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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Einundachzigster Brief

Der Chevalier Danceny an Cécile Volanges.

Cécile, meine liebe Cécile, wann kommt die Zeit, wo wir uns wiedersehen? Wer bringt es mir bei, fern von Ihnen leben zu können? Wer gibt mir die Kraft und den Mut? Nie und nimmer kann ich diese unselige Trennung ertragen. Tag um Tag dieses Unglücklichsein und kein Ende sehen! Valmont, der mir Hilfe versprochen hat und Trost, Valmont vernachlässigt mich und vergißt mich vielleicht. Er ist mit dem, was er liebt, zusammen, und weiß nicht, was man leidet, wenn man davon getrennt ist. Er hat mir Ihren letzten Brief geschickt und keine Zeile dazu geschrieben. Und von ihm soll ich es doch erfahren, wann ich Sie sehen kann und wie. Hat er mir denn nichts zu sagen? Sie selbst sprechen auch nichts davon – haben Sie den Wunsch danach nicht mehr? Ah, Cécile, ich bin sehr unglücklich. Ich liebe Sie mehr denn je: aber die Liebe, die das Glück meines Lebens bedeutet, wird nun zur Qual.

Nein, so will ich nicht weiter leben, ich muß Sie sehen und wenn auch nur für einen Augenblick. Wenn ich aufstehe, sage ich mir: ich werde sie heute nicht sehen. Ich lege mich zu Bett und sage mir: ich habe sie nicht gesehen. Die langen Tage haben keine Sekunde Glück für mich. Alles ist Entbehrung, alles Klage, alles Verzweiflung. Und alle diese Leiden kommen von dort, woher ich alle meine Freuden erwartete! Zu all diesen meinen Schmerzen noch die Unruhe über die Ihren, und Sie werden eine Ahnung von meinem Zustand bekommen. Ich denke ohne Unterlaß an Sie und nie ohne innere Unruhe. Wenn ich Sie betrübt sehe, unglücklich sehe, erleide ich all Ihren Kummer; wenn ich Sie ruhig und getröstet sehe, sind es die meinen Schmerzen, die stärker kommen. Überall finde ich das Unglück.

Ach, wie war das anders, als Sie noch in Paris, an demselben Ort waren wie ich! Alles war da Freude. Die Gewißheit, Sie zu sehen, verschönte selbst die Zeit, die ich nicht bei Ihnen war, und die Zeit, die verging, brachte mich Ihnen nahe und näher. Was ich in der Zeit tat, war Ihnen immer bekannt –hatte ich Pflichten zu erfüllen, so machte mich dies Ihrer würdiger; übte ich ein Talent, so hoffte ich Ihnen damit besser zu gefallen. Selbst wenn mich die Zerstreuungen des Lebens fortrissen, von Ihnen konnten sie mich nicht trennen. Im Theater fragte ich mich, ob Ihnen das wohl gefiele, im Konzert dachte ich an Ihr Singen, in Gesellschaft wie auf Spaziergängen suchte ich nach den kleinsten Ähnlichkeiten, die jemand mit Ihnen haben könnte. Ich verglich Sie mit allen und vor allen hatten Sie den Vorzug. Jeder Moment des Tages hatte seine neue Huldigung und jeden Abend legte ich sie als Tribut vor Ihre Füße.

Was bleibt mir jetzt noch? Schmerzhaftes Klagen, ewige Entbehrungen und eine schwanke Hoffnung, daß Valmont endlich sein Stillschweigen breche und das Ihre sich unruhig rühre. Nur zehn Meilen trennen uns und diese so kleine Entfernung wird für mich eine Unendlichkeit von Hindernissen! Und wenn ich meinen Freund und meine Gebieterin bitte, daß sie mir sie zu überwinden helfen, bleiben beide kalt und ruhig? Nicht nur, daß sie mir nicht helfen –sie schweigen!

Was ist denn aus Valmonts tathelfender Freundschaft geworden? Und was besonders aus Ihren zärtlichen Gefühlen, die Sie doch einmal so erfinderisch machten, es einzurichten, daß ich Sie jeden Tag sehen konnte? Einigemal zwangen mich Pflichten oder Vorsicht, nicht zu kommen – erinnern Sie sich, was Sie da sagten, womit nicht alles Sie meine Gründe bekämpften? Und erinnern Sie sich auch daran, Cécile, wie meine Gründe immer Ihren Wünschen nachgaben? Ich mache mir kein Verdienst daraus, nicht einmal das des Opfers. Was Sie zu erlangen wünschten, das brannte ich zu erfüllen. Aber nun bitte ich und bitte, Sie für einen Augenblick nur sehen zu dürfen, Ihnen mein Versprechen ewiger Liebe erneuern, es von Ihnen wieder hören zu dürfen.

Ist dies denn nicht mehr Ihr Glück so wie das meine? Aber was frage ich –ich weiß, daß Sie mich lieben, mich immer lieben werden! Ich glaube es, ich weiß es und will nie daran zweifeln – aber mein Zustand ist entsetzlich, ich kann es nicht länger ertragen, Cécile! D.

Paris, den 18. September 17..

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