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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hunderundzehnter Brief

Cecile Volanges an die Marquise von Merteuil.

Ich habe erst heute, gnädige Frau, den Brief, den Sie zu schreiben mir die Ehre machten, Herrn von Valmont übergeben. Ich habe ihn vier Tage lang behalten, trotz der Angst, die ich oft hatte, daß man ihn bei mir finden könne. Aber ich versteckte ihn sehr sorgfältig, und wenn der Kummer mich wieder packte, schloß ich mich ein und las ihn. Ich sehe wohl, daß das, was mir als ein so großes Unglück vorkam, fast gar keins ist; und ich muß gestehen, daß es auch viel Vergnügen macht, so daß ich fast nicht mehr betrübt darüber bin. Nur der Gedanke an Danceny quält mich noch manchmal. Aber es kommt schon vor, daß ich eine ganze Zeit überhaupt nicht mehr an ihn denke. Herr von Valmont ist aber auch sehr liebenswürdig.

Ich habe mich seit zwei Tagen mit ihm wieder versöhnt, und das ging ganz leicht; denn ich hatte ihm erst zwei Worte gesagt, da sagte er mir, wenn ich ihm etwas zu sagen habe, werde er abends in mein Zimmer kommen, und ich habe nur zu antworten gebraucht, daß es mir recht sei. Und wie er dann da war, schien er so wenig böse, als wenn ich ihm niemals was getan hätte. Erst später hat er mich und auch nur ganz sanft ausgezankt – und so auf eine Art ... ganz wie Sie; was mir beweist, daß er auch Freundschaft für mich hat.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was alles für komische Sachen er mir erzählt hat, und die ich nie geglaubt hätte – besonders über Mama. Sie würden mir einen großen Spaß machen, wenn Sie mich wissen ließen, ob das alles wahr ist. So viel ist sicher, daß ich mit Lachen nicht an mich halten konnte, und einmal laut hinauslachte, was uns viel Angst bereitet hat; denn Mama hätte das hören können; und wenn sie gekommen wäre nachsehen, was wäre dann aus mir geworden? Sicher wäre ich diesmal sofort ins Kloster gesteckt worden.

Da man vorsichtig sein muß, und Herr von Valmont mir selbst sagte, daß er um nichts in der Welt Gefahr laufen möchte, mich zu kompromittieren, so haben wir abgemacht, daß er in Zukunft mir nur die Türe aufmachen will, und wir dann in sein Zimmer gehen. Da ist dann nichts zu befürchten. Ich war gestern schon dort, und jetzt, da ich Ihnen schreibe, warte ich wieder auf ihn, daß er kommt. Nun werden Sie mich, liebe gnädige Frau, wohl nicht mehr auszanken.

Eines aber hat mich in Ihrem Briefe doch sehr in Erstaunen gesetzt, nämlich was Sie mir für die Zeit, wo ich verheiratet bin, in bezug auf Danceny und Herrn von Valmont sagen. Mir scheint, Sie sagten mir eines Tages in der Oper im Gegenteil, daß wenn ich erst einmal verheiratet wäre, ich nur noch meinen Mann lieben dürfte und sogar Danceny vergessen müßte. Vielleicht habe ich aber falsch verstanden, und es ist mir auch lieber, wenn es anders ist, weil ich jetzt vor der Heirat nicht mehr so große Angst habe. Ich wünsche den Augenblick sogar, da ich dann ja freier sein werde, und hoffe, daß ich es dann so einrichten kann, nur mehr an Danceny zu denken. Ich fühle wohl, wirklich glücklich werde ich nur mit ihm sein; denn jetzt quält mich der Gedanke an ihn immer, und ich bin nur wirklich glücklich, wenn ich es fertig bringe, nicht an ihn zu denken, was sehr schwer ist; und sobald ich an ihn denke, werde ich sofort wieder bekümmert.

Was mich ein wenig tröstet, ist, daß Sie mir versichern, Danceny werde mich deshalb nur um so mehr liebhaben – aber sind Sie auch dessen ganz sicher? ... O ja, Sie werden mich nicht täuschen wollen! Es ist aber doch komisch, daß ich Danceny liebe und daß Herr von Valmont ... Aber vielleicht ist es, wie Sie sagen, ein Glück! Nun, wir werden ja sehen.

Ich habe das nicht recht verstanden, was Sie mir über meine Art zu schreiben sagen. Mir scheint, daß Danceny meine Briefe gut findet, so wie sie sind. Ich fühle aber wohl, daß ich nichts zu ihm von dem sagen darf, was mir mit Herrn von Valmont passiert ist, und so brauchen Sie keine Angst zu haben.

Mama hat noch nicht von meiner Heirat mit mir gesprochen; aber lassen Sie mich nur machen; wenn sie mit mir davon spricht, und nur um mich zu fangen, so verspreche ich Ihnen, daß ich dann ganz gut lügen kann.

Adieu, gute Freundin; ich danke Ihnen vielmals und verspreche Ihnen, daß ich niemals all Ihre Güte für mich vergessen werde. Ich muß schließen, denn es ist fast ein Uhr, und da muß Herr von Valmont gleich kommen.

Schloß . . ., den 10. Oktober 17..

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