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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Achtundachtzigster Brief

Die Marquise von Merteuil an Frau von Volanges.

Ich schreibe Ihnen vom Bett aus, gute liebe Freundin. Ein unangenehmstes Ereignis, das am wenigsten vorauszusehen, hat mich vor Schreck und Ärger krank gemacht. Gewiß habe ich mir nichts vorzuwerfen, aber es ist für eine anständige Frau immer sehr peinlich, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß ich alles auf der Welt darum geben möchte, hätte ich dieses unglückliche Abenteuer verhindern können; und daß ich noch nicht weiß, ob ich mich nicht auf das Land zurückziehen soll, bis alles wieder vergessen ist. Es handelt sich um Folgendes.

Ich bin bei der Marschallin von ** einem Herrn Prévan begegnet, den Sie sicher dem Namen nach kennen, und den ich auch nicht anderweitig kannte. Aber da ich ihn in diesem Hause traf, glaubte ich zur Annahme mich berechtigt, ihn zur guten Gesellschaft zu zählen. Er sieht gut aus und schien mir nicht ohne Geist zu sein. Der Zufall und die Langweile am Spiel ließen mich als einzige Frau zwischen ihm und dem Bischof von **, während sich die andern am Spiel beteiligten. Wir plauderten alle drei bis zum Souper. Bei Tisch gab ihm ein neues Stück, von dem man sprach, Veranlassung, seine Loge der Marschallin anzubieten, die sie auch annahm; und es wurde abgemacht, daß ich einen Platz darin haben sollte. Das war am letzten Montag im Fran[c,]ais. Als die Marschallin nach der Vorstellung zu mir zum Souper kam, schlug ich diesem Herrn vor, sie zu begleiten, und er kam mit. Den nächsten Tag machte er mir die übliche Visite, bei der er sich auch ganz artig benahm. Den übernächsten Tag kam er des Vormittags, was mir ein wenig übereilt vorkam; aber ich glaubte, anstatt ihn durch die Art und Weise, wie ich ihn empfing, fühlen zu lassen, daß wir noch nicht so eng befreundet wären, als er zu glauben schiene, es wäre besser, ihn durch eine Höflichkeit daran zu erinnern: ich schickte ihm noch am selben Tag eine ganz formelle Einladung zu einem Souper, das ich vorgestern gab. Ich sprach keine viermal mit ihm während des ganzen Abends, und er zog sich sofort zurück, als das Spiel zu Ende war. Sie werden zugeben, daß bis hierher nichts zu glauben berechtigte, daß es zu einem Abenteuer führte. Man machte noch eine Macédonie, die fast bis zwei Uhr dauerte; endlich ging ich zu Bett.

Es war wohl eine halbe Stunde vergangen, daß sich meine Kammerfrau entfernt hatte, als ich in meinem Zimmer ein Geräusch hörte. Ich schlug meinen Vorhang auf und sah mit Entsetzen einen Mann durch die Türe zu meinem Boudoir eintreten. Ich stieß einen Schrei aus und erkannte beim Scheine meiner Nachtlampe Herrn von Prévan, der mir mit einer unbegreiflichen Unverschämtheit sagte, ich solle nicht erschrecken, er wolle mir das Geheimnis seines Verhaltens erklären, und er flehe mich an, keinen Lärm zu machen. Währenddem zündete er einen Leuchter an; ich war so erschrocken, daß ich nicht sprechen konnte. Seine selbstverständliche Art erschreckte mich, glaube ich, noch mehr als alles andere. Aber er hatte noch keine zwei Worte gesagt, als ich sah, was das für ein Geheimnis sei; meine einzige Antwort war, wie Sie sich denken können, daß ich mich an die Klingel hängte.

Durch einen unglaublichen glücklichen Zufall waren alle meine Leute bei einer meiner Frauen wach geblieben und noch nicht zu Bett gegangen. Als meine Kammerjungfer mich laut reden hörte, als sie herbeisprang, erschrak sie und rief die übrigen Leute herbei. Stellen Sie sich diesen Skandal vor! Meine Bedienung war wütend; ich sah es kommen, daß mein Kammerdiener Prévan umbrachte. Ich gestehe, im Moment war ich sehr froh über die große Zahl meiner Retter. Wenn ich aber heute darüber nachdenke, so wäre es mir lieber gewesen, meine Kammerzofe wäre allein gekommen; sie hätte genügt, und ich hätte vielleicht diesen Skandal vermieden, der mich jetzt betrübt. So sind durch den Lärm die Nachbarn aufgeweckt worden, meine Leute haben alles weiter erzählt, und heute spricht ganz Paris davon. Herr von Prévan sitzt im Gefängnis auf Befehl seines Korpskommandanten, der bei mir war, um sich zu entschuldigen. Diese Gefängnishaft wird den Lärm nur noch vergrößern: aber ich konnte es nicht ändern. Die Stadt und der Hof haben sich an meiner Türe einschreiben lassen, die ich für jedermann verschloß. Die wenigen Personen, die ich gesehen habe, sagten mir, daß man mir Gerechtigkeit widerfahren lasse, und daß die öffentliche Entrüstung über Herrn von Prévan den Höhepunkt erreicht habe: Ganz gewiß verdient er es, aber das beseitigt doch nicht die Unannehmlichkeit dieses Abenteuers.

Überdies hat dieser Mann doch sicher Freunde, und diese dürften schlimm sein: wer weiß, was sie erfinden werden, um mir zu schaden! Mein Gott, wie ist eine junge Frau doch unglücklich! Sie hat noch nichts getan, wenn sie sich gegen Verleumdung schützt; sie muß sich auch noch vor Verleumdern wehren.

Sagen Sie mir, ich bitte Sie, was Sie getan hätten, was Sie an meiner Stelle tun würden, kurz, alles was Sie denken. Immer habe ich von Ihnen die zärtlichsten Tröstungen gehabt und die weisesten Ratschläge; auch höre ich sie von Ihnen am liebsten an.

Adieu, meine liebe gute Freundin. Sie kennen die Gefühle, die mich Ihnen für ewig verbinden. Ich küsse Ihre liebenswürdige Tochter.

Paris, den 26. September 17...

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