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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Vierundsechzigster Brief

Die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont.

Ich will Ihnen Dancenys Billett erklären. Was ihn den Brief zu schreiben veranlaßte, ist mein Werk, und ist, wie ich glaube, mein Meisterstück. Ich habe seit Ihrem letzten Brief meine Zeit nicht verloren.

Er braucht Hindernisse, dieser schöne Romanheld, wenn er nicht im Glück einschlafen soll. Ich machte ihm, wenn ich nicht irre, seinen Schlaf ein bißchen unruhig. Man mußte ihm den Wert der Zeit beibringen, und es ist mein Verdienst, daß er jetzt schon diejenige bedauert, die er verloren hat. Er brauchte, wie Sie sagen, auch etwas mehr Heimliches, Geheimnishaftes –es wird ihm nicht mehr fehlen. Sie sehen, man braucht mich nur auf meine Fehler aufmerksam zu machen und ich lasse mir keine Ruhe, bis ich nicht alles wieder in gute Ordnung gebracht habe.

Als ich vorgestern morgen nach Hause kam, las ich Ihren Brief, der mir alles klar machte. Sie haben ganz richtig die Ursache des Übels gefunden, und ich beschäftige mich mit nichts sonst, als das Mittel für die Kur zu finden. An fing ich aber damit, daß ich mich zu Bett legte, denn der unermüdliche Chevalier hat mich kein Auge zumachen lassen, und es kam mir vor, als hätte ich Schlaf. Aber es war nicht. Ganz mit diesem Danceny beschäftigt, ihn aus seiner Indolenz herauszureißen, oder ihn dafür zu strafen, ging aller Schlaf zuschanden. Erst als ich mit meinem Plan völlig im Klaren war, fand ich für ein paar Stunden die ach so nötige Ruhe.

Abends ging ich zu Frau von Volanges und sagte ihr ganz im Vertrauen, daß ich fast sicher wäre, zwischen ihrer Tochter und Danceny bestünde ein gefährliches Verhältnis. Diese Frau, die Sie doch so gut durchschaut, war in dieser Hinsicht so blind, daß sie zuerst bestimmt meinte, ich täuschte mich, ihre Tochter wäre ein Kind usw. Ich sagte ihr natürlich nicht alles, was ich darüber weiß und erzählte nur von Blicken, Worten, die meine Tugendhaftigkeit und meine Freundschaft alarmiert hätten. Kurz und gut, ich redete wie eine fromme Betschwester und um endlich den sicheren Schlag zu führen, sagte ich, daß ich gesehen zu haben glaube, wie Briefe ausgetauscht wurden und ließ mir ganz zufällig einfallen, daß Cécile eines Tages, die Schublade ihres Schreibtisches vor mir öffnete, in dem ich viele Briefschaften sah, die sie da aufbewahrt. Aber vielleicht führt sie mit sonst jemandem eine rege Korrespondenz, wenn ich auch nicht wüßte usw. Hier wurde das Gesicht der guten Frau von Volanges etwas merklich anders, und ich sah Tränen in ihre Augen kommen. – Ich danke Ihnen, meine teure Freundin, sagte sie und drückte mir die Hand – ich werde Licht in die Sache bringen. Ich bat sie noch, mich ihrer Tochter gegenüber nicht zu verraten, was sie mir um so leichter versprach, als ich sie darauf aufmerksam machte, daß es ja nur um so besser wäre, wenn das Kind Vertrauen zu mir habe, mir ihr Herz zu eröffnen, und es mir so möglich mache, ihr meinen guten Rat zu geben. Daß sie mir dieses ihr Versprechen halten wird, ist sicher, denn sie wird sich bei ihrer Tochter etwas mit ihrem Scharfblick inszenieren wollen. Und ich kann des jungen Mädchens Freundin markieren, ohne daß mich deshalb die Mutter für falsch und unredlich hält. Und ich profitierte in der Folge auch noch dies, daß ich so oft und so lang es mir paßt mit der Kleinen zusammen sein kann, ohne daß es der Mutter verdächtig auffällt.

Noch an demselben Abend machte ich Gebrauch davon; nachdem wir unseren Whist gespielt hatten, zog ich die Kleine in eine Ecke und sprach mit ihr über Danceny, ein Thema, zu dem sie immer Lust hat. Ich amüsierte mich damit, sie ein bißchen aufzuregen, indem ich ihr das Vergnügen, ihn am nächsten Tage zu sehen, gehörig ausmalte – keine Torheit, die ich sie nicht sagen ließ. Ich mußte ihr wohl in der Hoffnung das wiedergeben, was ich ihr in Wirklichkeit genommen hatte, und dann wohl auch, um sie gegen den Schlag, der kommen sollte, empfindlicher zu machen; denn ich bin überzeugt, je mehr sie davon gelitten haben wird, um so eiliger wird sie es haben, sich bei der nächsten Gelegenheit dafür zu entschädigen. Es ist übrigens ganz gut, denjenigen an große Ereignisse zu gewöhnen, den man zu großen Abenteuern bestimmt.

Übrigens kann sie wohl das Vergnügen, ihren Danceny wiederzuhaben, mit einigen Tränen bezahlen. Sie ist ja ganz verrückt auf ihn. Ich werde ihr also versprechen, daß sie ihn haben soll, und schneller als sie ihn ohne dieses Gewitter gehabt hätte. Ein böser Traum, aus dem zu erwachen um so entzückender sein wird – wofür sie mir alles in allem nur dankbar sein sollte. Und dann – wenn auch etwas Malice dabei ist, man will sich doch amüsieren!

Ich ging sehr zufrieden mit mir. Denn ich sagte mir, entweder wird Danceny nach all diesen Schwierigkeiten seine Liebe verdoppeln, und dann werde ich ihm mit aller Macht helfen, oder, wenn er ein Dummkopf ist, wie ich manchmal glaube, wird er verzweifelt sein und alles für verloren halten – und in diesem Falle habe ich mich wenigstens an ihm gerächt, so viel es in meiner Kraft stand. Jedenfalls habe ich dann die Achtung der Mutter gegen mich vermehrt wie die Freundschaft der Tochter und das Vertrauen beider. Und was Gercourt betrifft, meine Hauptsorge, so müßte ich schon sehr viel Pech haben oder sehr ungeschickt sein, wenn ich in meiner Macht über seine künftige Frau nicht tausend Mittel fände, ihn das werden zu lassen, was ich ihn werden lassen will. Mit diesen angenehmen Gedanken schlief ich ein und schlief ich gut und erwachte sehr spät.

Da fand ich zwei kleine Briefe – einen von der Mutter, den andern von der Tochter. Ich mußte lachen, als ich in beiden Briefen wörtlich denselben Satz las: »Von Ihnen allein erwarte ich einigen Trost.« Es ist wirklich amüsant, für und gegen zu trösten und der einzige Vertreter zweier Interessen zu sein, die sich direkt gegenüberstehen. Ich komme mir wie Gott vor, da ich die entgegengesetzten Wünsche der blinden Sterblichen empfange und nichts in meinen unbeweglichen Ratschlüssen ändere. Ich gab jedoch diese göttliche Rolle auf, um die des tröstenden Engels zu spielen und machte, wie man wünschte, bei meinen trostlosen Freundinnen Besuch.

Ich fing bei der Mutter an und fand sie in einer Traurigkeit, die Sie schon einigermaßen für alle Widerwärtigkeiten, die sie Ihnen in Sachen der schönen Präsidentin bereitet hat, entschädigen könnte. Alles ging vortrefflich. Meine einzige Sorge war, Frau von Volanges zu verhindern, das Vertrauen ihrer Tochter zu gewinnen, was nicht schwer gewesen wäre, denn sie brauchte zu dem Mädel nur sanft und freundlich zu reden, die Vernunftgründe in gütige und zärtliche Worte einzuwickeln. Glücklicherweise war sie streng und unerbittlich bis dort hinaus und benahm sich überhaupt so ungeschickt als möglich, daß ich uns dazu nur gratulieren konnte. Erst war sie fest entschlossen, alle unsere hübschen Pläne zu zerstören: ihre Tochter in ein Kloster zu stecken. Davon brachte ich sie nun glücklich ab, indem ich ihr riet, nur damit zu drohen für den Fall, daß Danceny seine Geschichten fortsetzen würde, womit ich das Liebespaar zu einer Vorsicht zwinge, die mir für den Erfolg nötig scheint.

Von der Mutter ging ich zur Tochter. Sie glauben nicht, wie gut ihr der Schmerz steht! Wenn sie sich einmal auf die Koketterie verstehen wird, weint sie sicher öfter. Diesmal weinte sie aber noch ganz gewöhnlich ehrlich. Erst war ich von dieser mir ganz neuen Sache so frappiert, daß ich sie mit nicht geringem Vergnügen genoß und nur so ganz dürftig tröstete, was ihren Schmerz eher vermehrte als erleichterte; und damit brachte ich sie an den kritischen Punkt: Sie weinte nicht mehr, und ich fürchtete schon einen Augenblick das Schlimmste. Ich riet ihr sich schlafen zu legen, was sie auch tat. Ich war ihre Kammerfrau, und bald fiel ihr das Haar offen über die Schultern und die entblößte Brust. Ich küßte sie, nahm sie in die Arme und sie ließ mich gewähren; und nun kamen ihre Tränen wieder, leise, zwanglos. Gott, wie war sie schön! War Magdalena so, dann war sie als Büßerin gefährlicher denn als Sünderin.

Als die schöne Untröstliche im Bette lag, tröstete ich sie mit wirklichem Trost. Ich beruhigte sie erst einmal über ihre Furcht vor dem Kloster. Ich gab ihr die Hoffnung, Danceny im Geheimen wiedersehen zu können. Ich setzte mich zu ihr auf's Bett und sagte: »Nicht wahr, wenn er jetzt hier wäre«; ich blieb bei Danceny, ich führte sie von einem zum andern in der Lust vorgenossener Freuden, bis sie gar nicht mehr daran dachte, daß sie traurig war. Wir hätten uns sehr zufrieden miteinander getrennt, wäre sie mir nicht mit einem Briefe an Danceny gekommen, den ich bestellen sollte, worauf ich nicht einging. Die Gründe werden Sie mir billigen, lieber Vicomte.

Erst der, daß es mich vor Danceny kompromittieren könnte. Und wenn das der einzige Grund der Kleinen gegenüber war, so gibt es noch andere mehr, die mich und Sie angehen.

Wäre die Mühe meiner Arbeit nicht verscherzt, wenn wir dem Paar ein so leichtes Mittel gäben, sich ihre Schmerzen zu mindern? Dann täte es mir gar nicht leid, wenn auch einige Dienstboten in diese Liebesgeschichte eingeweiht werden müßten; denn benimmt sich, wie ich hoffe, die Kleine nach unserem Wunsch, so muß die Geschichte gleich nach der Hochzeit herauskommen, und dafür sind die Dienstboten das beste Mittel. Und halten die, was ein Wunder wäre, den Mund, so sagten wir es eben und könnten es bequem auf die Dienstboten schieben.

Darauf müssen Sie heute Danceny bringen. Da ich der Kammerfrau der kleinen Volanges nicht ganz sicher bin – sie selbst scheint ihr nicht zu trauen – raten Sie ihm die meinige, meine durchaus treue Viktoria. Ich werde schon dafür sorgen, daß die Sache geht. Dieses Arrangement gefällt mir um so mehr, als es nur uns nützen wird und ihnen gar nicht. Aber ich bin mit meinem Bericht noch nicht zu Ende.

Während ich also gegen die Überbringung des Briefes der Kleinen protestiere, fürchtete ich immer, sie müsse darauf kommen, daß ich ihn der Post übergebe, was ich ihr nicht hätte abschlagen können. Glücklicherweise sprach sie nicht davon, vielleicht weil sie es nicht wußte, oder weil sie weniger an den Brief als an die Antwort darauf dachte, die sie durch die Post doch nicht hätte haben können; und um zu vermeiden, daß ihr diese Idee doch noch käme, machte ich sofort meine Pläne. Ich überredete die Mama, ihre Tochter für einige Zeit aufs Land zu schicken – raten Sie wohin? Und schlägt Ihnen nicht das Herz vor Freude? Zu Ihrer Tante! Zur alten Rosemonde! Was für Sie so viel bedeutet, als daß Sie zu Ihrer frommen Dame zurückkehren können, die Ihnen nun nicht mehr mit dem Skandal, den das Zusammensein zu zweien mache, kommen kann. So wird durch mich Frau von Volanges das Unrecht wieder gutmachen, das sie an Ihnen begangen hat.

Aber passen Sie auf und beschäftigen Sie sich nicht gar zu sehr mit Ihren eigenen Angelegenheiten, daß Sie diese andere darüber versäumen. Ich will also, daß Sie die Korrespondenz der jungen Leute vermitteln. Machen Sie Danceny Mitteilung von Ihrer Reise und bieten Sie ihm Ihre Dienste an. Finden Sie – angeblich – nur darin eine Schwierigkeit, den ersten Brief, das Beglaubigungsschreiben, in die Hände der Kleinen zu bringen, und heben Sie diese Schwierigkeit damit, daß Sie ihm meine Kammerfrau empfehlen. Zweifellos wird er's annehmen, und als Lohn für Ihre Mühe werden Sie das Vertrauen eines naiven unschuldigen Kindes genießen, was immer interessant ist. Die arme Kleine! Wie wird sie rot werden, wenn sie Ihnen den ersten Brief übergibt! Diese Rolle des Vertrauten ist zu Unrecht zu einer dummen Rolle gemacht worden – ich finde, sie ist eine angenehme Entlastung, wenn man anderweitig stark beschäftigt ist – und das werden Sie ja sein!

Bei Ihnen steht nun die ganze Entwicklung dieser Sache. Sie haben alle Fäden in der Hand. Das Leben auf dem Lande gibt ja tausend Gelegenheiten, und Danceny kommt auf das erste Zeichen von Ihnen. Eine Nacht, eine Verkleidung, ein Fenster – was weiß ich? Wenn aber das kleine Mädchen so zurückkommt wie sie jetzt fortgeht, dann halte ich mich an Sie. Wenn Sie glauben, daß sie von meiner Seite irgendwelches Encouragement braucht, so schreiben Sie es mir. Ich glaube, ich gab ihr eine genügende Lektion über die Gefahr aufbewahrter Briefe, daß ich es jetzt wohl wagen kann, ihr zu schreiben – und ich will doch meine Schülerin aus ihr machen!

Vielleicht vergaß ich noch Ihnen zu sagen, daß sie zuerst Ihre Kammerjungfer wegen der Briefsache im Verdacht hatte, – ich habe ihn auf ihren Beichtvater gelenkt. So trifft man zwei Fliegen mit einem Schlag.

Adieu Vicomte! Jetzt habe ich Ihnen einen langen Brief geschrieben und habe darüber mein Diner verspätet. Aber Eitelkeit und Freundschaft, die ihn diktierten, sind schwatzhaft.

Jetzt beklagen Sie sich über mich, wenn Sie sich trauen; und gehen Sie, wenn Sie jetzt noch Lust haben, in das Revier des Grafen B**, das er, wie Sie sagen, dem Vergnügen seiner Freunde reserviert. Ist denn dieser Mann jedermanns Freund? Aber Adieu, ich bin hungrig.

Paris, den 9. September 17..

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