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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundvierzehnter Brief

Die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont.

Ich glaube Sie davon benachrichtigen zu müssen, Vicomte, daß man in Paris anfängt, sich mit Ihnen zu beschäftigen; daß man Ihre Abwesenheit bemerkt und auch schon deren Ursache errät. Gestern war ich bei einem zahlreichen Souper, und da wurde auf das Bestimmteste erklärt, Sie würden von einer romantischen, unglücklichen Liebe in einem Dorfe festgehalten. Sofort leuchtete auf den Gesichtern aller Ihrer Neider die Freude, und auf dem aller Frauen, die Sie vernachlässigt haben. Wenn Sie auf mich hören wollen, so lassen Sie diese gefährlichen Gerüchte nicht fest werden, sondern zerstören sie durch Ihr Erscheinen auf der Stelle.

Bedenken Sie doch: wenn Sie einmal die Meinung von Ihrer Unwiderstehlichkeit in Zweifel geraten lassen, so werden Sie sehr bald erfahren, daß man Ihnen tatsächlich leichter widersteht; daß auch Ihre Rivalen den Respekt vor Ihnen verlieren und es wagen werden, den Kampf mit Ihnen aufzunehmen – denn wer von ihnen hält sich nicht für stärker als die Tugend? Bedenken Sie vor allem auch dies, daß unter der Menge von Frauen, die Sie ins Gerede brachten, alle die, die Sie nicht gehabt haben, es nun versuchen werden, dem Publikum einen Irrtum zu nehmen, während die andern sich bemühen werden, es zu täuschen. Kurz und gut, Sie müssen darauf gefaßt sein, ebensosehr unter Ihren Wert geschätzt zu werden, wie Sie bis jetzt überschätzt wurden.

Kehren Sie also zurück, Vicomte, und opfern Sie Ihren Ruf nicht einer knabenhaften Laune. Sie haben aus der kleinen Volanges alles gemacht, was wir wollten; und was Ihre Präsidentin anbetrifft, so werden Sie sich die doch nicht aus einer Entfernung von zehn Meilen gönnen können. Oder glauben Sie, sie wird Sie holen? Vielleicht denkt sie schon nicht mehr an Sie, oder nur noch, um sich zu gratulieren, daß sie Sie gedemütigt hat. Hier können Sie wenigstens Gelegenheit finden, mit Eklat wieder aufzutauchen, und Sie haben's nötig. Und sollten Sie auf Ihrem lächerlichen Abenteuer bestehen, so sehe ich nicht ein, was Ihre Rückkunft dabei schaden könnte – im Gegenteil!

Nämlich: Wenn Ihre Präsidentin Sie »anbetet«, wie Sie mir so oft versichert und so wenig bewiesen haben, so muß ihr einziger Trost, wie ihr einziges Vergnügen jetzt doch darin bestehen, von Ihnen zu sprechen, zu erfahren, was Sie tun, was Sie sagen und denken, bis auf das Geringste, das Sie angeht. Diese Kleinigkeiten bekommen Wert nach dem Maße der Entbehrungen, die man erleidet, es sind die Brosamen, die vom Tisch des Reichen fallen; der verschmäht sie, aber der Arme hebt sie gierig auf und lebt davon. So bekommt die Präsidentin jetzt diese Brosamen; und je mehr sie davon hat, desto weniger eilig wird sie es haben mit dem Appetit auf das übrige.

Zudem zweifeln Sie, seit Sie Ihre Vertraute kennen, doch nicht daran, daß jeder ihrer Briefe wenigstens eine kleine Predigt enthält und alles sonst, was sie für geeignet hält zur »Stärkung ihrer Ehrbarkeit und Tugend«. Warum also der einen Mittel zur Verteidigung lassen und der andern welche, Ihnen zu schaden?

Ich bin aber durchaus nicht Ihrer Meinung über den Verlust, den Sie beim Wechsel ihrer Vertrauten erlitten zu haben glauben. Erstens haßt Sie Frau von Volanges, und der Haß ist immer scharfsichtiger und ingeniöser als die Freundschaft. Die sämtliche Tugend Ihrer alten Tante wird die nicht dazu bringen, von ihrem geliebten Neffen schlecht zu sprechen; denn auch die Tugend hat ihre Schwächen. Dann sind Ihre Befürchtungen auch auf durchaus falscher Fährte.

Es ist nicht wahr, daß die Frauen »je älter desto griesgrämiger und strenger werden«. In den Jahren zwischen vierzig und fünfzig macht die Verzweiflung, ihr Gesieht verwelken zu sehen, die Wut, sich verpflichtet zu sehen, Ansprüche und Freuden aufgeben zu müssen, an denen sie noch hängen, fast alle Frauen säuerlich und mißlaunig. Diesen langen Zeitraum brauchen sie, um dieses große Opfer zu bringen. Aber sobald es vollbracht ist, teilen sich die alten Frauen in zwei Klassen.

Die zahlreichere, die der Frauen, die nur ihr Gesicht und ihre Jugend für sich hatten, verfällt in eine stumpfe Apathie, aus der sie sich nur zum Spiel und zur Kirche aufraffen; diese Weiber sind immer langweilig und brummig, oft schwer zu behandeln, aber sehr selten boshaft. Man kann auch nicht sagen, daß diese Frauen streng oder nicht streng sind. Ohne Gedanken und ohne eigene Existenz wiederholen sie wähl- und verständnislos, was sie sagen hören und sind für sich selber so gut wie nichts.

Die andere, die viel seltenere, aber wirklich wertvollere Klasse ist die jener alten Frauen, die einen Charakter gehabt und nicht versäumt haben, ihrem Hirn was zu tun zu geben, sich so ein Lebensinteresse zu schaffen wissen, wenn das natürliche Leben hinfällt, und die ihren Schmuck nun auf den Geist verwenden müssen, wie vorher auf ihre Gestalt. Solche Frauen haben gewöhnlich ein sehr gesundes Urteil, einen gediegenen und dabei heiteren und graziösen Geist. Sie ersetzen die verführerischen Reize durch anziehende Güte und durch eine Munterkeit, deren Zauber mit dem Alter zunimmt. Auf diese Weise gelingt ihnen eine gewisse Annäherung an die Jugend dadurch, daß sie sich bei ihr beliebt machen. Dann aber sind sie weit entfernt davon »griesgrämig und streng« zu sein, wie Sie sagen. Die gewohnte Nachsicht, ihr langes Nachdenken über die menschliche Schwäche, und besonders die Erinnerungen an ihre Jugend, durch die allein sie noch mit dem Leben zusammenhängen, stimmen sie eher zu einer leichten, ja beinah leichtsinnigen Auffassung des Lebens.

Ich kann Ihnen endlich noch sagen, daß ich immer die alten Frauen aufgesucht habe, deren Nützlichkeit ich beizeiten erkannte, und mehrere unter ihnen fand, zu denen mich ebenso Neigung führte wie mein Vorteil. Genug; denn da Sie jetzt so schnell und so moralisch entbrennen, hätte ich Angst, Sie könnten sich plötzlich in Ihre alte Tante verlieben, und sich mit ihr in die Gruft vergraben, in der Sie ohnedies schon so lange leben. Also kehren Sie zurück.

Trotz all Ihrem Entzücken über Ihre kleine Schülerin glaube ich doch nicht, daß sie irgendeine Rolle in Ihren Plänen spielen kann. Sie fanden sie unter der Hand und haben sie genommen: sehr schön! Aber das kann doch nicht etwas sein. Es ist doch nicht einmal, um die Wahrheit zu sagen, ein wirklicher Genuß: Sie besitzen doch nichts weiter als ihren Körper! Ich spreche nicht von ihrem Herzen, an dem Ihnen, wie ich annehme, kaum was liegt; aber Sie beschäftigen nicht einmal ihren kleinen Kopf. Ich weiß nicht, ob Sie das bemerkt haben, aber ich habe den Beweis dafür in ihrem letzten Briefe an mich, und den ich Ihnen schicke, damit Sie selbst urteilen. Sehen Sie nur, wenn sie von Ihnen spricht, heißt es immer »Herr von Valmont«; all ihre Gedanken, selbst die, die Sie ihr geben, gehen immer nur auf Danceny. Und den nennt sie nicht Herr, da sagt sie stets nur »Danceny«. Dadurch unterscheidet sie ihn von allen andern; und selbst wenn sie sich Ihnen hingibt, – vertraulich ist sie nur mit ihm. Wenn ein solcher Sieg Ihnen »verführerisch« vorkommt, wenn die Freuden, die sie Ihnen gewährt Sie fesseln, dann sind Sie sicher recht bescheiden und wenig schwer zufrieden zu stellen! Daß Sie sie behalten, dagegen habe ich ja nichts: das trifft sogar mit unsern Absichten zusammen. Aber mir scheint, das ist nicht wert, daß man sich auch nur eine Viertelstunde lang derangiert; man muß auch einige Gewalt über sie haben, und ihr zum Beispiel erst dann den Danceny erlauben, wenn man ihn bei ihr etwas mehr in Vergessenheit gebracht hat.

Bevor ich Schluß mache, mich mit Ihnen zu beschäftigen, um von mir zu erzählen, will ich Ihnen nur noch sagen, daß das Mittel des Krankseins, das Sie da anwenden, ein recht bekanntes und recht verbrauchtes Mittel ist. Wirklich, Vicomte, Sie sind nicht sehr erfinderisch! Ich wiederhole mich ja auch manchmal, wie Sie sehen werden, aber ich suche mich an den Details schadlos zu halten, und dann rechtfertigt mich immer der Erfolg. Ich will wieder nach einem Erfolg langen und ein neues Abenteuer bestehen. Ich gebe gern zu, daß es nicht das Verdienst der Schwierigkeit haben wird, aber es wird wenigstens eine Zerstreuung sein, und ich langweile mich zum Sterben.

Ich weiß nicht, warum mir seit dem Abenteuer mit Prévan dieser Belleroche so unausstehlich geworden ist. Er hat derart zugenommen an Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit und »Verehrung«, daß ich es schon nicht mehr aushalte. Seine Rage hatte mir im ersten Moment Spaß gemacht; aber ich mußte ihn doch wohl besänftigen, denn es hätte mich bloßgestellt, wenn ich ihn hätte machen lassen; und es wollte und wollte nicht gelingen, ihn zur Vernunft zu bringen. Ich versuchte es also mit noch mehr Liebe, um auf diese Weise leichter mit ihm fertig zu werden. Er aber nahm das ernst, und seit der Zeit treibt er es zu arg mit seiner ewigen Verzückung. Besonders ärgert mich das beleidigende Vertrauen, das er mir schenkt, und die Sicherheit, mit der er mich als ihm fürs Leben gehörend betrachtet. Ich fühle mich davon ganz gedemütigt. Er schätzt sich wirklich sehr gering ein, da er sich für wertvoll genug hält, mich zu fesseln! Sagt er mir nicht unlängst, ich würde nie einen andern lieben als ihn! Ich hatte in dem Augenblick wirklich alle meine Vorsicht nötig, um ihn nicht auf der Stelle aus seinem Wahn zu reißen, und ihm zu sagen, wie es damit steht. Wirklich ein amüsanter Herr, dafür, daß er ein ausschließliches Recht beansprucht! Ich gebe zu, daß er gut gewachsen ist und ein ganz hübsches Gesicht hat; aber alles in allem ist er doch nur ein Handwerker in der Liebe. Kurz und gut, der Moment ist da, wo wir uns trennen müssen.

Ich versuche es schon seit vierzehn Tagen, und habe abwechselnd Kälte, Launen, Gereiztheit und Streit angewandt; aber dieser zähe Mensch ist nicht los zu bekommen; man muß also ein gewaltsames Mittel anwenden; dazu nehme ich ihn mit auf mein Landgut. Wir reisen übermorgen. Mit uns werden nur noch ein paar unbeteiligte, wenig scharfsichtige Leute sein, und wir werden dort ebensoviel Freiheit haben, als wären wir allein. Und da will ich ihn dermaßen mit Zärtlichkeiten und Liebe überhäufen, wir werden dort so sehr und nichts als füreinander leben, daß ich jede Wette halte: er wird mehr als ich das Ende dieser Reise herbeisehnen, von der er sich so viel Vergnügen verspricht; und wenn ich bei der Rückkehr ihn nicht mehr langweile als er mich, dann dürfen Sie sagen, ich verstehe nicht mehr als Sie.

Der Vorwand für diese Art Weltflucht ist, daß ich mich ernstlich mit meinem großen Prozesse beschäftigen will, der wirklich Ende des Winters seinen Abschluß in einem Urteil finden soll. Ich bin sehr froh darüber, denn es ist wirklich recht unangenehm, sein ganzes Vermögen so in der Luft zu haben. Nicht daß ich mir über den Ausgang Sorgen mache; erstens bin ich im Recht, was mir auch alle meine Advokaten versichern; und wäre ich's auch nicht, so müßte ich schon recht ungeschickt sein, wenn ich es nicht verstände, einen Prozeß zu gewinnen, wo ich zu Gegnern nur Minderjährige und deren alten Vormund habe! Da man aber in einer so wichtigen Angelegenheit nichts versäumen soll, werde ich zwei Advokaten haben. Scheint Ihnen diese Reise nicht lustig? Wenn sie mich meinen Prozeß gewinnen und Belleroche verlieren läßt, will ich meine Zeit nicht bereuen.

Und jetzt, Vicomte, erraten Sie den Nachfolger. Also schön, ich weiß ja doch, daß Sie nie was erraten. Also es ist Danceny. Sie sind erstaunt, nicht wahr? Denn schließlich bin ich noch nicht auf Kindererziehung angewiesen. Aber dieses Kind verdient, daß man eine Ausnahme mit ihm macht; es hat nur die Anmut von der Jugend und nicht ihren Leichtsinn. Seine große Zurückhaltung in der Gesellschaft ist sehr geeignet, alle Verdachtsgründe auszuschließen, und man findet ihn im vertraulichen Zusammensein mit ihm unter vier Augen nur noch liebenswürdiger. Ich habe ja zwar noch keine solche Unterhaltungen mit ihm gehabt, ich bin vorläufig nur erst seine Vertraute; aber unter diesem Schleier der Freundschaft sehe ich ihm ein sehr lebhaftes Gefallen an mir an und fühle, daß auch ich etwas an ihm zu finden anfange. Es wäre wirklich schade, wenn so viel Geist und Delikatesse geopfert würden und in Dummheit bei dieser kleinen albernen Volanges untergingen! Ich glaube, er täuscht sich selber, wenn er sie zu lieben meint. Sie ist ihn doch auch wirklich nicht wert! Ich bin ja nicht eifersüchtig auf sie, aber es wäre der reine Mord, und davon will ich Danceny retten. Ich bitte Sie also, mein lieber Vicomte, Sorge zu tragen, daß er »seiner Cecile« – wie er sie in übler Gewohnheit noch nennt – nicht näher kommt. Eine erste Liebe hat immer mehr Macht als man glaubt, und ich wäre nicht ruhig, wenn er sie jetzt wiedersähe, besonders während meiner Abwesenheit. Bei meiner Rückkunft nehme ich alles auf mich und stehe dafür.

Ich habe ja auch daran gedacht, den jungen Mann mitzunehmen, aber ich brachte meiner gewohnten Vorsicht diese Lust zum Opfer; und dann wäre ich in Sorge gewesen, daß er doch etwas zwischen Belleroche und mir bemerkt hätte, und ich wäre in Verzweiflung, wenn er die geringste Ahnung davon hätte. Ich will mich wenigstens seiner Phantasie rein und ohne Makel bieten, so wie ich sein müßte, um seiner wirklich würdig zu sein.

Paris, den 15. Oktober 17..

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