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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Dreiundachtzigster Brief

Cécile Volanges an den Chevalier Danceny.

Mein Gott, welchen Schmerz hat mir Ihr Brief bereitet! Ich hatte die große Ungeduld wirklich nicht nötig, mit der ich ihn erwartete! Ich hoffte Trost darin zu finden, und jetzt bin ich betrübter, als ich es vorher war. Ich habe sehr geweint, als ich ihn las; aber das ist es nicht, was ich Ihnen vorwerfe: ich habe schon oft Ihretwegen geweint, ohne daß mir das leid tut. Aber dieses Mal ist es nicht dasselbe.

Was wollen Sie denn damit sagen, daß Ihre Liebe Ihnen zur Qual wird, daß Sie nicht mehr so leben können, noch Ihre Situation länger ertragen? Wollen Sie aufhören, mich zu lieben, weil es jetzt nicht mehr so angenehm ist wie vorher? Es scheint mir, daß ich nicht glücklicher bin als Sie, ganz im Gegenteil, und trotzdem liebe ich Sie darum nur noch mehr. Wenn Herr von Valmont Ihnen nicht geschrieben hat, so ist das nicht meine Schuld; ich konnte ihn nicht darum bitten, weil ich nicht allein mit ihm war, und weil wir übereingekommen sind, daß wir uns nie vor Leuten sprechen, und das wieder nur Ihretwegen, damit er besser das tun kann, was Sie wünschen. Ich sage nicht, daß ich es nicht auch wünsche, und Sie sollen davon überzeugt sein – aber, was wollen Sie denn, daß ich tue? Wenn Sie glauben, daß das so leicht ist, erfinden Sie doch das Mittel, ich verlange ja nicht mehr.

Glauben Sie denn, daß es mir angenehm ist, von Mama jeden Tag gezankt zu werden, die mir vorher nie ein böses Wort sagte, ganz im Gegenteil? Jetzt ist es schlimmer, als wenn ich im Kloster wäre. Ich tröstete mich aber in dem Gedanken, daß es für Sie ist; es gab sogar Augenblicke, wo ich fand, daß ich ganz zufrieden wäre. Aber wenn ich sehe, daß Sie auch böse sind, und das ganz ohne meine Schuld, so macht mich das noch trauriger, als ich über all das bin, was mir bis jetzt passiert ist.

Nur um Ihre Briefe immer zu bekommen – welche Verlegenheit, wenn Herr von Valmont nicht so gefällig wie wirklich geschickt wäre – ich wüßte nicht, wie es anfangen. Und um Ihnen zu schreiben, das ist noch schwieriger. Den ganzen Vormittag wage ich es nicht, weil Mama ganz in meiner Nähe ist, und weil sie jeden Moment zu mir hereinkommen kann. Wenn ich es am Nachmittag versuche, unter dem Vorwand, daß ich singen oder Harfe spielen will, dann muß ich mich bei jeder Zeile unterbrechen, damit man hört, daß ich singe. Glücklicherweise schläft meine Kammerjungfer abends manchmal ein, und ich sage ihr, daß ich allein zu Bett gehen werde, damit sie mich allein lasse mit dem Licht. Dann muß ich mich hinter den Bettvorhang setzen, damit man das Licht nicht sieht, und muß auf jedes Geräusch acht geben, damit ich alles schnell in meinem Bett verstecke, wenn wer kommt. Ich wollte, Sie wären hier, um das zu sehen! Sie würden sich sagen, daß man sehr lieben muß, um das alles zu tun. Ja, es ist wahr, daß ich alles tue, was ich kann, aber ich möchte noch mehr tun.

Ja, ich zögere nicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, und daß ich Sie immer lieben werde. Nie habe ich das aus vollerem Herzen gesagt, – und Sie sind beleidigt! Sie hatten mir wohl versichert, ehe ich es Ihnen sagte, daß das genügte, um Sie glücklich zu machen. Sie können das nicht leugnen, denn es steht in Ihren Briefen; obwohl ich sie nicht mehr habe, so erinnere ich mich an sie genau, als ob ich sie täglich lesen würde. Und jetzt fern von mir denken Sie nicht mehr so! Aber diese Entfernung wird doch nicht ewig dauern, nicht? Mein Gott, wie bin ich unglücklich, und Sie sind Schuld daran ...

Betreff Ihrer Briefe hoffe ich, Sie haben die behalten, die mir Mama weggenommen und die sie Ihnen zurückgeschickt hat. Es wird wohl wieder eine Zeit kommen, wo ich nicht mehr so überwacht sein werde wie jetzt, und dann werden Sie mir alle wiedergeben, ja? Wie werde ich glücklich sein, wenn ich alle behalten kann und für immer, ohne daß jemand etwas darein zu reden hat! Jetzt gebe ich alle an Herrn von Valmont, weil anders viel zu viel riskiert ist, und trotzdem übergebe ich sie ihm nie, ohne daß es mir Schmerzen macht.

Adieu, mein lieber Freund. Ich liebe Sie von ganzem Herzen! Ich werde Sie mein ganzes Leben lang lieben! Ich hoffe, daß Sie jetzt nicht mehr böse sein werden. Schreiben Sie mir, sobald Sie können, denn ich fühle, daß ich bis dahin immer traurig sein werde.

Schloß . . ., den 21. September 17..

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