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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsiebzehnter Brief

Der Chevalier Danceny an Cécile Volanges.

Frau von Merteuil ist heute morgen aufs Land, und so bin ich, meine reizende Cécile, des einzigen Vergnügens beraubt, das mir in Ihrer Abwesenheit blieb, dem nämlich, mit Ihrer und meiner Freundin von Ihnen zu sprechen.

Seit einiger Zeit hat sie mir gestattet, sie so zu nennen; und ich nützte das um so eifriger, als mir schien, ich käme dadurch Ihnen noch näher. Gott, wie ist diese Frau liebenswürdig! Und welchen schmeichlerischen Reiz sie der Freundschaft zu geben versteht! Es ist, als ob sich dieses liebe Gefühl bei ihr verschöne und kräftige um alles das, was sie der Liebe verweigert. Wenn Sie wüßten, wie sie Sie liebt, wie sie es gern hat, wenn sie mich von Ihnen sprechen hört ... Das ist auch jedenfalls, was mich so sehr an sie fesselt. Welches Glück wäre es, für Sie beide leben zu können, und immerwährend zwischen den Reizen der Liebe und denen der Freundschaft hin und her zu gehen, mein ganzes Dasein ihr zu weihen, gewissermaßen der Verbindungspunkt Ihrer gegenseitigen Zuneigung zu sein und immer zu fühlen, daß ich, mit dem Glück der einen beschäftigt, auch an dem der andern tätig bin! Lieben Sie sie, lieben Sie sie sehr, meine reizende Freundin, diese anbetungswürdige Frau! Erhöhen Sie noch die Zuneigung, die ich für sie empfinde dadurch, daß Sie sie teilen. Seit ich den Reiz der Freundschaft empfunden habe, wünsche ich, daß auch Sie ihn fühlen. Die Freuden, die ich nicht mit Ihnen teile, scheinen nur zur Hälfte mir zu gehören. Ja, meine Cécile, ich möchte Ihr Herz mit allen süßesten Gefühlen umgeben, jede seiner Regungen sollte Ihnen eine Empfindung des Glückes hervorrufen; und ich würde doch glauben, daß ich Ihnen immer nur einen Teil des Glückes wiedergeben könnte, das ich von Ihnen empfangen habe.

Warum müssen diese herrlichen Pläne nur eine Schimäre meiner Phantasie sein, und muß mir im Gegenteil die Wirklichkeit nur schmerzliche und endlose Entbehrungen bringen? Die Hoffnung, die Sie mir gaben, Sie dort auf dem Lande sehen zu dürfen, ach, ich sehe es wohl, ich muß darauf verzichten. Ich habe keinen andern Trost mehr als die Überzeugung, daß es Ihnen wirklich nicht möglich ist. Und Sie unterlassen es, mir es zu sagen, mit mir darüber traurig zu sein! Schon zweimal sind meine Klagen darüber unbeantwortet geblieben. Ach Cécile! Cécile! Ich glaube ja, daß Sie mich mit dem ganzen Feuer Ihres Herzens lieben, aber Ihr Herz brennt nicht wie das meine! Warum kann ich die Hindernisse nicht hinwegräumen? Warum sind es nicht meine Interessen, die zu schonen sind, sondern Ihre? Ich würde Ihnen bald zu beweisen wissen, daß der Liebe nichts unmöglich ist.

Sie schreiben mir auch nicht, was diese grausame Trennung endigen soll. Hier in Paris konnte ich Sie doch wenigstens sehen. Ihre bezaubernden Blicke würden meine niedergeschlagene Seele wieder aufrichten; Ihr rührender Ausdruck würde mein Herz wieder stärken, das dessen oft so notwendig bedarf. Ach! ich wäre zu unglücklich, wenn ich daran zweifelte. Aber so viele Hindernisse! Und immer wieder neue! Geliebte, ich bin traurig, sehr traurig. Es scheint, die Abreise der Frau von Merteuil hat die Empfindung all meines ganzen Unglücks wieder in mir wachgerufen.

Adieu, meine Cécile, adieu, Vielgeliebte. Denken Sie daran, daß Ihr Geliebter sich betrübt, und daß Sie allein ihm das Glück wiedergeben können.

Paris, den 17. Oktober 17...

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