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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Achtundsiebzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an Frau von Tourvel.

Woher diese Angst, daß Sie mich meiden? Wie kommt das, daß Sie meinem zärtlichen Eifer mit einem Benehmen begegnen, das man sich kaum gegenüber einem Manne erlaubt, über den man sich schwer zu beklagen hat? Die Liebe zwingt mich vor Ihnen auf die Knie, und so oft ein glücklicher Zufall mich an Ihre Seite bringt, ziehen Sie vor, ein Unwohlsein vorzuschützen, Ihre Freunde zusammenzurufen, statt bei mir zu bleiben! Wie oft haben Sie nicht gestern weggesehen, um mir die Gunst eines Blickes zu rauben? Und wenn ich nur für einen Moment etwas weniger Abweisung darin erblickte, so war dieser Moment so kurz, daß es mir vorkommt, Sie wollten mich ihn weniger genießen als mich fühlen lassen, wie viel ich verliere, seiner beraubt zu sein.

Ich wage es zu sagen: das ist weder die Behandlung, die die Liebe verdient, noch die, die sich die Freundschaft erlauben darf – und Sie wissen, daß mir von beiden Gefühlen das eine das Leben gibt und von dem andern gaben Sie mir doch das Recht zu glauben, daß Sie sich ihm nicht entziehen würden. Diese kostbare Freundschaft, deren Sie mich würdig fanden, da Sie mir sie anboten, – was habe ich denn getan, um sie nun zu verlieren? Sollte ich mir durch mein Vertrauen geschadet haben, und bestrafen Sie mich für meine Aufrichtigkeit? Fürchten Sie denn zum mindesten nicht, das eine oder das andere zu mißbrauchen? Ist es denn nicht in die Brust meiner Freundin, wohin ich das Geheimnis meines Herzens gelegt habe? Der Freundin gegenüber glaubte ich mich verpflichtet, Bedingungen auszuschlagen, die anzunehmen mir genügt hätte, sie leichten Herzens nicht zu halten und für mich nützlich zu mißbrauchen. Möchten Sie mich denn durch eine so wenig verdiente Härte zu glauben zwingen, daß es nur eines Betruges bedurft hätte, um mehr Nachsicht und Duldung zu erlangen?

Ich bereue meine Handlungsweise nicht, die ich Ihnen schuldete, und die ich mir schuldete – aber durch welches Verhängnis wird jede gute Tat mir zu einem neuen Unglück? Ich habe mich völlig Ihrem Wunsche unterworfen, da ich mich des Glückes, Sie zu sehen, beraubte, und kaum daß Sie mich – zum ersten und einzigen Male! – ob dieser meiner Handlungsweise lobten, wollten Sie auch schon die Korrespondenz mit mir abbrechen, mir diesen schwachen Ersatz für das Opfer nehmen, das Sie von mir verlangt hatten, mir das letzte rauben – wozu Ihnen nur die Liebe ein Recht geben konnte. Und nun, da ich zu Ihnen mit einer Ehrlichkeit gesprochen habe, die selbst das Interesse der Liebe nicht mindern konnte, nun fliehen Sie mich wie einen gefährlichen Verführer, dessen Perfidie Sie durchschaut haben!

Werden Sie denn nie dessen müde, ungerecht gegen mich zu sein? Sagen Sie mir wenigstens, was es ist, das Sie aufs neue zu solcher grausamen Kälte veranlaßte, und verschmähen Sie es nicht, mir zu sagen, was ich tun soll. Wenn ich mich verpflichte, Ihren Wünschen wie Befehlen zu gehorchen, ist es dann zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir Ihre Befehle mitzuteilen?

am 15. September 17..

Valmont.

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