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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertunddritter Brief

Frau von Tourvel an Frau von Rosemonde.

Sie werden sehr erstaunt sein, gnädige Frau, wenn Sie hören, daß ich so eilig Ihr Haus verließ. Dieser Schritt wird Ihnen sehr sonderbar vorkommen. Aber wie wird Ihr Erstaunen erst wachsen, wenn Sie die Gründe davon erfahren! Vielleicht werden Sie finden, indem ich sie Ihnen anvertraue, daß ich die Ihrem Alter gebotene Ruhe nicht genügend respektiere, ja, daß ich sogar von den Gefühlen der Verehrung mich entferne, die Ihnen mit so viel Recht zukommen. Ach, gnädige Frau, verzeihen Sie mir! Aber mein Herz ist beschwert, es hat das Bedürfnis, seinen Schmerz in den Busen einer so sanften wie klugen Freundin auszuschütten – welche andere als Sie könnte ich wählen? Betrachten Sie mich als Ihr Kind. Lassen Sie mir Ihre mütterliche Güte zuteil werden, ich bitte Sie darum. Ich habe vielleicht durch die Gefühle, die ich für Sie empfinde, einiges Anrecht darauf.

Wo ist die Zeit, da ich, ganz diesem schönen Gefühle hingegeben, die nicht kannte, die diese meine tödliche Verwirrung mir in die Seele tragen, und einem Kraft, sie zu bekämpfen, nehmen, was einem die Pflicht doch auferlegt? Ach! diese verhängnisvolle Reise war mein Verderben!...

Was soll ich Ihnen sagen? Ich liebe, ja, ich liebe zum Verzweifeln. Ach! dieses Wort, das ich zum erstenmal schreibe, dies so oft erbetene und nicht gewährte Wort, ich möchte mein Leben dafür geben, es nur einmal den hören zu lassen, der es mir einflößt – und doch muß ich es immerfort verweigern! Er wird nun wieder an meinen Gefühlen zweifeln, wird glauben, daß er sich zu beklagen habe. Ach, bin ich unglücklich! Warum ist es ihm nicht ein ebenso Leichtes, in meinem Herzen zu lesen wie darin zu herrschen? Ja, ich würde weniger leiden, wüßte er, was ich leide. Ach selbst Sie, der ich es sage, werden nur eine schwache Vorstellung davon haben.

In wenigen Augenblicken werde ich ihn fliehen und betrüben. Während er sich noch in meiner Nähe glaubt, werde ich schon weit weg von ihm sein. Zur Stunde, da ich ihn täglich zu sehen gewohnt war, werde ich wo sein, wohin er nie kam und wohin zu kommen ich ihm nicht erlauben darf. Schon sind alle meine Vorkehrungen getroffen; alles liegt bereit vor meinen Augen; ich kann sie nirgends hinwenden, wo es mich nicht an diesen traurigen Abschied erinnert. Alles ist bereit, nur ich nicht! Und je mehr mein Herz sich sträubt, desto mehr beweist es mir die Notwendigkeit, mich zu fügen.

Ich werde mich fügen: es ist besser zu sterben als schuldig zu leben. Schon, ich fühle es, bin ich es nur zu sehr. Ich habe nur meine Ehre gerettet, die Tugend ist dahin. Muß ich Ihnen gestehen, was mir wohl bleibt? Ich verdanke es seiner Großmut. Versucht von der Freude, ihn zu sehen, ihn zu hören, von dem süßen Gefühl seiner Nähe, von dem größeren Glück bewegt als das seine: ihm das Glück zu sein, – so war ich ohne Macht, ohne Kraft. Kaum blieb mir welche, um zu kämpfen, – zu widerstehen hatte ich keine mehr. Ich zitterte vor der Gefahr, ohne ihr entfliehen zu können. Ja, da sah er meine Pein und hat Mitleid mit mir gehabt. Wie sollte ich ihn nicht lieben? Ich verdanke ihm viel mehr als mein Leben.

Ach, hätte ich bei ihm nur für mein Leben zu zittern, glauben Sie nicht, daß ich je einwilligen würde, fortzugehen... Was ist mein Leben ohne ihn – wäre ich da nicht glücklich, es zu verlieren? Verdammt zu sein, ewig ihn und mich unglücklich zu machen, mich weder beklagen noch ihn trösten zu dürfen, mich jeden Tag gegen ihn, gegen mich zu verteidigen, ihm mit Vorbedacht Schmerzen zu bereiten, wo ich doch alle meine Sorge seinem Glück weihen möchte – heißt so leben nicht tausendmal sterben? Und doch wird es mein Los sein. Ich werde es aber tragen, ich werde den Mut dazu haben. Sie, die ich zu meiner Mutter erwähle, nehmen Sie diesen Schwur.

Nehmen Sie auch den, daß ich Ihnen nichts, was ich tue, verhehlen will. Nehmen Sie den Schwur, ich bitte Sie darum, wie um eine Unterstützung, deren ich bedarf. So verpflichtet, Ihnen alles zu sagen, werde ich das Gefühl haben, immer in Ihrer Nähe mich zu wähnen. Ihre Tugend wird die meine ersetzen. Ich werde niemals vor Ihnen erröten müssen; und durch diese Macht zurückgehalten, werde ich in Ihnen nicht nur die nachsichtige Freundin und Vertraute meiner Schwäche lieben, nein, ich werde in Ihnen auch den Schutzengel ehren, der mich vor der Schande bewahrt.

Es ist schon genug Schande, daß ich eine solche Bitte tun muß. Verhängnisvolle Wirkung verworrenen Selbstvertrauens! Warum habe ich nicht eher dieser Neigung entgegen gearbeitet, die ich wachsen fühlte? Warum schmeichelte ich mir, ich könnte sie nach meinem Belieben meistern und besiegen? Unsinnig war ich! Ich kannte die Liebe so wenig! Ach, hätte ich sie bedachtsamer bekämpft, vielleicht hätte sie weniger Macht über mich bekommen! Vielleicht wäre dann diese Abreise nicht nötig gewesen, oder ich hätte wenigstens, wäre sie trotzdem nötig geworden, Beziehungen nicht zu zerreißen brauchen, die etwas zu lockern vielleicht genügt hätte! Aber alles so auf einmal verlieren! Und für immer! O meine Freundin! ... Aber was denn! ... Sogar beim Schreiben an Sie verliere ich mich noch zu bösen Wünschen? Fort, fort, daß wenigstens diese unwillkührliche Torheit durch alles, was ich opfere, gebüßt wird.

Leben Sie wohl, meine verehrte Freundin. Lieben Sie mich wie Ihre Tochter, nehmen Sie mich an als eine Tochter, und seien Sie versichert, daß ich trotz meiner Schwäche lieber sterben, als mich Ihrer Wahl unwürdig zeigen will.

Schloß . . ., den 3. Oktober 17.. 1 Uhr nachts.

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