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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hunderunderster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Ich bin betrogen, verraten, verloren und verzweifelt – Frau von Tourvel ist abgereist! Sie ist abgereist, und ich wußte es nicht! Und ich war nicht da, konnte mich ihrer Abreise nicht widersetzen, ihr diesen gemeinen Verrat nicht vorwerfen! Ah! Glauben Sie ja nicht, ich hätte sie reisen lassen. Sie wäre geblieben! Ja, ja, sie wäre geblieben, und wenn ich hätte Gewalt brauchen müssen. Und was war? In meiner leichtgläubigen Sicherheit schlief, schlief ich ruhig. Ich schlief, und der Blitz schlug in mich ein. Nein, ich fasse es nicht. Ich muß es aufgeben, die Frauen kennen zu Wollen.

Wenn ich an den gestrigen Tag denke! Was Tag, noch den Abend! Dieser Blick! Und diese Stimme! Und der Händedruck! Und während dieser ganzen Zeit dachte sie nichts als Flucht! O, Frauen, Frauen! Beklagt euch noch, wenn man euch betrügt! Ja, ja, jede Treulosigkeit, die man euch antut, ist ein Raub an euch.

Welche Wonne wird mir die Rache sein! Ich werde sie wiederfinden, diese Treulose. Ich werde sie wieder in meine Macht bekommen. Wenn schon die Liebe allein mir solche Mittel gab, was wird sie erst mit Hilfe der Rache fertig bringen! Ich sehe sie auf den Knien, zitternd und in Tränen, um Gnade flehend mit ihrer trügerischen Stimme, und ich werde ohne Mitleid sein, ich werde ohne Mitleid sein.

Was tut sie jetzt? Was denkt sie? Vielleicht bildet sie sich was ein, mich betrogen zu haben« und findet getreu dem Geschmacke ihres Geschlechtes dieses Vergnügen am herrlichsten. Was die so viel gerühmte Tugend nicht fertig brachte, das hat der Geist der List ohne Mühe zustande gebracht. Ich Tor fürchtete ihre Keuschheit, und ihre Unehrlichkeit hätte ich fürchten müssen.

Und muß meine Rachsucht hinunterschlucken! Muß gefühlvollen Schmerz zeigen, wenn mir das Herz voll Wut ist! Muß darauf angewiesen sein, eine widerspenstige Frau zu bitten, die sich meiner Macht entzogen hat! Mußte ich denn so weit gedemütigt werden? Und durch wen? Durch eine schüchterne, ängstliche Frau, die sich nie in Kämpfen geübt hat. Was nützt es mir, daß ich mich in ihrem Herzen festgesetzt, es in Brand gesetzt, die Erregung ihrer Sinne bis zum Wahnsinn getrieben habe, wenn sie in ihrem friedlichen Versteck sich heute stolzer über ihre Flucht vorkommt, als ich über meine Siege? Und ich soll das dulden? Liehe Freundin, Sie glauben das doch nicht, eine solche demütigende Meinung haben Sie nicht von mir.

Aber was für eine Macht kettet mich so an diese Frau? Wünschen sich denn nicht hundert andere meine Liebe? Würden die sich nicht beeilen, sie zu erwidern? Und wenn selbst keine dieser Frau gleichkäme, würde nicht der Reiz der Abwechslung, der neuen Eroberungen, der Glanz ihrer Zahl genug köstliche Freuden bieten? Warum hinter einer herlaufen, die flieht, und die vernachlässigen, die sich bieten? Ah! Warum? Warum? ... Ich weiß es nicht, aber ich empfinde es stark.

Für mich gibt es keine Ruhe und kein Glück mehr anders, als im Besitz dieser Frau, die ich hasse und liebe mit der gleichen Wut. Ich kann mein Los erst dann wieder ertragen, wenn ich das ihre in Händen halte. Dann will ich sie, ruhig und gnädigst meinerseits, den Stürmen preisgegeben sehen, die ich jetzt bestehe. Ich will noch tausend andere aufwecken. Hoffnung und Furcht, Mißtrauen und Sicherheit, alle Übel, die vom Haß erfunden, alle Gnaden, welche die Liebe gewährt – ich will, daß sie ihr Herz erfüllen, und daß sie sich nach meinem Willen darin ablösen. Die Zeit wird kommen .... Aber es wird noch viel Arbeit kosten. Und wie nahe ich gestern daran war! Und wie weit entfernt ich heute davon bin! Wie soll ich wieder näher kommen? Ich trau mich keinen Schritt; ich fühle, um zu einem Entschluß zu kommen, müßte ich ruhiger sein, ganz ruhig, und mir kocht das Blut in den Adern.

Was meine Qual verdoppelt, ist die Kaltblütigkeit, mit der man mir hier auf alle meine Fragen über das Ereignis antwortet, um dessen Ursache, um alles Ungewöhnlichen, das es hat .... Niemand weiß etwas, niemand wünscht etwas wissen zu wollen. Kaum daß man davon gesprochen hätte, hätte ich von was anderem zu reden erlaubt. Frau von Rosemonde, zu der ich lief, als ich heute früh die Nachricht erhielt, antwortete mir mit der ganzen Kälte ihres Alters, daß es die selbstverständliche Folge der gestrigen Unpäßlichkeit der Frau von Tourvel wäre, daß sie eine Krankheit befürchtete und lieber hätte bei sich zu Hause sein wollen. Sie fände das ganz einfach und hätte es ebenso gemacht – als ob sie und die Tourvel was gemeinsam haben könnten! Zwischen ihr, die nur noch zu sterben hat, und der andern, die der Reiz und die Qual meines Lebens ist!

Frau von Volanges, die ich zuerst im Verdacht der Mitschuld hatte, scheint über nichts als darüber gekränkt zu sein, daß sie wegen dieses Schrittes nicht um Rat gefragt worden ist. Ich bin froh, muß ich gestehen, daß sie das Vergnügen nicht hatte, mir zu schaden. Das beweist mir auch, daß sie nicht das Vertrauen der Frau in dem Maß genießt, wie ich fürchtete; immerhin eine Feindin weniger. Wie sie zufrieden mit sich wäre, wüßte sie, daß ich es bin, vor dem sie geflohen ist! Wie wäre sie vor Stolz geschwollen, wenn die Abreise auf ihren Rat geschehen wäre! Verzehnfacht wäre ihre Wichtigkeit. Mein Gott, wie ich diese Person hasse! Ich will wieder mit ihrer Tochter anknüpfen. Ich will sie nach meiner Laune in Arbeit nehmen; darum, glaube ich, bleibe ich noch einige Zeit hier. Wenigstens kam ich durch das bißchen mögliche Nachdenken zu dem Entschluß.

Glauben Sie nicht, daß nach einem so entschiedenen Schritt meine undankbare Frau meine Gegenwart scheuen muß? Wenn ihr also die Idee kam, daß ich ihr nachreisen könnte, so wird sie nicht versäumen, vor mir die Türe zu schließen; Und ich will sie an dieses Mittel ebensowenig gewöhnen, wie ich solche Erniedrigungen dulden will. Ich ziehe es lieber vor, ihr mitzuteilen, daß ich hier bleibe; ich will sogar in sie dringen, daß sie zurückkommen soll. Nur erst wenn sie von meinem Fernbleiben überzeugt ist, dann erscheine ich bei ihr. Wir werden sehen, wie sie dieses Wiedersehen verträgt. Aber man muß es aufschieben, um seine Wirkung zu steigern, nur weiß ich noch nicht, ob ich die nötige Geduld dazu haben werde. Zwanzigmal machte ich heute den Mund auf, um meine Pferde zu verlangen. Aber ich nehme mich zusammen. Ich will Ihre Antwort hier abwarten, und ich bitte Sie nur, meine schöne Freundin, daß Sie mich nicht darauf warten lassen.

Was mich am meisten verdrießen würde, wäre, wenn ich nicht wüßte, was vorgeht. Aber mein Jäger, der in Paris ist, hat Rechte auf Einlaß bei der Kammerjungfer, er kann mir dienen. Ich schicke ihm Weisungen und Geld. Gestatten Sie, daß ich das eine und das andere diesem Briefe beifüge, und Sie bitte, daß einer Ihrer Leute zu ihm geht, mit dem Befehl, es ihm persönlich zu übergeben. Ich treffe diese Vorsicht, weil der Bursche die Gewohnheit hat, jene meiner Briefe niemals empfangen zu haben, die ihm etwas auftragen, was ihm nicht paßt, und weil er mir gerade jetzt von seinem Kammermädel nicht so eingenommen scheint, wie ich möchte, daß er es wäre. Adieu, schöne Freundin, und wenn Ihnen ein glücklicher Gedanke einfällt, irgendein Mittel, wie ich schneller vorwärts komme, lassen Sie mich's wissen. Ich habe mehr als einmal erfahren, wie sehr von Nutzen Ihre Freundschaft mir sein kann; ich erprobe es auch in diesem Augenblick, denn ich fühle mich ruhiger werden, seit ich Ihnen schreibe. Wenigstens spreche ich zu jemandem, der mich versteht, und nicht zu den Automaten, unter denen ich seit heute morgen herumgehe. Es ist wirklich wahr: je länger, desto mehr bin ich zu glauben versucht, daß nur Sie und ich auf diese Welt was wert sind.

Schloß . . ., den 3. Oktober 17..

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