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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundelfter Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

»Mächte des Himmels, ich hatte eine Seele für den Schmerz, gebt mir eine für das Glück!« Ich glaube, so drückt sich der zärtliche Saint-Preux in der neuen Heloise aus. Besser beteilt als er, besitze ich gleichzeitig beide Daseinsformen. Ja, meine Freundin, ich bin zu gleicher Zeit sehr glücklich und sehr unglücklich; und da Sie mein volles Vertrauen haben, schulde ich Ihnen den Doppelbericht meiner Leiden und meiner Freuden.

Erfahren Sie also, daß meine undankbare Nonne mich noch immer sehr streng hält. Ich habe schon den vierten zurückgekommenen Brief. Vielleicht ist's falsch, den vierten zu sagen; denn da ich schon bei der ersten Rücksendung richtig erriet, daß ihr noch viele andere folgen würden, und meine Zeit damit nicht verlieren wollte, wählte ich den Ausweg, meine Epistel in Gemeinplätzen abzufassen, und nicht zu datieren; und seit der zweiten Post geht immer derselbe Brief hin und her; ich wechsle nur jedesmal den Umschlag. Wenn meine Schöne schließlich, wie endlich alle Schönen, eines Tages wenigstens aus Ermüdung weich wird, dann behält sie das Schreiben, und dann ist immer noch Zeit genug, das Versäumte nachzuholen. Sie begreifen, daß ich bei dieser neuen Art von Korrespondenz nicht vollkommen unterrichtet sein kann.

Ich habe aber doch herausbekommen, daß die leichtsinnige Person ihre Vertraute gewechselt hat; wenigstens habe ich mich vergewissert, daß, seit sie vom Schloß weg ist, kein einziger Brief an Frau von Volanges kam, dagegen zwei für die alte Rosemonde; und da diese uns nichts darüber gesagt hat, und den Mund von »ihrer lieben Schönen« nicht mehr öffnet, von der sie vorher in einem fort redete, so schloß ich daraus, daß nun sie das Vertrauen besitzt. Ich vermute, daß einerseits das Bedürfnis von mir zu sprechen, auf der andern die kleine Scham vor Frau von Volanges, auf ein Gefühl zurückzukommen, das sie so lange leugnete, diese große Umwälzung hervorgerufen haben. Ich fürchte bei diesem Wechsel aber doch noch zu verlieren, denn je älter die Frauen werden, desto griesgrämiger und strenger werden sie. Die erste hätte ihr wohl mehr Schlechtes über mich gesagt, – aber die jetzige wird ihr mehr Schlimmes von der Liebe sagen; und die empfindsame Spröde hat mehr Angst vor dem Gefühl als vor der Person.

Das einzige Mittel, wieder ins Bild zu kommen, ist, wie Sie sehen, den heimlichen Briefwechsel abzufangen. Ich habe meinem Jäger schon Befehle geschickt und erwarte tagtäglich die Ausführung. Bis dahin kann ich alles nur dem Zufall überlassen; deshalb gehe ich auch seit acht Tagen vergebens alle bekannten Mittel durch, alle die aus den Romanen und die aus meinen geheimen Memoiren. Ich finde keines, das passen würde, weder auf die Umstände dieses Abenteuers, noch auf den Charakter der Heldin. Schwierigkeit bestände keine, mich, sogar nachts, bei ihr einzuschleichen, sie sogar einzuschläfern und eine neue Clarisse aus ihr zu machen; aber nach mehr als zwei Monaten der Sorgen und Mühen zu Mitteln zu greifen, die nicht von mir sind! ... Auf den Spuren anderer zu gehen, und ruhmlos siegen ... nein! Sie soll nicht »die Freuden des Lasters und die Ehren der Tugend« haben, wie es in der gleichen Neuen Heloise heißt. Es genügt mir nicht, sie zu besitzen, ich will, daß sie sich mir ausliefert. Dazu muß ich aber nicht nur bis zu ihr dringen, sondern auf ihren Wunsch hingelangen; sie allein finden und geneigt mich anzuhören; sie insbesondere über die Gefahr hinwegtäuschen, denn wenn sie sie sieht, wird sie es verstehen, darüber wegzukommen oder zu sterben. Aber je besser ich weiß, was tun, desto schwerer finde ich die Ausführung; und sollten Sie sich auch wieder über mich lustig machen, so muß ich Ihnen doch gestehen, daß meine Verlegenheit in demselben Maße wächst wie mein Eifer.

Der Kopf würde, glaube ich, mit mir durchgehen, ohne die sehr erwünschten Zerstreuungen, die ich bei unserem gemeinsamen Mündel finde. Ihr verdanke ich, daß ich noch etwas anderes machen kann als Elegien.

Würden Sie es glauben, daß dieses kleine Mädchen dermaßen scheu gemacht war, daß es ganze drei Tage dauerte, bis Ihr Brief den gewünschten Effekt hervorgebracht hatte? So kann ein einziger falscher Begriff das glücklichste Naturell verderben.

Erst am Samstag begann man wieder, um mich herum zu kreisen und hat mir ein paar Worte zugeflüstert, noch dazu so leise und so von Scham erstickt, daß ich sie unmöglich verstehen konnte. Aber die Röte, die sie hervorbrachten, ließ mich den Sinn erraten. Bis dahin war ich stolz geblieben; aber erweicht durch eine so drollige Reue, versprach ich gütig, die hübsche Büßerin am selben Abend noch aufzusuchen; und diese Gnade meinerseits wurde mit all der Dankbarkeit entgegengenommen, die man einer solchen Wohltat schuldet.

Da ich niemals weder Ihre Pläne noch die meinen außer Auge lasse, habe ich beschlossen, bei dieser Gelegenheit den absoluten Wert dieses Kindes herauszubekommen und auch ihre Erziehung etwas zu beschleunigen. Um aber diese Arbeit ungestörter verrichten zu können, mußte ich unsere Zusammenkunft an einen andern Ort verlegen; denn das Kabinett, das allein das Zimmer Ihres Mündels von dem ihrer Mutter trennt, konnte ihr nicht genug Sicherheitsgefühl einflößen, um sich nach aller Herzenslust zu entfalten. Ich hatte mir also vorgenommen, »aus Versehen« etwas Geräusch zu machen und ihr dadurch hinlänglich Furcht, daß sie sich bestimmen ließ, künftig ein sichereres Asyl zu suchen – welche Mühe sie mir sogar ersparte.

Die kleine Person lacht gern, und um ihre Lustigkeit in Gang zu bringen, kam mir die Idee, ihr in den Zwischenakten alle Skandalgeschichten zu erzählen, die mir einfielen; und um die Histörchen pikanter zu machen, und die Aufmerksamkeit der Kleinen besser zu fixieren, setzte ich sie alle auf Rechnung ihrer Mama und verzierte die höchst vergnügt mit allen Lächerlichkeiten und Lastern.

Ich hatte nicht ohne Grund diesen Modus gefunden; er ermutigte meine schüchterne Schülerin besser als irgend anderes, und flößte ihr zugleich die tiefste Verachtung für ihre Mutter ein. Ich habe schon lange die Bemerkung gemacht, daß wenn auch dieses Mittel nicht immer nötig ist, um ein junges Mädchen zu verführen, es doch unumgänglich und oft geradezu das wirksamste ist, wenn man sie verderben will. Denn eine, die ihre Mutter nicht achtet, wird sich selbst auch nicht achten, und diese moralische Tatsache halte ich für so nützlich, daß ich froh war, ein Beispiel zur Stütze der Regel zu liefern.

Ihr Mündel jedoch dachte nicht an die Moral, und erstickte vor Lachen jeden Augenblick. Und schließlich wäre sie einmal fast laut hinausgeplatzt. Es war mir nicht schwer, ihr weiß zu machen, sie habe einen großen Lärm gemacht. Ich heuchelte einen großen Schrecken, den sie ohne weiteres teilte. Damit sie ihn besser im Gedächtnis behielte, brach ich das Vergnügen ab, und verließ sie drei Stunden früher als gewöhnlich. Deshalb beschlossen wir auch beim Abschied, uns schon vom nächsten Tage ab in meinem Zimmer zu treffen.

Da habe ich sie nun schon zweimal empfangen, und in der kurzen Zeit ist die Schülerin fast so gescheut geworden wie ihr Lehrer. Ja wirklich, ich habe ihr alles beigebracht, sogar die kleinen Gefälligkeiten! Ich habe nur die Vorsichtsmaßregeln ausgenommen.

So des Nachts beschäftigt, gewinne ich vorteilhafterweise für den Tag Zeit zum schlafen; denn die gegenwärtige Schloßgesellschaft hat nichts was mich anzieht, und ich erscheine kaum für eine Stunde im Tag im Salon. Ich habe sogar von heute ab die Einrichtung getroffen, auf meinem Zimmer zu essen, und denke es nur noch für kurze Spaziergänge zu verlassen. Diese Wunderlichkeiten gehen auf Rechnung meiner Gesundheit. Ich habe erklärt, ich wisse nicht mehr aus vor Nervenzufällen, und habe auch etwas von Fieber gesagt. Es kostet mir nur so viel, als daß ich mit etwas langsamer und schwacher Stimme spreche. Was mein etwas verändertes Aussehen betrifft, so verlassen Sie sich ganz auf Ihr Mündel: »Die Liebe wird dafür sorgen«, heißt's in der Komödie.

Meine müßigen Stunden beschäftige ich mich über Wege und Mittel zu sinnen, bei meiner Undankbaren das verlorene Terrain wiederzugewinnen, und auch mit der Abfassung einer Art von Katechismus der Ausschweifung zum Gebrauch meiner Schülerin. Ich amüsiere mich damit, alles darin nur beim technischen Ausdruck zu nennen, und ich lache jetzt schon über das interessante Gespräch zwischen ihr und Gercourt, zu dem der Katechismus den Stoff liefern muß, in der ersten Nacht, der Hochzeitsnacht. Nichts ist komischer als die Naivität, mit der sie jetzt schon das Wenige anwendet, das ihr von dieser Sprache bekannt ist! Sie ahnt nicht, daß man sich auch anders ausdrücken kann. Das Kind ist wirklich verführerisch. Dieser Kontrast der naiven Unschuld und der Ausdrucksweise schamlosester Verworfenheit ist nicht ohne Wirkung; und ich weiß nicht warum, aber es gefällt mir nur noch das Bizarre.

Vielleicht gebe ich mich der Kleinen zu sehr hin, da ich Zeit und Gesundheit daransetze, aber ich hoffe, daß meine fingierte Krankheit, außer daß sie mich vor der Langeweile des Salon rettet, mir auch noch bei meiner Nonne von einigem Nutzen sein wird, deren tigerhafte Tugend sich doch mit so zarter Empfindsamkeit paart! Ich zweifle nicht daran, daß sie von dem großen Ereignis schon unterrichtet ist, und möchte sehr gern wissen, was sie darüber denkt, um so mehr, weil sie, ich wette darauf, sich sicher selbst die Ehre zuschreiben wird. Ich werde mein Befinden nach dem Eindruck regeln, den es auf sie macht.

Nun sind Sie, meine schöne Freundin, in meinen Geschäften auf dem Laufenden, so gut wie ich selber. Ich wollte, ich könnte Ihnen bald Interessanteres melden, und bitte Sie, zu glauben, daß ich bei dem Vergnügen, das ich mir davon verspreche, die Belohnung, die ich von Ihnen erwarte, sehr hoch anschlage.

Schloß . . ., den 11. Oktober 17..

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