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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume2
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid144177dc
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Hundertster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil.

Wiederum kleine Sachen, meine schöne Freundin, aber nur Szenen, keine Taten. Also wappnen Sie sich mit Geduld; selbst mit viel Geduld. Denn während meine Präsidentin nur mit ganz kleinen Schritten vorwärtskommt, geht Ihr Mündel zurück, was noch viel schlimmer ist. Nun, ich bin gescheut genug, mich über solche Misère zu amüsieren. Wirklich, ich gewöhne mich sehr gut an mein Leben hier, und kann sagen, daß ich mich im traurigen Schlosse meiner Tante keinen Augenblick langweile. Habe ich hier nicht wirklich Genüsse, Entbehrungen, Hoffnung, Ungewißheit? Was hat man auf einem großen Schauplatz mehr? Zuschauer? Oh, warten Sie nur ab, auch an Zuschauern soll es nicht fehlen. Und wenn sie mich auch nicht an der Arbeit sehen, so zeige ieh ihnen doch das fertige Werk; sie brauchen dann nur noch zu bewundern und zu klatschen. Und sie werden klatschen, denn ich kann endlich mit Gewißheit den Moment der Niederlage meiner frommen Dame voraussagen. Ich habe heute abend der Agonie der Tugend beigewohnt. Die zarte Schwäche wird ihre Stelle einnehmen. Ich will den Zeitpunkt spätestens auf unsere nächste Zusammenkunft festsetzen; aber schon höre ich Sie mir Einbildung zurufen. Seinen Sieg voraussagen, im voraus damit prahlen! Aber beruhigen Sie sich. Um Ihnen meine Bescheidenheit zu beweisen, will ich Ihnen die Geschichte meiner Niederlage erzählen.

Ihr kleines Mündel ist wirklich eine alberne Person! Ein rechtes Kind, das man entsprechend behandeln müßte und gegen das man sicher gnädiger wäre, wenn man es bestrafte! Würden Sie es glauben? Nach dem, was vorgestern zwischen uns geschehen ist, nach der freundschaftlich netten Art, in der wir uns gestern früh getrennt haben, –¦ wie ich also am Abend wiederkomme, wie wir verabredet hatten, fand ich die Türe von innen verriegelt. Was sagen Sie dazu? Man erlebt solche Kindereien manchmal vorher, aber nachher doch nicht! Ist das nicht zu drollig?

Erst habe ich noch nicht darüber gelacht; noch niemals empfand ich so sehr die Herrschaft meiner Natur. Gewiß ging ich ja zu diesem Stelldichein ohne sondere Lust, und nur des Anstandes wegen. Mein Bett, dessen ich sehr bedurfte, schien mir jedem andern Bett vorzuziehen, und ich hatte mich nur mit Bedauern aus ihm gehoben. Kaum war ich aber auf das Hindernis gestoßen, da brannte ich auch schon darauf, es zu nehmen. Ich war gedemütigt, besonders, daß dies einem Kind mit mir gelungen sein soll. Ich kehrte also in sehr schlechter Laune um, und mit der Absicht, mich weder mehr um das blöde Mädchen noch um seine Angelegenheiten zu kümmern, schrieb ich sofort ein kurzes Billett, das ich ihr heute morgen zustecken wollte, und in dem ich sie nach dem wahren Preis bewertete. Doch guter Rat kommt über Nacht, wie man sagt. Ich fand heute morgen, daß ich, da ich hier keine Auswahl in Zerstreuungen hätte, diese behalten müsse. Und ich zerriß das strenge Billett. Seitdem begreife ich nicht mehr, daß mir der Gedanke kommen konnte, dieses Abenteuer aufzugeben, bevor ich was in Händen hatte, seine Heldin zu verderben. Wohin uns doch diese ersten Regungen führen! Glücklich, meine schöne Freundin, wer wie Sie daran gewöhnt ist, niemals der ersten Regung nachzugeben! Ich habe also meine Rache verschoben. Ich brachte dieses Opfer Ihren Absichten mit Gercourt.

Jetzt, da ich nicht mehr wütend bin, sehe ich in dem Betragen Ihrer Kleinen nur noch das Lächerliche. Ich möchte wohl wissen, was sie damit zu gewinnen glaubt! Ich für meinen Teil verstehe es nicht. Wenn es sich nur darum handelt, daß sie sich verteidigen will, so muß man doch zugeben, daß sie etwas sehr spät damit anfängt. Sie muß mir eines Tages dieses Rätsel erklären. Ich bin wirklich neugierig darauf. Aber vielleicht war sie bloß müde? Das konnte es auch wirklich sein; denn offenbar weiß sie noch nicht, daß die Liebespfeile, wie die Lanze des Achill, die Mittel gegen die Wunden, die sie machen, gleich in sich führen. Aber nein, nach der kleinen Grimasse, die sie tagsüber schnitt, möchte ich wetten, daß Reue dazu kam, meinetwegen etwas wie – Tugend ... Tugend! Hat sie die? Ach, sie soll sie doch der Frau lassen, die wirklich für sie geboren ist, der einzigen, die durch sie schön wird und um derentwillen man sie liebt! ... Verzeihung, meine schöne Freundin, aber gerade heute abend hat sich zwischen Frau von Tourvel und mir die Szene begeben, von der ich Ihnen jetzt erzählen will, und ich fühle noch die Erregung davon. Ich brauche Gewalt, um den Eindruck loszuwerden, den sie mir gemacht hat; und um mir darin zu helfen, setzte ich mich auch hin, Ihnen zu schreiben. Sie müssen diesem ersten Augenblick etwas nachsehen.

Schon seit einigen Tagen sind wir uns über unsere Gefühle klar. Frau von Tourvel und ich, wir streiten uns nur noch um Worte. Zwar antwortet sie hoch immer mit ihrer »Freundschaft« auf meine »Liebe«, aber diese Vokabel der Konvention änderte an der Sache selbst nichts; – und wenn wir dabei geblieben wären, wäre ich vielleicht weniger schnell, aber nicht weniger sicher gegangen. Schon war sogar nicht mehr die Rede davon, daß ich fortreisen solle, wie sie anfangs immer wollte. Und was die täglichen Unterhaltungen betrifft: wenn ich dafür sorge, ihr Gelegenheit dazu zu geben, so sorgt sie dafür, diese Gelegenheit zu ergreifen.

Da unsere täglichen Rendezvous gewöhnlich auf dem Spaziergang stattfinden, ließ mich das abscheuliche Wetter, das heute war, nichts dergleichen hoffen. Es kam mir höchst ungelegen. Aber ich sah nicht voraus, wie sehr mir dieses Wetters Hindernis nutzen sollte.

Weil man also nicht spazieren konnte, setzte man sich nach Tisch ans Spiel; und da ich selten spiele und dabei nicht erforderlich bin, benutzte ich die Zeit, auf mein Zimmer zu gehen, ohne weitere Absicht, als dort zu warten, bis das Spiel ungefähr zu Ende sein könnte.

Ich wollte gerade zur Gesellschaft zurück, als ich der reizenden Frau begegnete, die in ihr Zimmer wollte, und sei es aus Unvorsichtigkeit oder aus Schwäche, mit ihrer sanften Stimme zu mir sagte: »Wo gehen Sie denn hin? Es ist niemand im Salon.« Es bedurfte nicht mehr für mich, wie Sie sich denken können, daß ich versuchte, bei ihr einzutreten. Ich stieß dabei auf weniger Widerstand, als ich erwartete. Ich hatte ja allerdings die Vorsicht gebraucht, die Unterhaltung an ihrer Türe anzufangen, und zwar eine ganz gleichgültige Unterhaltung. Aber kaum hatten wir uns niedergelassen, so kam ich mit der wahren Unterhaltung und sprach von meiner »Liebe« zu meiner »Freundin«. Ihre erste Antwort, obschon ganz einfach, schien mir doch voll Ausdruck: »Oh, hören Sie davon auf – sprechen wir hier von etwas anderem.« Und sie zitterte, die arme Frau! Weil sie sich sterben sieht.

Aber sie fürchtete sich noch mit Unrecht. Da ich seit einiger Zeit des Erfolges für einen oder den andern Tag sicher bin, und sie so viel Kraft aufwenden sehe in nutzlosem Kampf, hatte ich meine Kraft zu schonen und ohne Anstrengung mich entschlossen, bis sie sich aus Erschöpfung ergäbe. Sie fühlen wohl, daß es sich hier um einen vollkommenen Sieg handelt und daß ich nichts dem Zufall verdanken will. Aus eben dieser Absicht und um eindringlicher werden zu können, ohne mich zu weit vorzuwagen, kam ich auf dieses Wort Liebe zurück, das sie so hartnäckig verweigerte. Sicher darüber, daß sie mir genug Feuer zutraute, hatte ich einen zärtlichen Ton angeschlagen: ihre Hartnäckigkeit ärgere mich nicht mehr, sie betrübe mich ... schuldete mir meine empfindliche Freundin nicht einigen Trost? ...

Beim Trösten war eine ihrer Hände in meiner geblieben; der schöne Körper lehnte sich gegen meinen Arm, und wir waren einander ganz nahe. Sie haben wohl schon oft bemerkt, wie sehr in dieser Lage bei abnehmender Wehr Bitten und Weigerungen schneller aufeinanderfolgen; wie der Kopf sich wegwendet und die Blicke sich senken, während die Worte immer leiser, immer seltener kommen und stocken. Diese kostbaren Zeichen kündigen auf nicht mißzuverstehende Art die Einwilligung der Seele an, aber selten ist das schon eine Einwilligung der Sinne; ich glaube sogar, daß es in diesem Momente immer gefährlich ist, etwas zu Deutliches zu unternehmen. Da dieses Sichgehenlassen immer mit einer ganz zarten Wollust verbunden ist, kann man zu einem und dem Ende niemanden zwingen, ohne eine Verstimmung zu verursachen, und von ihr profitiert unfehlbar die Verteidigung.

In diesem Falle war mir die Vorsicht noch um so nötiger, weil ich das Entsetzen ganz besonders fürchten mußte, das dieses Selbstvergessen sicher meiner zärtlichen Träumerin verursachen würde. Deshalb verlangte ich nicht einmal das erbetene Geständnis in- Worten. Ein Blick konnte genügen, ein einziger Blick, Und ich war glücklich.

Nun, meine schöne Freundin, die schönen Augen haben sich wirklich auf mich gerichtet, der himmlische Mund hat sogar gesprochen: »Also ja, ich -« ... Aber plötzlich erlosch dieser Blick, die Stimme versagte, und diese anbetungswürdige Frau sank mir in die Arme ... Kaum hatte ich sie darin aufzunehmen Zeit gehabt, als sie sich mit übermenschlicher Kraft daraus loslöste, mit irrem Blick die Hände zum Himmel erhob und rief: »Gott – oh, mein Gott, rette mich« Und gleich darauf lag sie schneller als der Blitz zehn Schritte von mir auf den Knien. Ich hörte sie erstickt schluchzen. Ich trat hinzu, um ihr zu helfen, sie aber nahm meine Hände und badete sie in Tränen, und umarmte meine Knie und sagte: »Ja, Sie, Sie werden es sein, Sie werden mich retten! Sie wollen doch nicht meinen Tod, lassen Sie mich! Retten Sie mich! Verlassen Sie mich um Gottes Willen, verlassen Sie mich!« Und diese Worte fanden kaum einen Weg durch Schluchzen und Tränen. Aber sie hielt mich mit solcher Kraft fest, daß ich gar nicht hätte fortgehen können. Da nahm ich denn alle meine Kraft und hob sie in meinen Armen empor. Da hörten die Tränen auf. Kein Wort sprach sie mehr; ihre Glieder wurden starr, und heftige Zuckungen folgten dem Gewitterregen.

Ich war wirklich sehr ergriffen, und ich hätte, glaube ich, ihrer Bitte nachgegeben, wenn die Umstände mich auch nicht dazu gezwungen hätten. Wahr ist, daß ich ihr noch einige Hilfe leistete und sie allein ließ, wie sie mich gebeten hatte, und daß ich mir dazu gratuliere. Schon habe ich beinahe meine Belohnung dafür bekommen.

Ich erwartete, daß sie sich wie am Abend meiner ersten Erklärung am Abend nicht zeigen würde. Aber gegen acht Uhr kam sie in den Salon herunter und teilte der Gesellschaft nur mit, daß sie sich sehr unwohl gefühlt hätte. Ihr Gesicht war so müde, die Stimme so schwach, und ihre Haltung so zögernd; aber ihr Blick war sanft, und ich bekam ihn oft. Als sie zu spielen sich weigerte, mußte ich ihren Platz einnehmen, und sie setzte sich sogar,neben mich. Während des Soupers blieb sie allein im Salon. Als man wieder zurückkam, glaubte ich zu bemerken, daß sie geweint hatte. Um mir darüber Gewißheit zu verschaffen, sagte »ich, es scheine mir, als ob sie sich wieder unwohl gefühlt hätte, –- worauf sie mir so hübsch antwortete: » Dieses Übel vergeht nicht so schnell, wie es gekommen ist.« Als man aufbrach, gab ich ihr die Hand; an der Türe ihres Zimmers drückte sie kräftig die meine. Es schien mir-zwar das etwas unwillkürlich und nicht Absicht zu sein, aber um so besser: es ist ein Beweis mehr für meine Herrschaft.

Ich möchte wetten, sie ist froh, daß es so weit ist. Alle Kosten sind bezahlt, es bleibt nur noch der Genuß. Vielleicht beschäftigt sie, während ich Ihnen schreibe, schon dieser liebliche Gedanke! Und wenn sie sich auch im Gegenteil mit einem neuen Plan der Verteidigung trüge, wissen wir nicht ganz genau, was aus allen diesen Plänen wird? Ich frage Sie, kann das länger dauern, als bis zu unserer nächsten Zusammenkunft? Ich erwarte gewiß noch einiges Umständemachen, und sei es schon so! Nachdem der erste Schritt getan ist, können diese Spröden nicht mehr stehenbleiben. Ihre Liebe ist eine richtige Explosion, und der Widerstand erhöht ihre Gewalt. Meine so scheue, fromme Frau würde mir nachlaufen, hörte ich auf, ihr nachzulaufen.

Gewiß, schöne Freundin, unverweilt werde ich zu Ihnen kommen, um Sie beim Worte zu nehmen. Sie haben doch nicht vergessen, was Sie mir nach dem Erfolg versprachen, – die Untreue gegen Ihren Chevalier! Sind Sie bereit? Ich wünschte für mich, wir hätten uns nie gekannt! Im übrigen ist Sie zu kennen vielleicht ein Grund, Sie immer mehr zu begehren:

»Ich bin gerecht und nicht galant,« wie es in Voltaires »Nanine« heißt. Darum soll das auch die erste Untreue nach einem harten Kampfe sein, und ich verspreche Ihnen, den ersten Vorwand zu benutzen, mich auf vierundzwanzig Stunden von ihr zu entfernen. Das soll dann ihre Strafe dafür sein, daß sie mich so lange von Ihnen fern gehalten hat. Wissen Sie, daß es jetzt mehr als zwei Monate sind, seit mich dieses Abenteuer beschäftigt? Jawohl, zwei Monate und drei Tage. Ich rechne da noch morgen mit, weil es erst dann perfekt sein wird. Was mich daran erinnert, daß Fräulein von B*** drei Monate widerstanden hat. Ich konstatiere mit Vergnügen, daß die pure Koketterie sich länger verteidigt, als die strenge Tugend.

Adieu, schöne Freundin, ich muß Sie verlassen, weil es schon sehr spät ist. Dieser Brief hielt mich länger auf, als ich dachte, aber da ich morgen früh nach Paris schicke, wollte ich es benutzen, damit Sie einen Tag früher die Freude Ihres Freundes teilen können.

Schloß . . ., den 2. Oktober 17.. abends.

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