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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Zweiundsiebzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil

Mein Windbeutel von Jäger hat mein Portefeuille in Paris gelassen! Die Briefe der Tourvel, die von Danceny für die kleine Volanges, alles ist da geblieben, und ich brauche es hier. Er reist zurück, um seine Dummheit wieder gut zu machen, und während er sattelt, will ich Ihnen die Geschichte der vergangenen Nacht erzählen – Sie können mir glauben, daß ich meine Zeit nicht verliere.

Das Abenteuer an sich bedeutet ja nicht viel – es ist nur so was wieder Aufgewärmtes mit der Vicomtesse von M**. Aber es interessierte mich in den Details. Es freut mich übrigens, Ihnen zeigen zu können, daß, wenn ich auch das Talent habe, Frauen zu Fall zu bringen, ich nicht minder das andere besitze – wenn ich will –, nämlich: Frauen zu retten. Ich wähle immer den schwierigsten oder den amüsantesten Teil an einer Sache, und ich werfe mir durchaus keine gute Tat vor, vorausgesetzt, daß sie mich etwas gelehrt oder mich amüsiert hat.

Ich traf also die Vicomtesse, und da sie so schön bat und darauf bestand, daß ich die Nacht im Schlosse verbringe, willigte ich ein – »unter der Bedingung,« sagte ich, »daß ich die Nacht mit Ihnen verbringen darf.« »Das ist unmöglich – Vressac ist hier.« Bis da hatte ich nichts weiter als eine Liebenswürdigkeit sagen wollen, aber dieses Wort »unmöglich« brachte mich wie immer in Rage. Ich sah eine Erniedrigung darin, Vressac geopfert zu werden, und es war mir klar, daß ich das nicht dulden konnte. Also bestand ich darauf.

Die Umstände waren mir nicht günstig. Dieser Vressac beging die Unvorsichtigkeit, dem Vicomte Verdacht zu geben: die Vicomtesse konnte ihn nicht einmal mehr bei sich empfangen. Diese Reise zur Gräfin, die zwischen den beiden beschlossen wurde, hatte den Zweck, es vielleicht zu einigen gemeinsamen Nächten zu bringen. Der Vicomte machte anfangs kein angenehmes Gesicht, als er Vressac im Schloß sah und ging nicht auf die Jagd, trotzdem er darin leidenschaftlicher ist als in der Eifersucht. Sie kennen ja die Gräfin! Die logiert also die Vicomtesse in den großen Korridor, den Gemahl rechts neben ihr Schlafzimmer, den Liebhaber links davon und ließ die zwei sich arrangieren wie sie wollten. Das schlimme Geschick der beiden aber wollte, daß ich gerade gegenüber einquartiert wurde.

Denselben Tag, das heißt also gestern, ging Vressac, der, wie Sie sich denken können, so liebenswürdig als wie gegen den Vicomte war, mit ihm auf die Jagd – an der er gar keinen Geschmack findet – und dachte sich zur Nacht in den Armen seiner Frau für die Langeweile zu entschädigen, die ihm der Mann tagsüber bereitete. Ich aber dachte, der gute Vressac würde doch sicher der Ruhe bedürftig sein und sann darüber, womit ich seine Geliebte bestimmen könnte, ihn die verdiente Ruhe genießen zu lassen.

Es gelang: ich setzte durch, daß sie mit Vressac Streit über diese Jagdpartie anfangen würde, die er zweifellos nur ihretwegen mitgemacht hatte. Man konnte keinen schlechtern Vorwand finden als den; aber keine Frau übt dieses allen Frauen gemeinsame Talent besser als die Vicomtesse, die Laune an Stelle der Vernunft zu setzen und nie so schwierig zu beruhigen zu sein, als wenn sie im Unrecht sind. Der Moment war übrigens nicht bequem zu Erklärungen, und da ich nur eine Nacht wollte, ging ich darauf ein, daß sie sich den nächsten Tag wieder aussöhnten.

Vressac kriegt also bei seiner Heimkehr alles zu hören, nur nichts Gutes. Er will wissen weshalb, aber es wird nur gestritten. Er versucht sich zu rechtfertigen, und der Gatte, der hinzukommt, dient als Vorwand, die Konversation abzubrechen. Schließlich versucht er noch einen Moment zu erwischen, wo der Mann gerade abwesend ist, und fragt um seine Nacht – und da war die Vicomtesse wirklich sublim. Voller Entrüstung über die Kühnheit der Männer, die, weil sie die Güte einer Frau genossen haben, das Recht zu haben glauben, sie auch noch zu mißbrauchen und selbst dann, wenn die Frau sich über sie zu beklagen hat. Und dann sprang sie höchst geschickt vom Thema ab, sprach wunderbar über Delikatesse und Gemüt, und Vressac machte ein dummes Gesicht, sprachlos. Ich war selber nahe daran zu glauben, daß sie Recht hatte – denn als Freund beider war ich der dritte in dieser hübschen Unterhaltung.

Zum Schluß erklärte sie auf das bestimmteste, daß sie zu der Müdigkeit von der Jagd nicht auch noch die von der Liebe fügen wollte und daß sie sich Vorwürfe darüber machen müßte, einen so wohlverdienten Schlaf zu stören. Der verzweifelte Vressac, der gar nicht zum Wort kam, wandte sich schließlich an mich, setzte mir des langen und breiten seine Gründe, warum er auf die Jagd gegangen war, auseinander, die ich so gut wußte wie er, und bat mich, ich sollte mit der Vicomtesse reden – was ich auch versprach. Ich redete auch wirklich mit ihr, aber von was anderem. Ich dankte ihr und wir besprachen unser Rendezvous.

Sie teilte mir mit, daß sie ihr Zimmer zwischen ihrem Mann und ihrem Geliebten und es klüger gefunden habe, zu Vressac zu gehen, als ihn in ihr Zimmer zu nehmen; und da ich vis-à-vis wohnte, hielte sie es auch für sicherer, zu mir zukommen; und daß sie käme, sobald ihre Kammerjungfer sie allein gelassen haben würde; und daß ich nur meine Türe angelehnt haben sollte und sie erwarten.

Alles ging wie es abgemacht war – sie kam gegen ein Uhr früh zu mir,

»... nur ganz so schlicht bedeckt, Wie eine Schöne, jäh dem Schlaf entweckt«,

wie es im »Britannicus« heißt. Da ich nicht eitel bin, halte ich mich nicht bei den Details der Nacht auf – Sie kennen mich und ich war zufrieden mit mir.

Gegen Morgen mußte man sich trennen. Und hier beginnt das Interessante. Die leichtsinnige Person glaubte ihre Türe offen gelassen zu haben, wir fanden sie verschlossen, und der Schlüssel stak inwendig: Sie können sich die Verzweiflung nicht vorstellen, mit der mir die Vicomtesse sagte: »Ich bin verloren.« Man muß zugeben, daß es scherzhaft gewesen wäre, sie in dieser Situation zu lassen; aber konnte ich dulden, daß eine Frau für mich verloren würde, ohne es durch mich zu sein? Und sollte ich mich wie die durchschnittlichen Männer von den Umständen beherrschen lassen? Ich mußte ein Mittel finden. Was hätten Sie getan, meine schöne Freundin? Ich tat dies, und es gelang.

Ich sah, daß die Türe sich eindrücken ließ und mit viel Spektakel. Ich brachte nicht ohne Mühe die Vicomtesse so weit, daß sie schrecklich viel und laut Dieb, Mörder usw. schreien sollte, und machten aus, daß ich beim ersten Schrei die Türe eindrückte, und sie in ihr Bett springt. Sie glauben nicht, wie viel Zeit es bedurfte, sie zum ersten »Mörder« zu bringen, nachdem sie schon in alles eingewilligt hatte. Endlich! Und beim ersten Schrei gab die Türe nach.

Die Vicomtesse hatte wahrhaftig keine Zeit zu verlieren; denn im Augenblick waren der Vicomte und Vressac im Korridor; und die Kammerjungfer kam auch noch ins Zimmer ihrer Herrin gelaufen.

Ich allein behielt kaltes Blut, blies rasch ein Nachtlicht aus, das noch brannte und warf es zu Boden; denn Sie können sich denken, wie lächerlich es ist, einen furchtbaren Schrecken zu markieren, wenn man Licht im Zimmer hat. Dann zankte ich mit dem Manne und dem Liebhaber über ihren lethargischen Schlaf, indem ich ihnen versicherte, daß das Geschrei, auf welches ich herbeigesprungen wäre, und meine Bemühungen, die Türe einzudrücken, mindestens fünf Minuten gedauert hätten.

Die Vicomtesse, die im Bett ihren Mut wiedergefunden hatte, sekundierte ganz gut und schwur einen Gott um den andern, daß ein Dieb in ihrem Zimmer gewesen wäre. Ehrlicher versicherte sie, daß sie in ihrem Leben noch keinen solchen Schrecken ausgestanden hätte. Wir suchten überall und fanden nichts, als ich auf das umgeworfene Nachtlicht zeigte und daraus schloß, daß vielleicht eine Maus den Schaden und die Angst angerichtet hätte, – auf welche Erklärung sich alle einigten. Man machte noch ein paar alte Witze über Mäuse und dann war der Vicomte der erste, der sein Zimmer und sein Bett wieder aufsuchte; seine Frau bat er noch, in Zukunft etwas ruhigere Mäuse zu haben.

Vressac war nun allein mit uns und ging zur Vicomtesse ans Bett, um ihr zärtlich zu versichern, daß es eine Rache der Liebe gewesen wäre, worauf sie erwiderte, – und mich dabei ansah: »Die Liebe war allerdings in großer Wut; denn sie hat sich mächtig gerächt; jetzt aber bin ich todmüde und möchte schlafen.«

Ich fühlte einen gütigen Moment: so sprach ich für Vressac, bevor wir uns trennten und machte Aussöhnung. Das Liebespaar umarmte einander und mich küßten sie. Aus den Küssen der Vicomtesse machte ich mir nichts mehr, aber ich muß gestehen, die Vressacs machten mir Spaß. Wir gingen zusammen hinaus und nachdem er mich noch seiner ewigen Dankbarkeit eine Weile versichert hatte, ging jeder wieder in sein Bett.

Wenn Sie diese Geschichte amüsant finden, verlange ich nicht, daß Sie sie geheimhalten. Jetzt, wo ich meinen Spaß daran gehabt habe, ist es nur gerecht, daß unser Publikum an die Reihe kommt – vorläufig für die Geschichte, vielleicht später auch für die Heldin.

Adieu! Seit einer Stunde wartet mein Jäger. Ich nehme mir noch den Augenblick, Sie zu umarmen und Ihnen nochmals zu empfehlen, sich vor Prévan zu hüten.

Schloß . . ., den 13. September 17..

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