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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundsiebenter Brief

Die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont.

Ausgezeichnet, Vicomte, und dieses Mal liebe ich Sie sehr! Übrigens konnte man sich, nach dem ersten Ihrer beiden Briefe, den zweiten so erwarten. Darum hat er mich nicht überrascht. Und während Sie schon ganz stolz auf Ihre künftigen Erfolge von mir die Belohnung verlangten und mich fragten, ob ich bereit sei, sah ich wohl, daß ich nicht nötig hätte, mich so sehr zu beeilen. Auf Ehre, mein lieber Valmont, bei der Lektüre Ihres schönen Berichtes von der zärtlichen Szene, die Sie so »lebhaft bewegte«, – beim Anblick Ihrer Zurückhaltung, würdig der schönsten Zeit unseres Rittertums, da sagte ich mir zwanzigmal: Das ist eine verpaßte Sache.

Es konnte doch auch gar nicht anders sein. Was soll denn eine arme Frau tun, die sich ergibt, – und die man nicht nimmt? Mein Gott, in einem solchen Fall muß man wenigstens die Ehre retten, und das hat Ihre Präsidentin getan. Ich weiß nur so viel, daß ich herausfühle, daß der Weg, den sie nahm, wirklich nicht ohne einige Wirkung ist; ich nehme mir vor, ihn selber zu benutzen bei der ersten einigermaßen ernsthaften Gelegenheit, die sich mir bietet. Aber das verspreche ich, wenn der, für den ich mich in diese Auslagen stürze, nicht besser davon profitiert als Sie, so kann er auf mich sicher für immer verzichten.

Jetzt sind Sie also schlechterdings auf nichts reduziert. Und das zwischen zwei Frauen, von denen die eine schon beim andern Tag angelangt war, und die andere nichts sehnlicher verlangte, als auch schon so weit zu sein! Ich bitte! Sie werden sagen, ich prahle, und werden sagen, es sei leicht hinterher zu prophezeien, – aber ich kann Ihnen schwören, daß ich das erwartete. In Wahrheit haben Sie nämlich nicht die geringsten Anlagen für Ihren Beruf; Sie wissen davon nur so viel, wie Sie gelernt haben, und erfinden nichts. Sobald daher die Umstände zu Ihren gelernten Formeln nicht mehr passen und Sie von der gewohnten Straße abweichen müssen, bleiben Sie stehen wie ein Schüler. Eine Kinderei von der einen Seite, ein Rückfall in die Prüderie auf der andern sind, weil man das nicht alle Tage erlebt, genug, Sie aus der Fassung zu bringen, und Sie können dem weder vorbeugen, noch sich helfen. Vicomte, Vicomte! Sie lehren mich, die Männer nicht nach Ihren Erfolgen zu beurteilen, und bald wird man von Ihnen sagen müssen: »Er war an einem gewissen Tage tapfer.« Und wenn Sie dann Dummheit auf Dummheit gemacht haben, kommen Sie zu mir! Es sieht fast so aus, als habe ich nichts anderes zu tun, als diese wieder herzurichten. Das wäre allerdings Arbeit genug.

Davon abgesehen, ist von diesen beiden Abenteuern das eine gegen meinen Willen unternommen, und ich mische mich daher nicht hinein. Beim andern hat einige Gefälligkeit für mich hineingespielt, und ich mache darum die Sache zu der meinen. Der Brief, den ich hier beilege, und den Sie erst lesen und dann der kleinen Volanges übergeben mögen, wird mehr als genügen, sie Ihnen wieder zuzuführen. Aber, ich bitte Sie, verwenden Sie etwas Sorgfalt auf dieses Kind, und machen wir gemeinsam daraus die Verzweiflung ihrer Mutter und Gercourts. Man braucht sich nicht zu fürchten vor starken Dosen. Ich sehe klar voraus, daß die Kleine davon nicht in Schrecken geraten wird. Und haben wir unsere Absichten mit ihr erst einmal erreicht, so mag aus ihr werden, was immer kann.

Mich interessiert sie schon nicht mehr. Ich hatte erst Lust, wenigstens eine untergeordnete Intrigantin aus ihr zu machen und sie unter meiner Leitung die zweiten Rollen spielen zu lassen. Aber ich sehe, daß sie nicht das Zeug dazu hat. Eine einfältige Naive ist sie, die nicht einmal dem von Ihnen angewandten Spezifikum nachgab, das doch sonst nicht leicht versagt; und das ist meiner Meinung nach die gefährlichste Krankheit, die eine Frau haben kann. Sie zeigt vor allem eine Charakterschwäche, die fast immer unheilbar und immer im Wege ist, so daß wir, während wir uns bemühen, die dumme kleine Person zur Intrigue auszubilden, aus ihr nur eine leichtsinnige Frau machen würden. Ich kenne nun nichts Platteres, als einen solchen auf Dummheit beruhenden Leichtsinn, der sich ergibt, ohne zu wissen wie und warum, bloß weil jemand angreift, und wo die Frau nicht versteht, sich zu wehren. Solche Frauen sind schlechterdings nichts als Vergnügungsmaschinen.

Sie werden sagen, man brauche weiter nichts aus ihr zu machen, und es sei das für unsere Pläne genug. Ganz richtig! Nur dürfen wir nicht vergessen, daß an solchen Maschinen bald alle Welt die Schwung- und Triebkraft kennt; so daß man, sich dieser ohne Gefahr bedienen zu können, sich beeilen, zur richtigen Stunde aufhören und sie alsdann zerstören muß. An den Mitteln, uns ihrer zu entledigen, wird es uns schon nicht fehlen, und Gercourt wird sie allemal einsperren lassen, sobald wir wollen. Wenn er erst nicht mehr an seinem Unfall zweifeln kann, wenn er erst völlig öffentlich und notorisch ist, was kümmert es dann uns, ob er sich rächt, vorausgesetzt, daß er sich damit abfindet? Was ich von dem Gemahl sage, das denken Sie wohl auch so von der Mutter; also ist die Sache erledigt.

Dieser Weg, den ich für den besten halte, und den zu gehen ich mich entschlossen habe, hat mich bestimmt, die Kleine ein bißchen flinker zu machen, wie Sie aus meinem Briefe sehen werden. Weshalb es auch sehr wichtig ist, daß man ihr nichts Wichtiges in Händen läßt, was uns bloßstellen könnte; ich bitte Sie, darauf zu achten. Diese Vorsicht einmal getroffen, übernehme ich das Moralische, das übrige geht Sie an. Sollten wir aber in der Folge bemerken, daß das naive Fräulein sich bessert, so ist es immer noch Zeit, unsere Pläne zu ändern. Wir hätten uns ja doch den einen oder den andern Tag um das bekümmern müssen; in keinem Falle sind unsere Bemühungen verloren.

Wissen Sie, daß die meine in Gefahr war, verloren zu sein und daß Gercourts Stern fast über meine Klugheit gesiegt hätte? Hat nicht Frau von Volanges einen Moment mütterlicher Schwäche gehabt? Wollte sie nicht ihre Tochter Danceny geben? Eben das bedeutete das zärtlichere Interesse, das Sie »am Tage darauf« bemerkten. Sie wären auch wieder die Ursache dieses schönen Meisterwerkes gewesen! Glücklicherweise hat die zärtliche Mutter mir darüber geschrieben und ich hoffe, meine Antwort bringt sie davon ab. Ich spreche darin so viel Tugend und schmeichle ihr so sehr, daß sie finden muß, ich habe Recht.

Es tut mir leid, daß ich nicht die Zeit hatte, den Brief abzuschreiben, um Sie mit meiner sittlichen Strenge in Entzücken zu versetzen. Sie würden sehen, wie sehr ich die Frauen verachte, die verworfen genug sind, einen Liebhaber zu haben! Es ist so bequem, in Reden streng moralisch zu sein! Das schadet immer nur den andern und geniert uns gar nicht ... Und dann weiß ich ganz genau, daß die gute Dame in ihren jungen Jahren ihre kleinen Schwächen gehabt hat, wie jede andere, und es tat mir nicht leid, sie wenigstens vor ihrem Gewissen zu demütigen; das tröstete mich ein wenig über die Lobsprüche, die ich ihr gegen mein Empfinden erteilte. So gab mir auch in demselben Briefe der Gedanke, Gercourt schaden zu können, den Mut, Gutes von ihm zu reden.

Adieu, Vicomte, ich billige Ihren Entschluß, noch einige Zeit zu bleiben wo Sie sind. Ich habe kein Mittel, Ihnen rascher vorwärts zu helfen, aber ich lade Sie ein, sich mit unserem gemeinsamen Mündel nicht zu langweilen. Was mich betrifft, so sehen Sie wohl ein, daß Sie trotz Ihrer höflichen Vorladung noch warten müssen, und Sie werden zweifellos zugeben, daß die Schuld nicht bei mir liegt.

Paris, den 4. Oktober 17..

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