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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Vierundachtzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Frau von Tourvel.

Gnade, gnädige Frau und verzichten wir doch auf die so unglücklich abgebrochene Unterhaltung! Könnte ich Ihnen doch beweisen, wie sehr ich anders bin als das abscheuliche Porträt, das man von mir gemacht hat, und mehr noch von dem liebenswürdigen Vertrauen Gebrauch machen könnte, das Sie mir zu zeigen anfingen! Wie viel Scham haben Sie der Tugend geliehen! Wie Sie alle einfachen Gefühle verschönern und lieb machen! Ach, darin besteht das stärkste Mittel Ihrer Verführung; und das einzige, das gleichzeitig stark und ehrenhaft ist.

Ohne Zweifel genügt es, Sie zu sehen, um den Wunsch zu haben, Ihnen zu gefallen. Sie zu hören, um daß dieser Wunsch sich noch vermehrt.

Aber der, der das Vergnügen hat, Sie zu kennen, der in Ihrer Seele lesen kann, gibt bald einer edleren Begeisterung nach, und von Anbetung und Liebe durchdrungen, betet er in Ihnen das Bild aller Tugenden an. Mehr dazu geschaffen als ein anderer vielleicht, Sie zu lieben und Ihnen zu folgen, abgezogen von Irrungen, die mich davon fern hielten, sind Sie es, die mich der Tugend wieder nahgebracht, die mir von neuem allen ihren Reiz hat empfinden lassen: werden Sie mir ein Verbrechen aus dieser neuen Liebe machen? Werden Sie, was Sie taten, verwerfen? Werden Sie mir selbst das Interesse, das Sie daran nehmen, vorwerfen? Welches Unrecht kann man von einem Gefühl befürchten, das so rein ist, und welche Süßigkeit wäre es nicht, es zu versuchen?

Meine Liebe erschreckt Sie. Sie finden sie heftig, verwegen. Beschwichtigen Sie sie durch eine zartere Liebe; verweigern Sie sich nicht der Herrschaft, die ich Ihnen biete, der ich, ich schwöre es, mich nie entziehen will, und die, ich darf es wohl glauben, nie ganz verloren für die Tugend wäre. Welches Opfer könnte mir zu schwer erscheinen, so sicher wie ich mich fühle, daß Ihr Herz mir den Preis gibt? Wo ist der Mann, der unglücklich genug ist, das Köstliche der Entbehrungen nicht zu kennen, die er sich auflegt? der kein Wort vorzieht, keinen gewährten Blick, allen Vergnügungen, die er sich erschleichen könnte! Und Sie glaubten, ich wäre ein solcher Mann! Und Sie haben mich gefürchtet! Ah! warum hängt Ihr Glück nicht von mir ab! Wie wollte ich mich an Ihnen rächen, indem ich Sie glücklich machte! Aber diese süße Herrschaft: die unfruchtbare Freundschaft verschafft sie nicht; es gehört nur der Liebe.

Dieses Wort ängstigt Sie! Und warum? Eine zärtlichere Anhänglichkeit, eine stärkere Verbindung, ein einziger Gedanke, dasselbe Glück wie dieselben Schmerzen, was ist da Fremdes Ihrer Seele dabei! So ist doch die Liebe! So wenigstens diejenige, die Sie einflößen und die ich empfinde! Sie ist es, die ohne Interesse wägt, und die die Taten auf ihren Wert schätzt: ein unerschöpflicher Schatz der sensiblen Seelen, und alles wird kostbar durch sie oder für sie.

Diese Wahrheiten, so leicht zu verstehen, so sanft zu üben, was haben sie denn Erschreckendes? Welche Furcht kann Ihnen ein Mann bereiten, dem die Liebe kein anderes Glück mehr erlaubt als das Ihrige? Ihr Glück ist heute der einzige Wunsch, den ich habe; ich würde alles opfern, um ihn zu erfüllen, nur nicht das Gefühl, das er mir einflößt; und selbst dieses Gefühl, geben Sie doch zu, es zu teilen, und Sie werden es nach Wunsch regeln. Leiden wir aber nicht länger, daß es uns trennt, wenn es uns vereinen sollte. Wenn die Freundschaft, die Sie mir angeboten haben, nicht ein leeres Wort ist, wenn sie, wie Sie mir gestern sagten, das zarteste Gefühl ist, das Ihre Seele kennt, dann soll sie zwischen uns entscheiden. Aber als Richter der Liebe soll sie sie hören; die Weigerung, sie anzuhören, wäre eine Ungerechtigkeit, und die Freundschaft ist nicht ungerecht.

Eine zweite Unterredung würde kein Hindernis mehr finden wie die erste. Der Zufall kann die Gelegenheit herbeiführen, und Sie könnten selbst den Moment bestimmen. Ich will glauben, daß ich Unrecht habe; würden Sie es dann nicht vorziehen, mich vernünftig zu machen, als mich bekämpfen, und zweifeln Sie an meiner Folgsamkeit? Wenn der ungelegene Dritte uns nicht unterbrochen hätte, wäre ich vielleicht schon ganz zu Ihrer Meinung bekehrt. Wer weiß, wie weit Ihre Macht gehen kann?

Soll ich es Ihnen sagen? Diese unbesiegliche Macht, der ich mich ergebe ohne zu wagen, sie zu berechnen, dieser unerklärliche Reiz, der Sie über meine Gedanken herrschen läßt wie über meine Taten, –ich fange an, sie zu fürchten. Ah! Diese Unterredung, die ich von Ihnen erbitte, vielleicht sollte ich sie fürchten! Vielleicht werde ich nachher, durch meine Versprechungen gefesselt, zu einer brennenden Liebe verurteilt sein, von der ich fühle, daß sie nicht ausgelöscht werden kann, –und ich darf nicht einmal wagen, Sie um Hilfe anzuflehen! Ah! gnädige Frau, aus Barmherzigkeit, mißbrauchen Sie Ihre Herrschaft nicht! Aber, wenn Sie dadurch glücklicher werden, wenn ich dadurch Ihrer würdiger erscheinen sollte, –welche Qualen werden durch diese tröstenden Gedanken nicht versüßt! Ja, ich fühle es: noch einmal mit Ihnen sprechen, heißt Ihnen noch stärkere Waffen geben und mich noch mehr Ihrem Willen unterwerfen. Es ist leichter, sich gegen Ihre Briefe zu verteidigen; es sind wohl Ihre Worte, aber Sie sind nicht da, um ihnen Kraft zu verleihen. Das Vergnügen jedoch, Sie zu sehen, läßt mich der Gefahr trotzen. Wenigstens hätte ich das Vergnügen, alles für Sie getan zu haben, selbst gegen mich; und mein Opfer wäre eine Huldigung. Zu glücklich, Ihnen auf tausend Arten zu beweisen, wie ich auf tausend Arten fühle, sind Sie meinem Herzen näher als ich selbst, werden Sie immer der teuerste Gegenstand meines Herzens sein.

Schloß . . ., den 23. September 17...

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