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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Sechsundachtzigster Brief

Die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont.

Endlich sollen Sie beruhigt sein und mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. Hören Sie zu und verwechseln Sie mich nicht mehr mit den andern Frauen. Ich habe mein Abenteuer mit Prévan zu Ende gebracht! Zu Ende! Verstehen Sie, was das heißen will? Jetzt werden Sie entscheiden können, wer von uns beiden, Sie oder ich, sich rühmen kann. Der Bericht wird nicht so amüsant sein wie das Erlebnis; es wäre auch gar nicht gerecht, denn während Sie nichts taten als mehr oder weniger gut hin und her gescheut geredet zu haben in dieser Sache, käme Ihnen ebensoviel Vergnügen zu wie mir, die Zeit und Mühe darauf verwendet hat.

Wenn Sie jedoch einen großen Schlag tun wollen, wenn Sie ein Unternehmen versuchen wollten, wobei Sie diesen gefährlichen Rivalen fürchten, dann kommen Sie nur. Er läßt Ihnen das Feld frei, wenigstens für einige Zeit; vielleicht steht er überhaupt nicht mehr auf von dem Schlage, den ich ihm gegeben habe.

Wie sind Sie glücklich, daß Sie mich zur Freundin haben! Ich bin für Sie eine wohltätige Fee. Sie schmachten fern von der Schönheit, die Sie lockt; ich sage ein Wort, und Sie sind wieder bei ihr. Sie wollen sich an einer Frau rächen, die Ihnen schadet; ich zeige Ihnen den Platz, wo Sie sie treffen müssen, und liefere sie Ihnen aus. Um endlich einen gefährlichen Konkurrenten von der Bildfläche verschwinden zu lassen, bin ich es wieder, die Sie anrufen, und ich erhöre Sie. Wahrhaftig, wenn Sie Ihr Leben nicht damit verbringen, mir zu danken, so kennen Sie Dank nicht. Ich komme auf mein Abenteuer zurück und fange wieder von vorne an.

Das Rendezvous, das ich so laut beim Verlassen der Oper gab, wie Sie sich erinnern werden, wurde verstanden, wie ich es hoffte. Prévan kam, und als die Marschallin ihm verbindlich sagte, daß sie sich schmeichle, ihn zweimal hintereinander bei ihren Jours zu sehen, hat er die Vorsicht, zu antworten, daß er seit Dienstag tausend Verabredungen gelöst habe, um über diesen Abend verfügen zu können. Das genügte dem Wissenden. Als ich dann noch besser wissen wollte, ob ich der Gegenstand seines schmeichelhaften Entgegenkommens wäre, beschloß ich, den Anbeter zu zwingen, zwischen mir und seiner vorwiegenden Neigung zu wählen. Ich erklärte, daß ich nicht spielen wollte: in Wirklichkeit fand er nun seinerseits tausend Vörwände, um nicht zu spielen; und das war mein erster Triumph: über die Roulette.

Ich nahm mir den Bischof von ... zu meiner Unterhaltung; ich wählte ihn wegen seiner Verbindungen mit dem Tageshelden, dem ich alle Leichtigkeit geben wollte, mit mir zu sprechen. Es war mir auch angenehm, einen respektablen Zeugen zu haben, der im Notfall über mein Betragen und Gespräch zeugen wird. Diese Einrichtung gelang.

Nach den üblichen Wendungen machte sich Prévan zum Herrn der Unterhaltung und schlug nach und nach verschiedene Töne an, um denjenigen aufzuspüren, der mir gefallen konnte. Ich lehnte den gefühlvollen ab, als wenn ich nicht daran glaubte; ich hielt durch meinen Ernst seine Ausgelassenheit in Schach, die mir zu leicht schien für den Beginn; er warf sich endlich auf die zärtliche Freundschaft, und unter dieser banalen Fahne fingen wir unsern gegenseitigen Angriff an.

Zum Souper ging der Bischof nicht mit hinunter; Prévan gab mir die Hand und fand sich natürlich bei Tisch an meiner Seite. Man muß gerecht sein: er führte mit sehr viel Geschick unsere spezielle und schien sich doch nur der allgemeinen Unterhaltung hinzugeben, deren Kosten er allein zu tragen schien. Beim Dessert sprach man von einem neuen Stück, das am Montag im Fran[c,]ais gegeben werden sollte. Ich bedauerte, meine Loge nicht zu haben; er bot mir die seine an, die ich erst refüsierte, wie man das so tut; worauf er witzig antwortete, daß ich ihn nicht verstände; daß er sicherlich niemandem seine Loge anbieten würde, den er nicht kennte, daß er mir nur sagen wolle, daß die Frau Marschallin darüber verfüge. Sie gab sich zu diesem Scherz her, und ich nahm an.

Oben im Salon bat er um einen Platz in der Loge; und als die Marschallin ihm einen Platz versprach, wenn er »brav wäre«, nahm er das als Gelegenheit zu einer seiner doppelsinnigen Unterhaltungen, die Sie mir an ihm so lobten. Als er wie ein kleines Kind zu ihren Füßen ihre Meinungen über sein Bravsein anhörte, sagte er viel schmeichelhafte Dinge, die ich leicht auf mich beziehen konnte. Da mehrere sich nach Tisch nicht wieder ans Spiel setzten, wurde die Unterhaltung allgemeiner und weniger interessant: aber unsere Augen sprachen viel. Ich sage unsere Augen und sollte sagen, die seinen; denn die meinen sprachen nur eine Sprache, die der Überraschung. Er sollte denken, daß ich erstaunt sei und mich mit dem Effekt beschäftige, den er auf mich machte. Ich glaube auch, daß ich das sehr zu seiner Zufriedenheit tat; und ich war nicht weniger damit zufrieden.

Montag darauf war ich im Fran[c,]ais, wie verabredet. Trotz Ihrer literarischen Neugier kann ich Ihnen über die Vorstellung nichts sagen, außer daß Prévan ein wunderbares Talent zur Schmeichelei hat, und daß das Stück durchgefallen ist; das ist alles, was ich dort erfahren habe. Ich sah mit Bedauern diesen Abend zu Ende gehen, denn ich hatte sehr viel Vergnügen daran; und um ihn zu verlängern, bot ich der Marschallin an, bei mir zu Abend zu essen, – was mir zum Vorwand diente, dies auch meinem liebenswürdigen Schmeichler anzubieten, der nur um so viel Zeit bat, sich von einer Einladung bei den Komtessen von P** freizumachen. Dieser Name gab mir meinen ganzen Zorn zurück; ich sah voraus, daß er nun mit Vertraulichkeiten beginnen würde; ich erinnerte mich Ihrer klugen Ratschläge und versprach mir, – das Abenteuer weiter zu verfolgen, sicher, ihn von dieser seiner gefährlichen Indiskretion zu kurieren.

Fremd in meiner Gesellschaft, die diesen Abend nicht sehr zahlreich war, schuldete er mir die gesellschaftlichen Aufmerksamkeiten; als man zum Souper ging, bot er mir also die Hand. Ich hatte die Bosheit, als ich sie annahm, in die meine ein leises Schauern zu legen und die Augen gesenkt zu halten während wir gingen und hörbar zu atmen. Ich tat, als wenn ich meine Niederlage vorausfühlte und meinen Besieger fürchtete. Er bemerkte das sehr gut; und sofort änderte der Verwegene Ton und Haltung. Er war galant gewesen, er wurde zärtlich. Nicht, daß die Worte nicht dieselben geblieben wären; denn die Umstände zwangen dazu, aber sein Blick wurde weniger lebhaft, wurde zärtlicher, die Biegung seiner Stimme weicher; sein Lächeln war nicht mehr fein, sondern zufrieden. Endlich verlöschte in seinen Gesprächen das Feuer des Witzes, der Geist machte der Delikatesse Platz. Ich frage Sie, wie hätten Sie es besser gemacht?

Ich meinerseits wurde verträumt, und dermaßen, daß man es merken mußte; und als man mir deswegen Vorwürfe machte, hatte ich die Geschicklichkeit, mich ungeschickt zu verteidigen und auf Prévan einen raschen Blick zu werfen, gleichzeitig schüchtern und fassungslos, so daß er glauben mußte, ich fürchtete nichts weiter, als er möge die Ursache meiner Verwirrung merken.

Nach Tisch benutzte ich die Zeit, wo die gute Marschallin eine ihrer Geschichten erzählte, die sie immer erzählt, um mich auf die Ottomane zu legen, in diesem Hingeben, das die Träumerei einem verleiht. Ich war nicht betrübt darüber, daß Prévan mich so sähe; er beehrte mich tatsächlich mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit. Sie werden sich denken können, daß meine schüchternen Blicke es nicht wagten, die meines Besiegers zu suchen: aber doch demütig auf ihn gerichtet, merkte ich bald, daß ich die Wirkung erreichte, die ich erzielen wollte. Ich mußte ihn noch überzeugen, daß ich diese Regung teilte, und als die Marschallin erklärte, daß sie sich zurückziehen wolle, rief ich mit zärtlicher und weicher Stimme: Ach Gott! ich war so wohl so! Ich stand trotzdem auf. Aber bevor ich mich von ihr trennte, fragte ich nach ihrem Vorhaben, um einen Vorwand zu haben, das meine mitzuteilen und ihn wissen zu lassen, daß ich den übernächsten Tag zu Hause bleiben würde. Daraufhin trennte man sich.

Dann begann ich zu überlegen. Ich zweifelte nicht daran, daß Prévan von dem Rendezvous Gebrauch machen würde, das ich ihm soeben gegeben hatte; daß er früh da sein würde, um mich allein zu finden, und daß der Ansturm heftig sein würde; aber ich war auch sicher, daß er mich nach meinem Ruf nicht mit jenem Leichtsinn behandeln werde, wie es Brauch ist bei abenteuerlichen Frauen oder solchen, die gar keine Erfahrung haben; und ich war meines Erfolges sicher, wenn er das Wort Liebe aussprechen würde, oder wenn er sich einbildete, es auch von mir zu hören.

Wie leicht ist es, mit euch Prinzipienmenschen zu tun zu haben! Ein grüner Liebhaber bringt uns durch seine Schüchternheit auseinander oder in Verlegenheit durch seine wilde Leidenschaft; es ist ein Fieber, das wie das andere seine Frissons hat und sein Feuer, variierend in seinen Symptomen. Aber euer geregelter Gang errät sich immer! Ankunft, Haltung, Ton, Rede, – ich wußte alles schon am Vorabend. Somit werde ich Ihnen denn nicht die Unterhaltung wiedergeben, die Sie sich leicht ergänzen können. Bemerken Sie nur, daß ich ihm in meiner gemachten Verteidigung aus ganzem Vermögen half; Verwirrung, um ihm Zeit zur Aussprache zu geben; schlechte Gründe, damit er sie bekämpfe; Furcht vor Verrat, um wieder Protestationen hervorzurufen; und dieser ewige Refrain seinerseits, »ich verlange nur ein Wort von Ihnen«; und dieses Stillschweigen meinerseits, das den Anschein hat, als ließe man ihn warten, nur um ihn um so begehrlicher zu machen; inzwischen alles dieses die Hand, die tausendmal genommen wird, die sich immer zurückzieht und sich niemals versagt. So könnte man einen ganzen Tag hinbringen; wir brachten eine tödlich langweilige Stunde auf diese Art zu und wären vielleicht noch dabei, wenn wir nicht einen Wagen in den Hof einfahren gehört hätten. Dieser glückliche Zwischenfall machte wie schicklich seine Bitten nur um so lebhafter; und ich, ich sah den Moment gekommen, wo ich vor aller Überraschung sicher war: nachdem ich mich mit einem langen Seufzer vorbereitet hatte, gewährte ich das kostbare Wort. Man meldete, und bald darauf hatte ich einen zahlreichen Circle.

Prévan bat, ob er den nächsten Morgen kommen dürfe, und ich sagte zu; aber auf meine Verteidigung bedacht, befahl ich meiner Kammerjungfer, während der ganzen Zeit dieses Besuches im Schlafzimmer zu bleiben, von wo aus man alles sieht, was im Toilettenzimmer vorgeht, wo ich ihn empfing. Unbehindert in unserer Unterhaltung, und beide von demselben Wunsch beseelt, waren wir bald einig; aber man mußte diesen Zuschauer loswerden; dahin wollte ich ihn bringen.

Ich schilderte ihm also das Bild meines häuslichen Lebens und überzeugte ihn leicht, daß wir niemals einen Augenblick der Freiheit haben würden; und daß wir es wie ein Wunder betrachten müßten, daß wir gestern so lange allein waren, was doch noch genügend große Gefahr ließe, da man zu jeder Zeit in meinen Salon eintreten könne. Ich verfehlte nicht beizufügen, daß bisher diese Einrichtung mich niemals verdrossen hätte, da ich keine derartige Gelegenheit wahrgenommen hätte; und betonte noch, daß ich das jetzt nicht ändern könne, ohne mich in den Augen meiner Leute sehr zu kompromittieren. Er versuchte sich darüber zu betrüben, schlechter Laune zu werden, mir zu sagen, daß ich wenig Liebe für ihn hätte; und Sie erraten, wie sehr mich das alles rührte! Aber um nun den entscheidenden Schlag zu führen, rief ich die Tränen zu Hilfe. Es war gerade das »Zaire, Sie weinen!« Diese Herrschaft, die er über mich zu haben glaubte, und die Hoffnung, mich nach seinem Gutdünken zu nehmen, ersetzten ihm alle Liebe Orosmans.

Als dieser Theatercoup vorüber war, kamen wir auf unsere Verabredungen zurück. Wegen Mangel am Tage bestimmten wir die Nacht: aber mein Schweizer wurde ein unüberwindliches Hindernis, und ich erlaubte nicht, ihn zu bestechen. Er schlägt mir die kleine Türe meines Gartens vor; aber das hatte ich vorausgesehen und ich schuf mir einen Hund, der, am Tage ruhig und nett, ein wahrer Unhold des Nachts wäre. Die Leichtigkeit, mit der ich alle diese Details besprach, machte ihn kühner; auch gab er mir endlich den lächerlichsten Rat, den ich dann annahm.

Erstens wäre sein Diener so sicher wie er selbst und darin log er nicht: einer war wie der andere. Ich sollte ein großes Souper geben; er würde dabei sein und die Gelegenheit wahrnehmen, allein fortzugehen. Der geschickte Vertraute sollte den Wagen rufen, den Schlag öffnen, und Prévan würde, statt einzusteigen, sich geschickt drücken und davon machen. Sein Kutscher konnte das nicht merken: so war er für jedermann fort und trotzdem bei mir, und es handelte sich nun darum, ob er in mein Zimmer gelangen kann. Ich war zuerst verlegen, gegen diesen Plan hinreichend schlechte Einwendungen zu finden, damit er sie zerstören könnte. Er antwortete mit Beispielen. Nach ihm war nichts leichter als dies Mittel; er selbst hat sich dessen so oft bedient; er machte hiervon sogar den häufigsten Gebrauch, weil es am wenigsten gefährlich war.

Von diesen Einwendungen bezwungen, gab ich mit viel Unschuld zu, daß ich eine versteckte Treppe nach meinem Boudoir hätte; daß ich den Schlüssel daran stecken lassen könnte; und daß es ihm möglich wäre, sich da einzuschließen und zu warten, ohne etwas zu riskieren, bis meine Dienstleute schlafen gegangen wären. Und um meiner Einwilligung noch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, wollte ich den Augenblick darauf wieder nicht mehr, und willigte ein nur unter der Bedingung, daß er ganz artig und brav wäre .... Ach! welche Bravheit! Ich wollte ihm meine Liebe beweisen, aber die seine nicht befriedigen.

Der Abzug, ich vergaß es Ihnen zu sagen, sollte durch die kleine Gartentür stattfinden. Es handelte sich nur darum, den Tagesanbruch abzuwarten. Keine Seele geht zu dieser Stunde da vorüber, und die Menschen sind im besten Schlaf. Wenn Sie sich über diese Menge von ungereimten Überlegungen wundern, so vergessen Sie unsere beiderseitige Situation. Was konnten wir denn besseres tun? Er verlangte nichts mehr, als daß dies alles herauskam, und ich, ich war ganz sicher, daß man nichts davon erfahren würde. Der übernächste Tag wurde festgesetzt.

Bedenken Sie, daß das uns eine abgemachte Sache war, und daß noch niemand Prévan in meiner Gesellschaft gesehen hatte. Ich treffe ihn bei einem Abendessen bei einer meiner Freundinnen; er bietet ihr eine Loge für ein neues Stück an und ich nehme einen Platz darin an. Ich lade diese Frau während der Vorstellung zu einem Souper ein, und das vor Prévan; ich kann es fast nicht umgehen, ihn zu bitten, er möge dabei sein. Er nimmt an und macht zwei Tage später die Visite, die der Anstand verlangt. Er kommt mich zwar am andern Morgen besuchen; aber da die Morgenvisiten kein Aufsehen mehr machen, steht es nur bei mir, diese Visite zu früh zu finden; ich verweise ihn in Wirklichkeit in die Klasse der entfernten Bekannten durch eine schriftliche Einladung zu einem zeremoniellen Souper. Ich kann wie Annette ruhig sagen: »Aber das ist doch alles!«

Der fatale Tag war gekommen, an dem ich Tugend und Ruf einbüßen sollte, und gab ich meiner treuen Victoire meine Anweisungen.

Der Abend kam. Es waren schon sehr viel Leute da, als man Prévan meldete. Ich empfing ihn mit ausnehmender Höflichkeit, welche die geringe Beziehung zu ihm deutlich machte und setzte ihn zur Partie der Marschallin, durch die ich seine Bekanntschaft gemacht hatte. Der Abend brachte nichts Neues als ein kleines Billett, das mir der diskrete Verliebte zustecken konnte und das ich meiner Gewohnheit gemäß verbrannte. Er sagte mir darin, daß ich auf ihn rechnen könnte; und dieses Wort war von allen übrigen Parasitworten der Liebe, des Glückes usw. umgeben, die niemals bei solchen Festen fehlen dürfen.

Um Mitternacht waren die Spielpartien beendigt. Ich schlug eine kurze Macédoine vor. Ich hatte den zweifachen Plan, Prévans Verschwinden zu verdecken und es gleichzeitig bemerklich machen, was auch, da er einen Ruf als Spieler hatte, nicht ausbleiben konnte. Ich war auch sehr zufrieden damit, daß man bemerkte, daß ich es nicht eilig hatte, allein zu sein.

Das Spiel dauerte länger, als ich dachte. Der Teufel ritt mich, und ich unterlag der Begierde, den ungeduldigen Gefangenen zu trösten. So ging ich meinem Verderben entgegen, als ich überlegte, daß, wenn ich mich einmal ganz ergeben habe, ich nicht mehr die Gewalt über ihn haben würde, ihn in dem für meinen Plan nötigen anständigen Kostüm zu erhalten. Ich fand die Kraft zu widerstehen. Ich kehrte um und nahm nicht ohne schlechte Laune meinen Platz wieder bei diesem ewig dauernden Spiel. Es ging endlich zu Ende und jeder seiner Wege. Ich läutete nach meinen Frauen, zog mich rasch aus und schickte sie fort.

Können Sie sich mich vorstellen, Vicomte, in meiner leichten Toilette, schüchternen und behutsamen Schrittes gehen und mit unsicherer Hand meinem Besieger die Tür öffnen? Er sieht mich, – kein Blitz ist schneller. Was soll ich Ihnen sagen? Ich war besiegt, ganz und völlig besiegt ehe ich ein Wort der Verteidigung oder des Aufhaltens vorbringen konnte. Er wollte es sich nachher bequemer für die Situation machen. Er verfluchte seinen Putz, von dem er behauptete, daß er ihn zu weit von mir fernhielte; er wollte mich mit gleichen Waffen besiegen; aber meine außerordentliche Schüchternheit widersetzte sich diesem Vorhaben, und meine zärtlichen Liebkosungen ließen ihm keine Zeit. Er beschäftigte sich mit was anderm.

Seine Rechte hatten sich verdoppelt und seine Forderungen kamen wieder. Da aber ich: »Hören Sie mich an. Sie haben bis hierher den beiden Komtessen von P** und für tausend andere etwas ganz Angenehmes zu erzählen, aber ich bin neugierig zu wissen, wie Sie das Ende des Abenteuers erzählen werden.« Und dabei läutete ich mit aller Kraft. Jetzt hatte ich mein Spiel gewonnen, und meine Tat war rascher als sein Wort. Er hatte nur erst gestammelt, als ich Victoire herbeilaufen und die Leute rufen hörte, die sie wie anbefohlen, bei sich behalten hatte. Nun nahm ich meinen Ton der Königin an und sagte mit erhobener Stimme: »Gehen Sie, mein Herr, und kommen Sie mir nie mehr unter die Augen.« Darüber kam die Menge meiner Leute herein.

Der arme Prévan verlor den Kopf, und indem er an einen Hinterhalt glaubte, was im Grunde nur ein Scherz war, stürzte er nach seinem Degen. Das bekam ihm schlecht; denn mein Kammerdiener, ein tapferer und kräftiger Kerl, nahm ihn um die Taille und warf ihn zu Boden. Ich bekam, ich gestehe es, einen tödlichen Schrecken. Ich schrie, man solle aufhören und befahl, ihm freien Rückzug zu lassen, und sich nur zu vergewissern, daß er wegging. Meine Leute gehorchten: aber die Aufregung war groß unter ihnen; sie entrüsteten sich, daß man sich an ihrer »tugendhaften Herrin« vergriffen hatte. Alle begleiteten den schlecht behandelten Kavalier mit Lärm und Tumult, genau wie ich es wünschte. Die einzige Victoire blieb bei mir, und wir beschäftigten uns damit, mein zerwühltes Bett wieder in Ordnung zu bringen.

Meine Leute kamen noch immer mit Tumult zurück; ich, noch ganz bewegt, fragte sie, durch welchen Zufall sie noch alle auf gewesen wären; und Victoire erzählte, daß sie zwei ihrer Freundinnen zum Abendessen gehabt und man bei ihr wach gesessen hätte – kurz alles das, was wir unter uns ausgemacht hatten. Ich dankte ihnen, hieß sie sich zurückzuziehen und befahl einem, sofort meinen Arzt zu rufen. Mir schien, ich sei berechtigt, den Effekt meines tödlichen Schreckens zu befürchten; und es war ein sicheres Mittel, diese Neuigkeit in Umlauf zu bringen.

Der Arzt kam wirklich, bedauerte mich sehr, verordnete mir nur Ruhe. Ich empfahl ferner Victoire, am nächsten Morgen in der Nachbarschaft zu klatschen.

Alles gelang so gut, daß vor Mittag und sobald es bei mir Tag war, meine fromme Nachbarin schon an meinem Bett saß, um die Wahrheit und die Details dieses entsetzlichen Abenteuers zu erfahren. Ich war verpflichtet, mich mit ihr eine ganze Stunde lang zu entrüsten über die Verderbtheit des Jahrhunderts. Einen Augenblick später erhielt ich das Billett der Marschallin, das ich beilege. Endlich, vor fünf Uhr, sah ich zu meinem großen Erstaunen Herrn M** ankommen. Er komme, sagte er, mir seine Entschuldigung darzubringen, daß ein Offizier seines Korps bis zu diesem Punkte sich mir gegenüber verfehlen konnte. Er hatte es erst beim Diner bei der Marschallin erfahren und hat sofort an Prévan die Ordre ergehen lassen, sich ins Gefängnis zu begeben. Ich bat um Gnade für ihn, er schlug es mir ab. Dann dachte ich, als Mitschuldige müsse ich mich meinerseits bestrafen und wenigstens strengstens zurückgezogen bleiben. Ich ließ meine Tür schließen und sagen, ich sei nicht wohl.

Meiner Einsamkeit verdanken Sie diesen langen Brief. Ich werde auch einen an Frau von Volanges schreiben, den sie sicher öffentlich vorlesen wird, und Sie werden die Geschichte so hören, wie man sie erzählen muß.

Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Belleroche ganz außer sich ist und sich mit Prévan schlagen will. Der arme Junge! Glücklicherweise werde ich Zeit haben, ihm den Kopf abzukühlen. Inzwischen will ich den meinen ausruhen, der vom Schreiben müde ist. Adieu, Vicomte.

den 25. September 17.. abends.

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