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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Fünfundachtzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an Cécile Volanges.

Sie haben gesehen, wie wir gestern gestört wurden. Den ganzen Tag hindurch konnte ich Ihnen den Brief nicht zustecken, den ich für Sie hatte, und ich weiß nicht, ob ich heute besser Gelegenheit dazu haben werde. Ich fürchte Sie bloßzustellen, wenn ich mehr Eifer als Geschicklichkeit anwende; und ich würde mir eine Unvorsichtigkeit nicht verzeihen, die Ihnen fatal werden könnte und Sie zur Verzweiflung meines Freundes auf ewig unglücklich machte. Ich kenne aber die Ungeduld der Liebe und fühle wohl, wie schmerzlich es sein muß in Ihrer Lage, auch nur eine geringe Verzögerung zu erleiden in dem einzigen Trost, den Sie in diesem Moment genießen können. Bei dem Suchen nach Mitteln, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, fand ich eines, dessen Ausführung leicht ist, wenn Sie sich etwas Mühe geben.

Ich glaube bemerkt zu haben, daß der Schlüssel Ihrer Türe, welche auf den Korridor geht, immer bei Ihrer Mama auf dem Kamin liegt. Alles würde mit diesem Schlüssel leicht werden, das sehen Sie doch ein; ich würde Ihnen für den fehlenden einen ähnlichen besorgen, der ihn ersetzen würde. Es würde mir genügen, ihn eine bis zwei Stunden zu meiner Verfügung zu haben. Sie müssen die Gelegenheit, ihn zu nehmen, ja leicht finden; und damit man nicht merke, daß er fehlt, füge ich hier einen mir gehörigen Schlüssel bei, der so ähnlich ist, daß man den Unterschied nicht merkt, wenn man ihn nicht probiert, was man nicht tun wird. Sie müßten nur dafür sorgen, ein abgeschossenes blaues Band daran zu machen, so wie an dem Ihrigen eines ist.

Sie müßten trachten, diesen Schlüssel bis morgen oder übermorgen zu haben, zur Zeit des Frühstückes, weil es Ihnen da leichter sein wird, ihn mir zu geben, und er bis abend wieder an seinem Platze liegen könnte, zur Zeit, wo Ihre Mama ehestens darauf aufmerksam würde. Ich könnte Ihnen den Schlüssel zur Mittagszeit wiedergeben, wenn wir uns verständigen.

Sie wissen, wenn vom Salon zum Speisezimmer gegangen wird, geht immer Frau von Rosemonde als letzte. Ich werde ihr die Hand geben. Sie brauchen nur Ihre Stickerei langsamer zu verlassen, oder etwas fallen zu lassen, so daß Sie zurückbleiben: Sie werden dann den Schlüssel schon nehmen können, den ich hinter mich halten werde. Sie werden nicht versäumen, sofort, nachdem Sie ihn genommen haben, meine alte Tante einzuholen und sie ein bißchen zu streicheln. Wenn Sie durch Zufall diesen Schlüssel fallen lassen sollten, so verlieren Sie nicht die Fassung; ich werde tun, als sei ich es gewesen und stehe für alles.

Das geringe Vertrauen, das Ihnen Ihre Mama beweist, und ihre Strenge Ihnen gegenüber berechtigt diese kleine List. Es ist außerdem das einzige Mittel, in Zukunft Dancenys Briefe zu erhalten und ihm die Ihrigen zukommen zu lassen; jedes andere ist wirklich zu gefährlich, und könnte Sie alle beide rettungslos verderben. Deshalb verbietet mir meine vorsichtige Freundschaft, sie noch länger anzuwenden.

Einmal im Besitz des Schlüssels, wird uns nur noch einige Vorsicht nötig sein gegen das Geräusch der Tür und des Schlosses; das ist aber leicht. Sie werden unter demselben Schrank, wo das Papier ist, Öl und eine Feder finden. Sie gehen manchesmal auf Ihr Zimmer, wo Sie allein sind; Sie werden diese Zeit benützen, Schloß und Angeln zu ölen. Die einzige Vorsicht, die Sie dabei üben müssen, sind die Flecken, die Sie dabei kriegen können. Sie müßten auch warten, bis es Nacht ist, denn wenn Sie es verständig machen, ist des Morgens nichts mehr zu sehen.

Wenn man es doch bemerken sollte, so sagen Sie, daß es der Putzer des Schlosses war. In diesem Falle müßten Sie genau die Zeit nennen und sogar das Gespräch, das er mit Ihnen geführt hat, wiedergeben: wie zum Beispiel, daß er es gegen den Rost tut bei allen Schlössern, die nicht in Gebrauch sind; denn Sie begreifen, daß es unwahrscheinlich wäre, daß Sie Zeuge dieser lärmenden Arbeit gewesen wären, ohne nach der Ursache zu fragen. Solche kleine Details geben Wahrscheinlichkeit, und die Wahrscheinlichkeit macht die Lügen folgenlos, indem sie die Lust zur Nachprüfung nimmt.

Wenn Sie diesen Brief gelesen haben, bitte ich Sie, ihn nochmals zu lesen und sich damit zu beschäftigen; denn man muß das gut kennen, was man tun soll; dann auch, um sich zu vergewissern, ob ich nichts vergessen habe. Sehr wenig daran gewöhnt, solche Schlauheiten für mich anzuwenden, habe ich wenig Übung darin; es brauchte sogar nichts weniger, als meine lebhafte Freundschaft für Danceny, und das Interesse, das Sie einflößen, um mich zu bestimmen, derartige Mittel zu gebrauchen, so unschuldig sie auch sind. Ich hasse alles, was nach Betrug aussieht; das ist mein Charakter. Aber Ihr Unglück hat mich in einem Maße gerührt, daß ich alles versuchen werde, es zu lindem.

Sie können sich denken, daß, einmal diese Verbindung zwischen uns hergestellt, es mir sehr viel leichter sein wird, Ihnen die Unterredung mit Danceny zu ermöglichen. Indessen sprechen Sie noch nicht von all dem; Sie würden nur seine Ungeduld steigern, und der Moment, sie zu befriedigen, ist noch nicht ganz da. Sie schulden es ihm, sie eher zu dämpfen als sie zu steigern. Ich überlasse das Ihrer Delikatesse. Adieu, mein schönes Mündel: denn Sie sind mein Mündel. Lieben Sie Ihren Vormund ein wenig, und folgen Sie ihm; Sie werden sich dabei gut befinden. Ich beschäftige mich mit Ihrem Glück, und seien Sie versichert, daß ich das meine darin finden werde.

..., den 24. September 17..

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