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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsechzehnter Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Schöne Freundin! Es ist eine unbegreifliche Tatsache, wie eine Trennung es mühlos zustande bringt, daß man sich nicht mehr versteht. So lange ich bei Ihnen war, hatten wir immer ein und dasselbe Gefühl, dieselbe Art, die Dinge zu sehen; und jetzt, seit ich Sie fast Monate nicht mehr sehe, sind wir über nichts mehr derselben Meinung. Wer von uns beiden hat unrecht? Gewiß werden Sie nicht mit der Antwort zögern; ich aber will, klüger oder höflicher, nicht entscheiden. Ich will nur auf Ihren Brief antworten und darin fortfahren, Ihnen mein Verhalten auseinanderzusetzen.

Erst aber danke ich Ihnen für die Nachricht über die mit mir beschäftigten Gerüchte; aber sie beunruhigen mich noch nicht. Ich glaube sicher zu sein, daß ich es ganz in der Hand habe, sie, sobald ich will, zum Schweigen zu bringen. Seien Sie unbesorgt: ich werde berühmter als je in die Welt zurückkehren und Ihrer nur noch würdiger.

Ich hoffe, man wird mir sogar das Abenteuer mit der kleinen Volanges für etwas anrechnen, wenn Sie es auch für unbedeutend halten –: als ob das gar nichts wäre, in einer Nacht ein junges Mädchen seinem geliebten Liebhaber zu nehmen, sie dann so viel man will zu gebrauchen, wie sein Eigentum, und ohne das geringste Hindernis; von ihr zu erhalten, was man nicht einmal von allen den Mädchen zu verlangen sich traut, deren Handwerk es schließlich ist; und das, ohne sie im geringsten von ihrer zärtlichen Liebe abspenstig zu machen; ohne sie unbeständig zu machen oder treulos –: denn Sie haben ganz recht, ich beschäftige tatsächlich nicht einmal ihren Kopf, so daß, wenn meine Laune vorüber ist, ich sie wieder in die Arme ihres Geliebten legen werde, so zu sagen ohne daß sie etwas gemerkt hat. Ist denn das so was Gewöhnliches? Und dann, glauben Sie mir, einmal aus meinen Händen, werden die Anfangsgründe, die ich ihr beibrachte, sich darum nicht weniger entwickeln; und ich sage es vorher: meine schüchterne Schülerin wird bald einen Aufschwung nehmen, der ihrem Lehrmeister Ehre machen soll.

Hat man aber das heroische Genre lieber, so werde ich die Präsidentin vorzeigen, dieses oft zitierte Muster aller Tugenden, geachtet selbst von unseren größten Wüstlingen! Eine Frau, bei der man nicht einmal mehr auf den Gedanken kam, sie anzugreifen! Ich werde sie vorführen, sage ich, wie sie ihre Pflichten und ihre Tugend vergißt, ihren Ruf und zwei Jahre Ehrbarkeit opfert, um hinter dem Glücke nachzulaufen, mir zu gefallen, sich an dem Glück, mich zu lieben, zu berauschen; und wie sie sich für so viele Opfer genügend entschädigt erachtet, durch ein Wort, durch einen Blick, die sie zudem nicht einmal immer erhält. Mehr noch werde ich tun: ich werde sie verlassen – und ich kenne entweder diese Frau nicht, oder: ich habe keinen Nachfolger. Sie wird dem Bedürfnis nach Trost widerstehen, der Gewohnheit des Vergnügens, ja selbst dem Wunsche nach Rache. Mit einem Wort, sie wird nur für mich gelebt haben. Und sei ihre Laufbahn kurz oder lang, ich allein werde ihre Schranken geöffnet oder geschlossen haben. Bin ich erst bei diesem Triumph, dann werde ich zu meinen Rivalen sagen: »Sehet hier mein Werk und suchet im Jahrhundert eines, das ihm nachkommt!«

Sie werden mich fragen, woher mir heute dieses Übermaß von Selbstvertrauen kommt? Seit acht Tagen bin ich der Vertraute meiner Schönen; sie sagt mir zwar ihre Geheimnisse nicht, aber ich fange sie ab. Zwei Briefe von ihr an Frau von Rosemonde haben mich zur Genüge unterrichtet, und ich werde die weiteren nur noch aus Neugier lesen. Um ans Ziel zu kommen, brauche ich mich ihr nur zu nähern, und dafür sind meine Mittel gefunden. Ich will sie unverzüglich anwenden.

Sie sind neugierig, nicht wahr? ... Doch nein, zur Strafe für Ihren Unglauben an meine Erfindungen sollen Sie sie nicht erfahren. Sie würden es wirklich verdienen, daß ich Ihnen wenigstens für dieses Abenteuer mein Vertrauen entzöge. Ohne den süßen Lohn, den Sie diesem Erfolg versprechen, würde ich Ihnen wirklich nichts mehr darüber erzählen. Sie sehen, ich bin etwas gekränkt. Aber in der Hoffnung, daß Sie sich bessern, will ich es bei dieser leichten Strafe bewenden lassen, und kehre zur Güte zurück und vergesse auf eine Weile meine großen Pläne, um über die Ihrigen vernünftig zu reden.

Also Sie sind auf dem Land, das langweilig ist wie das Gefühl und traurig wie die Treue! Und dieser arme Belleroche! Sie begnügen sich nicht damit, ihm Wasser des Vergessens zu geben, Sie foltern ihn damit! Wie bekommt ihm das? Erträgt er das Erbrechen gut in der Liebe? Ich gäbe was dafür, wenn er sich deswegen nur um so fester an Sie schlösse. Ich bin sehr neugierig zu erfahren, welches wirksamere Mittel Sie hernach anwenden werden. Sie tun mir wirklich leid, daß Sie zu diesem haben greifen müssen. Ich habe nur einmal in meinem Leben aus solchen praktischen Gründen, aus einem Zweck heraus geliebt. Ich hatte damals ja gewiß einen guten Grund; denn es war die Gräfin von ...; und zwanzigmal war ich in ihren Armen versucht gewesen, zu sagen: »Meine Gnädige, ich verzichte auf den Platz, um den ich mich bewerbe, und erlauben Sie mir nur, daß ich den Platz, den ich einnehme, verlasse.« Das ist auch die einzige Frau von allen, die ich gehabt habe, der ich wirklich mit Vergnügen Schlechtes nachsage. Was Ihren Grund anbetrifft, so finde ich ihn, ehrlich gesagt, einfach lächerlich; und Sie hatten recht anzunehmen, daß ich den Nachfolger nicht erraten würde. Wie! Für Danceny alle diese Mühe? Ach, meine liebe Freundin, lassen Sie ihn doch »seine tugendhafte Cécile« anbeten, geben Sie sich keine Blöße mit solchen Kinderspielen. Lassen Sie doch die Schuljungen sich bei Bonnen bilden oder mit Pensionsmädchen die kleinen unschuldigen Spiele spielen. Was sollen denn Sie mit einem Neuling, der Sie weder zu nehmen noch zu verlassen verstehen wird und bei dem alles Sie tun müssen? Im Ernst: Ich mißbillige diese Wahl. Und wie geheim sie auch bleiben mag, in meinen Augen und in meinem Bewußtsein werden Sie minder.

Sie sagen, Sie fänden nach und nach Geschmack an ihm, aber was denn, Sie irren sich, und ich glaube sogar, die Ursache dieses Irrtums gefunden zu haben. Dieser schöne Überdruß an Belleroche ist Ihnen in einer Zeit der Hungersnot gekommen, und da Ihnen Paris keine Auswahl bot, haben sich Ihre Gedanken, die immer viel zu lebhaften, auf den ersten besten geworfen, der Ihnen begegnet ist. Aber bedenken Sie doch, daß Sie bei Ihrer Rückkunft unter Tausenden werden wählen können! Und wenn Sie schließlich die Untätigkeit scheuen, in die Sie verfallen könnten, wenn Sie es aufschieben, so biete ich mich an, um Ihre müßigen Stunden zu unterhalten.

Von jetzt bis zu Ihrer Rückkunft werden meine Sachen auf die eine oder andere Art erledigt sein; und sicher werden weder sie noch die Präsidentin mich dann so sehr beschäftigen, daß ich mich Ihnen nicht so viel Sie nur wünschen widmen könnte. Vielleicht habe ich bis dahin das kleine Mädchen schon in die Arme ihres schüchternen Liebhabers gelegt. Ohne zuzugeben, daß die Kleine, wie Sie sagen, kein »fesselnder« Genuß ist, habe ich mich meinem Willen zuliebe, daß sie für ihr Leben eine höhere Idee von mir behalten soll als von allen andern Männern, mit ihr auf einen Ton gestimmt, den ich nicht länger ohne ernsthaften Schaden an meiner Gesundheit durchhalten könnte. Schon in diesem Augenblick hänge ich an ihr nur mehr mit dem Interesse, das man seinen Familienangelegenheiten schuldig ist ....

Sie verstehen mich nicht? ... Ich erwarte einfach einen zweiten Zeitabschnitt, der meine Hoffnung bestätigt und mir die Gewißheit gibt, daß meine Pläne alle Erfolg hatten. Ja, meine schöne Freundin, ich habe schon das erste Anzeichen, daß der Gatte meiner Schülerin nicht Gefahr laufen wird, ohne Nachkommenschaft zu sterben, bloß daß der Chef des Hauses Gercourt in Zukunft nur ein jüngerer Sohn des Hauses Valmont sein wird. Aber lassen Sie mich auf meine Art dieses Abenteuer beenden, das ich schließlich nur auf Ihre Bitte hin unternommen habe. Bedenken Sie, wenn Sie Danceny abtrünnig machen, nehmen Sie der ganzen Geschichte ja die Pikanterie! Und bedenken Sie nicht zuletzt, daß ich mit meinem Angebot, ihn bei Ihnen zu vertreten, scheint mir, einiges Recht auf Bevorzugung habe.

Ich zähle so sehr darauf, daß ich mich nicht gescheut habe, gegen Ihre Ansichten selbst dazu beizutragen, daß die schüchterne Leidenschaft des scheuen Liebhabers für den ersten und würdigen Gegenstand seiner Wahl noch wächst. Als ich gestern unser Mündel damit beschäftigt traf, ihm zu schreiben, habe ich sie zuerst in dieser zärtlichen Beschäftigung gestört, um eine andere, noch zärtlichere mit ihr vorzunehmen, und dann bat ich sie, mir den Brief zu zeigen; und da ich ihn kalt und gezwungen fand, gab ich ihr zu fühlen, daß sie so ihren Geliebten nicht trösten würde, und habe sie bestimmt, einen andern Brief nach meinem Diktat zu schreiben, worin ich nach Kräften ihr kleines Geschwätz nachahmte und möglichst versuchte, die Liebe des jungen Mannes mit einer gewissen Hoffnung zu nähren. Die kleine Person war ganz entzückt, sagte sie, daß sie auf einmal so gut schreibe; und in Zukunft bin ich also ihr Liebesbriefsteller. Was habe ich nicht alles für diesen Danceny getan! Ich war sein Freund, sein Vertrauter, sein Rival und seine Geliebte gewesen! Und leiste ihm in diesem Moment noch den Dienst, ihn vor Ihren gefährlichen Banden zu erretten. Ja, gewiß gefährlich! denn Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen.

Adieu, meine schöne Freundin, seien Sie tapfer und tun Sie Belleroche so rasch ab, wie Sie können. Lassen Sie Danceny und bereiten Sie sich vor, die Köstlichkeiten unseres Verhältnisses wiederzuerleben und mir wiederzugeben.

P. S. Ich mache Ihnen mein Kompliment über das bevorstehende Urteil in Ihrem großen Prozeß. Ich wäre sehr erfreut, wenn dieses glückliche Ereignis unter meiner Regierung einträfe.

Schloß . . ., den 17. Oktober 17...

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