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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertundzweiter Brief

Der Vicomte von Valmont an Azolan, seinen Jäger. (Dem vorhergehenden Briefe beigelegt.)

Da Sie heute früh von hier abreisten, müssen Sie schon sehr dumm sein, daß Sie nicht erfahren haben, Frau von Tourvel reise ebenfalls ab; oder, wenn Sie es gewußt haben, daß Sie mir es nicht meldeten. Was habe ich davon, daß Sie sich für mein Geld mit den Bedienten betrinken, daß Sie die Zeit, die Sie auf meinen Dienst benutzen müßten, damit verbringen, den Angenehmen bei den Kammermädchen zu spielen, wenn ich dann doch nicht besser von dem unterrichtet bin, was vorgeht? Solche Nachlässigkeiten begehen Sie. Aber ich warne Sie. Passiert Ihnen eine einzige solche Nachlässigkeit in dieser Sache, so wird das Ihre letzte in meinem Dienst gewesen sein. Also: Sie müssen mich von allem in Kenntnis setzen, was bei Frau von Tourvel vorgeht; über ihre Gesundheit; ob sie schläft; ob sie heiter oder traurig ist; ob sie oft ausgeht und wohin sie geht; ob sie Leute empfängt, und wer kommt; womit sie ihre Zeit verbringt; ob sie gegen ihre Dienerschaft schlechter Laune ist, besonders gegen jene, die sie mit hierher gebracht hatte; was sie tut, wenn sie allein ist; ob sie, wenn sie liest, in einem fort liest, oder ob sie die Lektüre oft unterbricht, um zu träumen; ebenso wenn sie schreibt. Suchen Sie auch mit dem gut Freund zu werden, der ihre Briefe auf die Post bringt; Bieten Sie sich an, diese Besorgung statt seiner zu machen; und wenn er es annimmt, so lassen Sie nur die Briefe abgehen, die Ihnen belanglos scheinen, und schicken die andern mir, Besonders die an Frau von Volanges, wenn solche darunter sind.

Richten Sie es so ein, daß Sie noch eine Zeitlang der glückliche Liebhaber Ihrer Julie bleiben. Wenn sie einen andern hat, so wie Sie glauben, so bereden Sie sie, daß sie sich unter euch beide teilt und protzen Sie nicht mit einem lächerlichen Zartgefühl; Sie werden sich nur im Falle vieler anderer befinden, die mehr wert sind als Sie. Wenn aber Ihr Teilhaber sich zu dick machen sollte, wenn Sie zum Beispiel bemerkten, daß er Julie tagsüber zu sehr beschäftigt und sie dadurch etwas weniger um ihre Herrin ist, so schaffen Sie ihn auf irgendeine Weise beiseite. Oder fangen Sie Streit mit ihm an. Die Folgen brauchen Sie nicht zu fürchten, ich werde Sie halten. Besonders verlassen Sie das Haus nicht. Mit der Seßhaftigkeit bemerkt man alles und sieht man gut. Wenn der Zufall wollte, daß einer der Leute weggeschickt würde, melden Sie sich, um ihn zu ersetzen, so als ob Sie nicht mehr bei mir im Dienst wären. Sagen Sie in diesem Falle, daß Sie ein ruhigeres, besser geregeltes Haus als das meine suchten. Kurz, trachten Sie, daß man Sie nimmt. Ich behalte Sie nichtsdestoweniger in meinem Dienst während dieser Zeit; es wird so sein wie bei der Herzogin von ***; und später belohnt Sie Frau von Tourvel ebenfalls.

Wenn Sie hinreichend Geschick und Eifer hätten, würden diese Weisungen genügen. Um aber dem einen und dem andern nachzuhelfen, schicke ich Ihnen Geld. Das beiliegende Billett berechtigt Sie, wie Sie sehen, fünfundzwanzig Louisdor bei meinem Bankier zu erheben; denn wahrscheinlich haben Sie nicht einen Heller. Von dieser Summe verwenden Sie was nötig, um Julie zu bestimmen, mit mir einen Briefwechsel anzufangen. Für den Rest lassen Sie die Leute trinken. Richten Sie das so oft wie möglich ein, daß das bei dem Schweizer des Hauses geschieht, damit er Sie gerne kommen sieht. Aber vergessen Sie nicht, daß ich nicht Ihre Trinkgelage und Liebesaffären bezahlen will, sondern Ihre Dienste.

Gewöhnen Sie Julie daran, alles genau zu beobachten und alles zu berichten, auch was ihr unwichtig vorkommt. Besser, daß sie zehn unnötige Seiten schreibt, als eine einzige wichtige vergißt; was uninteressant aussieht, ist es oft nicht. Da ich aber auf der Stelle unterrichtet sein muß, wenn etwas vorkäme, das Ihrer Aufmerksamkeit wert scheint, so schicken Sie, gleich nach Empfang dieses Briefes, Philipp auf den Kommissionsweg per Pferd, damit er in ..., halben Wegs zwischen hier und Paris, Quartier nimmt. Bis auf weiteres soll er dort bleiben. Das ist im Notfall eine Station für den Pferdewechsel. Für die laufende Korrespondenz genügt die Post.

Geben Sie acht, daß Sie diesen Brief nicht verlieren. Lesen Sie ihn täglich durch, einmal, um sich zu vergewissern, daß Sie nichts vergessen haben, dann auch, um sicher zu sein, daß Sie ihn noch haben. Tun Sie überhaupt alles, was man tun muß, wenn man mit meinem Vertrauen geehrt ist. Sie wissen, wenn ich mit Ihnen zufrieden bin, werden Sie es auch mit mir sein.

Schloß . . ., den 3. Oktober 17..

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