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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundfünfter Brief

Die Marquise von Merteuil an Frau von Volanges.

Wirklich, meine liebe, gute Freundin, ich habe nur mit Mühe eine Regung des Stolzes unterdrückt, als ich Ihren Brief las. Wie! Sie beehren mich mit Ihrem vollen Vertrauen? Sie gehen sogar so weit, mich um Rat zu bitten! Ach, ich bin wirklich glücklich, wenn ich diese günstige Meinung Ihrerseits verdiene, wenn ich sie nicht nur der Voreingenommenheit der Freundschaft verdanke. Im übrigen, welchen Beweggrund sie auch immer haben mag, sie ist sicher meinem Herzen wertvoll; und sie erlangt zu haben ist in meinen Augen ein Grund mehr, mich noch mehr zu bemühen, sie zu verdienen. So will ich also – ohne Ihnen einen Rat erteilen zu wollen – Ihnen aufrichtig meine Art zu denken sagen. Ich mißtraue ihr, weil sie von der Ihrigen abweicht; aber wenn ich Ihnen meine Gründe gegeben habe, mögen Sie urteilen, und wenn Sie sie verwerfen, so unterschreibe ich im voraus Ihr Urteil. So verständig bin ich, mich nicht für verständiger zu halten, als Sie sind.

Sollte sich jedoch dieses einzige Mal meine Meinung als die bessere erweisen, so wäre davon die Ursache in den Selbsttäuschungen der mütterlichen Liebe zu suchen. Da dieses Gefühl edel ist, muß es in Ihnen liegen. Und wie deutlich wird es in dem Entschluß, den zu treffen Sie versucht sind! Wenn Sie einmal irren, so immer nur bei der Wahl unter Tugenden.

Die Vorsicht ist, wie mir scheint, die Tugend, der man den Vorzug geben muß, wenn man über die Geschicke anderer verfügt, besonders wenn es sich darum handelt, sie mit einem heiligen und unlösbaren Bande zu binden, wie der Ehe. Da muß eine kluge und liebende Mutter, wie Sie so gut sagen, ihrer Tochter »mit ihrer Erfahrung beistehen«. Jetzt frage ich Sie, was hat sie da anderes zu tun, als für die Tochter zu unterscheiden, zwischen dem, was gefällt und dem, was sich gehört?

Hieße es nicht die mütterliche Autorität herabsetzen, ja zunichte machen, wenn man sie einer frivolen Neigung unterordnete, deren trügerische Macht nur denen fühlbar wird, die sie fürchten, und die sofort verschwindet, sobald man sie verachtet? Ich gestehe für meinen Teil, ich habe nie an diese hinreißenden und unwiderstehlichen Leidenschaften geglaubt, aus denen man, wie mir scheint, nach öffentlicher Übereinkunft unsere regellosen Sitten entschuldigt. Ich begreife nicht, wie eine Neigung, die ein Augenblick entstehen, ein anderer vergehen sieht, mehr Kraft haben soll als die unveränderlichen Grundsätze der Scham, der Ehrbarkeit und der Bescheidenheit, und ich verstehe es auch nicht, wie eine Frau, die gegen diese sich vergeht, sollte gerechtfertigt werden können durch ihre angebliche Leidenschaft, etwa wie ein Dieb durch die Leidenschaft für das Geld oder ein Mörder durch die Leidenschaft seiner Rachgier.

Gewiß! Wer kann sagen, daß er niemals zu kämpfen hatte? Aber ich habe mich immer zu überzeugen versucht, daß zum Widerstand es genügt, wenn man ihn will; und bisher wenigstens hat meine Erfahrung meine Meinung bestätigt. Was wäre die Tugend ohne die Pflichten, die sie uns auferlegt? Ihren Kult enthalten unsere Opfer, ihre Belohnung unsere Herzen. Diese Wahrheiten können nur von denen geleugnet werden, die ein Interesse daran haben, die Tugend zu verkennen, und die bereits verdorben einen Moment darüber weg zu täuschen hoffen durch den Versuch, ihre schlechte Aufführung durch schlechte Gründe zu rechtfertigen.

Aber ist das von einem schüchternen, einfachen Kinde zu befürchten? Von einem Kinde, das das Ihrige ist, und dessen glückliches Naturell eine ehrbare und reine Erziehung nur bestärken konnte? Und doch wollten Sie dieser Furcht, ich darf wohl sagen demütigenden Furcht für Ihre Tochter, diese vorteilhafte Heirat opfern, welche Ihre Klugheit ihr verschafft hat? Ich habe Danceny sehr gern, und seit langen sah ich Herrn von Gercourt nicht mehr, wie Sie wissen; aber meine Freundschaft für den einen, meine Gleichgültigkeit gegen den andern verhindern mich nicht, den großen Unterschied zwischen den beiden Partien zu merken.

Ihre Geburt ist gleichwertig, das gebe ich zu; aber der eine ist ohne Vermögen, und das des andern ist so groß, daß es selbst ohne seinen Adel genügt hätte, ihn alles erreichen zu lassen. Ich gebe gern zu, daß das Geld nicht das Glück ausmacht, aber daß es das Glück erleichtert, muß man wohl auch zugeben.

Fräulein von Volanges ist, wie Sie sagen, reich genug für zwei; indes sind sechzigtausend Francs Rente, die sie zu verzehren haben wird, noch nicht so gar viel, wenn man den Namen Danceny trägt, wenn man ein dem Namen würdiges Haus einrichten und unterhalten muß. Wir haben nicht mehr die Zeiten der Frau von Sévigné. Der Luxus verschlingt alles; man tadelt ihn, muß ihn aber mitmachen; und schließlich entzieht einem das Überflüssige das Notwendige.

Was die persönlichen Eigenschaften betrifft, die Sie, und mit Recht, so hoch schätzen, so ist Herr von Gercourt gewiß von der Seite einwandfrei; er hat seine Proben bestanden. Ich will glauben und glaube auch wirklich, daß Danceny ihm da in nichts nachsteht; aber sind wir dessen auch ganz sicher? Es ist wahr, er hat sich bis jetzt von den Fehlern seines Alters frei gehalten und ganz gegen den Tageston so viel Neigung zu der anständigen Gesellschaft gezeigt, daß man günstig über ihn urteilen muß. Aber weiß man denn, ob er diese scheinbare Anständigkeit nicht seinem geringen Vermögen verdankt? Wenn man auch nicht ein Spitzbub sein will, so muß man doch Geld haben, um Spieler oder Wüstling zu sein, und man kann die Fehler noch lieben, deren Übermaß man meidet. Kurz und gut, er wäre nicht der erste, der in der guten Gesellschaft verkehrt, bloß aus Mangel an Besserem.

Ich sage nicht – Gott behüte! – daß ich das alles von ihm glaube; aber daß es so ist, diese Gefahr läuft man doch; und was für Vorwürfe hätten Sie sich nicht zu machen, wenn die Sache nicht glücklich ausginge! Was würden Sie Ihrer Tochter antworten, wenn sie zu Ihnen sagte: »Mutter, ich war jung und ohne Erfahrung; ich ward sogar durch einen in meinem Alter verzeihlichen Irrtum verführt; aber der Himmel hatte meine Schwäche vorausgesehen und mir eine verständige Mutter gegeben, um dem abzuhelfen und mich zu schützen. Warum haben Sie Ihre Vorsicht versäumt und in mein Unglück eingewilligt? War es meine Sache, mir einen Gemahl zu wählen, wo ich nichts von der Ehe verstand? Hätte ich es auch gewollt, war es da nicht an Ihnen, sich dem zu widersetzen? Aber ich habe niemals diese sinnlose Absicht gehabt. Entschlossen, Ihnen zu gehorchen, habe ich Ihre Wahl in ehrfurchtsvoller Ergebenheit abgewartet. Niemals bin ich von dem Gehorsam abgewichen, den ich Ihnen schuldete, und trotzdem erleide ich heute die Strafe, die nur widerspenstige Kinder verdienen. Ihre Schwäche hat mich ins Verderben gestürzt ...« Vielleicht würde sie aus Respekt vor Ihnen diese Klagen unterdrücken, aber die mütterliche Liebe würde sie erraten; auch wenn die Tränen Ihrer Tochter verstohlen flössen, fielen sie doch auf Ihr Herz. Wo würden Sie dann Trost suchen? Vielleicht in dieser tollen Liebe, gegen die Sie sie hätten wappnen sollen, und von der Sie sich im Gegenteil haben verführen lassen.

Ich weiß nicht, meine liebe Freundin, ob ich gegen diese Leidenschaft zu voreingenommen bin; aber ich glaube, die Leidenschaft ist selbst in der Ehe zu fürchten. Nicht daß ich es mißbillige, daß ein ehrbares, zärtliches Gefühl das eheliche Band verschöne und in gewisser Beziehung die Pflichten, die es auferlegt, versüßte; aber es kommt nicht jenem Gefühle zu, dieses Band zu bilden, nicht der Illusion eines Augenblicks, die Wahl unseres Lebens zu bestimmen. Tatsächlich muß man, um zu wählen, vergleichen können; und wie kann man das, wenn uns ein einziger Gegenstand beschäftigt und man selbst den einen nicht einmal kennen kann, so in Rausch und Blindheit befangen wie man ist?

Ich bin, wie Sie sich denken können, mehr Frauen begegnet, die von diesem Übel befallen waren; einige haben Vertrauen zu mir gehabt. Wenn man sie hört, so gibt es keine, deren Geliebter nicht ein vollkommenes Wesen wäre; aber diese schimäre Vollkommenheit besteht nur in ihrer Einbildung. Ihr exaltierter Kopf träumt nur Tugend und Annehmlichkeit, und damit schmücken sie mit Herzensfreude den, den sie vorziehen. Es ist die Draperie eines Gottes, von einem unwürdigen Modell getragen, aber was es auch für eines sei, kaum daß sie es damit bekleidet, so sind sie verliebt in ihr eigenes Werk, sinken davor nieder und beten es an.

Entweder liebt Ihre Tochter Danceny nicht oder sie erlebt eben diese Selbsttäuschung, die beiden gemein ist, wenn ihre Liebe gegenseitig ist. So kommt Ihr Grund, sie auf ewig zu vereinigen, auf die Gewißheit hinaus, daß sie sich nicht kennen, daß sie sich nicht kennen können. Aber, werden Sie mir sagen, kennen Herr von Gercourt und meine Tochter sich denn besser? Gewiß nicht; aber wenigstens täuschen sie sich nicht, sie wissen eben nichts voneinander. Was geschieht zwischen Ehegatten in einem solchen Fall, beide, wie ich annehme, anständige Menschen? Daß jeder den andern studiert, sich ihm gegenüber beobachtet, sucht und bald auch findet, was er von seinem Geschmack und Willen, des gemeinsamen Friedens wegen, aufgeben muß. Diese leichten Opfer bringt man ohne Mühe, weil sie gegenseitig sind und man sie voraussah. Bald werden sie zu Wohltaten bei beiden; und die Gewohnheit, die alle Neigungen stärkt, die sie nicht zerstört, führt nach und nach diese zärtliche Freundschaft herbei, dieses gütige Vertrauen, die gemeinsam mit der Achtung, wie mir scheint, das wahre, solide Glück der Ehe bilden.

Diese Selbsttäuschungen der Liebe mögen köstlicher sein, wer aber weiß nicht, daß sie auch weniger dauerhaft sind? Und welche Gefahr bringt nicht der Moment mit sich, der sie zerstött? Dann erscheinen die kleinsten Fehler unerträglich durch den Gegensatz zu jener Vollkommenheitstäuschung, die uns verführte. Jeder der beiden Gatten glaubt doch, der andere habe sich geändert, er sei immer der gleiche geblieben, sei noch immer gleich viel wert, wie er in einem Augenblick des Irrtums geschätzt wurde. Den Reiz, den er nicht mehr empfindet, wundert er sich, daß er ihn im andern nicht mehr hervorruft. Er fühlt sich davon bedrückt. Die verwundete Eitelkeit verbittert die beiden, vermehrt ihr Unrecht noch schlimmer, erzeugt schlechte Laune, gebiert den Haß; und ein frivoles Vergnügen wird schließlich mit langwährendem Unglück bezahlt.

So denke ich, meine liebe Freundin, über die Sache, die uns beschäftigt. Ich verteidige sie nicht, ich setze sie nur auseinander: die Entscheidung steht bei Ihnen. Wenn Sie aber auf Ihrer Meinung bestehen bleiben, so möchte ich um die Gründe bitten, die gegen die meinen gesprochen haben. Ich wäre glücklich, wenn ich von Ihnen lernte, und besonders, wenn ich über das Los Ihres lieben Kindes beruhigt würde, dessen Glück ich aufs herzlichste wünsche, da ich ja nicht nur die Freundin Ihrer Tochter bin, sondern die Ihre fürs Leben.

Paris, den 4. Oktober 17..

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