aber es soll mit den andern wieder gut gemacht werden. » Sein Aussehen mehr noch als sein Gespräch brachten meine Munterkeit etwas aus der Fassung, und ich beeilte mich ihm zu sagen, daß er zu viel Gewicht auf einen ja bloß freundlichen Vorwurf lege.

Wir haben dann ruhig miteinander gesprochen. So sagte er mir kurz^ darauf, daß ihn eine Angelegenheit, die wichtigste Seines Lebens, vielleicht bald nach Paris zurückrufen würde. Da ich sie aber zu erraten Angst hatte, meine liebe Schöne, und auch fürchtete, dieser Anfang könnte zu einer vertraulichen Aussprache führen, die ich nicht wollte, so machte ich keine Gegenfrage, sondern begnügte mich damit, ihm zu sagen, daß etwas mehr Zerstreuung seiner Gesundheit sehr zuträglich sein würde. Und fügte hinzu, daß ich ihn diesmal nicht zum Bleiben drängen würde, indem ich meine Freunde um ihrer selbst willen liebe. Bei diesen so einfachen Worten drückte er mir die Hände, und sagte mit einer Aufregung, die ich nicht wiedergeben kann: »Ja, Tante, lieben Sie, lieben Sie Ihren Neffen sehr, der Sie liebt und verehrt; und wie Sie sagen, lieben Sie Ihn um seinetwillen. Machen Sie sich um sein Glück keine Sorge, und stören Sie mit keinem Bedauern die ewige Ruhe, die er bald genießen wird. Wiederholen Sie es mir, daß Sie mich noch lieb haben, daß Sie mir verzeihen wollen; ja, Sie werden mir verzeihen, ich kenne Ihre Güte: aber wie kann ich dieselbe Nachsicht von der erhoffen, die ich so sehr beleidigt habe?« Darauf beugte er sich über mich, um mir, wie mir schien, die Zeichen des Schmerzes zu verbergen, die mir der Ton seiner Stimme nur zu sehr verriet.

Bewegter als ich es Ihnen nur sagen kann, stand ich rasch auf; zweifellos bemerkte er mein Entsetzen, denn er sagte beherrscht sofort: »Verzeihen Sie, verzeihen Sie, Tante; ich fühle, daß ich mich gegen meinen Willen verwirre. Vergessen Sie, bitte, was ich gesagt habe, und erinnern Sie sich nur meiner tiefsten Achtung. Ich werde nicht versäumen,« setzte er noch hinzu, »Sie von meiner Ehrerbietung vor meiner Abreise nochmals zu versichern.« Es schien mir, daß diese letzten Worte mich verpflichteten, meinen Besuch zu beenden, und ich ging.

Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger komme ich darauf, was er hat sagen wollen. Was ist das für eine wichtigste Angelegenheit seines Lebens? Und wegen was bittet er mich um Verzeihung? Woher kam ihm diese unwillkürliche Rührung, während er zu mir spricht? Ich habe mir diese Fragen schon tausendmal gestellt, ohne darauf eine Antwort zu finden. Ich sehe darin sogar nicht einmal etwas, was auf Sie Bezug hätte; da aber die Augen der Liebe hellsichtiger sind als die der Freundschaft, wollte ich Sie alles wissen lassen, was sich zwischen meinem Neffen und mir zugetragen hat.

Ich habe viermal an diesem langen Briefe aufhören müssen, den ich noch viel länger schreiben würde, ohne die Müdigkeit, die ich verspüre. Adieu, meine liebe Schöne.

Schloß . . ., den 25. Oktober 17..

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